Hitze macht krank, und das Gehirn leidet besonders
Bekannt ist: Hitzewellen begünstigten die Entstehung neurologischer
Ereignisse wie Schlaganfälle. Hinzu kommt: Menschen mit neurologischen
Erkrankungen wie MS, Parkinson, Migräne oder Demenz sind eine besonders
vulnerable Gruppe; steigende Temperaturen führen bei ihnen zu spürbaren
Krankheitsverschlechterungen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie
unterstützt daher das Positionspapier der Deutschen Allianz Klimawandel
und Gesundheit [1] zum Hitzeaktionstag am 11.06.2026 und fordert die
Umsetzung der darin aufgeführten Maßnahmen, um insbesondere Menschen mit
neurologischen Krankheiten wirksam vor Hitze zu schützen. Hilfreich könnte
eine personalisierte „Schlaganfallwarn-App“ sein.
Hitze ist ein relevanter Risikofaktor für verschiedene neurologische
Erkrankungen. Gerade die Datenlage zum Schlaganfall ist sehr
aussagekräftig: Hohe Temperaturen und insbesondere sehr warme Nächte
erhöhen das Schlaganfallrisiko. Eine Studie [2] aus Deutschland zeigte,
dass mit zunehmenden nächtlichen Hitzeereignissen die Zahl hitzebedingter
Schlaganfälle deutlich zunahm, und dass während Hitzewellen die
Sterblichkeit nach Schlaganfällen steigt.
Bei Parkinson kommt es zu einer Verschlechterung motorischer und nicht
motorischer Symptome während Hitzewellen. Eine im April 2026
veröffentlichte Studie [3] zeigte, dass extreme Hitze mit einer erhöhten
Rate Parkinson-bedingter Krankenhausaufnahmen verbunden ist, insbesondere
bei älteren Betroffenen. Bei Multipler Sklerose ist gut belegt [4], dass
hohe Umgebungstemperaturen neurologische Symptome verschlechtern und
Krankenhausaufnahmen begünstigen. Das Auftreten eines im Einzelfall
lebensgefährlichen Delirs wird bei Demenzen gehäuft während Hitzewellen
beobachtet.
Kühle Notunterkünfte und hitzeresiliente Gesundheits- und
Pflegeeinrichtungen
„Auch wenn bei Demenz, Parkinson und MS die Hitze nicht
krankheitsursächlich ist, zeigen diese Daten das große Potenzial von
Hitzeschutzmaßnahmen für die Sekundärprävention. Todesfälle könnten
verhindert und viele Krankenhausaufenthalte könnten den Betroffenen und
dem Gesundheitssystem erspart werden“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit,
Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Wir
unterstützen daher ausdrücklich das Positionspapier der Deutschen Allianz
Klimawandel und Gesundheit (KLUG) zur Krisenresilienz bei Extremhitze.“
Besonders unterstreicht Berlit die darin formulierte Forderung, das
Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen hitzeresilient aufzustellen: „Nicht
klimatisierte neurologische Reha- und Pflegeeinrichtungen sollten der
Vergangenheit angehören, natürlich auch nicht klimatisierte Kliniken. Wir
erhöhen dadurch die Krankheitslast neurologischer Patientinnen und
Patienten.“
Der Experte verweist ebenfalls auf das große Potenzial des Hitzeschutzes
auf die Primär- und Sekundärprävention: „Zahlreiche Schlaganfälle und ihr
Wiederauftreten könnten ganz vermieden werden“. Eine im Januar 2026 in
„Nature Communications“ veröffentlichte Studie [5] berechnete, dass bei
Hitze die Schlaganfallmortalität in der Allgemeinbevölkerung um 13,8 %
stieg, bei älteren Menschen betrug der Anstieg sogar 16,4 %. Auch
Christian Thielscher, Mitglied der Jungen Neurologie der DGN und der AG
Neurologie von KLUG sowie Erstautor eines wegweisenden aktuellen Reviews
zur Schlaganfallprävention [6] betont: „Das Schlaganfallrisiko ist eng mit
dem Klimaschutz verknüpft.“
Entsprechend unterstützt die DGN auch den im KLUG-Positionspapier
dargelegten Aufruf, besonders gefährdete Menschen vor Hitze zu schützen
und barrierefreie, kühle Notunterkünfte einzurichten. Doch wie können
Menschen vor hitzebedingten Schlaganfällen gewarnt werden?
