Frauenherzen verdienen besondere Aufmerksamkeit
Weltweit sterben nahezu doppelt so viele Menschen an Herz-Kreislauf-
Erkrankungen wie an allen Krebserkrankungen zusammen. In Europa sogar mehr
Frauen als Männer. Dies veranlasst das Universitätsklinikum Regensburg
(UKR) zum Weltfrauentag am 8. März zu einem fokussierten Blick auf die
Besonderheiten des weiblichen Herz-Kreislauf-Systems und die aktuellen
Entwicklungen in der Kardiologie. Professor Dr. Andrea Bäßler, Oberärztin
in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II des UKR, informiert
über Symptome und Risikofaktoren von Herzerkrankungen bei Frauen.
Inmitten des hektischen Arbeitsalltags bemerkte Marie plötzlich eine
ungewöhnliche Erschöpfung. Ihr Arbeitspensum, das sie normalerweise locker
bewältigte, fühlte sich plötzlich unüberwindbar an. Selbst ein kurzer
Spaziergang besserte die Symptome nicht, sondern erschöpfte sie mehr als
sonst. Als sie zu Hause beim Abendessen von starken Schweißausbrüchen
überrollt wurde und Übelkeit sie überkam, beschloss Marie ärztliche Hilfe
aufzusuchen. Im Krankenhaus wurde bei ihr nach Schilderung der Symptomatik
der Verdacht auf einen Herzinfarkt gestellt und die weitere Diagnostik
veranlasst.
Biologisch ausgestattet mit zwei X-Chromosomen sowie spezifischer
Anatomie, Physiologie und Hormonregulation funktionieren weibliche Körper
anders als männliche. Frauen mit Herzinfarkt präsentieren sich häufig
nicht mit den klassischen Symptomen wie starken Brustschmerzen
ausstrahlend in den linken Arm. Diese können auftreten, häufig jedoch in
abgeschwächter Form und begleitet von vegetativen Veränderungen wie
Übelkeit, Erbrechen und Schweißausbruch. Auch Schmerzen im Oberbauch und
Rücken, Kurzatmigkeit, geringere Belastbarkeit und außergewöhnliche
Müdigkeit stehen bei Frauen häufig im Vordergrund.
Diese geschlechterspezifischen Besonderheiten in der Medizin werden von
der Gendermedizin erforscht und zunehmend in der klinischen Praxis zur
Anwendung gebracht – eine Entwicklung, die derzeit in der Kardiologie,
aber auch in vielen anderen Bereichen der Medizin, hoch aktuell ist.
Professor Dr. Andrea Bäßler, Leiterin der kardiologischen Ambulanz und
Expertin auf dem Gebiet der Gendermedizin am UKR, erklärt die
Notwendigkeit einer geschlechterspezifischen Herangehensweise in der
Kardiologie: „In Europa verzeichnen wir eine höhere Sterblichkeitsrate bei
Frauen in Bezug auf Herzerkrankungen im Vergleich zu Männern. Die
Gendermedizin in der Kardiologie setzt genau hier an. Es ist essenziell zu
verstehen, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. Ihre Unterschiede
betreffen dabei nicht nur die Hormone, sondern auch anatomische
Gegebenheiten und sozioökonomische Faktoren. Daher ist eine individuelle
Gesundheitsversorgung für Frauen von entscheidender Bedeutung.“
Frauenspezifische Risikofaktoren
Je nach Geschlecht zeigen Risikofaktoren für Herzerkrankungen
unterschiedliche Auswirkungen. Bei Frauen stellen Bluthochdruck,
Übergewicht und Diabetes noch bedeutendere Gefahren für das Herz dar.
„Während Männer mit einer solchen Erkrankung eine Risikosteigerung um den
Faktor 2-3 aufweisen, beträgt dieser bei Frauen 3-5,“ erläutert Professor
Bäßler.
