Zum Hauptinhalt springen

"Aktuelle Herausforderungen in der Langzeitpflege"

Pin It

Auch wenn die aktuelle Zeit in der Corona-Krise einige gravierende
Einschränkungen mit sich bringt, so bietet sie auch Chancen über
christliche Werte, Begriffe wie Solidarität, Nächstenliebe oder
Dankbarkeit (neu) nachzudenken und hebt die Wichtigkeit (guter) Pflege
nochmal auf eine neue Bedeutungsebene. Die Philosophisch-Theologische
Hochschule Vallendar (PTHV) veröffentlicht ab sofort regelmäßig
erscheinende Impulse und Interviews mit Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern  der PTHV und liefert damit geistige Anregungen zu
drängenden Fragen im Rahmen der Corona-Krise für Kirche, Gesellschaft und
Politik.

Interview mit:

Prof. Dr. Hermann Brandenburg, Lehrstuhl für Gerontologische Pflege an der
PTHV und Dr. Hanno Heil, Lehrbeauftragter für Pastoraltheologie und
Diakonische Theologie an der PTHV: Aktuelle Herausforderungen in der
Langzeitpflege

1. Hr. Heil: Sie waren über zwölf Jahre Vorstandsvorsitzender eines großen
Wohlfahrtsverbands. Der hat über 1000 Einrichtungen der stationären,
ambulanten und teilstationären Pflege. Wie stellt sich aktuell die
Situation dar? Ich habe gehört, dass ca. 300.000 Pflegepersonen aus
Osteuropa das Land zurzeit verlassen. Wie gelingt es da überhaupt noch die
Versorgung alter Menschen zur Hause sicherzustellen?

Dr. Hanno Heil: Ganz aktuell sorgt sich der Verband um die Ausstattung der
Einrichtungen mit Schutzausrüstung, denn die Vorräte gehen zur Neige und
die angekündigten Lieferungen von Bundes- und Landesregierungen erreichen
bislang nicht die Adressaten. Hier entsteht gerade eine große
Verunsicherung in den Einrichtungen und Diensten und Unverständnis bei den
An- und Zugehörigen aus. Der Verband hat diese Situation dem
Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus
vorgetragen und um dringende Abhilfe gebeten. Dabei hat er auch auf
Probleme mit der Liste der Ansprechpartner in den Bundesländern aufmerksam
gemacht, die die Bedarfe der Dienste und der Einrichtungen entgegennehmen
und für eine schnelle Verteilung sorgen sollen. Beispiele falscher
Ansprechpartner sowie falscher oder fehlender Verteilung wurden benannt.
Herr Westerfellhaus hat auch umgehend geantwortet und mitgeteilt, dass er
das Thema im Krisenstab und in den anderen Gremien im Bundesministerium
für Gesundheit platziert habe. Er hat dort darauf hingewiesen, dass auch
an kleinere Pflegedienste und -einrichtungen, die nicht die logistische
Unterstützung großer Trägerverbände haben, gedacht werden muss. Neben den
Beschaffungsaktivitäten des Bundesministeriums für Gesundheit sind hier
natürlich auch die Länder gefordert. Die Verteilung der bundesweit
beschafften Schutzausrüstungen erfolgt ja über die Länder und die
Kassenärztlichen Vereinigungen.

2. Und wie ist das in den Heimen? Man kann ja keine Besuche mehr machen.
Was bedeutet dies für die Bewohner vor Ort, aber auch für die
Mitarbeiter/innen? Wie reagiert das Management?

Dr. Hanno Heil: Die Situation der ausfallenden Besuche ist für
Pflegebedürftige wie Angehörige eine große Belastung. Aber eine Ansteckung
muss in den Pflegeheimen dringend vermieden werden. Das Management sorgt
z.B. dafür, dass innerhalb der  Teams soweit möglich die
Sicherheitsabstände eingehalten werden und ausreichend
Desinfektionsmaterial vorhanden ist. Es sorgt auch dafür, dass
Stationsteams so separiert werden, dass bei einem Infektionsfall auf einem
Wohnbereich, andere Wohnbereiche weiter betrieben werden können.

3. Und die Tagespflege? Wie gestaltet sich denn jetzt der Alltag von alten
und pflegebedürftigen Menschen? Und wie ist es mit den Angehörigen?

Dr. Hanno Heil: Die Schließung der Tagespflegeeinrichtungen ist eine sehr
schwierige Situation –  aus wirtschaftlichen Gründen und für die
Angehörigen, weil ein wichtiges Element der Entlastung im Alltag wegfällt.
Mir fehlt der Überblick, wie die Familien das im Einzelnen hinbekommen.
Aber das ist in Zeiten, da auch die familiären und nachbarschaftlichen
Kontakte eingeschränkt sind, besonders herausfordernd.

