Kiel Trade Indicator 1/24: Frachtmenge im Roten Meer geht weiter zurück, weniger Schiffe in Hamburg
Die Frachtmenge, die durch das Rote Meer transportiert wird, ist im Januar
erneut gesunken. Im Dezember war sie aufgrund der Angriffe durch die
Huthi-Rebellen um über die Hälfte eingebrochen. Gegenwärtig passieren über
80 Prozent weniger Container die Meeresstraße und den Suezkanal, als
eigentlich zu erwarten wären. Das hat auch Folgen für deutsche Häfen wie
Hamburg und Bremerhaven, wo die Menge an ankommenden Schiffen um 25
Prozent zurückging. Dies geht aus dem jüngsten Update des Kiel Trade
Indicator für den Monat Januar 2024 hervor. Der Algorithmus wertet die
Positionsdaten von Containerschiffen in Echtzeit in 500 Häfen und 100
Seeregionen weltweit aus.
Grund für die drastischen Rückgänge des Frachtaufkommens ist, dass
Containerschiffe nach Angriffen durch Huthi-Rebellen statt durch das Rote
Meer und den Suezkanal nun den Umweg um Afrika und das Kap der Guten
Hoffnung nehmen. Dies bedeutet einen Umweg von rund zwei Wochen. Rund 10
Prozent aller weltweit verschifften Waren sind davon betroffen.
„Die Streitkräfte der USA und von Großbritannien konnten bislang offenbar
nicht für mehr Sicherheit auf der ehemals meistbefahrenen Handelsroute
sorgen. Die gegenwärtige Situation sieht aber dramatischer aus, als sie
gesamtwirtschaftlich ist. Wir sehen momentan, dass Containerschiffe
deutlich länger unterwegs sind als ursprünglich geplant, so dass in vielen
Häfen Europas eine Lücke entstanden ist. Die dürfte sich aber wieder auf
ein Normalmaß schließen, sobald der längere Fahrweg logistisch eingeplant
ist“, sagt Julian Hinz, Forschungsdirektor Handelspolitik und Leiter des
Kiel Trade Indicators.
Durch den Umweg ist das östliche Mittelmeer vor der Türkei, Griechenland
und Sizilien weniger befahren. Ankünfte an Häfen in Süd- und Nordeuropa
verzögern sich.
In Hamburg und Bremerhaven, aber auch in Rotterdam und Antwerpen legten 25
Prozent weniger Schiffe an, vergleicht man den Wochendurchschnitt 2023 mit
dem vom Januar 2024.
Die Menge weltweit verschickter Waren stieg im Januar aber sogar an und
die Anzahl verschiffter Standardcontainer lag bei über 14 Millionen Stück
und nahe am bisherigen Höchststand von vor rund 2 Jahren.
„Vor allem die Menge weltweit verschiffter Waren zeigt, dass der
Welthandel in keiner Krise steckt, sondern stabil geblieben ist. Zwar
können einzelne Firmen unter Lieferverzögerungen leiden, insgesamt sind
aber keine Engpässe bei Vorprodukten oder Konsumgütern zu erwarten“, so
Hinz.
„Eine Ursache für die rege Handelsaktivität dürfte auch im chinesischen
Neujahrsfest liegen, im Vorfeld der Feiertage legt der Handel in China
üblicherweise zu. Allerdings geht er danach auch wieder zurück.“
Die Frachtraten auf dem Wege von China nach Europa – diese Route führte
bislang durchs Rote Meer und den Suezkanal – sind unterdessen deutlich
gestiegen. Im Januar kostet der Transport eines Standardcontainers
zwischenzeitlich über 5.000 US-Dollar und sind seitdem wieder rund 15
Prozent gesunken. Ende 2023 waren es rund 1.500 US-Dollar. Die Preise
liegen gegenwärtig aber immer noch weit unter den Rekordwerten von 2022,
wo knapp 15.000 US-Dollar erreicht wurden.
Auch die Frachtkosten für Container für den Export nach Asien sind um mehr
als das Dreifache gestiegen.
„Weltweite Auswirkungen sind durch die Anstiege der Transportkosten jedoch
kaum merkbar, Frachtkosten machen nur einen sehr geringen Anteil an den
Warenwerten aus, bei hochpreisigen Elektronikprodukten wie Laptops oder
Mobiltelefone liegt der Anteil sogar nur im Promillebereich. Auch sind die
Preise auf der Route aus Nordamerika nach Europa nahezu unverändert seit
Beginn der Krise im November 2023“, so Hinz.
Aus technischen Gründen steht im aktuellen Update keine Zahlengrafik zur
Veränderung der Importe und Exporte zur Verfügung.
Die nächste Aktualisierung des Kiel Trade Indicator erfolgt am 7. März
(mit Medieninformation für die Handelsdaten im Februar).
Weitere Informationen zum Kiel Trade Indicator und die Prognosen für alle
75 Länder finden Sie auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator
Über den Kiel Trade Indicator
Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in preis- und saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber
dem Vormonat.
Die Auswertung erfolgt einmal im Monat um den 5. und liefert aktualisierte
Handelszahlen für den vergangenen und den laufenden Monat.
An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.
Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.
