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Blutwerte bei Leukämie überwachen: Weniger belastende Krankenhausaufenthalte

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Deutsch-dänisches Interreg-Projekt „HomeHemo“ unter Beteiligung der
Kinderonkologie des UKSH am Campus Kiel plant Selbsttest-Verfahren für
Patientinnen und Patienten zur Anwendung zu Hause.

Ein Team der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin I am
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, und der
Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
hat gemeinsam mit Partnerinstitutionen aus der dänischen Region Seeland
das Interreg-Projekt „HomeHemo“ für eine verbesserte Versorgung von
Krebspatientinnen und -patienten eingeworben: Gemeinsam wollen die
Projektbeteiligten um den Kieler Kinderonkologen Prof. Dr. Denis Schewe
und Dr. Dr. Fabian-S. Frielitz, Versorgungsforscher am Institut für
Sozialmedizin und Epidemiologie des UKSH und der Universität Lübeck, ein
Bluttestverfahren zur Überwachung des Gesundheitszustands bei
Blutkrebserkrankungen für die Anwendung zu Hause entwickeln. Die
Europäische Union fördert das Vorhaben im Rahmen eines Interreg Netzwerk-
Projekts für zunächst zwölf Monate mit insgesamt rund 120.000 Euro. In
dieser Zeit wollen die beteiligten Institutionen zunächst eine
Machbarkeitsstudie durchführen, in der bestehende Bluttestgeräte auf ihre
Eignung für die Selbsttestung in häuslicher Umgebung bei Kindern und
Erwachsenen überprüft werden sollen. Ziel des
Gesundheitsinnovationsprojektes ist es, belastende Krankenhausaufenthalte
speziell bei Leukämiepatientinnen und -patienten zu reduzieren. Diese sind
derzeit zur Überprüfung des Blutbildes während der Chemotherapie häufig
und in kurzen zeitlichen Abständen notwendig. Neben der CAU und dem UKSH
mit den Standorten Kiel und Lübeck ist auch das Universitätsklinikum der
dänischen Region Seeland daran beteiligt, wo Dr. Mikkel Helleberg Dorff
aus der Hämatologie im Krankenhaus Roskilde und Dr. Niels Henrik Holländer
aus der Onkologie in Næstved für den dänischen Beitrag des
„HomeHemo“-projekts verantwortlich sind.

Unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden

Bei vielen Krebspatientinnen und -patienten ist eine häufige Überprüfung
des Blutbildes notwendig, um den Verlauf der Krankheit sowie den Erfolg
und die Nebenwirkungen von Therapien überprüfen zu können. Speziell bei
Leukämie-Erkrankungen, bei denen die Chemotherapie eine gestörte
Blutbildung verursacht, wird unter anderem die Zahl der weißen und roten
Blutkörperchen sowie der Blutplättchen laufend überwacht. Ärztinnen und
Ärzte können so beurteilen, wann bestimmte kritische Grenzwerte erreicht
sind und eine Bluttransfusion nötig wird. Gerade bei Leukämien müssen
diese Werte besonders engmaschig überwacht werden. Im derzeitigen
Behandlungsalltag bedeutet dies, dass Patientinnen und Patienten manchmal
sogar in 24- bis 48-stündigen Abständen für ein Blutbild ins Krankenhaus
kommen müssen. Sind sie nicht sowieso in stationärer Behandlung, ist dies
für die Betroffenen mit großen Belastungen verbunden. „Manche unserer
Patientinnen und Patienten sind mehrere Stunden mit dem Auto unterwegs, um
in der Klinik einen ambulanten Bluttest zu machen, der selbst nur wenige
Minuten beansprucht“, betont Projektleiter Schewe. „Neben den Fahrt- und
Wartezeiten bedeuten die häufigen Krankenhausbesuche psychischen Stress,
nicht nur für viele Patientinnen und Patienten, sondern auch für deren
Familien, besonders wenn Kinder betroffen sind“, so Studienärztin Dr.
Annika Rademacher aus der Kinderonkologie des UKSH am Campus Kiel.