4. Das Pflegethema ist ja in aller Munde. Was bedeutet dies für Ihren
Verband insgesamt? Ist das eine Chance?

Dr. Hanno Heil: Der Verband schaut schon in die Zukunft und hat auf eine
allgemeine TODO-Liste für die Zeit nach der Corona-Pandemie z.B. Themen
gesetzt, etwa die regionale Produktion von Schutzausrüstung, eine klar
strukturierte Vorratshaltung derselben und Verteiloptionen in Ländern und
Kommunen sowie die Refinanzierung dieser Maßnahmen und diverser
Schutzausrüstungen. Lobbythemen, die wir schon seit Jahren vertreten
haben, wie z.B. eine angemessene personelle Ausstattung der ambulanten und
stationären Pflege werden in Zukunft sicher in einen anderen Kontext
eingebracht werden können.

5. Hr. Brandenburg: Sie sind seit fast 15 Jahren Mitglied der
Pflegewissenschaftlichen Fakultät hier in Vallendar. In den Medien ist
sehr viel die Rede von den „Helden des Alltags“. Wie kommt das bei Ihnen
an? Und was bedeutet dies eigentlich?

Prof. Dr. Hermann Brandenburg: Zunächst einmal kommt das sehr positiv bei
mir an. Wenn ich Menschen auf Balkons sehe, die den „Helden des Alltags“ –
und dazu gehört ja auch die Pflege – applaudieren, dann finde ich das
natürlich gut. Aus diesen Aktionen spricht eine Wertschätzung für die
Pflege, sie wird im öffentlichen Raum positiv wahrgenommen. Das ist
deswegen wichtig, weil üblicherweise in der Medienberichterstattung häufig
der Finger in die Wunde gelegt wird und auf Missstände verwiesen wird. Die
entsprechenden Filmbeiträge, Diskussionen und die dann folgende Empörung
im Netz sind bekannt. Aber ich frage mich eben auch, wie nachhaltig und
politisch wirksam diese Inszenierungen sind. An dieser Stelle ist es sehr
wichtig, dass die entsprechende Botschaft auch in der Politik ankommt.
Offensichtlich ist das auch der Fall, denn selbst der Bundespräsident hat
vor kurzem explizit diesen „Helden des Alltags“ gedankt. Ich hoffe nur,
dass diesem Dank auch Taten folgen und die bereits auch vor der Corona-
Krise skandalöse Arbeitssituation in der Pflege substantiell verbessert
wird.

6. Und wie wird es weitergehen mit der pflegerischen Versorgung in unserem
Land? Wie blicken Sie in die nahe Zukunft?

Prof. Dr. Hermann Brandenburg: Ich arbeite an einer katholischen
Hochschule, da leben wir immer in der Hoffnung. Von daher blicke ich
positiv in die Zukunft. Natürlich – die Krise ist mit erheblichen
Herausforderungen verbunden. Das gilt im Moment vorrangig in den Klinken,
Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung. Ein Bereich, der mir aber auch
große Sorgen macht, ist die Versorgung von pflegebedürftigen Menschen zu
Hause. Wir wissen, dass etwa 300000 osteuropäische Haushalts- und
Pflegehilfen unser Land verlassen haben – aus Angst vor dem Corana-Virus.
Aber wie können wir die Versorgung dieser überwiegend alten Menschen
sicherstellen? Entsprechende professionelle Netzwerke über die Kammern und
die Robert Bosch Stiftung haben sich bereits etabliert. Aber das wird eine
Herkulesaufgabe werden.

Insgesamt gehe ich davon aus, dass die aktuelle Krise nicht monatelang
anhalten wird. Die Politik wird auf die Situation differenziert reagieren
müssen. Im Moment steigen die Infektionen noch. Aber wenn der Höhepunkt
überschritten ist, dann wird man die Einschränkungen wieder lockern
(müssen). Aber wenn daraufhin die Infektionszahlen wieder steigen, dann
wird dies wieder neue Restriktionen zur Folge haben. Das alles wird so
noch eine Zeitlang weitergehen. Kurz und gut – die ganze Geschichte wird
uns noch monatelang beschäftigen. Und es ist wichtig, dass diese Zeit nun
für ein Moratorium im Sinne der Pflege genutzt wird. Es sollte der Politik
deutlich gemacht werden, dass wir im Hinblick auf die Pflege nicht mehr
mit (sehr) kleinen Schritten vorwärts kommen, sondern einen großen Wurf
brauchen.

