Die Zukunft der Gletscher enträtseln
Geowissenschaftler der FAU erhält Emmy-Noether-Förderung in Höhe von 1,7
Millionen Euro
Eine Flutwelle rollt auf ein Bergdorf zu. In einer nahegelegenen Stadt
wird das Wasser knapp. Was klingt wie ein Katastrophen-Film ist in den
tropischen Anden Realität. Denn die Gletscher schrumpfen. Dr. Thorsten
Seehaus, Dozent am Lehrstuhl für Geographie und Geowissenschaften an der
Friedrich-Alexander-Universitä
deshalb, wie sich Gletscher in den letzten 70 Jahren entwickelt haben und
wie ihre Zukunft aussieht. Für das Projekt hat Seehaus eine Emmy-Noether-
Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten.
Perus Eislandschaften: lebenswichtig und bedrohlich zugleich
Der Rückgang der Eislandschaften in den tropischen Anden wirkt sich nicht
nur auf lokale Ökosysteme aus: Einerseits gehen die Wasserressourcen
zurück, andererseits steigt das Risiko für Überschwemmungen. Die beiden
gegensätzlichen Extreme schließen sich dabei nicht aus. „Gletscher sind
lebenswichtige Wasserquellen, besonders während der Trockenzeit“, erklärt
Seehaus. Denn die Eismassen funktionieren während Dürreperioden wie ein
Puffersystem. „Das Schmelzwasser ist wichtig für die Bewässerungssysteme
in den Städten, den Bergbau und beispielsweise Wasserkraftwerke.“ Weniger
Gletschermasse bedeutet also auch weniger gespeichertes Wasser, auf das
die Bevölkerung zurückgreifen kann.
Gleichzeitig können schmelzende Gletscher aber auch großen Schaden
anrichten – beispielsweise, wenn sich ein bis zu einem Kilometer langer
Gletschersee bildet, der Damm bricht und eine Flutwelle in das Tal
rauscht. „In Peru gab es deshalb viele Unglücke. Durch eine gesichertere
Prognose könnten wir besser herausfinden, wo und wann sich neue Seen
bilden könnten.“ Seehaus möchte deshalb im geförderten Projekt
herausfinden, wie sich die Gletscher in der Vergangenheit verändert haben
und wie sie sich in Zukunft entwickeln werden.
Historische Daten für die Zukunft
Sein Hauptziel ist, die Messung und Vorhersage von Gletscheränderungen zu
verbessern. Dafür konzentriert er sich auf spezifische Regionen und
erstellt genaue Daten über sie, beispielsweise wie dick die Eisschicht der
Gletscher vor Ort ist. Außerdem erforscht er, wie der Gletscherrückgang
mit Veränderungen im Klima zusammenhängt. Einen wichtigen Teil der Daten
erfasst Seehaus über Satellitenbilder oder historische Luftbildaufnahmen.
Denn nicht nur aktuelle Erkenntnisse sind wichtig: „Wenn ich Daten aus
einem kürzeren Zeitraum analysiere, sind die Vorhersagen, die damit
kalibriert werden, weniger präzise. Bei Daten über einen längeren Zeitraum
bekomme ich dagegen eine gesichertere Prognose“, sagt Seehaus.
Emmy-Noether-Gruppe im Aufbau
Das Projekt „Die vergangene, aktuelle und zukünftige Entwicklung der
Gletscher in den Tropischen Anden“ braucht eine Menge an Daten, Zeit und
Arbeitskraft. Deshalb wird das innovative Forschungsvorhaben des Erlanger
Wissenschaftlers mit 1,7 Millionen Euro gefördert. Die Gelder fließen
unter anderem in das Personal und in Expeditionen in die Anden, um vor
allem die Eisdicken vor Ort zu messen. Das Emmy-Noether-Programm
ermöglicht es qualifizierten Postdocs und Juniorprofessorinnen und
-professoren in einer frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Laufbahn, die
Leitung einer Emmy-Noether-Gruppe zu übernehmen. In einem Zeitraum von
sechs Jahren sollen sich die Leiterinnen und Leiter so für eine
Hochschulprofessur qualifizieren.
