Zum Hauptinhalt springen

Objekt des Monats Juli 2019 „Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“

„Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“ aus dem Verlag „Der praktische Schulmann“ nach einem Original von Willy Planck, Publikationsjahr 1937. © Gustav-Lübcke-Museum
„Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“ aus dem Verlag „Der praktische Schulmann“ nach einem Original von Willy Planck, Publikationsjahr 1937. © Gustav-Lübcke-Museum
Pin It
„Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“ aus dem Verlag „Der praktische Schulmann“ nach einem Original von Willy Planck, Publikationsjahr 1937. © Gustav-Lübcke-Museum
„Wikinger auf Binnenfahrt im Odertal“ aus dem Verlag „Der praktische Schulmann“ nach einem Original von Willy Planck, Publikationsjahr 1937. © Gustav-Lübcke-Museum

In einer Koje der Sonderausstellung „Mythos Germanien“ im Gustav-Lübcke-Museum befindet sich ein besonders gut erhaltenes, buntes Schulwandbild. Derartige Schautafeln schmückten in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 die Klassenzimmer. Es wurde 1937 von Willy Planck gemalt, tausendfach reproduziert und zeigt ein prächtiges, eben angelandetes Wikingerschiff an der Oder. In der Bildmitte auf dem Bootssteg macht sich ein großgewachsener, blonder und aufrecht stolz schreitende Wikinger auf in Richtung Ufer. Friedlich gestimmte und zivilisierte Reisende statten anderen freundlichen Menschen einen Besuch ab, um vermutlich Handel mit ihnen zu treiben. Das jedenfalls lässt die Darstellung auf den ersten Blick vermuten.

Auffällig ist aber, dass die am Ufer Wartenden den Wikingern devot mit gesenktem Köpfen und einem dargebotenen Geschenk begegnen und die Gestalten auf dem Schiff alle Waffen tragen. Also doch keine Darstellung einer einfachen Handelsreise? Auch fällt am linken Bildrand eine seltsame Gestalt optisch heraus. Die dunkle Gestalt hält einen Geldsack in der Hand, trägt einen Bart und einen Hut. Sie hat eine gekrümmte Nase und steht geduckt da. Der Begleittext für Lehrer informiert den Leser, dass sie der Jude sei, der sich herbeidrängt, den Slawen ihre Kinder raubt und in alle Welt als Sklaven verkauft. Aber jetzt kämen die Germanen (Wikinger), die ihm zeigten, dass er seine Rolle ausgespielt habe. Sie würden die Slawen von dem jüdischen Joch befreien.

In der Zeit des NS-Regimes sollte den Schülern so vor Augen geführt werden, wie wichtig es sei, sich gegen die böswillig agierenden Juden zu wehren. Die zentrale Aussage des Schulwandbildes war es, die Wikinger als Befreier vom Judentum und nicht als Eroberer darzustellen. „Wikinger auf Binnenfahrt“ ist zeitlich vor der Organisation der so genannten „Endlösung“ der Judenfrage entstanden zeigt aber, wie die antisemitische Stimmung – auch in Schulen – langfristig vorbereitet wurde. Alle Schulwandbilder waren mit Begleittexten ausgestattet, in denen sich die gewünschte ideologische Vorstellung der Nationalsozialisten im direkten Dialog zwischen Lehrern und Schülern fortsetzten sollte.

Die Körperhaltung der am Ufer wartenden Slawen deutet an, dass sie gegenüber den Ankömmlingen eine untergeordnete Stellung bekleiden. Die archäologische Forschung aus dieser Zeit lieferte entsprechende (zum Teil gefälschte) Fakten. Zusammen mit der auch über die Schulwandbilder gelehrten Meinung sollte eine Jahrtausende alte Kontinuität der „germanischen Besiedlung“ und Rettung anderer Völkerschaften durch die Germanen bzw. deren „arische“ Nachfahren vermittelt werden. Aufgrund dieser angeblich historisch gesicherten Tatsachen sollte die Eroberung, Besetzung und Ausnutzung europäischer Nachbarländer während des bald darauf folgenden Krieges legitimiert werden.

Bis heute hat die Wissenschaft keine eindeutigen Belege, dass Wikinger mit ihren Schiffen jemals bis an die Oder vorgedrungen sind. Historische schriftliche Quellen belegen hingegen, dass die Wikinger Raubzüge durchführten, brandschatzten, mordeten und Menschen in die Sklaverei verkauften. Bis heute gibt es ebenfalls keine Hinweise darauf, dass in der auf dem Schulwandbild dargestellten Zeit (8.-10. Jahrhundert), Menschen jüdischen Glaubens an der Oder lebten.