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Welchen Einfluss haben anwesende Angehörige auf Reanimationsteams: DIVI- Forschungspreis „Klinische Forschung" verliehen

Mareike Willmes-Pflüger
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Mareike Willmes-Pflüger
Mareike Willmes-Pflüger

Der mit 4.000 Euro dotierte 1. Platz beim Forschungspreis „Klinische
Forschung“ der DIVI-Stiftung geht im Jahr 2020 an ein deutsch-
schweizerisches Forschungsteam. Unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr.
Stephan Marsch, Chefarzt der Intensivstation am Universitätsspital Basel,
untersuchten die insgesamt acht Medizinerinnen und Mediziner in einer
randomisierten Studie, welchen Effekt die Anwesenheit von Angehörigen bei
einer simulierten Reanimation auf die Arbeitsbelastung und das
Stressempfinden der Reanimierenden hat – mit überraschenden Ergebnissen.

„Mit dieser Arbeit bringt das Forscherteam neue Erkenntnisse über die
Bedeutung von anwesenden Familienangehörigen im Reanimationsprozess. Wir
freuen uns, dieses förderungswürdige Projekt unterstützen zu können“,
sagte Kongresspräsident Prof. Eckhard Rickels bei der Preisverleihung im
TV-Studio im Rahmen des virtuellen Jahreskongresses der Deutschen
Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Dass es einen positiven psychologischen Effekt auf Angehörige hat, wenn
sie bei der Reanimation eines nahestehenden Menschen dabei sein dürfen,
ist bereits in einigen Studien nachgewiesen worden. Kaum Erkenntnisse gab
es bis dato allerdings darüber, welchen Einfluss die Anwesenheit eines
Angehörigen auf die Reanimierenden hat. Die randomisierte Studie der
Preisträger hatte daher zum Ziel, die Effekte auf die Arbeitsleistung und
das empfundene Stresslevel von Reanimierenden während einer simulierten
Reanimation zu messen. Welche Wirkung dabei eine spontane oder eine
designierte Teamleitung hat, wurde außerdem untersucht. Im Rahmen der
Kongresse der AG für Intensiv- und Notfallmedizin in Arnsberg wurden dafür
325 Reanimationsteam analysiert – bei der einen Hälfte war ein
Familienangehöriger, professionell gemimt durch einen Schauspieler,
anwesend, bei der anderen Hälfte nicht. „Wir haben uns die Arbeitsleistung
angeschaut, indem wir in Videovergleichen die „Hands-on-Zeit“ gemessen
haben. Zusätzlich haben wir über einen validierten Fragebogen die
subjektiv empfundene Arbeitsbelastung abgefragt“, erklärt Mareike Willmes-
Pflüger, Assistenzärztin im Bereich Kardiologie/Angiologie, Marienhospital
Herne, die zusammen mit Dr. Timur Sellmann, Chefarzt der Klinik für
Anästhesiologie und Intensivmedizin Ev. Krankenhaus Bethesda zu Duisburg,
die Erstautorenschaft bei der Studie innehat.

Familienangehörige beeinflussen die Arbeitsleistung nicht

Heraus kamen Studienergebnisse, die auch das Preisträger-Team überrascht
haben. Zum einen wurde festgestellt, dass anwesende Familienangehörige zu
einer signifikant höheren subjektiv empfundenen Arbeitsbelastung bei den
Reanimierenden führten, ohne jedoch die medizinische Teamleistung negativ
zu beeinflussen. „Das ist eine wichtige Erkenntnis. Denn viele Ärzte
nehmen an, dass ihre Arbeit darunter leidet, wenn ein Angehöriger anwesend
ist. Das tut sie aber nicht, wie wir beweisen konnten“, sagt Mareike
Willmes-Pflüger. Zum anderen kam bei der Studie heraus, dass eine
designierte Teamleitung zu einer geringeren verbalen Interaktion mit den
Familienangehörigen führte – allerdings ohne negativen Einfluss auf die
empfundene Arbeitsbelastung und die Teamleistung.

Mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Angehörigen ist nötig

„Uns ist es eine Herzensangelegenheit, dass Notfallmediziner mehr
Selbstbewusstsein bekommen, um die Anwesenheit von Familienangehörigen bei
der Reanimation zu erlauben. Wichtig wäre zum Beispiel, dass es noch mehr
Reanimationstrainings für sie gibt“, erklärt Dr. Timur Sellmann. Das
Preisgeld des DIVI-Forschungspreises von 4.000 Euro will sein Team
einsetzen, um die Forschung im Bereich Reanimation fortzusetzen. „Da gibt
es noch viele spannende Themen zu bearbeiten“, so Dr. Sellmann. „Und
Kolleginnen und Kollegen, die Interesse daran haben, diese Themen
voranzutreiben, sind herzlich willkommen.“

Über den DIVI-Forschungspreis

Der DIVI-Forschungspreis, auch bekannt als Posterwettbewerb, wird jährlich
im Rahmen des DIVI-Kongresses verliehen. Als wissenschaftliche
Fachgesellschaft möchte die DIVI damit der methodischen Diskussion einen
höheren Stellenwert einräumen. Die jeweils vier besten Abstracts aus den
Bereichen klinische und experimentelle Medizin werden von einer
Expertenjury vor dem Kongress bewertet und ausgewählt. Die jeweiligen
beiden Sieger erhalten 4.000 Euro, die zweiten 2.000 Euro und die Plätze 3
und 4 je
1.000 Euro.