Nach Intensiv- und Notfallmedizin-Kongress: Wir müssen uns noch mehr mit der Gesundheit im globalen Sinne beschäftigen

Die Resonanz kann sich wirklich sehen lassen: Rund 5.600 Teilnehmerinnen
und Teilnehmer sind vom 4. bis 6. Dezember zum 19. Jahreskongress der
Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin
(DIVI) nach Hamburg gekommen. Die wichtigste Veranstaltung für die
Intensiv- und Notfallmedizin in Deutschland stand dieses Jahres unter dem
Motto „Kooperation führt zu Entwicklung“. Und das wurde für drei Tage im
besten Sinne gelebt: Menschen aus 43 Nationen und mit unterschiedlichem
fachlichem Hintergrund tauschten sich intensiv miteinander aus, arbeiteten
zusammen und entwickelten neue Ideen und Strukturen.
Am Abschlusstag sprach DIVI-Kongresspräsident Professor Bernd W. Böttiger
über seine Eindrücke und Erkenntnisse daraus für zukünftige Kongresse.
Herr Professor Böttiger, beschreiben Sie den Kongress doch mal in drei
Worten.
Drei Worte sind hier nicht einfach. Das war ein ziemlich guter Kongress –
und gut organisiert. Wir haben hier einen großartigen Kongress erlebt. Ich
habe nur zufriedene Menschen getroffen und bin selbst auch hochzufrieden.
Ich bedanke mich bei allen, die dazu beigetragen haben. Und in drei
Worten: exzellent, großartig, hochzufrieden!
Was hat Sie nach drei Kongresstagen hier in Hamburg am meisten
beeindruckt?
Am meisten beeindruckt hat mich die Atmosphäre, die wirklich nur positiv
war. Und das haben vor allem auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
ausgestrahlt. Wir sind interprofessionell, wir sind interdisziplinär, wir
sind einzigartig. Das ist nicht nur so gesagt, denn solch eine
Organisation wie die DIVI gibt es nur einmal. Ich werde immer wieder
bereichert. Und zwar nicht nur, wenn ich mit Fachkolleginnen und -kollegen
spreche, sondern auch mit vielen anderen Menschen, die ich hier treffe.
Das macht den Charme, das Niveau und eben die Einzigartigkeit der DIVI und
des DIVI-Kongresses aus. Mindestens im deutschsprachigen Raum,
wahrscheinlich sogar europa- und weltweit.
Sie sagten in Ihrer Begrüßungsrede, der DIVI-Kongress gehöre nach Hamburg.
Warum ist der Standort so wichtig?
Was ich in besonderer Weise charmant finde: Hamburg ist nicht nur eine
offene Weltstadt, pures Leben sowie voller Energie und Intellekt. Es ist
auch vor Ort alles sehr praktisch organisiert. Man kann von der Stadt zum
Kongress laufen – und umgekehrt. Oder zum Hotel. Unser Kongress ist in der
Stadt. Zudem hält der ICE direkt vor der Tür. Das ist einfach genial. So
muss es sein. Das ist auch gut für einen geringeren CO2-Ausstoß.
Aus welchen Regionen kamen die Teilnehmer nach Hamburg?
Das lässt sich nicht auf wenige Regionen reduzieren. Wir hatten hier
Menschen aus 43 Nationen beim Kongress, wir werden immer internationaler.
Im deutschsprachigen Raum sind wir der wichtigste Kongress für die
Intensiv- und Notfallmedizin. Das höre ich von allen Menschen, mit denen
ich mich hier unterhalte. Die sind alle völlig begeistert. Ich glaube, wir
haben auch einen relativ ausgeglichenen Geschlechteranteil: Wir haben
viele Referentinnen und weibliche Vorsitzende. Das kann man in den
nächsten Jahren sicher noch weiterentwickeln.
Sie sagten zu Kongressbeginn ebenso, die DIVI sei auch Politik. Wie meinen
Sie das?
Ich meine damit, dass Medizin – so wie ich sie verstehe – nicht nur darauf
ausgerichtet sein darf, individuell Menschen zu heilen und das Leben aller
angenehmer zu machen. Gesundheit ist viel größer und globaler: Gesundheit
heißt auch, dass wir auf uns selbst achten müssen und auf andere in den
Gesundheitsberufen – Stichwort Resilienz. Achtsamkeit und Wertschätzung
sind sehr wichtige Begriffe. Und das müssen wir auch unserer Welt und
Umwelt an sich entgegenbringen, denn wir haben nur eine. Wir leben in
Systemen, die in den vergangenen Jahrzehnten nicht so viel Wert darauf
gelegt haben. Das muss sich dringend ändern. Eckart von Hirschhausen hat
darauf ja auch in seiner Festrede besonders hingewiesen. Wenn wir nichts
ändern, dann wird es diese Welt in dieser Form bald nicht mehr geben. Und
dann haben wir erst recht ein Gesundheitsproblem, auch in unseren
Krankenhäusern und mit unseren Patientinnen und Patienten. Da sind wir
natürlich als Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Notfallsanitäter
besonders gefordert. Wir müssen uns auch medizinisch um unsere Welt
kümmern. Das scheint ein Notfall zu sein.
Welchen Eindruck haben Sie vom Auftritt des Bundesgesundheitsministers?
