Volkskrankheit Vorhofflimmern: Expertengruppe veröffentlicht Empfehlungen zum Screening nach einem Schlaganfall

Immer mehr Menschen leiden an der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern. Die
Betroffenen haben ein erhöhtes Schlaganfallrisiko und benötigen daher in
der Regel eine gerinnungshemmende Therapie. Viele Patienten bleiben aber
unbehandelt, weil die in Frühstadien oft asymptomatische Rhythmusstörung
nicht diagnostiziert wird. Experten raten deshalb zu einer gezielten Suche
(Screening) nach Vorhofflimmern bei Risikogruppen, wie Patienten nach
einem ischämischen Schlaganfall. Ein internationales Expertengremium hat
nun Empfehlungen für das Vorhofflimmer-Screening bei Schlaganfallpatienten
veröffentlicht [1]. Zu den Hauptautoren gehören Wissenschaftler aus dem
Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung, die insbesondere bei
älteren Menschen auftritt. Im Herzvorhof können sich durch Vorhofflimmern
Blutgerinnsel bilden. Gelangen diese Gerinnsel mit dem Blutstrom in das
Gehirn, können sie durch einen Gefäßverschluss einen Schlaganfall
verursachen.
Häufig wird Vorhofflimmern allerdings erst festgestellt, nachdem der
Patient einen Schlaganfall erlitten hat. Die Rhythmusstörung macht sich
nämlich nicht immer durch typische Symptome wie Herzrasen und Herzstolpern
bemerkbar, sondern bleibt bei vielen Menschen zunächst unentdeckt, zumal
Vorhofflimmern insbesondere in der Frühphase nur episodisch auftritt und
nur dann sicher mit dem EKG nachgewiesen werden kann.
Anhand von Studien ist davon auszugehen, dass Vorhofflimmern das
individuelle Schlaganfallrisiko im Mittel 4- bis 5-fach erhöht und
verantwortlich ist für rund ein Viertel aller ischämischen Schlaganfälle.
Das relative Risiko eines erstmaligen oder erneuten ischämischen
Schlaganfalls lässt sich bei bekanntem Vorhofflimmern durch eine
gerinnungshemmende Therapie, die so genannte orale Antikoagulation, um
etwa zwei Drittel senken. Nach Vorhofflimmern kann man mittels EKG
Monitoring gezielt suchen. Gemäß aktueller Leitlinien wird ein solches
Monitoring bei Menschen empfohlen, die mindestens 65 Jahre alt sind oder
einen akuten ischämischen Schlaganfall (Hirninfarkt) erlitten haben.
Ein auffallend erhöhtes Schlaganfallrisiko haben Patienten, die bereits
einen ischämischen Schlaganfall oder eine sogenannte transitorische
ischämische Attacke (TIA, vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns)
erlitten haben. Bei einem relevanten Anteil aller akuten
Schlaganfallpatienten wird Vorhofflimmern im Zuge der Diagnose erstmals im
EKG nachgewiesen. Experten gehen davon aus, dass ein nachgewiesenes
Vorhofflimmern unabhängig von dessen Dauer ein erhöhtes Risiko für einen
wiederkehrenden Schlaganfall birgt und gemäß den Empfehlungen der
Leitlinien behandelt werden sollte.
Bereits seit 2015 arbeiten im AF-SCREEN Konsortium Wissenschaftler aus
aller Welt zusammen, um die Prävention von Vorhofflimmer-bedingten
Schlaganfällen zu verbessern. Nach einer im Jahr 2017 im Fachblatt
Circulation erschienenen Publikation zum aktuellen Wissenstand des
Schlaganfallrisikos bei Vorhofflimmern und zur Effektivität des EKG-
Monitorings [2], haben 47 Vorhofflimmer-Experten aus 17 Ländern nun
konkrete Empfehlungen zur Suche nach Vorhofflimmern bei Patienten mit
einem Schlaganfall erarbeitet [1]. Hauptautoren des ebenfalls in
Circulation veröffentlichten Konsensuspapiers sind die beiden AFNET
Wissenschaftler Prof. Renate Schnabel, Hamburg und Prof. Karl Georg
Häusler, Würzburg, sowie Prof. Ben Freedman, Sydney, Australien, und Prof.
Jeff Healey, Ontario, Kanada.
Die Kardiologin Prof. Schnabel erläutert: „Mit einer gezielten Suche nach
Vorhofflimmern mittels EKG könnten wir Patienten, die bereits einen
Schlaganfall erlitten haben ein bis dahin unbekanntes Vorhofflimmern neu
diagnostizieren.“ Der Neurologe Prof. Häusler fügt hinzu: „Auch wenn ein
erstmals nachgewiesenes Vorhofflimmern nicht immer als ursächlich für den
erlittenen Schlaganfall angesehen werden kann und bei bestimmten Patienten
vielleicht sogar durch den Schlaganfall verursacht worden ist, ist der
Nachweis von Vorhofflimmern für die medikamentöse Behandlung relevant, die
weitere Schlaganfälle bestmöglich verhindern soll.“
Gemäß den Empfehlungen des AF-Screen Konsortiums sollte bei allen
Patienten ohne bisher bekanntes Vorhofflimmern nach einem akuten
ischämischen Schlaganfall oder einer TIA für 72 Stunden ein EKG-Monitoring
erfolgen. Anschließend soll anhand des bestehenden Risikoprofils und der
vorliegenden EKG-Befunde über ein verlängertes EKG-Monitoring entschieden
werden. Dessen Erfolgsaussichten können durch eine Standardisierung der
Messung und der Auswertung verbessert werden.
Die Autoren zeigen in ihrer aktuellen Publikation Wissenslücken und
weiteren Forschungsbedarf auf. So ist beispielsweise nicht geklärt, welche
Therapie Patienten benötigen, bei denen bisher kein Vorhofflimmern
festgestellt wurde, aber mittels kardialer Bildgebung eine strukturelle
Veränderung im linken Vorhof, die sogenannte atriale Myopathie,
nachgewiesen wurde, die Folge und Ursache des Vorhofflimmerns sein kann.
Zudem ist nicht abschließend geklärt, ob die Dauer einer
Vorhofflimmerepisode mit dem Risiko für einen erneuten Schlaganfall
korreliert.
Referenzen
[1] Schnabel R, Haeusler KG, Healey J, Freedman B et al for the AF-SCREEN
International Collaboration authors group. Searching for Atrial
Fibrillation Post-Stroke: A White Paper of the AF-SCREEN International
Collaboration. Circulation. 2019; 140.
doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.119.040
[2] Freedman B et al. Screening for Atrial Fibrillation – A Report of the
AF-SCREEN International Collaboration. Circulation. 2017; 135: 1851-1867.
doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.116.026
Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) ist ein interdisziplinäres
Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler und Ärzte aus Kliniken und Praxen
deutschlandweit zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, die
Behandlung und Versorgung von Patienten mit Vorhofflimmern in Deutschland,
Europa und den USA durch koordinierte Forschung zu verbessern. Dazu führt
das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. wissenschaftsinitiierte klinische
Studien und Register auf nationaler und internationaler Ebene durch. Der
Verein ist aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
geförderten Kompetenznetz Vorhofflimmern hervorgegangen. Seit Januar 2015
werden einzelne Projekte und Infrastrukturen des AFNET vom Deutschen
Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) gefördert.
Adresse
Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Mendelstraße 11
48149 Münster
Tel: +49 251 980 1330
info@kompetenznetz-vorhofflimm