7. Wie muss man sich diesen großen Wurf vorstellen?

Prof. Dr. Hermann Brandenburg: Ich nenne drei Stichworte: Die Bezahlung im
Pflegesektor ist nach wie sehr heterogen, hier muss es Vereinheitlichungen
und Nachbesserungen geben. Eine vollzeitbeschäftigte Altenpflegerin
verdiente 2017 brutto knapp 2.900 Euro im Westen Deutschlands, im Osten
nur 2.400 Euro. Verglichen mit dem Median der sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten sind dies 15 Prozent weniger in West- und 10 Prozent weniger
in Ostdeutschland. Altenpflegehelfer/innen verdienen sogar 40 Prozent
weniger als der Median. Hr. Zetsche hat mit 9.8 Millionen Euro jährlich
etwa das 300fache wie diese Altenpfleger/innen. Ich möchte an dieser
Stelle keine Neiddebatte provozieren und gönne Hr. Zetsche ein gutes
Auskommen. Aber können Sie mir bitte sagen, wer diese Relation belastbar
begründen kann? Niemand!  Ein bundesweiter Tarifvertrag ist nach meiner
Auffassung ein absolutes Muss. Hinzu kommt die Notwendigkeit der
Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Pflege. Hier muss sich auch
einiges ändern. Eine mitarbeiterorientierte Personal- und
Organisationsentwicklung ist für mich ein elementarer Bestandteil guter
Pflegeorganisationen. Die Debatte um den Personalnotstand zeigt ja auch,
dass kreative Lösungen möglich sind und die Rufe nach ausländischen
Mitarbeitern allein zu wenig ist. Schließlich – drittens – müssen seitens
der Politik grundlegende Fragen der Gestaltung des Pflege- und
Versorgungssektors angepackt werden. Ein Blick ins Ausland, vor allem die
skandinavischen Länder, hilft uns hier weiter. Die öffentliche Hand, vor
allem die Kommune, ist hier in eine zentrale Verantwortung eingebunden.
Bei uns liegt der Anteil der öffentlich verantworteten Pflegeheime nur
noch bei wenigen Prozent, Hier muss meiner Auffassung nach das Rad
zurückgedreht werden, eine weitere Privatisierung und Kommerzialisierung
des Pflege- und Versorgungsbereichs gestoppt werden. Und damit verbunden
gilt: Die Gemeinwohlorientierung muss in unserem Land politisch wieder
stärker auf die Agenda gerückt werden.

8. Momentan hat das Pfegethema ja Konjunktur. Wie ist das im Hinblick auf
die Professionalisierung des Pflegeberufs einzuschätzen, auch bzgl. der
Akademisierung?

Prof. Dr. Hermann Brandenburg: Sie sprechen einen sehr wesentlichen Punkt
an. Denn ohne eine weitere Aufwertung des Pflegeberufes wird es nicht
gehen. Und das bedeutet für mich nicht nur, dass man öffentlich der Pflege
applaudiert, sondern Aufgabenprofil, Kompetenzen und
Entscheidungsbefugnisse des Pflegeberufs erheblich ausweiten muss. In
Deutschland haben wir nach wie vor ein arztzentriertes Gesundheitssystem.
Jede Inkontinenzversorgung muss vom Arzt abgezeichnet werden, obwohl die
betreuende Pflegefachkraft viel besser weiß, was erforderlich ist und was
nicht. Die Machtverteilung zwischen Ärzten und Pflegenden muss verändert
werden, die Pflegekammer ist der erste Schritt. Ich hoffe, dass in Kürze
eine bundesweite Pflegekammer möglich sein wird. Die Ausbildungsreform ist
in Gang gesetzt worden, eine generalistische Ausbildung war notwendig.
Aber jetzt kommt es darauf an weitere Impulse zu setzen, dazu gehört vor
allem die Akademisierung des Pflegeberufs. Es ist ein Skandal, dass
bundesweit nicht mehr als 0,6 Prozent der Pflegenden akademisiert sind.
Der Wissenschaftsrat hat vor fast 10 Jahren bereits einen Anteil von 10-20
Prozent gefordert, hiervon sind wir noch weit entfernt. Wir brauchen wir
einen Schub für die Hochschulen, vor allem auch für die universitäre
Qualifizierung. In den deutschsprachigen Ländern (Österreich, Schweiz,
Deutschland) gibt es insgesamt 54 medizinische Fakultäten, weitere sind im
Aufbau. Es gibt aber nur eine einzige pflegewissenschaftliche Fakultät,
das ist schlichtweg zu wenig. Wenn wir wirklich Innovationen im
Gesundheitswesen wollen – ich denke hier z.B. an Innovationszentren in der
Langzeitpflege oder sog. „Teaching Nursing Homes“ – dann muss hier Gas
gegeben werden.

Information zur PTHV:
Die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar (PTHV) ist eine
kirchlich und staatlich anerkannte wissenschaftliche Hochschule (im Rang
einer Universität) in freier Trägerschaft. Die Gesellschafter der PTHV
gGmbH sind die Vinzenz Pallotti gGmbH und die Marienhaus Holding GmbH.
Rund 50 Professoren und Dozenten forschen und lehren an der PTHV und
betreuen etwa 500 Studierende beider Fakultäten.