Ich fand Jens Spahn sehr klar. Nicht in jedem Punkt bin ich seiner
Meinung. Und natürlich muss er auch erst einmal anfangen, die Sachen in
die richtige Richtung zu entwickeln. Da ist in den letzten Jahren auch
vieles nicht so gut, sinnvoll und effektiv gewesen, darunter leiden wir
jetzt. Ich habe deswegen Verständnis, wenn Spahn sagt, dass er es nicht
von heute auf morgen verbessern kann. Und ich habe den Eindruck, dass er
es anpackt. Er hat bei mir durch seinen Auftritt sehr gewonnen, mein Bild
von ihm ist deutlich positiver geworden.
Welche dringenden Themen der Intensiv- und Notfallmedizin konnten Sie ihm
wiederum mit auf den Weg geben?
Es ist aus unserer Sicht ein guter Impuls, dass die Pflege bei der
Finanzierung aus dem DRG-System rausgeht. Ob es aber eine gute Idee ist,
Pflegende aus der ganzen Welt zu holen, weiß ich nicht. Vielleicht muss
man insbesondere auch daran denken, wie man die Menschen hier wieder mehr
motivieren kann und den Beruf attraktiver macht. Auch das haben wir ihm
mit auf den Weg gegeben. Das hat auch die Diskussionsrunde mit dem
Minister nochmal klar herausgestellt. Und es muss auch darüber nachgedacht
werden, inwieweit wir an einigen Stellen nicht zu viel an Medizin machen –
zu viele Krankenhäuser, zu viele Operationen zum Beispiel. Wir müssen auch
die Gesundheitskompetenz stärken. Und ich wünsche mir von Jens Spahn auch,
dass er sich für die verpflichtende bundesweite Schülerausbildung in
Wiederbelebung einsetzt.
Diese Schülerausbildung im Rahmen der Aktion „KIDS SAVE LIVES“ fand schon
vor dem offiziellen Kongressbeginn statt. Wie haben die Hamburger Schüler
das angenommen?
Insgesamt 240 Schülerinnen und Schüler haben sich an unserer Aktion
beteiligt. Natürlich waren auch deren Lehrerinnen und Lehrer dabei und
auch viele Hamburger Organisationen, die sich diesem Thema widmen. Die
waren alle total begeistert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben auch
eine Hausaufgabe bekommen: Sie müssen in den nächsten zwei Wochen an ihren
kleinen Trainingspuppen jeweils zehn weitere Menschen in der
Wiederbelebung trainieren – sie sind für uns also auch Multiplikatoren.
Das macht wirklich sehr viel Freude, sowohl den Teilnehmenden als auch
denen, die das weiter in die Welt tragen.
Welches Gefühl nehmen Sie für sich persönlich mit nach Hause?
Ich glaube, dass wir hier einen Kongress auf höchstem wissenschaftlichen
und auch interdisziplinären sowie interprofessionellen Niveau hatten. Er
ist geprägt von großer gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und
Aufmerksamkeit. Das spürt man in jedem Moment, wo man hier durch die Flure
läuft oder an einer der zahlreichen Sitzungen teilnimmt. Das ist ein ganz
wichtiger Impuls für die Zukunft und für den Umgang miteinander: Die DIVI
ist Medizin, die DIVI ist Politik und die DIVI wirkt eben auch in die
Zukunft.
Und welche Take-Home-Message haben Sie für die Teilnehmer?
Sicherlich ist vielen Teilnehmern klar geworden, dass wir in Zukunft nicht
nur einen Schwerpunkt auf die finanziellen Belange in unseren Kliniken
legen können. Darüber wurde viel diskutiert – und das werden wir auch
weiterhin. Wir müssen – neben einer Patientenversorgung auf höchstem
Niveau – einen weiteren Schwerpunkt in Richtung uns selbst legen, damit
wir uns richtig wohlfühlen in den Systemen, in denen wir jeden Tag
arbeiten. Wir müssen uns auch um uns selbst kümmern, dafür braucht es die
entsprechenden organisatorischen und politischen Rahmenbedingungen. Meine
Message an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Nutzen Sie die neuen
Erkenntnisse nach dem Kongress und sorgen Sie mit uns dafür, dass wir
unser Gesundheitssystem und Arbeitsumfeld auf allen Ebenen gemeinsam
weiterentwickeln! Dafür werden Entwicklungen und Veränderungen notwendig
sein. Ich glaube, dass wir mit dem Kongress und unseren Aktivitäten der
vergangenen Monate schon einiges dazu beigetragen haben. Daran müssen wir
aktiv anknüpfen.
Gibt es nach dem DIVI-Kongress 2019 weitere Erkenntnisse für die Zukunft
der Intensiv- und Notfallmedizin?
Mein Gefühl nach vielen Gesprächen und zahlreichen Feedbacks ist: Es ist
toll, wenn wir uns beim Kongress weiter mit Wissenschaft, Medizin und
fachlichem Personal beschäftigen. Wir müssen uns aber noch sehr viel mehr
als jetzt mit dem Thema Gesundheit im globalen Sinne beschäftigen. Oder um
es mit Hirschhausen zu sagen: Was nutzt uns ein gesunder Patient auf einem
kranken Planeten? Der nämlich kann ganz schnell wieder zunichtemachen, was
wir erreicht haben. Gesundheit ist sehr viel breiter als nur Medizin. Wenn
wir beim nächsten Kongress auch diesbezüglich weitere Impulse setzen, dann
sind wir weiterhin sehr gut aufgestellt.
Schon jetzt vormerken: Der 20. DIVI-Kongress findet vom 2. bis 4. Dezember
2020 im CCH Hamburg statt.
