Stadt Hamm, Objekt des Monats September
Das Doppelporträt von Edith Koppel (geb. 19.8.1910 in Essen-Steele, sie wohnte Brückenstraße 11) und Dr. Karl Lebenstein (geb. 12.10.1906 im Haus Weststraße 11) hat der Hammer Fotograf Josef Viegener im August 1933 in seinem Atelier an der Oststraße aufgenommen. Das junge Paar war frisch verheiratet. Am 25. Juli 1933 hatten sich die beiden auf dem Standesamt in Hamm das Ja-Wort gegeben. Die Zukunft der Eheleute stand jedoch unter keinem guten Stern. Schon die Heiratsurkunde führte den jüdischen Gerichtsassessor als „früheren Rechtsanwalt, jetzt berufslos“. Denn die antisemitische Politik der Nationalsozialisten hatte mit dem sogenannten „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 alle jüdischen Frauen und Männer sowie politisch missliebige Personen aus dem Beamtenapparat entlassen.
Die Eltern von Karl Lebenstein – Samuel Lebenstein (1855-1931) und seine Frau Emma geb. Kronenberg – besaßen etwa seit der Jahrhundertwende an der Großen Weststraße 11, direkt an der Haltestelle der „Elektrischen“, ein Geschäftshaus. Offenbar führten sie die Firma, die fertige Oberbekleidung, aber auch Stoffe zum Selbstschneidern anbot, gemeinsam. Denn das Haus war mit einem Schild mit beiden Namen versehen: Lebenstein – Kronenberg. Wie lange die beiden das Textilgeschäft betrieben, ist nicht bekannt. Vielleicht wechselte es nach Samuel Lebensteins Tod im Jahr 1931 an die Gebrüder Gumpert. 1933 ging der Oberbekleidungsladen dann an einen „arischen“ Inhaber über, an Alfred Rosenberger: „Das deutsche Fachgeschäft für schöne Damenkleidung“.
Schon im Sommer 1933 war also die Ausgrenzung jüdischer Frauen und Männer deutlich wahrzunehmen und für die Betroffenen bereits eine Bedrohung der Existenzgrundlage. Daher lebten Edith und Karl Lebenstein auch nur für kurze Zeit in Karls Geburtshaus an der Weststraße. Bereits am 5. September 1933 machten sie sich gemeinsam mit Emma Lebenstein, Karls Mutter, und mit Bruder Arthur auf den Weg nach Palästina – und retteten so ihr Leben. Mit viel Mühe – und einem gescheiterten Versuch, den Lebensunterhalt mit einem Café zu bestreiten – konnte sich Karl Lebenstein dort wieder als Rechtsanwalt niederlassen. Im Jahr 1960 starb er im Alter von 53 Jahren in Tel Aviv.
Edith Lebenstein stand nach dem Tod ihres Mannes noch in Kontakt zum Gymnasium Hammonense, wo Karl im Jahr 1925 sein Abitur abgelegt hatte. In ihrem Mitteilungsblatt Nr. 20 erinnerte die Schule an den verstorbenen Karl Lebenstein, ihren ehemaligen Schüler. Edith Lebenstein starb in hohem Alter mit 91 Jahren am 12. Januar 2001.
Dan Lebenstein, der Sohn von Edith und Karl, hat zu diesem Text freundlicherweise einige Informationen beigesteuert. Als er das Foto seiner Eltern und die Publikation sah, die die Ausstellung FOTO FARBE FORM. Bildwelten der Brüder Viegener, freute er sich sehr. „Ganz wichtig“, erklärt Dan Lebenstein gerührt, sei es, „das Andenken an meine Eltern zu bewahren“.
Maria Perrefort
