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Zwischen Herkunft und Zugehörigkeit: Ilnaz Amiri forscht zur sozialen Identität

Die iranische Gastwissenschaftlerin Ilnaz Amiri  Quelle: Otto Schumacher  Copyright: Hochschule Düsseldorf
Die iranische Gastwissenschaftlerin Ilnaz Amiri Quelle: Otto Schumacher Copyright: Hochschule Düsseldorf
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Seit Februar forscht Ilnaz Amiri als Gastwissenschaftlerin an der
Hochschule Düsseldorf (HSD). Für die iranische Doktorandin ist der
Aufenthalt nicht nur eine wichtige Station ihrer wissenschaftlichen
Arbeit, sondern auch die Erfahrung eines neuen akademischen und
gesellschaftlichen Umfelds.

Am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften beschäftigt sie sich mit
der Frage, wie Kinder mit iranischen Müttern und afghanischen Vätern ihre
soziale Identität entwickeln. Im Interview spricht sie über ihre ersten
Monate an der HSD, ihr Forschungsprojekt und darüber, welche Rolle
Herkunft, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für
Identität spielen.

Frau Amiri, Sie sind seit Februar als Gastwissenschaftlerin an der
Hochschule Düsseldorf. Wie haben Sie Ihre ersten Monate an der HSD erlebt?

Ich bin am 9. Februar dieses Jahres in Düsseldorf angekommen und erinnere
mich noch sehr genau an meinen allerersten Tag an der Hochschule
Düsseldorf.

An meinem ersten Tag hatte ich ein Treffen mit Prof. Dr. Susanne Spindler,
die mich freundlicherweise als Gastwissenschaftlerin aufgenommen hat, mit
Dr. Monika Katz vom International Office und mit Mariele Eichholz, die
mich bei Fragen zu meiner Zulassung, zum Anmeldeverfahren und zu weiteren
administrativen Angelegenheiten unterstützt haben.

Was mir von dieser ersten Begegnung am stärksten in Erinnerung geblieben
ist, ist die herzliche und freundliche Atmosphäre, die sie geschaffen
haben. Sie haben mich nicht nur als internationale Wissenschaftlerin oder
als Gast aus einem anderen Land willkommen geheißen, sondern auch als
Menschen mit meinen eigenen Erfahrungen und Lebensumständen. Zu dieser
Zeit durchlief mein Heimatland schwierige gesellschaftliche, politische
und wirtschaftliche Herausforderungen, und zugleich erlebte ich persönlich
eine Phase der räumlichen Distanz zu meiner Familie.

Was hat Sie nach Düsseldorf und insbesondere an die HSD geführt?

Für Promovierende an Universitäten im Iran besteht die Möglichkeit, sich
für einen Forschungsaufenthalt an einer ausländischen Hochschule zu
bewerben, indem sie Kontakt zu Professorinnen und Professoren aufnehmen,
deren Forschungsinteressen mit der eigenen wissenschaftlichen Arbeit
verbunden sind. Diese Forschungsaufenthalte dauern in der Regel mindestens
sechs Monate, können aber – abhängig von den Visabedingungen und der
gastgebenden Institution – um weitere sechs oder sogar zwölf Monate
verlängert werden.

Als ich nach einem Ort für meinen Forschungsaufenthalt suchte, gab es
mehrere wichtige Faktoren, die meine Entscheidung beeinflusst haben. Der
wichtigste Faktor war, eine Professorin oder einen Professor zu finden,
deren oder dessen wissenschaftliche Expertise eng mit meinem eigenen
Forschungsgebiet verbunden ist.

Der zweite Faktor war, dass ich einen längeren Zeitraum im Ausland
verbringen würde und deshalb das akademische Leben gern in einer der
größeren Städte Deutschlands kennenlernen wollte, in der ich zugleich mit
einem vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld in Berührung
kommen konnte.

Die Hochschule Düsseldorf war daher eine der Möglichkeiten, die ich in
Betracht gezogen habe, und ich empfinde es als großes Glück, dass Prof.
Dr. Susanne Spindler meiner Anfrage zugestimmt und mich als
Gastwissenschaftlerin an der HSD aufgenommen hat. Ihre Expertise,
insbesondere in den Bereichen Migration, Flucht und damit verbundenen
sozialen Fragen, steht in engem Zusammenhang mit meinen eigenen
Forschungsinteressen.

Sie forschen zum Thema „Konstruktion sozialer Identität bei Kindern mit
iranischen Müttern und afghanischen Vätern“. Worum genau geht es in Ihrem
Promotionsprojekt?

Mein Promotionsprojekt befasst sich mit der Konstruktion sozialer
Identität bei Kindern mit iranischen Müttern und afghanischen Vätern.
Genauer gesagt untersucht es die Erfahrungen der zweiten Generation
afghanischer Migrantinnen und Migranten im Iran, mit einem besonderen
Fokus auf Kinder aus Ehen zwischen iranischen Frauen und afghanischen
Männern.

Mein Interesse an diesem Thema entwickelte sich während meiner
Masterforschung an der Universität Shiraz, in der ich das Familienleben
iranischer Frauen untersuchte, die mit afghanischen Männern verheiratet
sind. Im Verlauf der Interviews und bei Besuchen in den Familien wurde mir
nach und nach bewusst, mit wie vielen Herausforderungen deren Kinder
konfrontiert waren.

Eine der wichtigsten Fragen, die sich aus diesen Begegnungen ergab, bezog
sich auf Identität: Wie verstehen diese Kinder sich selbst? Wo fühlen sie
sich zugehörig? Wie handeln sie ihre soziale Identität zwischen
unterschiedlichen Hintergründen und gesellschaftlichen Erwartungen aus?

In meiner aktuellen Forschung möchte ich verstehen, wie diese Kinder ihre
sozialen Identitäten konstruieren und wie Faktoren wie familiärer
Hintergrund, gesellschaftliche Anerkennung, Zugehörigkeit und Erfahrungen
innerhalb der Gesellschaft ihr Identitätsgefühl beeinflussen.

Soziale Identität bezeichnet, wie wir sie in der Soziologie verstehen,
einen wichtigen Teil der Art und Weise, wie Menschen sich selbst verstehen
und definieren – durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen
Gruppen und Kategorien sowie durch ihre Interaktionen mit der
Gesellschaft. Anders gesagt geht es um die Frage: Wer bin ich im
Verhältnis zu der Gesellschaft, in der ich lebe, und zu den
unterschiedlichen Gruppen um mich herum?

Warum ist dieses Forschungsthema aus Ihrer Sicht gesellschaftlich
relevant?

Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Themas hängt eng mit dem größeren
Kontext der afghanischen Migration in den Iran zusammen. Der Iran ist
eines der wichtigsten Aufnahmeländer für afghanische Migrantinnen und
Migranten und nimmt seit mehreren Jahrzehnten eine große afghanische
Migrationsbevölkerung auf. Nach der nationalen Volkszählung von 2016
lebten rund 1,5 Millionen afghanische Staatsangehörige im Iran. Diese Zahl
umfasst jedoch nicht alle afghanischen Migrantinnen und Migranten,
insbesondere nicht diejenigen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Neuere
offizielle Angaben deuten darauf hin, dass die Zahl der afghanischen
Migrantinnen und Migranten im Iran deutlich höher liegen könnte – bei etwa
sechs Millionen.

Afghanische Migration ist daher ein wichtiges gesellschaftliches Thema im
Iran – sowohl im Hinblick auf die Erfahrungen der Migrantinnen und
Migranten selbst als auch auf die Herausforderungen für die
Aufnahmegesellschaft.

Meine Forschung konzentriert sich auf Kinder, die im Iran geboren und
aufgewachsen sind, dort Schulen besucht, soziale Beziehungen aufgebaut und
ihr Leben innerhalb der iranischen Gesellschaft geführt haben, zugleich
aber über ihre Väter einen afghanischen familiären Hintergrund haben.

Welche Rolle spielen Herkunft, Familie, Sprache, Zugehörigkeit oder
gesellschaftliche Zuschreibungen bei der Identitätsbildung der Kinder, die
Sie untersuchen?

Die Bildung sozialer Identität bei den von mir untersuchten Kindern lässt
sich durch das Zusammenspiel größerer gesellschaftlicher Strukturen und
ihrer alltäglichen Lebenserfahrungen verstehen.

Die Familie ist nicht nur die erste Bildungs- und Sozialisationsinstanz,
mit der ein Kind in Berührung kommt; sie ist auch der erste Raum, in dem
Kinder das Nebeneinander zweier kultureller Hintergründe und in manchen
Fällen zweier unterschiedlicher rechtlicher Positionen erleben. Eine
iranische Mutter und ein afghanischer Vater können zu einer komplexen
Verbindung kultureller Erfahrungen führen. Für manche Kinder kann dieses
doppelte kulturelle Umfeld eine Quelle von Bereicherung, Verbundenheit und
Zugehörigkeit sein, während es für andere Spannungen und Widersprüche
erzeugen kann.

Auch der rechtliche Kontext spielt bei diesen Erfahrungen eine wichtige
Rolle. Historisch gab es im Iran Unterschiede bei der Weitergabe der
Staatsangehörigkeit über Mütter und Väter, und dies hat den rechtlichen
Status sowie das Sicherheitsgefühl vieler Kinder aus iranisch-afghanischen
Ehen beeinflusst. Zwar haben gesetzliche Reformen die Möglichkeit
geschaffen, dass iranische Mütter ihre Staatsangehörigkeit an ihre Kinder
weitergeben können, doch bei der Umsetzung bestehen weiterhin
Herausforderungen. Infolgedessen kann die afghanische Herkunft des Vaters
die soziale und rechtliche Stellung des Kindes beeinflussen und sich
darauf auswirken, ob es sich als voll anerkanntes Mitglied der iranischen
Gesellschaft fühlt oder sich selbst als „anders“ beziehungsweise als
„Andere“ erlebt.

Sprache kann dagegen auch als verbindender Faktor wirken. Die persische
Sprache schafft trotz unterschiedlicher Akzente und Dialekte eine
gemeinsame Kommunikationsbasis zwischen Iran und Afghanistan.

Das Zugehörigkeitsgefühl dieser Kinder ist daher weder festgelegt noch
vorbestimmt. Abhängig von ihren persönlichen Erfahrungen und den
Reaktionen, die sie aus ihrem Umfeld erhalten – sowohl auf individueller
als auch auf struktureller Ebene –, können sie sich auf unterschiedliche
Weise definieren. Manche entwickeln möglicherweise ein starkes
Zugehörigkeitsgefühl zur iranischen Gesellschaft, also zu dem Ort, an dem
sie geboren und aufgewachsen sind. Andere fühlen sich möglicherweise stark
mit ihrem afghanischen Erbe und dem kulturellen Hintergrund ihres Vaters
verbunden. Wieder andere erleben ihre Identität möglicherweise als einen
Raum zwischen diesen beiden Hintergründen.

Darüber hinaus haben gesellschaftliche Zuschreibungen und Wahrnehmungen,
die Menschen zugewiesen werden, einen erheblichen Einfluss. Die
Gesellschaft, einschließlich der Medien und vorherrschender kultureller
Narrative, kann bestimmte Stereotype über Migrantinnen und Migranten
reproduzieren, insbesondere über afghanische Migrantinnen und Migranten im
Iran. Wenn diese Kinder mit solchen Stereotypen und gesellschaftlichen
Haltungen konfrontiert werden, können sie bei der Frage, wer sie sind,
Ambivalenz, Aushandlungsprozesse oder Spannungen erleben.

Gibt es Aspekte Ihrer Forschung, die auch für andere
Migrationsgesellschaften interessant sind, zum Beispiel für Deutschland
oder Europa?

Deutschland gehört zu den Ländern mit einer langen Einwanderungsgeschichte
und hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Phasen der Migration sowie
unterschiedliche Migrationspolitiken erlebt. Die Erfahrungen großer
migrantischer Gemeinschaften, etwa von Menschen mit türkischer
Familiengeschichte in Deutschland, zeigen, wie wichtig es ist, Fragen von
Zugehörigkeit, Anerkennung, Identitätsbildung und gesellschaftlicher
Integration über Generationen hinweg zu verstehen.

Obwohl sich die historischen, rechtlichen und kulturellen
Rahmenbedingungen unterscheiden, stellen sich auch hier ähnliche Fragen
nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Identitätsbildung über Generationen
hinweg.

Sie werden am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften von Professorin
Susanne Spindler betreut. Wie erleben Sie den wissenschaftlichen Austausch
an der HSD?

Seit meiner Ankunft an der HSD habe ich den wissenschaftlichen Austausch
als außerordentlich positiv erlebt. Schon bei meinem ersten Treffen mit
Prof. Dr. Spindler habe ich nicht nur wissenschaftliche Unterstützung
erfahren, sondern auch Freundlichkeit, Verständnis und persönliche
Ermutigung.

Eine der besonders einprägsamen Erfahrungen während meines
Forschungsaufenthalts war die Teilnahme an einer migrationsbezogenen
Konferenz in Hamburg, zu der ich Prof. Dr. Spindler begleiten konnte. Das
war für mich eine völlig neue und wertvolle Erfahrung.

Eine weitere wertvolle Erfahrung war, zwei Vorträge an der HSD zu halten:
einen für Bachelorstudierende und einen weiteren für Masterstudierende. In
diesen Vorträgen sprach ich über afghanische Migrantinnen und Migranten im
Iran sowie über die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation in
meinem Heimatland. Vor Studierenden mit unterschiedlichen kulturellen
Hintergründen, Erfahrungen und Nationalitäten zu präsentieren, war für
mich eine sehr bereichernde Erfahrung.

Diese Möglichkeiten haben erheblich zu meiner wissenschaftlichen und
persönlichen Entwicklung beigetragen. Ich habe mit Prof. Dr. Spindler auch
über die Möglichkeit gesprochen, in Zukunft eine gemeinsame Publikation zu
entwickeln. Ich hoffe, dass diese wissenschaftliche Zusammenarbeit über
meinen derzeitigen Forschungsaufenthalt hinaus fortgesetzt werden kann.

Ihr Aufenthalt wurde inzwischen bis Mitte Dezember verlängert. Was
bedeutet diese Verlängerung für Ihre Forschung und Ihre weitere Arbeit?

Ich bin Anfang des Jahres nach Deutschland gekommen, und mein Visum war
zunächst bis Mitte Juni gültig. Während dieser sechs Monate befand sich
mein Heimatland jedoch in einer besonders schwierigen Situation, was meine
Konzentration und meine Fähigkeit, in vollem Umfang von meinem
Forschungsaufenthalt zu profitieren, erheblich beeinträchtigte.

Obwohl ich an wissenschaftlichen Aktivitäten teilnehmen und wertvolle
Erfahrungen sammeln konnte, hatte ich das Gefühl, diese Möglichkeit nicht
in dem Maße genutzt zu haben, wie ich es mir erhofft hatte. Deshalb
entschied ich mich, meinen Forschungsaufenthalt zu verlängern.

Und natürlich wollte ich, nachdem ich einen kalten deutschen Winter erlebt
hatte, auch die Gelegenheit haben, den schönen deutschen Sommer
kennenzulernen! Das ist zum Teil ein Scherz, aber es stimmt, dass
Deutschland in den Sommermonaten besonders schön ist. Noch wichtiger ist
jedoch, dass mir der längere Aufenthalt ermöglicht, das akademische und
kulturelle Umfeld hier noch intensiver zu erleben und diese Möglichkeit
bestmöglich zu nutzen.

Was wünschen Sie sich für den Rest Ihrer Zeit an der HSD, und was möchten
Sie aus Düsseldorf für Ihre wissenschaftliche Laufbahn mitnehmen?

Wenn ich auf meinen Forschungsaufenthalt zurückblicke, kann ich ehrlich
sagen, dass ich all das erlebt habe, was ich mir erhofft hatte, als ich
mich entschied, an die Hochschule Düsseldorf zu kommen. Das unterstützende
akademische Umfeld, das ich hier vorgefunden habe, hat meine Erwartungen
übertroffen und meine wissenschaftliche wie persönliche Entwicklung sehr
bereichert.

Besonders möchte ich Prof. Dr. Susanne Spindler meinen herzlichen Dank
aussprechen. In einer Zeit, in der mein Heimatland mit schwierigen
gesellschaftlichen und politischen Umständen konfrontiert war und ich
selbst viele Unsicherheiten erlebte, haben mir ihre Ermutigung, ihr
Verständnis und ihre Freundlichkeit sehr viel bedeutet.

Ich möchte mich außerdem bei Mariele Eichholz vom International Office
bedanken. Während des gesamten Bewerbungs- und Zulassungsprozesses hat sie
meine Fragen geduldig beantwortet und mich in unschätzbarer Weise
unterstützt.

Mein Dank gilt auch Sandra Lersch, deren Arbeit bei der Koordination
internationaler Austauschaktivitäten viele Möglichkeiten für
internationale Forschende geschaffen hat, mit der Hochschulgemeinschaft in
Kontakt zu kommen. Durch die Veranstaltungen, die sie und ihre Kolleginnen
und Kollegen organisiert haben, hatte ich die Freude, viele wunderbare
Menschen kennenzulernen. Diese Veranstaltungen haben mir das Gefühl
gegeben, wirklich als Teil der HSD-Gemeinschaft willkommen zu sein.

Frau Amiri, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.