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BIP: Erholung droht nächster Rückschlag

Die vierte Welle in der Corona-Pandemie trifft die Wirtschaft in
Deutschland und im Euroraum spürbar. Der Schaden dürfte aber geringer
ausfallen als in den Infektionswellen davor. „Die ökonomischen Schmerzen
der Pandemie werden von Welle zu Welle kleiner“, sagt der Konjunkturchef
des IfW Kiel, Stefan Kooths (https://www.ifw-kiel.de/de/experten/ifw
/stefan-kooths/
), anlässlich der jüngst wieder stark gestiegenen
Infektionszahlen.

Gegenüber der Herbstprognose des IfW Kiel haben sich die Aussichten für
die Wirtschaft in Deutschland und im Euroraum deutlich eingetrübt. Statt
moderater Zuwächse für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steht nunmehr für
das laufende 4. Quartal 2021 und das kommende 1. Quartal 2022 allenfalls
noch eine Stagnation zu erwarten, möglich sind auch moderate Rückgänge.
Während die Industrie weiter durch Lieferengpässe gehemmt wird, drohen für
die Dienstleistungsbereiche Rückschläge. Der über das Sommerhalbjahr
kräftige Aufholprozess gerät damit ins Stocken und dürfte erst ab dem
Frühjahr wieder Tritt fassen.

Im 2. und 3. Quartal 2021 hat die Wirtschaftsleistung stark angezogen – im
Euroraum mit über 2 Prozent je Quartal noch etwas stärker als in
Deutschland – und so den allergrößten Teil der verlorenen Wertschöpfung
infolge der Corona-Pandemie nun wieder aufgeholt. „Mit der
fortgeschrittenen Erholung ist auch die Fallhöhe für die Wirtschaft höher
als bei der Infektionswelle vor einem Jahr. Daher kann es mit dem BIP
sogar wieder etwas bergab gehen, allerdings bei weitem nicht auf das
Niveau des Vorjahres“, so Kooths. Im Winter 2020/2021 lag die europäische
Wirtschaftsleistung rund 5 Prozent unter Vorkrisenniveau, zuletzt nur noch
0,5 Prozent.

Durch die vierte Welle droht vor allem für die kontaktintensiven
Dienstleister neues Ungemach. Die wirtschaftlichen Einbrüche dürften aber
weniger stark ausfallen als noch im Frühjahr 2020 und im Winter 2020/2021.
Schon damals war der gesamtwirtschaftliche Verlust an Wertschöpfung im
zweiten Lockdown geringer als im ersten, da nur noch einzelne
kontaktintensive Bereiche betroffen waren.

Kooths: „Auch wenn beim Impfen Luft nach oben ist – weite Teile der
Bevölkerung sind nun weitaus besser geschützt als noch im vergangenen
Winter. Insgesamt kann damit auch ein heftigeres Infektionsgeschehen
verkraftet werden, so dass die Eindämmungsmaßnahmen deutlich weniger
drastisch ausfallen müssen. Beispielsweise dürfte die Gastronomie nicht
komplett geschlossen werden, und falls doch, dann für einen wesentlich
kürzeren Zeitraum.“

Der Industrie machen die Lieferengpässe schwer zu schaffen. Allerdings
gibt es erste Anzeichen, dass sich die Lage langsam bessert, zumindest
aber nicht weiter verschärft. Zwar ist es bis zu einer deutlichen
Entspannung noch ein langer Weg, der weit ins nächste Jahr reichen dürfte,
aber mit Blick auf die konjunkturelle Dynamik gingen damit von der
Industrie zumindest keine dämpfenden Effekte mehr aus.

Der geografische Schwerpunkt der Infektionswelle ist von Osteuropa nach
Mitteleuropa gewandert. Die Todeszahlen sind immer noch hoch in Osteuropa,
wo die Impfquote vergleichsweise gering ist. In Österreich, Teilen von
Deutschland sowie den Niederlanden gibt es wieder spürbare Maßnahmen zur
Kontaktreduzierung, die die Wirtschaftstätigkeit behindern werden.
Inzwischen steigen die Fallzahlen auch in Frankreich stark, sowie auf
geringerem Niveau auch in Italien und Spanien.

