Objekt des Monats Mai 2018
Die Museumsreihe „Objekt des Monats“ behandelt in diesem Monat nicht nur ein Einzelobjekt, sondern eine thematisch zusammen gehörende Gruppe. Es handelt sich um insgesamt 72 Graburnen und Beigefäße aus der Bronze- und Eisenzeit. Einige der Gefäße, die in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts bei Baustellenuntersuchungen in und um Hamm geborgen worden waren, enthielten noch Reste von Leichenbrand. Als Leichenbrand bezeichnet man die Asche und verkohlten Reste der für die Beisetzung verbrannten menschlichen Körper und Grabbeigaben.
Brandbestattungen waren im westfälischen Raum und weiten Teilen Europas in der Bronze- und Eisenzeit ein verbreiteter Bestattungsritus. Auf die Erhaltung des Körpers wurde im Gegensatz zu der aus anderen Kulturkreisen bekannten künstlichen Mumifizierung, die in der aktuellen Sonderausstellung des Museums derzeit anschaulich präsentiert wird, kein Wert gelegt. Die in oder neben den Urnen mitbestatteten Grabbeigaben deuten aber an, dass auch in Gesellschaften, in denen Brandbestattungen üblich waren, eine Jenseitsvorstellung eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Da es aus der Bronze- und der Eisenzeit Mitteleuropas leider keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt, wissen wir heute leider nicht mehr, wie sich die Menschen das Leben nach dem Tod genau vorgestellt haben. Trotzdem ist es plausibel, für diese Zeit bereits die Vorstellung einer „Seele“ anzunehmen.
In den letzten Jahren waren die Untersuchungsmethoden für Leichenbrände mithilfe neuer Technologien systematisch verfeinert worden. Im Zuge der Neugestaltung der archäologischen Sammlung im Jahr 2015 bot sich die Möglichkeit auch die Leichenbrände aus dem Hammer Museumsmagazin genauer zu analysieren. Die Untersuchungen leitete Prof. Kunter vom anthropologischen Institut der Universität Gießen. Wir wissen nun, dass in den elf Urnen sechs männliche und sechs weibliche Personen bestattet worden sind, wobei eine Urne Leichenbrand von zwei Personen enthielt. Aus nicht vollständig verbrannten Knochenfragmenten konnte in allen Fällen das ungefähre Sterbealter ermittelt werden konnte. Etwa die Hälfte der Bestatteten Personen ist dabei mit 40-60 Lebensjahren für damalige Verhältnisse relativ alt geworden.
Alle Leichenbrände stammen, bis auf eine Ausnahme, von Erwachsenen. Ein Mädchen war mit sieben bis 13 Jahren verstorben. In der Urne mit dem Kind befanden sich auch die Brandreste einer 20-40 jährigen Frau. Ein Befund, der zahlreiche Spekulationen ermöglicht: Sind hier Mutter und Tochter in kurzem zeitlichen Abstand verstorben, hat man dem jungen Mädchen eine Begleitung für die Reise ins Jenseits mitgegeben? Hat man einer Erwachsenen eine Sklavin für das Jenseits mitgegeben?
Von den Vermutungen zurück zu den wissenschaftlichen Ergebnissen zeigen die Brandreste, dass alle Erwachsenen zu Lebzeiten schwer körperlich gearbeitet hatten. Das Nahrungsmittelangebot scheint ausreichend vorhanden gewesen zu sein, die Männer waren ausgesprochen hochwüchsig, so dass Hungerzeiten im jugendlichen Alter wohl ausgeblieben sind. Die Frauen waren allerdings deutlich kleiner und insgesamt graziler.
Ein Mann mit sehr starken Langknochen und sehr starken Muskelansätzen bekleidete möglicherweise eine Sonderstellung in der Gesellschaft: Neben kleinen blauen Glasperlen, mit deren Hilfe seine Bestattung auf die Zeit um 800 v.Chr. datiert werden konnte, fanden sich noch ein Bronzestück und ein Steingerät unbekannter Funktion in seinem Grab. Seine Urne ist zudem deutlich größer.
Es sind die vielen kleinen Puzzlesteine, wie die Ergebnisse der Leichenbranduntersuchung der Hammer Urnen, welche die Wissenschaftler und interessierten Besucher des Gustav-Lübcke Museums den Menschen, die an der Lippe vor rund 3.000 Jahren lebten, wieder ein klein wenig näher bringen.