Anwendbarkeit für Patientinnen und Patientinnen optimieren

Das Projektteam sucht daher nach Wegen, um die Anzahl dieser belastenden
Krankenhausaufenthalte zu reduzieren oder möglichst ganz zu ersetzen.
Technisch gesehen ist die Durchführung von Bluttests außerhalb einer
Praxis oder eines Krankenhauses unproblematisch. Es sind verschiedene
Testgeräte zur Überprüfung diverser Blutparameter verfügbar, die sich
grundsätzlich für die Nutzung durch medizinische Laien, also auch durch
Patientinnen und Patienten oder deren Eltern, eignen. Trotzdem gibt es
verschiedene Hürden für eine Anwendung in häuslicher Umgebung. „Besonders
schwierig kann das bei jungen Kindern sein“, sagt Prof. Schewe. „Hier ist
dann zum Beispiel von den Eltern gefordert, Kinder zu beruhigen, ihnen die
Angst zu nehmen und zugleich valide Testergebnisse zu gewinnen. Damit dies
gelingt, muss die Durchführung solcher Selbsttests so einfach wie möglich
gestaltet sein“, so Schewe weiter.

Pilotprojekt startet im Sommer

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wollen die Projektpartner aus
Schleswig-Holstein und Dänemark bereits im Sommer mit einer Pilotphase
beginnen. Eine Gruppe von Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern soll
dann in ärztlicher Begleitung die derzeit in Entwicklung befindlichen
Testprozeduren erproben. Die ärztliche Überwachung dieser Projektphase
dient unter anderem dazu, die Qualität der gewonnenen Daten zu
kontrollieren. Ziel ist es, die Selbsttests so zu optimieren, dass ihre
Ergebnisse mit den routinemäßigen Tests durch medizinisches Personal
übereinstimmen. Hierzu werden die Messungen der Selbsttests mit den
klinischen Kontrollmessungen verglichen. Zusätzlich werden die
Probandinnen und Probanden von einem Evaluationsteam begleitet. In
qualitativen Befragungen können die Betroffenen ihre Erfahrungen schildern
und beschreiben, wie sie mit der Durchführung zurechtkommen und welche
Probleme für sie aufgetreten sind. „Neben den Aspekten von Validität und
Reliabilität der Messungen ist es uns wichtig, die Benutzerfreundlichkeit
zu analysieren. Schließlich muss die Technik nahezu selbsterklärend für
die Patientinnen und Patienten sein. Wir hoffen, durch das neue
Versorgungselement `HomeHemo´ die Belastungen, die durch häufige
Krankenhausbesuche für Betroffene entstehen, reduzieren zu können“, sagt
Versorgungsforscher Frielitz. Darauf aufbauend wollen die
Projektverantwortlichen ein Schulungsangebot entwickeln, dass Patientinnen
und Patienten und ihren Angehörigen die sichere und intuitive Anwendung
der Tests vermitteln soll. Dass Krankenhaus-Kapazitäten und Gesundheits-
Budgets so künftig geschont werden könnten, ist ein erhoffter weiterer
Effekt des Projekts.

Einbindung in die Telemedizin

Über die demnächst anlaufende Machbarkeitsstudie hinaus planen die
Projektteams in Schleswig-Holstein und Seeland bereits den nächsten
Schritt: Nach der Entwicklung des eigentlichen Testverfahrens wollen sie
die Daten aus den Heimtests künftig in ein telemedizinisches System
einbinden. „Die nächste Frage für uns ist: Wie kommen die Patientendaten
zu den Ärztinnen und Ärzten?“, sagt Prof. Schewe. „Damit die Bluttests zu
Hause Sinn machen, ist eine möglichst einfache Übertragung besonders
wichtig. Wir planen mit verschiedenen Möglichkeiten, zum Beispiel der
Bluetooth-Übertragung der Blutwerte an Mobilgeräte oder die sichere
Weiterleitung der Ergebnisse in eine elektronische Patientenakte via App“,
so Schewe weiter. Bei der Entwicklung der dafür nötigen IT-Infrastrukturen
wollen die Partnerinstitutionen auf Erfahrungen aus Schleswig-Holstein und
Seeland zurückgreifen. So ist zum Beispiel mit „KULT-SH: Telemedizin mit
krebskranken Kindern“ bereits ein Projekt am UKSH in Kiel gestartet, das
die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Verbesserung der Versorgung von
jungen Krebspatientinnen und -patienten erschließen soll. Um auch das
„HomeHemo“-Projekt vollständig umzusetzen und in die bestehende
Infrastruktur einzubinden, wollen die Projektpartner im kommenden Jahr
umfangreiche Folgeförderungen bei der Europäischen Union beantragen und
damit die grenzübergreifende Zusammenarbeit für eine verbesserte
Krankenversorgung, Wissensaustausch und Innovation vorantreiben.