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Antike Weltkarte in neuem Licht: KU-Forscher analysieren Tabula Peutingeriana mit innovativer Bildtechnik

Prof. Dr. Michael Rathmann (KU Eichstätt-Ingolstadt) mit MSI-Spezialist Ivan Shevchuk (Universität Hamburg, links) betrachten Beschädigungen in einem Segment der Tabula Peutingeriana in der Österreichischen Nationalbibliothek  Quelle: Philipp Köhner
Prof. Dr. Michael Rathmann (KU Eichstätt-Ingolstadt) mit MSI-Spezialist Ivan Shevchuk (Universität Hamburg, links) betrachten Beschädigungen in einem Segment der Tabula Peutingeriana in der Österreichischen Nationalbibliothek Quelle: Philipp Köhner
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Sie ist fast sieben Meter lang und die einzige überlieferte großformatige
Weltkarte aus der Antike: Die Tabula Peutingeriana zeigt die damals
bekannte Welt und das römische Straßennetz von Iberien bis Indien. Seit
Jahren erforscht der Lehrstuhl für Alte Geschichte der Katholischen
Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) dieses außergewöhnliche Dokument.
Ein Kooperationsprojekt verspricht nun dank modernster
Bildgebungstechnologie einen neuen Blick auf die alte Karte.



Das Team um Prof. Dr. Michael Rathman, Philipp Köhner und Adrian Karmann
von der KU nutzt die Multispektralanalyse (Multi-Spectral-Imaging, MSI),
mit der sich unterschiedliche Materialschichten und Farbreste sichtbar
machen lassen. Durchgeführt werden die Aufnahmen durch Techniker des
„Centre for the Study of Manuscript Cultures“ aus dem Exzellencluster
„Understanding Written Artefacts“ der Universität Hamburg, das über
besondere Expertise im Bereich der materialbasierten
Handschriftenforschung verfügt. Auch die Österreichische
Nationalbibliothek in Wien, wo die Tabula Peutingeriana aufbewahrt ist,
unterstützt das Projekt und stellt das Dokument für die aufwändigen
Bildaufnahmen vor Ort bereit. „Die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen
Institutionen ermöglicht uns eine wirklich innovative Herangehensweise,
denn gefordert sind sowohl technologische wie auch konservatorische und
historische Expertise“, erklärt Historiker Rathmann.

Die Tabula Peutingeriana gilt als einzigartiges Zeugnis nicht nur der
Kartographiegeschichte, sondern auch für die Raumwahrnehmung der Antike.
Seit 2007 ist sie Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Das in Wien
vorliegende Exemplar ist eine um 1200 entstandene Kopie einer ursprünglich
hellenistischen Karte, deren letzte antike Überarbeitung etwa 435 datiert.
Eine Besonderheit ist sie auch, weil sie nicht-maßstäblich ist: Die
Darstellung der Welt ist extrem verzerrt, drängte sie sich doch auf eine
Pergamentrolle mit einer Länge von 6,80 Meter, aber einer Höhe von nur 34
cm.
Schon seit vielen Jahren befassen sich die Eichstätter Historiker intensiv
mit der antiken Karte. Im Rahmen eines DFG-Projekts entstand zwischen 2017
und 2023 ein umfassender Kommentar in Form einer  Online-Datenbank (tp-
online.ku.de), der  die rund 3800 enthaltenen geographischen Informationen
einordnet und deutet. Neu war die Herangehensweise, wie Michael Rathmann
unterstreicht: „Wir betrachten die Tabula Peutingeriana als Produkt eines
viele Generationen umfassenden, kontinuierlichen Arbeitsprozesses, der im
Hellenismus beginnt und in dem auch die Inhalte immer wieder verändert
wurden.“

Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt an, das naturwissenschaftliche
und digitale Techniken zur Hilfe nimmt. An vielen Stellen ist die Tabula
Peutingeriana heute verblasst oder beschädigt und so nur schwer lesbar.
Bei der Multispektralanalyse werden von dem Pergament Aufnahmen in
verschiedenen Wellenlängenbereichen gemacht und am Computer so bearbeitet,
dass Kontraste zwischen verschiedenen Tinten deutlicher hervorgehoben
werden. „Dadurch können wir Details sichtbar machen, die uns bislang
verborgen geblieben sind“, sagt Philipp Köhner, wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte. Ob verschwundene
Schriftzeichen, übermalte Zeichnungen oder Einstichlöcher des Zirkels und
Hilfslinien – die innovative Technik ermöglicht die Betrachtung neuer
Fragestellungen.

Besonders interessiert sind Rathmann, Köhner und Karmann an den
Wasserflächen: Aufgrund der Verwendung von grüner Kupferpigment-Farbe sind
die Beschriftungen von Seen und Meeren mit der Zeit durch chemische
Reaktionen unlesbar geworden. Die moderne Kameratechnik soll nun
Aufschluss geben über das maritime Wissen. Wie vielversprechend das sein
kann, unterstreichen einige Aufnahmen, die testweise 2022 in Kooperation
mit der Universität Trier mit einer Hyperspektralkamera gemacht wurden.
Darin erschienen die Umrisse einer Insel samt der Beschriftung Antiochia,
die im Original nicht erkennbar sind.

In einer Abschrift der Karte von Welser aus dem Jahr 1598 ist die Insel
auch vermerkt – in einer von Scheyb aus dem Jahr 1753 dagegen nicht. Für
die Forschenden stellte sich die Frage nach der Genauigkeit Welsers und
was wann wie gut auf der Tabula Peutingeriana zu lesen war. Dank MSI-
Technik wird nun eine Beantwortung möglich: Welser hat hier sauber
gearbeitet. Etwa hundert Einträge Welsers, die heute nicht mehr mit bloßem
Auge erkennbar sind, hoffen die Eichstätter Historiker künftig
kontrollieren zu können. Zudem sollen hunderte unsichere Lesungen von
Ortsnamen und kartographischen Einträgen geprüft werden können. Sogar
Passagen, die schon Welser vor über 400 Jahren nicht mehr sah, sollen
wieder sichtbar werden. „Die neuen MSI-Aufnahmen bieten uns die Chance,
die Tabula Peutingeriana in vielen Aspekten ganz neu zu betrachten“, sagt
Philipp Köhner.

Die aktuellen Untersuchungen sind der Ausgangspunkt für zukünftige
Projekte. Perspektivisch soll auf Basis der neuen Bilddaten ein weiteres
DFG-Projekt beantragt werden, das die Tabula Peutingeriana noch
umfassender in den Blick nimmt. Damit bleibt die antike Weltkarte ein
zentrales Forschungsobjekt an der KU – nun ergänzt durch modernste
Technologie, die einen neuen Blick auf dieses bedeutende Zeugnis der
Antike ermöglicht.