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„Zukunftsbranche Logistik – Zwischen digitaler Industrialisierung und analoger Herausforderung“

Dr. Stefan Iskan, Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik,
insbes. Automotive SCM und Digitalisierung, legt Fachbuch zur
„Zukunftsbranche Logistik“ vor. Das Buch untersucht den drittgrößten
Wirtschaftszweig Deutschlands auf seine Zukunftstauglichkeit hin und
entwirft praxisnah Szenarien für die kommenden Jahre der europäischen
Transport- und Logistikbranche.

Wie ist es um die Zukunft der europäischen Logistikbranche bestellt und
was ist zu tun, um das Transportwesen in Zeiten der Digitalisierung, des
„Green Deal“ und des Fachkräftemangels erfolgreich auf- und umzustellen?
Das sind die Kernfragen, denen Dr. Stefan Iskan, Professor für Logistik
und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft und
Gesellschaft Ludwigshafen, in seinem neuen Buch nachgeht.

Ausgehend vom aktuellen Stand der Branche identifiziert Iskan zunächst die
globalen Megatrends und den Einfluss neuer Technologien sowie die Chancen
und Herausforderungen, die sich daraus für Logistikunternehmen ergeben.
Dabei sind insbesondere die Konsequenzen einer sich rasant entwickelnden
digitalen 4.0 Wirtschaftswelt seiner Ansicht nach für die Logistik- und
Transportakteure von zentraler Bedeutung.

Im Anschluss benennt Logistik-Experte Iskan die zentralen technologischen
Module der Zukunftsbranche und erläutert die notwendigen
Transformationsprozesse bei der Entwicklung der Logistik hin zum Prozess-
und Wertschöpfungslieferanten. Dabei beleuchtet er das Spannungsfeld
zwischen Digitalisierungsdruck und analogen Herausforderungen ebenso wie
die notwendigen Veränderungen in Bezug auf Prozesse, Technologien und
Personal.

Mit einem konkreten Transformationsplan gibt Stefan Iskan abschließend den
Logistikakteuren wie deren Kunden aus Industrie und Handel an die Hand,
wie die Umstellung der Branche zukunftsträchtig gelingen kann. Dass die
Transport‐ und Logistikbranche eine immense Aufwertung in ihrer Bedeutung,
in ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem Serviceumfang weltweit erfahren
wird, davon ist Iskan überzeugt.

Das Buch „Zukunftsbranche Logistik – Zwischen digitaler Industrialisierung
und analoger Herausforderung“ von Stefan Iskan erschien im August 2021 im
Frankfurter Campus-Verlag.

Dr. Stefan Iskan ist Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik an
der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Nach
beruflichen Stationen bei namhaften Unternehmen der Logistikbranche berät
er außerdem Logistikdienstleister bei Transformationsprozessen.

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Neue Therapieoptionen bei Bluthochdruck – medikamentös und interventionell

Neue Medikamentenentwicklungen sorgen seit vielen Jahren für signifikante
Therapiefortschritte bei Bluthochdruckerkrankungen. Ganz neue
Entwicklungen sind sogenannte nicht-steroidale Mineralkortikoidrezeptor-
Antagonisten [1] sowie die experimentelle Gabe von siRNA [2, 3], um die
hepatische Angiotensinogen-Produktion zu stoppen und somit das Renin-
Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) zu hemmen. Aber auch interventionelle
Methoden erweitern heute das Spektrum der antihypertensiven
Behandlungsmöglichkeiten, wie die kathetergestützte renale Denervation,
deren Wirksamkeit eine aktuelle Metaanalyse belegt [4].

Morbidität und Mortalität durch Bluthochdruckerkrankungen (Hypertonie)
sind weltweit von großer Bedeutung. Kardiovaskulären Erkrankungen
entwickeln sich dabei schleichend und können sich als akute Ereignisse wie
Schlaganfall und Herzinfarkt, aber auch langsam manifestieren wie
beispielsweise durch eine zunehmende Nierenfunktionsminderung (bis zur
Dialysepflicht) oder Sehverschlechterung (bis zur Erblindung). Wenn eine
Modifikation der klassischen Lifestyle-Risikofaktoren den Blutdruck nicht
ausreichend senkt, wird eine gezielte, in der Regel medikamentöse
antihypertensive Therapie empfohlen – aber auch interventionelle Methoden
könnten künftig Anwendung finden.

Bei der Regelung des Blutdrucks spielen die Nieren eine wichtige Rolle,
denn angeregt durch das vegetative Nervensystem (Sympathikusaktivierung)
setzen sie blutdrucksteigernde Hormone frei (z. B. Renin). Die
entsprechenden sympathischen Neurone ziehen vom Gehirn zu den Nieren, wo
sie entlang der Nierengefäße verlaufen. Das minimal-invasive Verfahren der
renalen Denervierung zielt darauf ab, punktgenau diese Nervenbahnen zu
unterbrechen. Dazu wird unter radiologischer Kontrolle ein spezieller
Gefäßkatheter bis in die Nierenarterien vorgeschoben und dort eine
gezielte Nervenverödung durchgeführt (elektrisch, mit Ultraschall oder
chemischen Substanzen).

Über die Effektivität der Methode wurde viel diskutiert, und sie ist
derzeit nur in Studien verfügbar. Eine Metaanalyse [4] zeigte jetzt, dass
die renale Denervierung nicht nur in ungeblindeten, sondern auch in
geblindeten, randomisierten, placebokontrollierten Studien eine
substanzielle Blutdrucksenkung bewirkt. Es wurden sieben Studien mit
insgesamt 1.368 Teilnehmenden einbezogen. Nach der renalen Denervierung
zeigte sich gegenüber der Placebogruppe (mit Schein-Intervention) eine
signifikante Senkung des systolischen und diastolischen Drucks (bei
Selbstmessung) von durchschnittlich 3,61 und 1,85 mm Hg sowie bei
Praxismessung von 5,86 und 3,63 mm Hg. Der Effekt war unabhängig von einer
bestehenden medikamentösen Behandlung.

Von mehreren in den letzten Monaten erschienenen Interventionsstudien ist
die RADIANCE-Studie [5] besonders interessant, da die renale Denervation
zusätzlich zu einer etablierten antihypertensiven Tripletherapie mit sehr
guter Adhärenz-Kontrolle durchgeführt wurde – und damit ein additiver
blutdrucksenkender Effekt gezeigt werden konnte. Die multizentrische,
randomisiert placebokontrollierte SPYRAL HTN-OFF MED Studie [6] hatte
bereits zuvor die renale Denervation ohne gleichzeitige medikamentöse
Therapie evaluiert. Auch bei Patienten mit therapieresistenter Hypertonie
(trotz durchschnittlich fünf antihypertensiver Medikamente) gelang mittels
Denervierung [7] eine relevante zusätzliche Blutdrucksenkung, anhaltend
über die gesamte Nachbeobachtungszeit von zwölf Monaten.

„Das momentane Fazit ist, dass die renale Denervation prinzipiell einen
blutdrucksenkenden Effekt erzielt“, so Prof. Prof. h.c. Dr. med. Markus
van der Giet, Berlin. „Der Effekt ist moderat und kann eine bestehende
Therapie bei schwieriger Therapiesituation ergänzen. Bisher sind weder
prädiktive Erfolgsfaktoren noch die Dauerhaftigkeit der Blutdrucksenkung
bekannt; hier bedarf es weiterer Forschung.“

Die Therapie mit antihypertensiven Medikamenten erfolgt nach einem
Stufenschema, gegebenenfalls mit Medikamentenkombinationen. Bei
resistenter oder schlecht kontrollierbarer Hypertonie und chronischer
Nierenfunktionseinschränkung (CKD) wird der Einsatz sogenannter
Mineralkortikoid-Rezeptorblocker (Aldosteronantagonisten) empfohlen. Sie
steigern die renale Natriumausscheidung und die Kaliumretention, daher
besteht das Risiko von gefährlichen Hyperkaliämien. Erst seit Kurzem gibt
es Studien mit nicht-steroidalen Aldosteronantagonisten (z. B. Finerenon)
sowie die jüngst publizierte BLOCK-CKD-Studie [1], eine multizentrische,
randomisierte, placebokontrollierte Phase-IIb-Studie mit dem ebenfalls
nicht-steroidalen „KBP-5074“. 162 Nierenkranke (CKD Stadium 3b/4) mit
einem mittleren systolischen Blutdruck von 155,3 (±13,55) mm Hg erhielten
zusätzlich zur Standard-Therapie entweder Placebo oder KBP-5074 (0,25 mg
oder 0,5 mg). Nach 84 Tagen war der mittlere Blutdruck unter 0,25 mg
KBP-5074 um 7,0 (±3,37) mm Hg und unter 0,5 mg um 10,2 (±3,32) mm Hg
gesunken. Bei jeweils zwei Teilnehmenden der der 0,5-mg-Gruppe sowie der
Placebogruppe wurde die Studienmedikation wegen einer Hyperkaliämie
abgesetzt, ansonsten traten keine relevanten Hyperkaliämien auf.

Ein ganz neuer, noch experimenteller Therapieansatz ist die Gabe von siRNA
(„small interfering RNA“). Mit siRNA kann die Expression bestimmter Gene
gezielt gehemmt werden. So konnte tierexperimentell schon vor zwei Jahren
gezeigt werden, dass durch spezifische siRNA in der Leber die Produktion
des blutdrucksteigernden Pro-Hormons Angiotensiogen herabgeregelt und ein
über Wochen anhaltender blutdrucksenkender Effekt erreicht wird [2]. Eine
aktuelle Arbeit [3] zeigte darüber hinaus, dass bei hypertonen,
niereninsuffizienten Tieren das Ausschalten des Leber-Angiotensinogens
auch renoprotektive Effekte hatte und beispielsweise eine
Glomerulosklerose (bindegewebige Vernarbung der Nieren) aufhalten konnte.

„In den neuen experimentellen Ansätzen mit der siRNA zeigt sich, dass
neben der reinen Blutdrucksenkung vor allem auch die Progression einer
Nierenerkrankung mit fortschreitender Funktionsverschlechterung deutlich
verlangsamt werden kann. Möglicherweise haben wir damit nicht nur eine
effektive blutdrucksenkende Therapieoption, sondern gleichzeitig eine, die
Endoranschäden effektiv abwenden kann“, erklärt Prof. van der Giet. Wie
der Experte betont, stellen siRNA nach Jahren des pharmakologischen
Stillstands in der Blutdrucktherapie – die zur Verfügung stehenden
Substanzen wurden lediglich verfeinert oder kombiniert – einen neuen
Therapieansatz dar, der nun in klinischen Studien validiert werden müsse.

Referenzen
[1] Bakris G, Pergola PE, Delgado B et al. Effect of KBP-5074 on Blood
Pressure in Advanced Chronic Kidney Disease: Results of the BLOCK-CKD
Study. Hypertension 2021 Jul; 78 (1): 74-81
[2] Uijl E, Mirabito-Colafella KM, Sun Y et al. Strong and Sustained
Antihypertensive Effect of Small Interfering RNA Targeting Liver
Angiotensinogen. Hypertension 2019 Jun; 73 (6): 1249-1257
[3] Bovée DM, Ren LR, Uijl E et al. Renoprotective Effects of Small
Interfering RNA Targeting Liver Angiotensinogen in Experimental Chronic
Kidney Disease. Hypertension 2021 May 5; 77 (5): 1600-1612
[4] Ahmad Y, Francis DP, Bhatt DL et al. Renal Denervation for
Hypertension: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized,
Blinded, Placebo-Controlled Trials. JACC Cardiovasc Interv 2021 Oct 26;
S1936- 8798 (21) 01782-9 doi: 10.1016/j.jcin.2021.09.020. Online ahead of
print.
[5] Azizi M, Sanghvi K, Saxena M et al. Ultrasound renal denervation for
hypertension resistant to a triple medication pill (RADIANCE-HTN TRIO): a
randomised, multicentre, single-blind, sham-controlled trial. Lancet 2021
Jun 26; 397 (10293): 2476-2486
[6] Böhm M, Kario K, Kandzari DE et al. Efficacy of catheter-based renal
denervation in the absence of antihypertensive medications (SPYRAL HTN-OFF
MED Pivotal): a multicentre, randomised, sham-controlled trial. Lancet
2020 May 2; 395 (10234): 1444-1451
[7] Mahfoud M, Sievert H, Bertog S et al. Long-Term Results up to 12
Months After Catheter-Based Alcohol-Mediated Renal Denervation for
Treatment of Resistant Hypertension. Circ Cardiovasc Interv 2021 Sep; 14
(9): e010075 doi: 10.1161/CIRCINTERVENTIONS.120.010075. Epub 2021 Sep 2.

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Mikrobiom – Salz – Blut(hoch)druck. Welchen Einfluss die Ernährung auf den Blutdruck hat

Salz spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von hohem Blutdruck.
Neben den bekannten, „klassischen“ Pathomechanismen wurde in den letzten
Jahren viel über die schädigenden Effekte von Salz via Mikrobiom und
Immunsystem geforscht. Eine neue Studie soll nun z.B. den Einfluss eines
Probiotikums auf den Blutdruck untersuchen. Aktuelle populationsbasierte
Studien zeigen die dramatischen gesundheitsschädigenden Effekte eines zu
hohen Salzkonsums, weshalb die Deutsche Hochdruckliga appelliert, die
Salzzufuhr zu reduzieren. Diese „einfache“ diätetische Maßnahme könnte die
Rate kardiovaskulärer Ereignisse deutlich senken.

Salz ist ein Treiber von Bluthochdruck. Die modernen
Ernährungsgewohnheiten mit Fertigprodukten und konservierten Lebensmitteln
hat dazu geführt, dass der moderne Mensch ein Vielfaches an Salz zu sich
nimmt, als physiologisch sinnvoll ist. Bislang ist man davon ausgegangen,
dass ein zu hoher Salzkonsum über Volumenexpansion, Veränderungen am RAAS-
System und freie Radikale zum Blutdruckanstieg und in Folge zu
Endorganschäden führt. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass Salz auch eine
Immunzellaktivierung anstößt und proinflammatorische Zytokine aktiviert.
Tierexperimentell [1, 2] konnte gezeigt werden, dass ein erhöhter
Salzkonsum zur Infiltration des Nervensystems mit TH17-Zellen führt, das
sind T-Helferzellen, die mit der Entstehung von chronischen Entzündungen
und Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht werden. Neben Immunsystem
und Nervensystem ist auch das gastrointestinale System bei der Entstehung
von Bluthochdruck in Folge eines hohen Salzkonsums beteiligt. Ein vor
wenigen Tagen im „The New England Journal of Medicine“ [3] erschienenes
Editorial fasst die beteiligten Organsystem und die verschiedenen
Signalwege zur Salzexkretion zusammen und betont, dass bereits der Ausfall
eines Signalwegs zur Salzsensitivität und Bluthochdruck in Folge führt.

Wissend, dass das Mikrobiom das Immunsystem reguliert, wurden in den
vergangenen Jahren Untersuchungen des intestinalen Mikrobioms bei
Bluthochdruck und assoziierten Organschäden initiiert. Wegweisend war eine
Arbeit von Dr. Nicola Wilck, Charité-Universitätsmedizin Berlin, deren
Ziel es war, Einflussfaktoren für das Mikrobiom zu charakterisieren und
Auswirkungen auf die Inflammation besser zu verstehen. Die Arbeitsgruppe
zeigte [4], dass eine erhöhte Salzaufnahme neben der Erhöhung des
Blutdrucks zu Veränderungen des Mikrobioms, bakterieller Metabolite und
pro-inflammatorischer Th17-Zellen führt und eine gezielte probiotische
Behandlung diese Veränderungen verhindern könnte. Das Experimental and
Clinical Research Center (ECRC) der Charité-Universitätsmedizin Berlin
rekrutiert derzeit Patientinnen und Patienten im Alter von 50-80 Jahren
für eine randomisierte klinische Studie (HYPRO), um den Einfluss eines
Probiotikums auf den Blutdruck von Patienten mit Hypertonie Grad 1 zu
untersuchen. „Das sind sehr interessante Ansätze, die komplett neue
Therapieoptionen zur Behandlung von salzsensitivem Bluthochdruck in
Aussicht stellen“, erklärt Prof. Ulrich Wenzel, Vorstandsvorsitzender der
Deutschen Hochdruckliga. „Doch bei diesem Ansatz beginnen wir am Ende der
Kette. Wir versuchen, die negativen Folgen, die ein hoher Salzkonsum auf
das Mikrobiom hat, durch die Gabe von Probiotika zu korrigieren. Einfacher
wäre es – zumindest in der Theorie –, den Salzkonsum konsequent zu
senken.“

Dass das einen eindrucksvollen Effekt hat, konnte jüngst eine chinesische
Studie zeigen, die prospektiv und randomisierte [6] den Effekt einer
alimentären Kochsalzreduktion an einer Population von
Hochrisikopatientinnen und -patienten untersucht. Die Open-Label-Studie
schloss 20.995 Personen ein, die entweder bereits einen Schlaganfall
erlitten hatten oder mindestens 60 Jahre alt waren und unter Bluthochdruck
litten. Die Kohorte wurde zu gleichen Teilen randomisiert. In der
Interventionsgruppe verwendeten die Studienteilnehmer Kochsalzsubstitute
bzw. Salz-Ersatzprodukte (Mineralsalzmischung aus 75% Natriumchlorid und
25% Kaliumchlorid), in der Kontrollgruppe wurde weiterhin das übliche
Kochsalz benutzt (100% Natriumchlorid). Primärer Endpunkt war die
Schlaganfallinzidenz; bezüglich der klinischen Sicherheit des
Kochsalzsubstitutes wurden Kalium-assoziierte Ereignisse ausgewertet. Die
Studienteilnehmenden (49,5 % weiblich) waren im Mittel 65,4 Jahre alt,
88,4% litten an Bluthochdruck und 72,6 % hatten bereits einen Schlaganfall
erlitten. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 4,74 Jahre. Im Ergebnis
war die Schlaganfallrate in der Interventionsgruppe 14% niedriger als in
der Kontrollgruppe (RR 0,86; 29,14 versus 33,65 Ereignisse pro 1.000
Personenjahre; p=0,006). Ebenso die Gesamttodesfälle (alle Ursachen: 39,28
versus 44,61 Ereignisse; RR 0,88; p<0,001).

„Allein durch die nur 25%ige Reduktion der Natriumchloridzufuhr konnte die
Sterblichkeit und die Schlaganfallrate in einer Hochrisikopopulation
signifikant gesenkt werden“, betont Prof. Wenzel. „Doch auch in der
Allgemeinbevölkerung hat die Reduktion des Salzkonsums einen großen
Effekt, wie eine Studie zeigte, die am 13. November dieses Jahres im
hochrenommierten ‚The New England Journal of Medicine‘ (NEJM) [7]
erschienen ist.“ In der Untersuchung wurden sechs Populationskohorten aus
UK mit über 10.000 gesunden Menschen analysiert. Es zeigte sich, dass das
kardiovaskuläre Risiko proportional mit dem Salzkonsum, gemessen an der
Salzausscheidung im Urin, anstieg. Jeder 1.000 mg-Anstieg der
Natriumexkretion, was etwa einer diätetischen Zufuhr von 2,5 g Salz
entspricht, war mit einer 18%igen Erhöhung des Risikos für
Herzerkrankungen und Schlaganfälle einher.

Wie der Experte ausführt, schien in beiden NEJM-studien [6, 7] Kalium
protektiv zu sein, in der chinesischen Studie [6] war Natriumchlorid z.T.
durch Kaliumchlorid ersetzt worden, in der Studie aus Großbritannien war
das kardiovaskuläre Risiko am höchsten, wenn im 24-h-Urin eine hohe
Natriumausfuhr und eine niedrige Kaliumausfuhr gemessen wurde.

„Das zeigt, wie groß der Einfluss des zu hohen Salzkonsums auf die
Gesundheit ist, doch diese Gefahr ist allgemein noch zu wenig bekannt“,
schlussfolgert der Experte. Die Deutsche Hochdruckliga hat sich daher der
weltweiten Initiative der World Hypertension League zur Aufklärung über
den Salzkonsum angeschlossen.

Referenz
[1] Wu C, Yosef N, Thalhamer T, Zhu C, Xiao S, Kishi Y, et al. Induction
of pathogenic TH17 cells by inducible salt-sensing kinase SGK1. Nature.
2013;496(7446):513-7.
[2] Kleinewietfeld M, Manzel A, Titze J, Kvakan H, Yosef N, Linker RA, et
al. Sodium chloride drives autoimmune disease by the induction of
pathogenic TH17 cells. Nature. 2013;496(7446):518-22.
[3] Ellison DH, Welling P. Insights into Salt Handling and Blood Pressur.e
N Engl J Med 2021; 385:1981-1993. November 18, 2021, DOI:
10.1056/NEJMra2030212
[4] Wilck N, Matus MG, Kearney SM, Olesen SW, Forslund K, Bartolomaeus H,
et al. Salt-responsive gut commensal modulates TH17 axis and disease.
Nature. 2017;551(7682):585-9
[5]
https://www.charite.de/service/klinische_studien_detail/item/studien_detail/cabl001e2201/
[6] Neal B, Wu Y, Feng X et al. Effect of Salt Substitution on
Cardiovascular Events and Death. N Engl J Med 2021 Sep 16; 385
[7] Ma Y, He FJ, Sun Q et al. 24-Hour Urinary Sodium and Potassium
Excretion and Cardiovascular Risk. N Engl Med 2021, online November 13,
2021, doi: 10.1056/NEJMoa2109794

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