Festvortrag zur 55. DGTHG-Jahrestagung: Medizinethik – Zwischen Ethos und Effizienzdruck
Ende Februar fand die 55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für
Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) statt und die Eindrücke wirken
nach. Technische Innovationen, Versorgungsforschungs-fragen und der
wissenschaftliche Diskurs prägten die Veranstaltung. Zugleich rückte die
Fachgesellschaft bewusst ein weiteres Thema ins Rampenlicht: die
Medizinethik. Für den Auftakt der Jahrestagung gewann die DGTHG die
Medizinerin und Philosophin Professorin Bettina Schöne-Seifert als
Festrednerin. Sie machte deutlich: Herzmedizin braucht den ethischen
Diskurs – nicht als Feigenblatt oder dekoratives Element, sondern als
integralen Bestandteil medizinischer Verantwortung.
Medizinethik – ein großes Wort! Zugegeben, es kann zunächst Respekt
einflößen. Wie nähert man sich diesem Thema? Bettina Schöne-Seifert gelang
es, vor rund 1000 Zuhörerenden im Kölner Confex eine Tür zu öffnen.
Verständlich und praxisnah zeigte sie, dass ethische Fragen kein
abstraktes Hindernis sind, sondern wertvolle Werkzeuge, um Orientierung zu
gewinnen, das eigene Handeln zu reflektieren und verantwortungsbewusst
Entscheidungen zu treffen.
Doch: Wo Werkzeuge nötig sind, ist meist etwas kaputt – oder liegt
zumindest im Argen. Bettina Schöne-Seifert nimmt kein Blatt vor den Mund.
Sie benannte diese „Defekte“ in unserem Gesundheitssystem präzise. Sie
beginnen aus ihrer Sicht mit drei Ansprüchen, die wir an unsere
gesundheitliche Versorgung stellen: Sie soll fortschrittlich sein, offen
für alle und solidarisch finanzierbar bleiben. Drei verständliche
Anliegen. Wer möchte das nicht? Wären diese drei Ansprüche Zahnrädchen,
würden sie alle für sich genommen blitzen und blinken. Wunderbar
anzusehen! Das Problem entsteht erst, wenn wir sie zum Getriebe
zusammensetzen. Sie greifen nicht ineinander, holpern aneinander vorbei.
Das Ergebnis: Es knirscht gewaltig im (Gesundheits-)System. Für die DGTHG
ist genau dieser knirschende Dreiklang hochrelevant. Kaum ein
medizinisches Fachgebiet steht so sehr für technologischen und innovativen
Fortschritt wie die Herzmedizin.
Lippenbekenntnisse bremsen, anstatt die Zahnrädchen zu schmieren
Gleichzeitig sind die Eingriffe komplex und dadurch ressourcen- und
kostenintensiv. Wer hier Verantwortung trägt, muss mehr im Blick haben als
Machbarkeit. Denn was machbar ist, muss auch bezahlbar sein. Was dem im
Weg steht? Dafür nennt Bettina Schöne-Seifert etliche Gründe: Steigende
Innovationskosten und Pharmazeutikapreise, Fachkräftemangel, unsere
alternde Bevölkerung und die nur marginale Präventionsarbeit, die nicht
recht vom Fleck kommt. Dazu gesellen sich laut der Ethikerin jede Menge
Lippenbekenntnisse aus der Gesundheitspolitik. „Wird schon werden!“,
„Kriegen wir alles irgendwie hin“ – Aussagen, die bremsen statt die
Zahnrädchen zu schmieren.
All das führt zu einem derzeit ambivalenten Befund: Deutschlands Medizin
verfügt zwar über exzellente Forschung, internationale Sichtbarkeit und
hohe Innovationskraft. Unser Gesundheitssystem gehört aber auch zu den
teuersten weltweit – mit steigenden Ausgaben in allen Bereichen: von
Klinikbehandlungen über ärztlich ambulante Leistungen bis hin zu
Arzneimitteln. Exzellent also, aber leider auf Dauer nicht bezahlbar.
