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Weltkrebstag am 4. Februar: Die Dresdner Hochschulmedizin setzt Maßstäbe in der Behandlung seltener Hirntumoren

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Der Weltkrebstag am 4. Februar bietet Anlass, auch seltene
Tumorerkrankungen wie primäre Hirntumoren in den Blick zu nehmen. Diese
stellen aufgrund ihrer Lage eine besondere Herausforderung für Betroffene,
Angehörige und das Gesundheitssystem dar. Die Diagnostik ist komplex und
die Therapie hochspezialisiert, da sie in unmittelbarer Nachbarschaft von
Gehirn, Hirnnerven, Sinnesorganen und zentralen Blutgefäßen entstehen. Pro
100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Deutschland gibt es jährlich nur
20 bis 25 Neuerkrankungen, doch die funktionellen Auswirkungen primärer
Hirntumore können gravierend sein.

Die Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Dresden zählt zu den wenigen spezialisierten Zentren in Deutschland, die
sich der Behandlung und Erforschung von Hirntumoren und ihrer Untergruppe,
den Schädelbasistumoren widmen. Unter der Leitung von Prof. Ilker Eyüpoglu
werden hier jedes Jahr zahlreiche hochkomplexe Eingriffe durchgeführt.
Parallel treibt das Team gemeinsam mit nationalen und internationalen
Partnern intensive Forschungsarbeiten voran, um die biologischen
Grundlagen dieser Erkrankung besser zu verstehen und die operative sowie
funktionelle Behandlung kontinuierlich zu verbessern.

Wie wichtig diese hochspezialisierte Versorgung ist, zeigt der Fall von
Karl Maximus Seidemann. Die Sehkraft des jungen Mannes verschlechterte
sich über einen Monat kontinuierlich. Als er nur noch Umrisse erkennen
konnte, stellte er sich in der Klinik für Neurochirurgie am UKD vor. Die
Diagnose: ein Tumor der Schädelbasis, genauer ein Kraniopharyngenom, das
unmittelbar auf den Sehnerv drückte. Weil Karl Seidemann zu erblinden
drohte, musste er sofort operiert werden.

„Unser Ziel bei diesen Eingriffen ist es, sie so sicher wie möglich
durchzuführen und zugleich die neurologischen Funktionen der Patientinnen
und Patienten bestmöglich zu erhalten“, erläutert Prof. Ilker Eyüpoglu,
Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Uniklinikum Dresden. Er leitete
auch die Notfall-Operation des jungen Mannes. „Die Kombination aus großer
operativer Erfahrung, modernster Technologie und einem tiefen biologischen
Verständnis der Tumoren erlaubt uns heute selbst bei extrem komplexen
Befunden eine hochgradig individualisierte Therapie.“

Die klinische und wissenschaftliche Arbeit des Teams am
Universitätsklinikum Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden
umfasst dabei das gesamte Spektrum primärer Hirntumoren, darunter Gliome,
Meningeome und weitere seltene Tumorarten. Primäre Tumoren des zentralen
Nervensystems machen rund zwei Prozent aller Krebserkrankungen aus.

Ein zentraler Standortvorteil ist die enge Verzahnung modernster
operativer Technologien mit umfassender klinischer Expertise. Zum Einsatz
kommen unter anderem während der Operationen: MRT-Bildgebung, Angiographie
sowie ein kontinuierliches elektrophysiologisches Monitoring, um jederzeit
prüfen zu können, ob Gefäße oder Nervenstrukturen gefährdet sind. Hinzu
kommen hochpräzise, modernste Navigationssysteme sowie mikrochirurgische
und endoskopische Hochleistungsverfahren. Diese Ausstattung ermöglicht
selbst bei hochkomplexen Tumoren, wie Tumoren an der Schädelbasis, sichere
Eingriffe.

Karl Maximus Seidemann haben diese Expertise und das schnelle Eingreifen
gerettet. Der Tumor konnte vollständig entfernt und die Sehkraft
wiederhergestellt werden. Jetzt befindet sich Karl Seidemann in der
ambulanten Nachsorge. „Die Mitbetreuung durch Experten für den
Hormonhaushalt (Endokrinologie) erfolgt weiterhin, was bei dieser
Tumorerkrankung erwartbar ist. Unter der bestehenden Hormontherapie ist
der Patient klinisch stabil und im Alltag voll belastbar“, sagt Prof.
Eyüpoglu.

