Zum Hauptinhalt springen

Bundesgesundheitsministerium fand niemanden für Studie zu Corona- Ausbrüchen in Pflegeeinrichtungen

Pin It

Warum konnte das BMG keine Pflegewissenschaftler:innen zur Beantwortung
wichtiger Fragen zur SARS-CoV-2 Pandemie finden?

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft.

Kurz vor Weihnachten berichtete die Tagesschau
(https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/corona-studie-
pflegeheime-101.html), dass wichtige Fragen zur pflegerischen Versorgung
im Zusammenhang mit der SARS-CoV-2 Pandemie nicht beantwortet werden
könnten, da sich keine geeigneten Wissenschaftler:innen finden ließen, die
bereit wären im Auftrag des Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zu
forschen.

Für eine Ausschreibung zur „Analyse der Gründe für SARS-CoV-2-Ausbrüche in
stationären Pflege-einrichtungen“ wurde, so der Pressetext, "dem
Bundesministerium für Gesundheit kein geeignetes Angebot vorgelegt“ und
somit „konnte diese Studie nicht vergeben werden". Immerhin habe man den
Auftrag für eine Literaturanalyse „direkt an einen externen
Forschungsnehmer vergeben“ können.

Angesichts einer wachsenden Zahl pflegewissenschaftlicher Professuren und
Institute in Deutschland sowie – mit der Deutschen Gesellschaft für
Pflegewissenschaft – einer pflegewissenschaftlichen Fachgesellschaft,
stellt sich natürlich die Frage, warum niemand für einen solchen Auftrag
gefunden wurde.

Die Gründe hierfür liegen jedoch nicht am mangelndem Interesse von
Pflegewissenschaftler:innen, sondern sind offensichtlich systemimmanent.
Eine Nachfrage bei dem Journalisten ergab, dass es sich offenbar um eine
begrenzte Ausschreibung im Sinne einer Auftragsvergabe handelte, die über
https://verwaltung.bund.de zugänglich war. Auch wenn es sich um eine
prinzipiell offene Ausschreibung handelt, wurde offenbar auf eine breite
Streuung verzichtet und auch   die DGP nicht einbezogen. Auch universitäre
Standorte wurden unseres Wissens nach nicht angefragt. Auch hätte das
Beratungsgremium des Pflegebeauftragten des BMG einbezogen werden können,
um geeignete Forscher:innen zu benennen. Die Autor:innen der von der DGP
initiierten Leitlinie „Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der
stationären Altenhilfe unter den Bedingungen der Covid-19 Pandemie“ hätten
ohne Frage Hinweise geben können.

Diese erfolglose Ausschreibung zeigt daher nicht die Untätigkeit oder gar
Unwilligkeit von Pflegewissenschaftler:innen in Deutschland, sondern wirft
ein Schlaglicht auf die offensichtlich mangelnde Kenntnisnahme
pflegewissenschaftlicher Kompetenzen, Strukturen und Kapazitäten in
Deutschland (auch) in Zeiten der COVID-19-Krise.
Exemplarisch genannt seien hier nur im Vergleich die Förderung des
Netzwerks Universitätsmedizin (https://www.netzwerk-
universitaetsmedizin.de/finanzierung) im Umfang von 390 Millionen € bis
2024, die v.a. für medizinische Grundlagenforschung und nur in sehr
geringem Umfang zur Erforschung der pflegerischen Versorgung verausgabt
wurden sowie die Nichtbeachtung pflegewissenschaftlicher Expertise in
entscheidenden Beratungsgremien wie der interdisziplinären Kommission für
Pandemieforschung der DFG oder dem Expertenbeirat des BMG. Der hierzu von
der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft  an Bundeskanzler Scholz
gesendete Brief (https://dg-pflegewissenschaft.de/aktuelles
/pressemitteilung-wissenschaftliches-expertengremium-zur-bekaempfung-der-
corona-pandemie-pflegewissenschaft-fehlt) blieb bislang unbeantwortet.

Angesichts der überragenden Bedeutung einer angemessenen pflegerischen
Versorgung und der besonderen Rolle professionell Pflegender im Rahmen von
Infektionsschutz und -kontrolle muss dringend pflegewissenschaftliche
Expertise einbezogen werden. Dies gelingt sicher nicht über begrenzte
Ausschreibungen im Rahmen von Auftragsforschung, deren zeitlicher und
finanzieller Um-fang darüber hinaus keine nennenswerte Forschung zulässt.

Wenn es zukünftig gelingen soll im Rahmen von Krisen, wie z.B. einer
Pandemie, kurzfristig nötige Daten zur Verbesserung der Versorgung zu
erhalten, braucht es etablierte Forschungsstrukturen. Krisenbezogene Ad-
hoc-Programme reichen hier sicher nicht aus, wie an der sehr begrenzten
Förderung pflegewissenschaftlicher Forschung seit Beginn der Pandemie
deutlich zu erkennen ist. Die vorhandenen Ergebnisse stammen fast
ausnahmslos aus Eigeninitiativen von Pflegeforscher:innen ohne spezifische
Förderung.

Wir fordern daher das BMG und andere Fördergremien des Bundes auf, ein
angemessen ausgestattetes Programm unter entsprechend qualifizierter
pflegewissenschaftlicher Begutachtung zur Erforschung der pflegerischen
Versorgung während der Pandemie aufzusetzen. Außerdem braucht es die
Einbindung pflegewissenschaftlicher Expertise in Beratungsgremien zum
Umgang mit der Pandemie.