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Medikamentöse Blutdrucktherapie senkt Demenzrisiko bei Menschen mit Bluthochdruck

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Seit einigen Jahren ist ein Zusammenhang zwischen Demenz und Bluthochdruck
bekannt; Menschen, die chronisch zu hohe Blutdruckwerte haben, erkranken
offensichtlich häufiger an Demenz. Doch lässt sich dieses erhöhte Demenz-
Risiko umgekehrt auch durch eine medikamentöse Blutdrucktherapie senken?
Eine Metanalyse [1] kam zu dem Ergebnis, dass die erfolgreiche
medikamentöse Einstellung eines Bluthochdrucks das Demenzrisiko um 12% und
das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, um 16% senkt. DGN-Experten sehen
hier angesichts der hohen und weiter steigenden Prävalenz von dementiellen
Erkrankungen und bislang fehlender Therapieoptionen ein großes
Präventionspotenzial.

In Deutschland leben derzeit etwa 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz
erkrankt sind. Pro Jahr kommen schätzungsweise 244.000 Betroffene neu
hinzu. Die Demenz kann Ausdruck und Folge verschiedener Erkrankungen sein
wie der Alzheimer-Krankheit, der Lewy-Körperchen-Demenz oder Folge
gefäßbedingter Schädigungen im Gehirn (z.B. nach Schlaganfall, man spricht
dann von vaskulärer Demenz). Laut S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft
für Neurologie [2] sind etwa 50-70% der Demenzerkrankten der Alzheimer-
Demenz und ca. 15-25% der vaskulären Demenz zuzuordnen. Nachgewiesen ist,
dass die medikamentöse Blutdrucksenkung z.B. das Schlaganfall- und
Herzinfarktrisiko signifikant reduziert – doch hat sie auch einen Effekt
auf die Demenzrate? Und wenn ja, welche Substanzklasse von
Blutdrucksenkern – ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker,
Betablocker, Calciumkanalblocker oder Diuretika – ist diesbezüglich
besonders effektiv? Diesen Fragen ging eine Metaanalyse [1] nach, die in
der Januarausgabe von „Lancet Neurology“ publiziert wurde.

Die vorliegende Arbeit wertete sechs große Kohorten prospektiver
Beobachtungsstudien mit insgesamt knapp über 31.000 Menschen ohne
vorbestehende Demenzerkrankung im Alter von über 55 Jahren aus – und
stratifizierte sie in zwei Gruppen: Eine Gruppe umfasste
Studienteilnehmer, die zum Zeitpunkt des Studieneinschlusses normale
Blutdruckwerte (< 140/< 90 mm Hg) aufwiesen (n=15.553), die andere jene
mit erhöhten Blutdruckwerten (n=15.537). Der Anteil der Studienteilnehmer,
die eine medikamentöse blutdrucksenkende Therapie erhielten, variierte in
den sechs Studien, die in die Analyse eingegangen waren, und lag zwischen
32,5% und 62,1%.

Im Ergebnis erkrankten insgesamt 3.728 Studienteilnehmer während des
Beobachtungszeitraums neu an einer Demenz, bei 1.741 Patienten handelte es
sich um eine Alzheimer-Demenz. Verglich man die Erkrankungsrate von
Patienten mit Bluthochdruck, die medikamentöse Blutdrucksenker einnahmen,
mit denjenigen, die unbehandelt waren, zeigte sich nach Adjustierung der
Daten, dass die medikamentöse Bluthochdrucktherapie vor Demenz schützt:
Die Patienten, deren Bluthochdruckerkrankung behandelt wurde, hatten ein
um 12% signifikant geringeres Risiko, an Demenz (HR: 0,88; p=0,019) bzw.
ein um 16% niedrigeres Risiko an Alzheimer (HR: 0,84; p=0,021) zu
erkranken. Hatte es zuvor z.T. widersprüchliche Daten zur Rolle des
Bluthochdruckdrucks gegeben, zeigt diese Metaanalyse deutlich einen
positiven und klinisch relevanten Einfluss der Bluthochdruckkontrolle.

Prof. Richard Dodel, DGN-Experte für dementielle Erkrankungen, sieht hier
ein großes Potenzial für die Prävention: „Bluthochdruck ist ein immenses
Gesundheitsproblem in unserer Bevölkerung. Im Alter von über 60 ist fast
jeder Zweite davon betroffen und viele Patienten sind unbehandelt oder
unzureichend eingestellt. Wir wissen nun, dass diese Menschen durch die
medikamentöse Blutdrucksenkung nicht nur ihr Risiko für kardiovaskuläre
Erkrankungen verringern können, sondern auch das Risiko, später an Demenz
zu erkranken. Dieses Präventionspotenzial sollte unbedingt ausgeschöpft
werden, letztlich auch, weil wir bis heute keine krankheitsmodifizierende
Therapie gegen Demenz haben und die Zahl der Erkrankten weiter steigt.“

Die Auswertung zeigte außerdem, dass es nicht entscheidend war, mit
welcher Substanzklasse die Patienten behandelt worden waren, keine der
fünf verschiedenen Substanzklassen erwies sich hinsichtlich der
Risikoreduktion gegenüber den anderen als überlegen. „Es ist also nicht
so, dass eine bestimmte Klasse von Blutdrucksenkern einen ‚Anti-Demenz-
Effekt‘ hätte, sondern, dass eine erfolgreiche Blutdrucksenkung in den
Zielwertbereich unter 140/90 mm Hg zur Reduktion des Demenzrisikos führt“,
so der Experte weiter. Dementsprechend zeigte sich auch bei den
Studienteilnehmern mit normalen Blutdruckwerten, die – aus welchen Gründen
auch immer – Blutdrucksenker eingenommen hatten, im Hinblick auf die
Demenzrate kein Effekt.

„Wir Neurologen können gar nicht oft genug daran appellieren, dass
Menschen mit Bluthochdruck konsequent behandelt werden und die
Blutdrucksenker wie verschrieben regelmäßig einnehmen. Damit schützen sie
sich gleich vor zwei neurologischen ‚Volkskrankheiten‘: Schlaganfall und
Demenz“, erklärt Professor Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen,
Pressesprecher der DGN, abschließend.

[1] Ding J, Davies-Plourde KL, Sedaghat S et al. Antihypertensive
medications and risk for incident dementia and Alzheimer´s disease: a
meta-analysis of individual participant data from prospective cohort
studies. Lancet Neurology 2020; 19: 61-70.
doi: 10.1016/S1474-4422(19)30393-X
[2] S3-Leitlinie „Demenzen“ (Langversion–Januar 2016), abrufbar unter
https://www.dgn.org/leitlinien/3176-leitlinie-diagnose-und-therapie-von-
demenzen-2016