Gesundheitsvorsorge als „Patentlösung“: NRP veröffentlicht Publikationssammlung zur neurologischen Prävention
„Neurological Research and Practice“, kurz NRP, das internationale Open-
Access-Journal der DGN, hat aktuell eine Publikationssammlung zur
neurologischen Prävention veröffentlicht. Insgesamt acht Arbeiten
beleuchten das extrem große Potenzial der Prävention bei verschiedenen
neurologischen Erkrankungen. Dabei geht es neben Schlaganfall und Demenz,
bei denen die Effekte der Vorbeugung z. T. schon bekannt sind, auch um
Parkinson, Epilepsie oder die weit verbreitete Polyneuropathie. Eines wird
deutlich: Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und einem „auf Kante
genähten“ Gesundheitssystem darf das Potenzial der Prävention nicht
ungenutzt bleiben!
Neurologische Krankheiten sind zentrale Treiber von Mortalität und
Morbidität. Auch in Deutschland führen sie die Todesfallstatistiken an und
sind die häufigste Ursache für Behinderungen [1]. „Vor diesem Hintergrund
sowie angesichts der rasant steigenden Kosten des Gesundheitssystems
müssen wir uns fragen, wie wir dieser Entwicklung entgegenwirken können.
Ein stärkeres Augenmerk auf Prävention und Gesunderhaltung der Bevölkerung
zu legen, bietet sich hier nahezu als Patentlösung an“, erklärt DGN-
Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg, UKSH Kiel. Wie die Expertin
hervorhebt, wird lediglich ein Promille, also ein Tausendstel, des
deutschen Gesundheitsbudgets für Prävention ausgegeben – bei gleichzeitig
steigenden Therapiekosten. „Daran krankt das System. Mehr Investitionen in
die Gesundheitsvorsorge zahlen sich unbedingt aus, gerade wenn es um
neurologische Krankheiten geht.“
Um das Wissen zur neurologischen Prävention evidenzbasiert
zusammenzutragen, entstand auf Initiative des DGN-Generalsekretärs Prof.
Dr. Peter Berlit eine Publikationssammlung, die nun in NRP veröffentlicht
wurde. Eines der Reviews befasst sich mit dem Potenzial der
Schlaganfallprävention. Wie Thielscher et al. [2] ausführen, können 80 %
aller Fälle 23 modifizierbaren Risikofaktoren zugeschrieben werden – wären
also prinzipiell vermeidbar. „Unterschieden werden muss jedoch zwischen
individuellen Faktoren wie Übergewicht oder Bluthochdruck und allgemeinen
Faktoren wie beispielsweise Luftverschmutzung, auf die der Einzelne nur
sehr bedingt Einfluss nehmen kann“, so die DGN-Präsidentin. Dennoch bleibt
das Präventionspotenzial groß: Ein Drittel aller Schlaganfälle könnte
allein dadurch vermieden werden, dass auf Alkohol und Rauchen verzichtet,
regelmäßig Sport getrieben und auf eine ballaststoffreiche, salzarme
Ernährung umgestellt wird [2]. In Deutschland erleiden jährlich etwa
270.000 Menschen einen Schlaganfall, 200.000 davon erstmals. Allein die
drei genannten Lebensstilumstellungen können also eine große Wirkung
erzielen – sowohl gesundheitsökonomisch als auch auf individueller Ebene.
Ähnlich hoch ist das Potenzial beim Thema Demenz: Wie Reetz et al. [3]
ausführen, sind 14 veränderbare Risikofaktoren für bis zu 45 % der Fälle
verantwortlich. Strukturierte, mehrere Lebensbereiche umfassende
Interventionen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen können wirksam
sein. Besonders wichtig sind dabei Beratung und Unterstützung bei der
Förderung von Lebensstiländerungen. „Prävention braucht Vermittlung – und
dafür muss das System einen Rahmen schaffen. Ärztinnen und Ärzte müssen
wiederholt Gespräche mit den Betroffenen führen. Aus unserer Sicht ist es
wichtig, dass solche Präventionssprechstunden auch adäquat vergütet
werden“, erklärt Prof. Berg.
