Frühes Ultraschallscreening der Halsschlagadern kann Schlaganfallrisiko verringern
Gefäßalter durch Sonografie ermitteln
Frühes Ultraschallscreening der Halsschlagadern kann Schlaganfallrisiko
verringern
Rund 265.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall.
Bei etwa 30.000 Patienten ist die Ursache eine Verengung oder ein
Verschluss der inneren Halsschlagader – die sogenannte Carotisstenose.
Kalkablagerungen in der Carotis können aufbrechen, als Gerinnsel ins
Gehirn verschleppt werden und so einen Schlaganfall auslösen. Ultraschall-
Experten können schon frühzeitig leichte Gefäßveränderungen bis hin zu
Carotisstenosen heute sehr gut durch eine Sonografie der Halsgefäße
diagnostizieren.
Ob ein Carotis-Ultraschallscreening im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen
sinnvoll ist und ob asymptomatische Carotisstenosen bei Menschen höheren
Alters zwingend eine Operation zur Folge haben müssen, diskutierten
Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e. V.
(DEGUM) heute auf einer Online-Pressekonferenz.
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Der Schlaganfall gehört nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen in
Deutschland. Je älter die Patienten sind, desto höher das Risiko. „Die
Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader ist eine breit verfügbare
Technik, um das individuelle Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse,
insbesondere für Schlaganfälle, abzuschätzen“, erklärt Professor Dr. med.
Felix Schlachetzki, Chefarzt Zentrum für Vaskuläre Neurologie und
Intensivmedizin, Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität
Regensburg, medbo Bezirksklinikum Regensburg.
Im Ultraschall kann ein Arzt feststellen, ob die Carotis eine erhöhte
Intima-Media-Dicke (Verdickung der inneren und mittleren Schicht der
Gefäßwand) oder Plaques (Lipid- und Kalkablagerungen) aufweist. „Ist dies
der Fall, sollten Patienten dazu ermutigt werden, sich mehr zu bewegen,
Übergewicht zu reduzieren sowie gegebenenfalls ihre Ernährung umzustellen
und das Rauchen aufzugeben“, so der stellvertretende DEGUM-
Arbeitskreisleiter „Vaskulärer Ultraschall“. Außerdem müssen bestehende
Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und Cholesterin konsequent
behandelt werden, um das Risiko für einen Gefäßverschluss einzudämmen.
Diese präventiven Therapien – auch als "best medical treatment" bezeichnet
– seien bei Risikopatienten mit erblicher Vorbelastung auch schon im
berufsfähigen Alter unbedingt empfehlenswert. Im Rahmen einer
Vorsorgeuntersuchung sei das Carotis-Ultraschallscreening daher durchaus
sinnvoll, gibt der Ultraschall-Experte zu bedenken.
Entstehen durch Kalkablagerungen aus Plaques erst einmal manifeste
Stenosen – also Engstellen an der Halsschlagader – können diese
aufbrechen, als Gerinnsel ins Gehirn verschleppt werden und so einen
Schlaganfall auslösen. Welche Therapie nach einer entsprechenden Diagnose
erfolgen soll, muss interdisziplinär bewertet werden. Das Carotis-
Screening darf hier nicht alleinige Entscheidungsgrundlage sein. „Bei
allen Patienten mit Stenosen der Halsschlagadern ist eine detaillierte
Nutzen-Risiko-Abwägung zwischen den Möglichkeiten der modernen
Pharmakotherapie und den operativen Möglichkeiten inklusive Stenting
nötig, und da ist auch das reelle Patientenalter ein wichtiges Kriterium“,
mahnt der Neurologe. So sind Carotisstenosen, die keine Symptome
verursachen, zwar ein Maßstab für Erkrankungen des gesamten arteriellen
Systems. „Sie sind aber gleichzeitig nur ein Teil des komplexen
arteriellen Hirnversorgungssystems, welches durchaus in der Lage ist, sich
anzupassen“, erklärt Schlachetzki. Das führe dazu, dass der Anteil der
Arteriosklerose-bedingten Schlaganfälle ab der siebten Lebensdekade wieder
sinke. Eine Carotisstenose müsse in diesem Alter deshalb immer in der
Zusammenschau des gesamten Gefäßsystemzustandes betrachtet werden. Zudem
seien die möglichen Komplikationsraten einer Carotis-Operation
beziehungsweise eines Carotis-Stents gegenüber den Möglichkeiten des „best
medical treatment“, von dem auch die Herzinfarkte und arterielle
Verschlusskrankheit der Beine profitieren, abzuwägen.
Insgesamt ist aus neurologischer Sicht ein Ultraschallscreening der
Halsschlagadern wichtig, um frühe Gefäßwandveränderungen zwischen dem 30.
und 70. Lebensjahr an den Carotiden zu erkennen. „Damit können wir das
sogenannte Gefäßalter eines Menschen definieren und gegebenenfalls
notwendige Lebensveränderungen initiieren“, fasst Schlachetzki zusammen.
Hier hilft ein breites Screening bei versierten Ultraschallern. Werden
hämodynamisch relevante Stenosen erkannt, sollte jedoch Aktionismus
vermieden und die Patienten zu neurovaskulären Experten überwiesen werden.
Dazu gehören insbesondere Neurologen oder Angiologen, die auch
intrakranielle Gefäße beurteilen können. Eine Operation oder Stent-
Therapie ohne vorherige Begutachtung durch diese Spezialisten sei strikt
abzulehnen und für den Patienten gefährlich.
Weiterführende Literatur:
1) Nezu T, Hosomi N. Usefulness of Carotid Ultrasonography for Risk
Stratification of Cerebral and Cardiovascular Disease. Atheroscler Thromb,
2020; 27: 1023-1035.
2) Näslund U, Ng N, Lundgren A et al. Visualization of asymptomatic
atherosclerotic disease for optimum cardiovascular prevention (VIPVIZA): a
pragmatic, open-label, randomised controlled trial. Lancet 2019; 393:
133–42
3) Paraskevas KI et al. How to identify which patients with
asymptomatic carotid stenosis could benefit from endarterectomy or
stenting. Stroke and Vascular Neurology 2018; 3: e000129
4) Abbott A, Brunser AM, Giannoukas A et al. Misconceptions regarding
the adequacy of best medical intervention alone for asymptomatic carotid
stenosis. Journal of Vascular Surgery January 2020
5) Keyhani S, Cheng EM, Hoggatt KJ et al. Comparative Effectiveness
of Carotid Endarterectomy vs Initial Medical Therapy in Patients With
Asymptomatic Carotid Stenosis. JAMA Neurology Published online June 1,
2020. doi:10.1001/jamaneurol.2020.14
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Über die DEGUM:
Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) bietet
ein Forum für den wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungsaustausch
auf dem Gebiet des medizinischen Ultraschalls. Sie vereint rund 11 000
Ärzte verschiedener Fachgebiete, medizinische Assistenten,
Naturwissenschaftler und Techniker. Ultraschalldiagnostik ist heute das am
häufigsten eingesetzte bildgebende Verfahren in der Medizin.
Ultraschallanwendern bescheinigt die DEGUM eine entsprechende
Qualifikation mit einem Zertifikat der Stufen I bis III. Patienten finden
DEGUM-zertifizierte Ärzte im Internet unter: <www.degum.de>
