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Kinderherzchirurgie steht vor großen Herausforderungen

Prof. Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG)
Prof. Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG)
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Prof. Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG)
Prof. Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG)

Prof. Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG) und Direktor der Abteilung
Kinderherzchirurgie am Universitätsklinikum Bonn, zu den Herausforderungen
der Kinderherzchirurgie.

Es hört sich an wie ein Paradox. Während auf der einen Seite die
herzchirurgische Versorgung der kleinen herzkranken Patienten weiterhin
auf einem hervorragendem medizinischen Niveau ist, müssen sich auf der
anderen Seite die Herzchirurgen mit dem Nachwuchs- sowie
Pflegefachkräftemangel und der Verfügbarkeit kindgerechter Medizinprodukte
auseinandersetzen. Auch wenn sich das Fachgebiet der Kinderkardiologie und
die Kinderherzchirurgie in den letzten 65 Jahren rasant und zum Wohle der
kleinen Patienten entwickelt hat, bleibt viel zu tun. So sieht es Prof.
Dr. Boulos Asfour, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG) und Direktor der Abteilung
Kinderherzchirurgie am Universitätsklinikum Bonn.

Weltweit kommen angeborene Herzfehler mit etwa 0,7% bei allen Neugeborenen
vor. Die Ursachen differieren – neben genetischen Defekten können die
embryonale und die fetale Entwicklung für die Entstehung verantwortlich
sein. Aufgrund der großen Vielfalt werden angeborenen Herzfehler in ca. 26
Hauptdiagnosegruppen unterschieden. Rund 12 Prozent aller Herzfehler sind
schwerwiegend; etwa 26 Prozent werden als mittelschwer eingestuft. Die
Kinderherzmedizin hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte
gemacht. In den 1950iger und 1960iger Jahren verstarben noch ein Viertel
der Patienten bereits im Säuglingsalter. Heutzutage erreichen mehr als 90
Prozent der Patienten das Erwachsenenalter als sogenannte EMAH (Erwachsene
mit angeborenem Herzfehler). Obwohl die Entwicklung erfreulich ist, gibt
es auch weiterhin besondere Herausforderungen.

Fachkräftemangel führt zu Terminverschiebungen und Wartelisten

Kinderherzchirurg Prof. Boulos Asfour sieht in dem akuten
Pflegefachkräftemangel eine bedauerliche Realität. „Es mangelt an
qualifizierten Pflegekräften“, so Asfour. „Regelmäßig müssen wir
beispielweise Operationen absagen oder verschieben, so dass sich lange
Wartelisten bilden. Einerseits verfügen wir über die notwendige Hightech-
Medizin, können andererseits jedoch unsere Patienten wegen
Personalengpässen nicht kontinuierlich versorgen. Das gilt in allen
Bereichen, aber vorrangig haben wir zu wenig Kinder-
Intensivpflegekapazität.“

Reform der Arbeitsbedingungen nötig für Nachwuchsgewinn

Die Gründe für den Pflegekräftemangel bezeichnet Prof. Asfour als
vielschichtig. „Der Dienst ist körperlich anstrengend und herausfordernd.
Oft wird über die eigenen Grenzen hinaus gearbeitet. Auch die psychische
Belastung ist nicht zu unterschätzen. Zudem ist die monetäre Wertschätzung
der Pflegekräfte nicht angemessen. Es braucht hier dringend Reformen,
damit die Berufe wieder an Attraktivität gewinnen. Menschen in diesen
Berufen arbeiten mit Herzblut. Die bestmögliche Versorgung unserer Herz-
Kinder steht immer im Vordergrund“, erklärt der Kinderherzchirurg.