Zukunft der Primärprävention: Persönliche, tagesaktuelle
„Schlaganfallvorhersage“
Die chinesischen Forscherinnen und Forscher der Nature-Arbeit [5]
entwickelten ein „Stroke Heat Risk Prediction Model“ und zeigen, dass ein
solches hitzespezifisches Warnsystem einen erheblichen Teil hitzebedingter
Schlaganfalltodesfälle verhindern könnte. Durch die Nutzung von GPS zur
Standortbestimmung und unter Bewertung grundlegender persönlicher Daten
wie Alter, Geschlecht, Risikofaktoren und Medikamenteneinnahme
prognostiziert das Tool die hitzebedingten Gesundheitsrisiken im Hinblick
auf Schlaganfälle für den aktuellen Tag und die nächsten sieben Tage.
Zudem liefert die App maßgeschneiderte Empfehlungen zu Ernährung,
körperlicher Aktivität, Aufenthalt im Freien, Temperaturregelung in den
eigenen vier Wänden sowie ärztlichen Konsultationen.
„Wir glauben, dass eine solche individualisierte ‚Schlaganfallvorhersage-
App‘, wenn sie ausreichend validiert wurde, durchaus ein wirksames
Präventionstool sein könnte. Menschen, denen eine App auf ihrem Handy
sagt, dass ihr persönliches Schlaganfallrisiko an einem bestimmten Tag
hoch oder sogar extrem hoch ist, werden ihr Verhalten der Hitze anpassen
und die Ratschläge umsetzen – im Gegensatz zu allgemeinen Aufrufen“.
Eigene Risiken werden oft unterschätzt, das nennt die Wissenschaft
Optimismus-Bias.
Allerdings geben die Experten auch zu bedenken, dass die alleinige Warnung
ohne eine Hitzeschutz-Infrastruktur wenig nützt: „Wenn die Gefährdeten
keine Möglichkeit haben, eine kühle Umgebung aufzusuchen, ist der Alert
nicht zielführend.“
[1] KLUG. Positionspapier zur Krisenresilienz bei Extremhitze. Abrufbar
unter: https://hitzeaktionstag.de/wp-
/Positionspapier-Krisenresilie
[2] He C, Breitner S, Zhang S, Huber V, Naumann M, Traidl-Hoffmann C,
Hammel G, Peters A, Ertl M, Schneider A. Nocturnal heat exposure and
stroke risk. Eur Heart J. 2024 Jun 28;45(24):2158-2166. doi:
10.1093/eurheartj/ehae277. PMID: 38768958; PMCID: PMC11212822.
[3] Dinehart C, Delaney SW, Mock L, Racette BA, Miller GW, Kioumourtzoglou
MA, Braun D, Zanobetti A, Mork D. Extreme heat and hospitalization with
Parkinson's disease among older adults. J Expo Sci Environ Epidemiol. 2026
Apr 13. doi: 10.1038/s41370-026-00882-7. Epub ahead of print. PMID:
41974975.
[4] Berntsson SG, Reis J, Zjukovskaja C, Tulek Z, Kristoffersson A,
Landtblom AM. Climate change impacts the symptomology and healthcare of
multiple sclerosis patients through fatigue and heat sensitivity - A
systematic review. J Neurol Sci. 2025 Jul 15;474:123526. doi:
10.1016/j.jns.2025.123526. Epub 2025 May 6. PMID: 40359743.
[6] Zhang J, Zhang M, Sun Q, Ma R, Zhang C, Lu K, Dong Q, Li T.
Interventional applications of a Stroke Heat Risk Prediction Model produce
health benefits. Nat Commun. 2026 Jan 27;17(1):2058. doi:
10.1038/s41467-026-68815-4. PMID: 41593072; PMCID: PMC12949070.
[6] Thielscher CS, Montellano FA, Saur D, Flöel A, Petzold GC, Haeusler
KG. Prevention in stroke - Current state, present gaps and probable next
steps. Neurol Res Pract. 2026 Apr 22;8(1):31. doi:
10.1186/s42466-026-00479-3. PMID: 42021367; PMCID: PMC13101267.
