Fastenmonat Ramadan: Alte und neue Herausforderung für chronisch Erkrankte während der Corona-Pandemie
Für die etwa 4,7 Millionen in Deutschland lebenden Muslime hat der Ramadan
begonnen. Obwohl Menschen mit chronischen Erkrankungen wie einem Diabetes
mellitus von der Pflicht zu fasten befreit sind, machen trotzdem viele von
dieser Ausnahme keinen Gebrauch. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
rät Menschen mit Diabetes jedoch, nur unter ärztlicher Begleitung zu
fasten – Risikopatienten sollten darauf besser ganz verzichten. Zudem geht
während der Corona-Pandemie ein entgleister Diabetesstoffwechsel mit einem
erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf einher.
Etwa 100 000 Muslime in Deutschland haben einen diagnostizierten Diabetes
mellitus Typ 2. Viele von ihnen möchten den Ramadan ebenso begehen wie
ihre stoffwechselgesunden Familienmitglieder. „Der Ramadan ist nicht nur
ein religiöses Dogma“, erklärt Dr. med. Mahmoud Sultan von der AG
„Diabetes und Migranten“ der DDG. „Der Fastenmonat geht auch mit sozio-
kulturelle Aspekten, wie das gemeinsame Fastenbrechen am Abend, einher.
„Wer daran nicht teilnimmt, kann sich schnell ausgeschlossen fühlen.“
Daher bestehen viele Diabetespatientinnen und -patienten trotz ihrer
chronischen Erkrankung auf die Einhaltung der religiösen Pflicht, obwohl
beispielsweise Schwangere, Alte und Menschen, die dauerhaft schwere
körperliche Arbeit verrichten, befreit wären. Eine Studie ergab, dass fast
80 Prozent aller Muslime mit einem Diabetes Typ 2 für mindestens 15 Tage
fasten.1
„Es ist daher besonders wichtig, diese Menschen in ihrer Diabetestherapie
kulturell sensibel zu betreuen und ihnen das Fasten zu ermöglichen, soweit
es medizinisch möglich ist“, erklärt Diabetes- und Diätassistentin VDD
Johanna Karapinar aus Osnabrück. Insbesondere während der jetzigen Corona-
Pandemie gebe der Ramadan der Glaubensgemeinschaft noch mehr Zusammenhalt
und stärke die durch das „Social Distancing“ geschwächte individuelle
Psyche. „Wir beobachten derzeit in der Praxis, dass das Bedürfnis der
Patienten nach Fasten besonders hoch ist – es gibt ihnen eine Aufgabe.“
Zudem könne sich die Fastenzeit positiv auf die körperliche Gesundheit
auswirken. „Viele haben in der Zeit der heimischen Isolation auch aus
Langeweile gekocht und gegessen. Eine durch das Fasten reduzierte
Kalorienaufnahme könne helfen, die Therapieziele bei Diabetes und
Übergewicht besser zu verfolgen. „Dabei empfehlen wir Patienten, beim
abendlichen Fastenbrechen darauf zu achten, möglichst wenig Kohlehydrate
zu sich zu nehmen.“ Brot, Kartoffeln und Reis sowie süße Baklava oder
gesüßte Getränke sollten in geringen Mengen konsumiert werden. So wäre
auch eine medikamentöse Anpassung einfacher.
Denn der stark veränderte Tag-Nacht-Rhythmus, den die Ramadan-Fastenden
durchleben, stellt die Diabetestherapie vor große Herausforderungen: So
drohen über den entbehrungsreichen Tag Unterzuckerungen (Hypoglykämien)
und beim ausgiebigen abendlichen Mahl Überzuckerungen (Hyperglykämien).