PD Dr. Eva Schäffer, UKSH Kiel, Editorin der Publikationssammlung [4] und
Autorin des Beitrags zu Parkinson [5], weiß, wie wichtig
Lebensstilumstellungen auch bei dieser neurodegenerativen Erkrankung sind
– auch in der Sekundärprävention, also um das Fortschreiten der Erkrankung
zu verlangsamen. „Es erfordert von den Behandelnden viel Zeit, die
Patientinnen und Patienten vom Stellenwert dieser Maßnahmen zu überzeugen
und sie immer wieder neu zu motivieren, denn viele Menschen meinen, der
Lebensstil könne nicht so viel bewirken wie ein Tablette.“ Wie falsch
diese Annahme ist, zeigt sich bereits an den im Artikel dargelegten Zahlen
zur Primärprävention [5]: Wer intensiv Sport treibt, kann sein Parkinson-
Risiko um bis zu 60 % senken und den Krankheitsverlauf verlangsamen – das
schafft bisher kein Medikament.
„Auch die anderen Review-Artikel der Publikationssammlung zeigen die hohe
Wirksamkeit der Prävention neurologischer Erkrankungen und fassen den
wissenschaftlichen Status quo der internationalen neurologischen
Präventionsforschung eindrucksvoll zusammen“, betont Prof. Wolf Schäbitz,
Editor-in-Chief von NRP, dem englischsprachigen Open-Access-Journal der
DGN. „Wir sind sehr stolz darauf, aus Deutschland heraus diesen
evidenzbasierten, wichtigen Input zu geben, und hoffen, dass viele Länder
die Prävention neurologischer Erkrankungen an die erste Stelle ihrer
Public-Health-Agenden setzen.“
Die Arbeiten weisen auch in die Zukunft der Prävention: Genetik wird
perspektivisch eine große Rolle spielen; dadurch kann Prävention stärker
individualisiert werden. Ein weiterer Punkt ist die verbesserte
Früherkennung: Erste Bluttests für Alzheimer sind auf europäischer Ebene
bereits zugelassen, bei Parkinson befinden sie sich noch in der
Entwicklung – beides Erkrankungen mit langen „Vorlaufzeiten“. Die Idee
ist, Krankheiten möglichst früh zu erkennen, um dann durch gezielte
Sekundärprävention den „Ausbruch“ möglichst weit nach hinten zu
verschieben. „Allein diese bereits greifbaren Perspektiven machen
deutlich, dass es sich nicht nur lohnt, in die Erforschung neuer
Therapien, sondern auch in die Präventionsforschung zu investieren“,
erklärt DGN-Präsidentin Berg abschließend.
[1] Pressemeldung der DGN vom 11.02.2026. Neurologische Krankheiten haben
die höchste Krankheitslast – auch in Deutschland.
https://www.dgn.org/artikel/ne
krankheitslast-auch-in-deutsch
[2] Thielscher, C.S., Montellano, F.A., Saur, D. et al. Prevention in
stroke - Current state, present gaps and probable next steps. Neurol. Res.
Pract. 8, 31 (2026). https://doi.org/10.1186/s42466
[3] Reetz, K., Liepelt-Scarfone, I., Häger, A. et al. The best treatment
is prevention: prevention of cognitive decline and dementia – current
state, gaps and next steps –. Neurol. Res. Pract. 8, 30 (2026).
https://doi.org/10.1186/s42466
[4] Schaeffer, E., Berg, D. The brain health bundle: integrating evidence-
based strategies to guide neurological prevention. Neurol. Res. Pract. 8,
44 (2026). https://doi.org/10.1186/s42466
[5] Schaeffer, E., Becktepe, J.S., Brockmann, K. et al. Preventing
Parkinson’s disease in the context of movement disorders: a narrative
review of current evidence and future directions. Neurol. Res. Pract. 8,
27 (2026). https://doi.org/10.1186/s42466
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Leiterin der DGN-Pressestelle: Dr. Bettina Albers
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Originalpublikation:
https://doi.org/10.1186/s42466