Erster Schritt: Bereitschaft zur unbequemen „Reparatur“
Irgendetwas muss sich also ändern. Aber was? Ohne erhobenen Zeigefinger
gelang es der Medizinerin und Philosophin zwar den Ernst der Lage zu
schildern, aber eben auch einen Werkzeugkasten zu öffnen – voller
Potenzial, die Dinge zu kitten. Das eine einzige Wunder-Werkzeug, mit dem
sich alles richten ließe, gäbe es allerdings nicht. Zuerst müsse die
Bereitschaft entstehen, die unbequeme Reparatur überhaupt anzugehen und
sich schonungslos mit schwierigen Fragen zu beschäftigen: Wie lassen sich
Qualität sichern und Effizienz steigern, ohne Patientinnen und Patienten
zu benachteiligen? Oder ökonomischer formuliert: Wie gelingt „mehr
Gesundheit pro Euro“ auf ethisch vertretbare Weise?
Ruf nach öffentlichen Debatten und demokratischen Entscheidungen
Um sich möglichen Antworten anzunähern, unterschied Bettina Schöne-Seifert
zwischen Strategien, die Effizienz ohne Abstriche für Betroffene
versprechen, und solchen, die hier Einschränkungen bedeuten könnten.
Digitalisierung, klug eingesetztes E-Healthcare und verbesserte Prävention
gehörten zur ersten – angenehmeren – Kategorie. Komplexer werde es, wenn
Steuerungsinstrumente in die Versorgung eingreifen:
Mindestmengenregelungen, Primärarztsysteme, Bonus- oder Malusmodelle in
der Prävention. Sie könnten Qualität steigern, aber bestimmte
Patient:innengruppen auch maßgeblich benachteiligen. Was nun die erhoffte
Verbesserung bringe? Das könne die Ethikerin nicht benennen. Hier seien
öffentliche Debatten und im Anschluss daran demokratische Entscheidungen
vonnöten.
Kollegialer Austausch und ethische Reflexion im Alltag
Besonders deutlich wurde die Ethikerin beim Thema Fehlanreize. Ökonomisch
motivierte Indikationsstellungen – wenn finanzielle Zielvorgaben
beispielsweise die Wahl der Therapiemaßnahmen beeinflussen – widersprächen
dem ärztlichen Ethos. Medizinische Entscheidungen dürften niemals von
Profitinteressen geleitet werden. Gerade in der Herzmedizin, wo
interventionelle und chirurgische Verfahren oft gleichwertig sind, seien
Transparenz und Teamarbeit bei der Indikationsstellung entscheidend.
Leitlinien alleine reichten nicht aus, betonte Bettina Schöne-Seifert – es
brauche kollegialen Austausch und eine Kultur, die ethische Reflexion
selbstverständlich mache.
„Moderne Medizin ist ein riesiges Geschenk. Wir müssen nur lernen, es
richtig zu nutzen“
Hier appellierte die Ethik-Expertin auch an die Verantwortung jedes
Einzelnen: Man müsse Achtsamkeit und Reflektion in den klinischen Alltag
integrieren. Ethische Entscheidungen fielen häufig innerhalb von Sekunden
– und gerade dort böte sich die Chance, die eigene ethische Haltung
bewusst einzubringen und jeden Moment verantwortungsvoll zu gestalten.
Furcht vor dem großen Wort „Ethik“ sei fehl am Platz. „Sehen Sie die
Fortentwicklung unseres Gesundheitssystems viel mehr als fantastische
Herausforderung“, empfahl Bettina Schöne-Seifert ihrem Publikum. „Die
moderne Medizin mit all ihren Fortschritten ist ein riesiges Geschenk. Wir
müssen nur lernen, es richtig zu nutzen. Packen wir es an!“
Über Bettina Schöne-Seifert:
Bettina Schöne-Seifert ist ist sowohl Medizinerin als auch Philosophin und
zählt zu den prägenden Stimmen der Medizinethik in Deutschland. Von 2003
bis 2023 leitete sie den Lehrstuhl für Medizinethik an der Universität
Münster. 2001 gehörte sie zu den berufenen Gründungsmitgliedern des
damaligen Nationalen Ethikrates und wirkte später auch im Deutschen
Ethikrat mit. Auch über die Fachwelt hinaus wendet Schöne-Seifert sich an
ein breites Publikum. Zuletzt erschien ihr Buch "Leben, Körper, Tod", in
dem sie zentrale Streitfragen moderner Medizin – von Suizidhilfe bis KI –
aufbereitet, Argumente gegeneinander abwägt und ihre Leserinnen und Leser
zum eigenen Urteil einlädt.
