Weltdiabetestag am 14. November 2020: Warum die Diabetesversorgung an Kliniken gerade in Corona-Zeiten so wichtig ist
Bei mindestens jedem dritten Diabetespatienten ist der Blutzucker nicht
optimal eingestellt, wie aktuelle Studien zeigen. Infolgedessen ist die
Zahl der diabetischen Folgeerkrankungen weiterhin zu hoch, konstatiert die
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Oft müssen Ärztinnen und Ärzte in
stationären Einrichtungen die Behandlung übernehmen oder bei Notfällen zur
Verfügung stehen. Allerdings nehme die diabetologische Expertise an
Kliniken seit Jahrzehnten ab. Aktuell fehle es auch auf Intensivstationen
an hinreichend geschultem Personal, um Diabetespatienten – gerade in
Zeiten der Corona-Pandemie – ausreichend zu versorgen, so die DDG.
Trotz der Vielzahl neuer Medikamente zeigt die klinische Praxis, dass bei
vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes keine optimale Blutzuckereinstellung
erzielt werden kann. „Häufig ist dies auf eine ausgeprägte
Insulinresistenz zurückzuführen, welche oft durch die verfügbaren oralen
Medikamente und GLP1-Analoga nicht ausreichend behandelt werden kann“,
erklärt DDG Experte Professor Dr. med. Juris Meier, Chefarzt der
Diabetologie am Katholischen Klinikum Bochum. Selbst mit hohen
Insulindosen ließe sich bei diesen Patientinnen und Patienten in vielen
Fällen die Blutzuckereinstellung nicht nachhaltig verbessern. Die DDG
empfiehlt dann eine stationäre Diabetesbehandlung.
Die klinische Betreuung umfasst eine intensive Diabetesschulung und
Ernährungsberatung sowie eine Bewegungstherapie. „Mindestens ein Drittel
aller Diabetes-Typ-2-Patienten benötigt eine Insulintherapie“, berichtet
Meier, Mitglied des DDG Ausschusses Pharmakotherapie. „Vor allem bei einer
ausgeprägten Insulinresistenz und sehr hohen Insulindosen kann eine
zeitlich begrenzte intravenöse Gabe des Hormons sinnvoll sein.“ Oftmals
gelinge es, bereits nach einer zweitägigen Behandlung den
Glukosestoffwechsel wieder so ins Gleichgewicht zu bringen, sodass der
Patient anschließend auch mit deutlich geringeren subkutanen Insulindosen
auskommt.
Darüber hinaus ist es auch wichtig, Diabetespatienten psychosomatisch zu
betreuen: „Untersuchungen an unserer Klinik zeigten, dass etwa die Hälfte
aller eingewiesenen Diabetespatienten von entsprechenden Angeboten
profitieren können“, erklärt Meier. So leiden Menschen mit Diabetes Typ 2
besonders unter Depression, Binge-Eating-Störungen sowie
Angsterkrankungen. Bei einem Typ 1-Diabetes treten hingegen häufiger Ess-
Störungen wie Bulimie und Insulin-Purging* auf. „Die Psychosomatik bei
Diabetes darf nicht unterschätzt werden, da sie die dauerhaft erfolgreiche
Diabetestherapie erheblich gefährdet“, so der Diabetologe. Die stationäre
Erstversorgung ermögliche es, psychosomatische Probleme zu identifizieren,
die dann gezielt in der ambulanten Therapie weiterverfolgt werden können.
Die klinische Versorgung ist zwar sehr effektiv, jedoch auch
kostenintensiv. So wird eine zehn- bis 14-tägige Krankenhausbehandlung bei
entgleistem Typ1-Diabetes aktuell täglich mit rund 150 bis 210 Euro
vergütet. Bedenkt man die notwendigen Leistungsangebote wie Diabetes- und
Ernährungsberatung, Psycho- und Physiotherapie sowie die dafür notwendige
Infrastruktur, die häufig noch hinzukommen, ergibt sich eine bedenkliche
Unterfinanzierung der stationären Versorgung. „Die reine Kostenkalkulation
hat zu einer `Ambulantisierung´ des Diabetes beigetragen“, kritisiert DDG
Präsidentin Professor Dr. med. Monika Kellerer. Stationäres Personal werde
zunehmend gekürzt, ganze Diabetesstationen fallen dem Rotstift zum Opfer.
So stelle diese Entwicklung eine ernsthafte Bedrohung für eine umfassende
Versorgung der komplex-kranken Diabetespatienten dar. Zudem berge dies
große Risiken hinsichtlich der zukünftigen studentischen und ärztlichen
Aus- und Weiterbildung im Fach Diabetologie, die vornehmlich an Kliniken
stattfinde.
„Insbesondere in der derzeit angespannten Versorgungslage an Kliniken
durch Corona erkennen wir, wo unser Gesundheitswesen dringenden
Handlungsbedarf hat. Neben dem Pflegepersonal fehle ebenso eine
ausreichend diabetologische Expertise – auch auf den derzeit besonders
geforderten Intensivstationen. „Gerade bei multimorbiden Diabetespatienten
mit Covid-19 ist die Behandlung besonders komplex und erfordert ein
ausgeprägtes diabetologisches Fachwissen, um Betroffene effektiv zu
versorgen und lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisungen zu verhindern“,
betont die Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am
Marienhospital Stuttgart.