Das Risiko für Hypoglykämien ist in dieser Zeit um das Siebenfache und für
schwere Unterzuckerungen mit Krankenhausaufenthalt um das Fünffache
erhöht. „Um diese Gefahr therapeutisch abzufedern, müssen die Medikamente
angepasst und die Therapieumstellung gut geplant werden“, führt Sultan,
niedergelassener Diabetologe aus Berlin, aus. Antidiabetika wie Metformin,
DPP-4-Inhibitoren, SGLT-2-Inhibitoren oder GLP-1-Analoga können meist
unverändert weiter eingenommen werden. Hier ist nur eine entsprechende
Anpassung bei Veränderungen der Kalorienzufuhr beziehungsweise schwerer
körperlicher Arbeit zu beachten. Sulfonylharnstoffe hingegen bergen ein
erhöhtes Risiko für Hypoglykämien und somit für kardiovaskuläre
Komplikationen. Diese sollten während des Ramadans nur vor dem
Fastenbrechen genommen werden. Die Insulintherapie können Patienten
individuell nach Kalorienaufnahme anpassen. Insbesondere ist die
morgendliche Dosierung von Insulin und anderen Medikamenten, die eine
gefährliche Unterzuckerung über den Tag auslösen können, stets zu
überprüfen. Die beiden Experten raten, das Fasten umgehend zu
unterbrechen, sobald der Blutzucker auf Werte unter 70 mg/dl abfällt
beziehungsweise auf über 300 mg/dl ansteigt, Symptome der Unterzuckerung,
Dehydrierung oder akute Krankheitssymptome auftreten.* „Eine genaue
Beobachtung des Blutzuckerspiegels ist nun in der aktuellen Corona-
Pandemie wichtiger denn je“, betont Sultan. „Im Falle einer Erkrankung mit
COVID-19 könnte ein durch Fasten beeinträchtigter Diabetesstoffwechsel mit
einem schwereren Infektionsverlauf einhergehen.“
Den meisten Patienten gelänge die Umstellung ohne größere Probleme,
berichtet Sultan. Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes und
Diabetespatienten mit einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstöru
fehlender Bereitschaft, den Blutzucker regelmäßig zu prüfen, rät er
hingegen, mit täglichen Essens- oder Geldspenden andere Gläubige zu
unterstützen und so ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Denn diesen
Patienten würden in der Fastenzeit vermehrt gefährliche Unter- oder
Überzuckerungen drohen. Auch Menschen mit Vorerkrankungen – beispielsweise
an Herz, Kreislauf und Nieren – sollten vom Fasten absehen.
Mit der umfassenden Leitlinie „Diabetes and Ramadan“ stellt die
International Diabetes Federation (IDF) medizinischem Personal praktische
Handlungsempfehlungen und Hintergrundinformationen bereit, um ihre
Patientinnen und Patienten in der Fastenzeit sicher zu betreuen.2 Auf der
Homepage von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe können sich Betroffene
ausführlich zum Fasten mit Diabetes informieren:
https://www.diabetesde.org/ram
Dann besteht ein sehr hohes/hohes Risiko für Komplikationen durch das
Fasten:
- Schwere Hypoglykämien innerhalb der zurückliegenden drei Monate vor dem
Ramadan
- Aktuelle Erkrankungen
- Schwangerschaft
- Nierenprobleme/Dialyse
- Typ-1-Diabetes
- Besonders intensive körperliche Arbeit
- Hohes Alter mit schlechtem Gesundheitszustand
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*Symptome der Unterzuckerung (Hypoglykämie) sind: Zittern,
Schwitzen/Frieren, Empfindung von Herzrasen, Hunger, veränderter
Geisteszustand, Verwirrung, Kopfschmerzen.
Symptome der Überzuckerung (Hyperglykämie) sind: Durst, Hunger, häufiges
Wasserlassen, Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen.
Literatur:
- 1 Salti I, Bénard E, Detournay B, Bianchi-Biscay M, Le Brigand C, Voinet
C, Jabbar A; EPIDIAR study group, A population-based study of diabetes and
its characteristics during the fasting month of Ramadan in 13 countries:
results of the epidemiology of diabetes and Ramadan 1422/2001 (EPIDIAR)
study, Diabetes Care. 2004 Oct;27(10):2306-11.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/p
- 2 IDF-Guidelines zu Diabetes und Fasten:
https://idf.org/e-library/guid
