Gut für ältere Patienten: In Zukunft Teamwork von Unfallchirurgen und Altersmedizinern verpflichtend
Gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
(DGU) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
G-BA-Richtlinie zur Versorgung der hüftgelenknahen Femurfraktur
Ältere Patienten mit einer hüftgelenknahen Femurfraktur, auch
Oberschenkelhalsbruch genannt, sollen in Zukunft nur noch gemeinsam von
Orthopäden und Unfallchirurgen und Altersmedizinern versorgt werden. Das
besagt eine neue Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Die
Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und die Deutsche
Gesellschaft für Geriatrie (DGG) begrüßen diesen Beschluss dem Grunde
nach.
Denn die betagten Patienten benötigen nach einem Sturz nicht nur eine
fachgerechte unfallchirurgische Behandlung, sondern auch ihre
Multimorbidität und altersbedingte Gebrechlichkeit muss mitversorgt
werden. „Nur wenn wir Hand in Hand arbeiten, können wir die bisher
dramatische Sterblichkeit nach Oberschenkelhalsbruch bei betagten
Patienten stärker senken“, sind sich DGU-Präsident Prof. Dr. Michael J.
Raschke und DGG-Präsident Prof. Dr. Hans Jürgen Heppner einig. Allerdings
haben noch nicht alle Kliniken die nötigen Voraussetzungen und es mangelt
lokal derzeit noch an Altersmedizinern für eine flächendeckende Versorgung
für die Umsetzung der Richtlinie. Wie Fachärzte die erforderliche
Qualifikation erhalten können und welche Vorkehrungen für die Kliniken
erforderlich sind, darüber informieren Experten von DGU und DGG auf dem
Alterstraumatologie-Kongress. Er findet vom 19.-20. März 2020 in München
statt.
Den Beschluss über eine Richtlinie zur Versorgung der hüftgelenknahen
Femurfraktur traf der G-BA Ende Dezember 2019. Damit soll die Versorgung
älterer Menschen mit Knochenbrüchen nachhaltig verbessert werden. Denn
insbesondere bei älteren Patienten liegt die 30-Tage-Sterblichkeit nach
einer Hüftfraktur bei über 10 Prozent. Eine aktuelle und kürzlich im
Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie (Rapp et al. Dtsch Arztebl Int
2020; 117: 53-9) zeigt jedoch, dass sich bei der Zusammenarbeit von
Unfallchirurgen und Altersmedizinern in einem multiprofessionellen Team
die Sterblichkeit älterer Patienten nach einem Oberschenkelhalsbruch um
mehr als 20 Prozent senken lässt. „Der aktuelle Beschluss zeigt, dass DGU
und DGG mit dem Weißbuch Alterstraumatologie und den Alterstraumazentren
bereits den wichtigen Weg eingeschlagen haben“, sagt Professor Dr. Ulrich
Liener, Leiter der DGU-Arbeitsgemeinschaft Alterstraumatologie und Leiter
der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie Marienhospital Stuttgart.
Kern der Weißbuch-Empfehlungen ist die Zusammenarbeit von Unfallchirurgen
und Altersmedizinern in einem multiprofessionellen Team. Bereits 2014
haben die DGU und die DGG mit ihren Zertifizierungsinitiativen
AltersTraumaZentrum DGU® (ATZ-DGU) und Alterstraumatologisches Zentrum DGG
(atz-DGG) begonnen, die im Weißbuch Alterstraumatologie enthaltenen
Empfehlungen umzusetzen. „Damit erfüllen bereits jetzt schon über 100
Kliniken freiwillig die zukünftig verpflichtende Richtlinie“, betont
Liener.
Die Anforderungen des G-BA Beschlusses sind hoch, sie betreffen alle
behandelnden Krankenhäuser. „Aktuell fehlen für die Umsetzung in ganz
Deutschland mehr als 400 Geriater, sodass die Auflagen nicht sofort und
überall erfüllt werden können. Bei großen Kliniken wird dies in einem ATZ
erfolgen, bei kleineren Krankenhäusern meist durch die Zusammenarbeit der
Unfallchirurgie mit der Allgemeinen Inneren Medizin mit dem Schwerpunkt
Altersmedizin“, sagt Professor Dr. Clemens Becker, Chefarzt der Abteilung
für Geriatrie, Alterstraumatologisches Zentrum und Klinik für Geriatrische
Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart. Eine fünfjährige
Übergangsfrist biete jedoch allen Krankenhäusern ausreichend Zeit, die
nötigen Veränderungen selbst zu veranlassen, um eine flächendeckende
Versorgung sicher zu stellen.
Für die in dem G-BA Beschluss geforderte Behandlung entlang
standardisierter Behandlungspfade (SOPs) können die DGU und DGG auf
umfassende Erfahrungen aus ihren interdisziplinären Alterstraumazentren
zurückgreifen. „Wir stehen mit unseren Erfahrungen allen mit der
Behandlung von Hüftfrakturen befassten Kliniken beratend zur Seite“, sagt
Becker. Dazu habe die DGU gemeinsam mit der DGG eine Task-Force mit
Experten gebildet, die den Prozess und die Dialoge kontinuierlich
begleiten wird.
Hintergrund:
Jeder Dritte über 65 Jahre stürzt mindestens ein Mal pro Jahr, bei den
über 80-Jährigen sogar fast jeder Zweite. Laut Robert Koch-Institut
passieren mehr als die Hälfte der Sturzunfälle bei Personen ab 60 Jahre zu
Hause oder in der unmittelbaren Umgebung, auf dem Weg zum Briefkasten oder
im Garten. In Deutschland werden derzeit mehr als 450.000
alterstraumatologische Frakturen pro Jahr stationär behandelt. Jährlich
müssen in Deutschland über 150.000 Hüftfrakturen versorgt werden.
Weitere Informationen:
1) Richtlinie zur Versorgung der hüftgelenknahen Femurfraktur: Erstfassung
Der Beschluss soll nach Nichtbeanstandung durch das Bundesministerium für
Gesundheit und Veröffentlichung im Bundesanzeiger zum 1. Juli 2020 in
Kraft treten.
https://www.g-ba.de/beschluess
2) Studie: Assoziation von orthogeriatrischem Co-Management und
Sterblichkeit nach Hüftfraktur
Rapp, Kilian; Becker, Clemens; Todd, Chris; Rothenbacher, Dietrich;
Schulz, Claudia; König, Hans-Helmut; Liener, Ulrich; Hartwig, Erich;
Büchele, Gisela, Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 53-9; DOI:
10.3238/arztebl.2020.0053
https://www.aerzteblatt.de/tre
3) Weißbuch Alterstraumatologie
https://www.dgu-
online.de/fileadmin/published_