Starke Forschung verbessert die Patientenversorgung unmittelbar
Die Versorgung in der Klinik profitiert erheblich von der engen Verbindung
zur Forschung. In den vergangenen zwei Jahren konnten internationale
Multicenter-Studien und eigene Dresdner Untersuchungen neue molekulare
Zusammenhänge bei Schädelbasistumoren identifizieren. Diese Erkenntnisse
fließen unmittelbar in die klinische Praxis ein und ermöglichen eine
präzisere Operationsplanung sowie zunehmend individualisierte
Therapiekonzepte.
Konkret zeigte eine große internationale Multicenter-Studie zu
Olfaktorius-Meningeomen (Alkhatib et al., J Neurosurg 2025), dass ein
Großteil dieser Tumoren charakteristische genetische Veränderungen
aufweist, die ihr Wachstum und ihr biologisches Verhalten bestimmen.
Ergänzend belegte eine Dresdner Untersuchung (Podlesek et al., Cancers
2024), dass für den Erhalt des Riechvermögens neben dem molekularen Profil
insbesondere anatomische Faktoren wie Tumorgröße, knöcherne Veränderungen
und Schwellungen des umliegenden Gewebes entscheidend sind. Die
Kombination dieser Daten liefert wertvolle Hinweise für die operative
Planung und die Lebensqualität nach dem Eingriff.

Auch bei den seltenen Foramen-magnum-Meningeomen am Übergang von Schädel
und Wirbelsäule konnten internationale Forschungsteams unter Dresdner
Federführung zentrale genetische Zusammenhänge entschlüsseln (Hua/Alkhatib
et al., J Neurosurg 2024). Bestimmte molekulare Veränderungen korrelieren
hier mit Lage und feingeweblicher Struktur der Tumoren. Dieser
Erkenntnisgewinn ist insbesondere für sicherere Operationsstrategien von
Bedeutung.

Fortschritte bei hormonaktiven Tumoren
Einen weiteren wichtigen Baustein dieser Forschungsserie liefert die
Studie von Emmanouilidis et al. (Pituitary 2025), die sich mit
Hypophysenadenomen befasst – Tumoren der Hirnanhangsdrüse, die durch
hormonelle Fehlregulationen unter anderem zu Erkrankungen wie Akromegalie,
also der Vergrößerung von Händen, Füßen und Gesichtszügen führen können.
Die Dresdner Arbeit identifiziert erstmals klinische und biologische
Faktoren, die nach einer operativen oder medikamentösen Therapie zu
Abweichungen zwischen Wachstumshormon- und IGF-1-Werten führen. Diese
Erkenntnisse sind von hoher praktischer Relevanz, da sie eine präzisere
Bewertung des Therapieerfolgs ermöglichen und die Basis für individuell
angepasste Nachsorge- und Kontrollkonzepte schaffen.

Bereits in Vorbereitung befinden sich zwei weitere Publikationen zu
Schädelbasismeningeomen und Hypophysentumoren, die die bisherigen
Ergebnisse systematisch ergänzen werden. Gemeinsam zeichnen sie ein
konsistentes Bild einer Forschungsstrategie, die molekulare, funktionelle
und klinische Aspekte zusammenführt.

Wissenschaft, Klinik und Interdisziplinarität als gemeinsamer Nenner
„Diese Forschungsarbeiten zeigen exemplarisch, wie eng in Dresden
Grundlagenforschung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und
patientenorientierte Spitzenmedizin miteinander verknüpft sind, um
Diagnostik, Therapie und Nachsorge kontinuierlich weiter zu verbessern.
Gerade bei seltenen Tumorerkrankungen wird dies besonders deutlich“,
erklärt Prof. Esther Troost, Dekanin der Medizinischen Fakultät an der
Technischen Universität Dresden.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Nationale Centrum für
Tumorerkrankungen (NCT/UCC) Dresden. Als strukturierte Plattform bringt es
spezialisierte Expertise aus Neurochirurgie, Onkologie, Strahlenmedizin,
Bildgebung und weiteren Fachdisziplinen zusammen und ermöglicht es,
innovative Forschungsergebnisse gezielt und zeitnah in die
Patientenversorgung zu überführen.

„Diese enge Verzahnung bildet die Grundlage für eine hohe
Behandlungsqualität und kontinuierlichen medizinischen Fortschritt. So
sind wir hier in der Lage, auch komplexe Fälle aus ganz Deutschland und
sogar Europa auf höchstem Niveau versorgen zu können“, ergänzt Prof. Uwe
Platzbecker, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums.