Zum Hauptinhalt springen

Engpässe bei Verbrauchsmaterialien bedrohen Krebsdiagnostik - DGP fordert nationale Logistikinitiative

Prof. Dr. med. Gustavo Baretton  Uniklinikum Dresden
Prof. Dr. med. Gustavo Baretton Uniklinikum Dresden
Pin It
Prof. Dr. med. Gustavo Baretton  Uniklinikum Dresden
Prof. Dr. med. Gustavo Baretton Uniklinikum Dresden

Aktuell beklagen 70% der universitären Institute für Pathologie
Lieferschwierigkeiten bei den täglichen Verbrauchsmaterialien. Dies
gefährdet die prädiktive Krebsdiagnostik und führt zu einem Verlust an
Lebenszeit für Patientinnen und Patienten. Die DGP fordert daher eine
nationale Logistikinitiative zur Behebung dieser Engpässe.

Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) hat ergeben,
dass aktuell 70% der universitären Institute für Pathologie
Lieferschwierigkeiten bei den täglichen Verbrauchsmaterialien zu beklagen
haben (Rücklaufquote der Umfrage 50%). Das betrifft in kritischer Weise
auch die für die prädiktive Krebsdiagnostik benötigten Materialien. Dazu
zählen vor allem Pipetten- bzw. Filterspitzen verschiedener Hersteller und
Reagenzien- bzw. Isolationskits, aber auch NGS-Panels für die molekulare
Diagnostik sowie Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel.

Weitere Engpässe betrafen laut der Umfrage Verbrauchsmaterial für
Kapillarelektrophorese (Polymer, Puffer) sowie Reagiergefäße (sog.
„Eppendorf“-Tubes) in verschiedenen Größen. Eine erste Umfrage im Dezember
2020 hatte bereits vergleichbare Ergebnisse gezeigt. Die DGP geht daher
davon aus, dass sich die Engpässe inzwischen manifestiert haben und nicht
kurzfristig behoben werden können.
Die DGP fordert, dass die Versorgung von Krebspatienten angesichts der
COVID19-Pandemie nicht vernachlässigt werden darf. Der andauernde
Versorgungsengpass stellt einen ernstzunehmenden, ethischen Konflikt dar.
Die flächendeckende SARS-CoV-2-Testung verbraucht Ressourcen zu Lasten der
Krebsdiagnostik, da der erhöhte Bedarf an Verbrauchsmaterialien von der
deutschland- aber auch weltweiten Produktion bisher nicht gedeckt wird.

Ein weiterer Problemherd ist bereits in Sicht: Es steht zu befürchten,
dass es bei der laufenden Impfkampagne zu Engpässen bei Trockeneis kommen
wird. Viele Produkte der Krebsdiagnostik müssen ebenfalls auf Trockeneis
geliefert werden.

Der Vorsitzende der DGP, Prof. Dr. med. Gustavo Baretton (UK Dresden),
ordnet die Umfrageergebnisse wie folgt ein: „Die Engpässe sind geeignet,
die diagnostische Leistungserbringung zu verzögern und zu einer
möglicherweise verspäteten Therapie zu führen. Dies könnte einen Verlust
an Lebenszeit für Patientinnen und Patienten zur Folge haben. Die
Bundesregierung sollte hier, ähnlich wie bei der nationalen Impfstrategie,
rasch steuernd eingreifen, um Menschenleben zu retten. Wir halten daher
eine nationale Logistikinitiative für erforderlich.“

Fachlicher Hintergrund: Die Pathologie spielt bei der Krebstherapie eine
entscheidende Rolle, da die Therapie auf den Ergebnissen pathologischer
Diagnostik aufbaut. Jede Krebsdiagnose wird in Deutschland von einer
Pathologin oder einem Pathologen gestellt. In Tumorkonferenzen beraten
Ärztinnen und Ärzte anschließend interdisziplinär über das individuelle
Vorgehen bei jedem/r Patienten/in (sog. „personalisierte Krebsmedizin“).
Hier sind stets – abhängig von den Tumorarten - neben Pathologen z.B. auch
Onkologen, Gynäkologen oder Pneumologen beteiligt.