Gegen das Zittern: Parkinson- und essentiellen Tremor mit Ultraschall behandeln – ganz ohne Operation
DEGUM fordert Kostenübernahme des Verfahrens durch die Krankenkassen
Einen Tee einschenken oder Haare kämmen – wenn die Hände unkontrollierbar
zittern, werden einfachste Aufgaben zur Herausforderung. Patienten mit
solchen Symptomen leiden oft an einem essentiellen oder an einem
Parkinson-Tremor, chronisch fortschreitenden Bewegungsstörungen mit
unwillkürlichem Zittern. Die Standardtherapie mit Medikamenten ist nur
selten ausreichend und mit erheblichen Nebenwirkungen behaftet.
Bei der operativen Therapie, der sogenannten „Tiefen Hirnstimulation“
(THS), werden Elektroden in der Tiefe des Gehirns platziert, was mit einer
Eröffnung des Schädels einher geht. Eine neue Therapie, bei der die tief
im Gehirn liegenden Störherde mittels Magnetresonanztomografie-geste
fokussiertem Ultraschall (MRgFUS) ausgeschaltet werden, kann die
Beschwerden auch ohne offene Chirurgie deutlich lindern. Eine aktuelle
Studie, in der Zeitschrift „Neurology“- erschienen, belegt, dass das
Zittern bei den Teilnehmern auch drei Jahre nach dem Eingriff noch
deutlich verbessert war. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der
Medizin (DEGUM) empfiehlt den Einsatz der neuen Methode, da sie schonend
und präzise angewandt werden kann.
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Ein Tremor tritt am häufigsten an Händen oder Armen auf, aber auch der
Rumpf oder der Kopf können betroffen sein. „Die Bewegungsstörung entsteht
im Groß- und Zwischenhirn in Bereichen, die an der Bewegungssteuerung
beteiligt sind“, sagt DEGUM-Experte Professor Dr. Ullrich Wüllner, Leiter
der Sektion Bewegungsstörungen an der Klinik für Neurologie des
Universitätsklinikums Bonn. Die Aktivität dieser Hirnareale ist zwar
prinzipiell über Medikamente beeinflussbar, die Mittel wirken jedoch
längst nicht bei jedem Patienten. Die operative Therapie war bislang ein
stereotaktischer Eingriff, bei dem die betreffenden Hirnareale mithilfe
fest implantierter Elektroden und elektrischen Impulsen aus einem
Batterie-Aggregat – ähnlich einem Herzschrittmacher - moduliert werden.
Bei diesem als tiefe Hirnstimulation bezeichneten Verfahren muss jedoch
der Schädel des Patienten geöffnet werden, dadurch entsteht die Gefahr von
Hirnblutungen oder Infektionen.
Eine schonendere Alternative bietet der Magnetresonanztomografie-
gesteuertem fokussiertem Ultraschall (MRgFUS): „Das neuartige Verfahren
funktioniert ohne operativen Eingriff. Es legt von außen gezielt nur
diejenigen Hirnareale lahm, die für das Zittern verantwortlich sind“,
erläutert Wüllner. „Die Ultraschallwellen werden genau auf den Zielpunkt
gesendet und dort wie bei einem Brennglas gebündelt.“ Eine MRT-gesteuerte
Neuronavigation stellt dabei sicher, dass nur der gewünschte Bereich im
Gehirn inaktiviert wird. Zudem erfassen die behandelnden Ärzte bereits
während der Behandlung die optimale Tremorkontrolle.
Die aktuelle Studie aus der angesehenen Zeitschrift „Neurology“ bestätigt
die Langzeitwirkung des Verfahrens. Forscher um Dr. Casey H. Halpern von
der Stanford-Universität haben das moderne Ultraschallverfahren bei 76
Patienten mit therapieresistentem essentiellem Tremor angewendet. Selbst
drei Jahre nach der Behandlung war das Zittern bei der Hälfte der
Studienteilnehmer noch deutlich verbessert. Auch Behinderungen und die
Lebensqualität, die durch die chronische Bewegungsstörung vor dem Eingriff
stark eingeschränkt war, hatten sich bei vielen Patienten noch gebessert
(56 und 42 Prozent). Da der Eingriff – trotz des schonenden Verfahrens –
eine umschriebene, dauerhafte Schädigung im Gehirngewebe hinterlässt,
können als Nebenwirkungen Gefühls-, Gangs- und Gleichgewichtsstörungen
auftreten. Im Vergleich zu den Nebenwirkungen eines operativen Eingriffs
sind diese jedoch eher gering.
DEGUM-Experte Wüllner macht selbst positive Erfahrungen mit dem
fokussierten Ultraschallverfahren: Seit eineinhalb Jahren führt er dieses
in seiner Bonner Neurologie-Abteilung durch – und konnte damit bereits 35
Patienten erfolgreich behandeln. „Bei Parkinson-Patienten, deren Tremor
medikamentös nicht in den Griff zu bekommen war, zeigt die Therapie sehr
gute, anhaltende Erfolge“, sagt der Neurologe. Bei Patienten mit
essentiellem Tremor tritt der Tremor bei etwa 30 Prozent der Patienten im
Verlauf abgeschwächt wieder auf. Dieser Langzeitverlauf wird auch in Bonn
im Rahmen einer Beobachtungsstudie am Deutschen Zentrum für
neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) genau studiert. Aufgrund der guten
Erfahrungswerte, die nun erstmals auch langfristig nachgewiesen werden
konnten, fordert die DEGUM eine Aufnahme der modernen Ultraschalltherapie
in den Katalog der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kosten dafür werden von
diesen derzeit noch nicht regelhaft übernommen.
