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Statement: Corona: Warum werden Desinfektionsmittel und Atemmasken knapp?

Prof. Thomas Busse, Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) der Frankfurt University of Applied Sciences  Stefanie Kösling | Frankfurt UAS
Prof. Thomas Busse, Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) der Frankfurt University of Applied Sciences Stefanie Kösling | Frankfurt UAS
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Prof. Thomas Busse, Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) der Frankfurt University of Applied Sciences  Stefanie Kösling | Frankfurt UAS
Prof. Thomas Busse, Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) der Frankfurt University of Applied Sciences Stefanie Kösling | Frankfurt UAS

Gesundheitsökonom Prof. Thomas Busse nimmt Stellung zu Materialengpässen
in deutschen Krankenhäusern und erklärt, was sie mit den massiven
Sparanstrengungen zu tun haben

Wie konnte es in Deutschland zu Engpässen bei medizinischen Materialien
kommen? Warum werden Desinfektionsmittel und Atemmasken knapp? Der
Frankfurter Gesundheitsökonom Prof. Thomas Busse, Professor für
Pflegemanagement sowie Leiter des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und
-recht (ZGWR) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt
UAS) macht dafür die massiven Sparanstrengungen deutscher Krankenhäuser in
den letzten Jahren verantwortlich.

„Die durch die Fallpauschalen ausgelösten massiven Sparanstrengungen
deutscher Krankenhäuser der letzten Jahre hatten natürlich auch die
sogenannten Materialkosten im Fokus –­ diese betragen etwa zwischen 30 und
40 Prozent eines Krankenhausbudgets“, erklärt Busse. Um einen Teil dieses
Budgets, nämlich Lagerhaltungs- und sogenannte Kapitalbindungskosten zu
reduzieren, hätten Krankenhäuser oft ihre eigene Lagerhaltung massiv
verkleinert und die Prozesse so gestaltet, dass relativ kurzfristige, aber
dafür häufigere Materialbestellungen beim Lieferanten teure
Lagerkapazitäten überflüssig gemacht hätten. Zudem hätten die
Krankenhäuser bei der Auswahl primär nur auf den Preis von Materialien
geachtet und somit einen großen Preisdruck auf die Lieferanten ausgeübt.
Dadurch habe sich die Anzahl der möglichen Lieferanten reduziert und
global fast auf die gesamte Welt verteilt. In Folge gäbe es für einige
Produkte nur noch wenige Anbieter und diese befinden sich manchmal am
anderen Ende der Welt. „Dies fällt uns nun auf die Füße und wird meiner
Einschätzung nach nur mittelfristig zu ändern sein“, prognostiziert Busse.

Ob hier ein Sonderfonds des Bundes für Kliniken helfen könnte, der ja
bereits Milliardenhilfen für die Wirtschaft zugesichert hat, hält Busse
für fraglich: „Sonderfonds oder zusätzliche Finanzspritzen helfen
natürlich nur dann etwas, wenn man sich dafür auch das kaufen kann, was in
der aktuellen Corona-Krise benötigt wird. Dies wage ich nach dem jetzigen
Stand in Bezug auf die dringend notwendigen Schutzmasken,
Sicherheitskleidung oder auch Beatmungsgeräte stark zu bezweifeln.“
Generell seien natürlich seitens der Politik solche Gelder schnell
versprochen, ob der Bund, die Länder oder die Krankenkassen diese Gelder
auszahlen und nach welchen Kriterien dies dann geschieht, ist Busse noch
nicht bekannt. Krankenhäuser seien in dieser Hinsicht aus vorherigen
kleinen Krisen (z.B. SARS) „gebrannte Kinder und deshalb eher
pessimistisch“. Wichtig wäre es jetzt, pragmatische und unbürokratische
Wege aufzuzeigen, wie Krankenhäuser ohne großen Aufwand an das benötigte
Geld kommen. „Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass Rechnungen,
die Corona-relevante Produkte betreffen, direkt von den Krankenhäusern an
die Krankenkassen weitergegeben werden und die Krankenkassen diese ohne
große Nachfragen bezahlen.“

Busse spricht sich hingegen deutlich gegen einen Bonustopf aus, mit dem
das medizinische Personal für sein Engagement in Zeiten von Corona
zusätzlich entlohnt würde: „Ich halte dies ehrlich gesagt für keine gute
Idee. Dies würde unterstellen, dass Ärzte oder Pflegekräfte eventuell mehr
arbeiten würden, wenn sie einen Bonus erhalten. Ich weiß aus meinen
aktuellen Gesprächen vor Ort, dass gerade das medizinische Personal
bereits jetzt absolut an der Belastungsgrenze arbeitet und gerade als
letztes an mögliche Einkommensverbesserungen denkt.“ Für Busse seien diese
Menschen, ebenso wie auch Kassierer/-innen, Polizistinnen und Polizisten
oder Busfahrer/-innen und natürlich viele weitere, eigentlich die Helden
dieser Krise. „Es sind diese Menschen, die unser System mit hohem
Engagement aufrechterhalten und es sind nicht die Investmentbanken,
Unternehmensberatungen oder Dax-Vorstände, die ein Vielfaches mehr an
Einkommen haben.“ Deshalb schlägt Busse vor, dass wir als Gesellschaft
diesen Menschen das Versprechen geben, dass wir uns nach dieser schweren
Krise endlich um ein adäquates Einkommen für diese „Helden“ kümmern.
Gleiches gelte auch für die auskömmliche Vergütung von Krankenhäusern,
„von denen wir jetzt merken, dass sie eben keine reinen
Wirtschaftsunternehmen sind. Es sind systemrelevante, für unsere
Gesellschaft absolut wichtige Unternehmen, in deren Mittelpunkt die Arbeit
mit und für den Patienten steht ­ und die lässt sich im Kleinen, aber auch
im Hinblick auf derartige Krisen eben nicht exakt kalkulieren. Für beides
-­ nämlich eine bessere Vergütung und eine auskömmliche
Krankenhausfinanzierung -­ müssten wir als Bürgerinnen und Bürger endlich
bereit sein, mehr zu bezahlen.“