Qualitätsmanagement ist oberste Prämisse

In Deutschland werden herzkranke Patienten interdisziplinär und
berufsgruppenübergreifend in entsprechenden Zentren behandelt. Bundesweit
gibt es aktuell 360 Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, von denen 67
Kinderkliniken kinderkardiologische Kompetenz aufweisen. Insgesamt
arbeiten rund 166 Ärztinnen und Ärzte in aktuell 115 kinderkardiologischen
Schwerpunktpraxen. Die Versorgung ist also bundesweit sehr gut und auf
stabilem Niveau. In einem gemeinsamen Konsensuspapier haben Herzchirurgen
(Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie) und
Kinderkardiologen (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und
Angeborene Herzfehler) die Grundvoraussetzungen herzchirurgischer
Einheiten zur Behandlung von Patienten mit angeborenen Herzfehlern
definiert. „Ein absolut wichtiger Schritt, um die geeignete, individuelle
Therapie und damit die bestmögliche Patientenversorgung zu gewährleisten“,
erklärt Asfour. Optimierungsbedarf sieht der Kinderherzchirurg bei den
EMAH. „Wir brauchen hier weitere qualifizierte Versorgungsstrukturen für
die Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler. Zurzeit haben wir bundesweit
ca. 200.000 Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler, die Dank der
herzmedizinischen Versorgung im Kindesalter das Erwachsenenalter erreichen
konnten. Wir sollten diesen Erfolg zum Anlass nehmen, uns gemeinschaftlich
für „die kleinen Herzen“ stark zu machen.“

Herz-Team Voraussetzung für erfolgreiche Patientenbetreuung

Das etablierte Herz-Team, im Kern bestehend aus Kinderherzchirurgen,
Kinderkardiologen, Intensivmedizinern und Anästhesisten, ist Voraussetzung
für die geeignete Therapiefindung und Versorgung. „Jeder bringt sein
Wissen zum Besten des Patienten ein. Zu jeder Zeit“, betont Asfour. „Jeder
ist Spezialist in seinem Fachgebiet. So bilden wir zum Wohle der Herz-
Kinder ein Kompetenz-Team, das auf Augenhöhe agiert. Unsere konsertierte
Meinung mündet dann in eine Therapieempfehlung, natürlich immer unter
Einbeziehung der Eltern.“

Innovative Operationsverfahren und Mangel an kindgerechten
Medizinprodukten

Neben dem medizinischen Fortschritt ist es vor allem die technische
Entwicklung, die auch schonende Operationsmethoden erlaubt. Moderne
Echokardiographiegeräte mit entsprechend ausgebildeten Ärzten machen viele
diagnostische Herzkatheteruntersuchungen heute überflüssig. „Die
bildgebenden Verfahren haben entscheidenden Anteil zur besseren Behandlung
der Patienten beigetragen“, so Asfour. „Moderne Hybrid-Operationssäle,
ausgestattet mit Angiografieanlagen und auch die Computer- und
Kernspintomographie entwickeln sich immer weiter. So innovativ die heutige
Medizintechnik ist, so groß ist der Mangel an Medizinprodukten, die für
die Behandlung von Kindern zugelassen sind. Es fehlt an Stents, Kathetern,
Drainagen und Biopsie-Zangen, aber auch die so wichtigen speziellen
Herzschrittmacher für Kinder rentieren sich nicht für die industrielle
Herstellung und den Vertrieb, so dass die Produktionseinstellung droht.
Neben dem technischen Equipment sieht Prof. Asfour auch einen hohen Bedarf
für Forschung und Innovation: „Wir brauchen dringend mehr
Forschungsförderung auf dem Gebiet der Kinderherzmedizin.“ Als Beispiel
nennt der Kinderherzchirurg mitwachsende Herzklappen, neue
Rekonstruktionstechniken und kindgerechte Herzunterstützungs-systeme. Hier
braucht es einen Schulterschluss von Gesundheitswesen, Politik und
Wirtschaft, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, damit die bereits
existierenden Versorgungslücken geschlossen werden können.

„Keine Operation ist wie die andere“, so Prof. Asfour. „Auch nach 30
Jahren in meinem Fachgebiet habe ich immer wieder Fälle, die ich so noch
nie gesehen habe, denn angeborene Herzfehler sind sehr komplex und
unterscheiden sich deutlich von den vorrangig erworbenen Herzkrankheiten
der Erwachsenen-Herzchirurgie.“ Es kommt insbesondere auch bei der
Behandlung der angeborenen Herzfehler auf den richtigen Zeitpunkt an,
meint der Herzchirurg. „Die Operation sollte nicht zu früh und nicht zu
spät erfolgen.