Zusätzlich zu den allgemeinen Risikofaktoren sind Frauen von
geschlechterspezifischen Gefahren für das Herz betroffen. Beispielsweise
besteht im Zeitraum um die Geburt eines Kindes das Risiko einer
schwangerschaftsbedingten Herzschwäche. Diese wird mutmaßlich durch das
Stillhormon Prolaktin ausgelöst, dessen Abbauprodukt bei gewisser
Prädisposition das Herz beeinträchtigen kann. Diese Erkrankung, wenngleich
selten, stellt eine lebensbedrohliche Situation dar und kann innerhalb
weniger Wochen zu Herzversagen führen. Eine weitere Gefahr für das
Frauenherz findet ihre Ursache in Schwangerschaftskomplikationen wie
Diabetes oder einer Gestose. Diese erhöhen das Risiko für Herzerkrankungen
im späteren Leben auch nach der Schwangerschaft um das Doppelte. Ebenso
ist nach Eintritt in die Menopause besondere Achtsamkeit geboten. In
diesem Zusammenhang ist der Rückgang des Östrogenspiegels verantwortlich
für eine Erhöhung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da er mit
einem Anstieg der Cholesterinwerte, des Blutdrucks und einer Zunahme des
Körpergewichts einhergeht.
Tako-Tsubo-Syndrom: Wenn das Herz einer japanischen Tintenfischfalle
gleicht
Keine Herzerkrankung unterscheidet derart markant zwischen Mann und Frau
wie das Tako-Tsubo-Syndrom. Benannt nach dem japanischen Wort für
„Tintenfischfalle“ tritt diese Herzstörung in 90 Prozent der Fälle bei
postmenopausalen Frauen auf. Sowohl Symptome als auch Untersuchungsbefunde
wie Laborwerte, EKG und Herzultraschall ähneln jenen eines Herzinfarkts,
jedoch bei unauffälligen Herzkranzgefäßen. Bei dieser akuten Erkrankung
ist die Pumpfunktion des Herzens beeinträchtigt. Die Herzspitze sowie die
angrenzenden Wandabschnitte kontrahieren kaum mehr, wodurch das Herz eine
ballonartige Form annimmt, die an eine japanische Tintenfischfalle
erinnert. In den meisten Fällen sind die Auslöser psychische oder
physische Stressfaktoren, wie sie beispielsweise bei starken emotionalen
Belastungen auftreten, etwa dem plötzlichen Tod eines Angehörigen oder des
geliebten Haustiers. Aus diesem Grund wird diese Herzerkrankung auch als
Broken-Heart-Syndrom bezeichnet. Frauenherzen reagieren im Allgemeinen
sensibler auf psychischen Stress im Vergleich zu Männerherzen. Bei
schweren emotionalen Belastungen erhöht sich das Risiko für
Herzerkrankungen sogar drastisch.
Vorbeugen, auf Symptome achten und schnell handeln
Das Hauptproblem besteht nach wie vor darin, dass zu viel Zeit vergeht bis
Frauen bei einem akuten Herzproblem beim Arzt vorstellig werden. „Frauen
neigen dazu ihre Beschwerden zu verharmlosen, da sie sich oft zu viele
Sorgen darüber machen, ihre Symptome falsch einzuschätzen. Dabei zählt bei
einem Herzinfarkt jede Minute, denn Zeit ist Muskel. Je mehr Zeit vergeht,
desto mehr Herzmuskulatur kann Schaden nehmen und die Prognose der Frau
verschlechtern,“ erklärt Professor Bäßler. Nicht nur, dass Frauen viel
früher beim Arzt vorstellig werden sollten, auch eine hinreichende
Kenntnis der frauenspezifischen Symptome ist wichtig.
Angesichts des sprunghaften Anstiegs des Herzrisikos mit der Menopause
empfiehlt Professor Bäßler präventiv eine kardiologische Untersuchung
spätestens ab dem 50. Lebensjahr: „Es gilt, potenzielle Herzprobleme früh
zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.“
Ungeachtet der Betonung der Menopause rät sie auch jüngeren Frauen
dringend, sich um ihre Herzgesundheit zu kümmern. In den letzten
Jahrzehnten wurde eine Zunahme von Herzproblemen bei Frauen unter 55
Jahren verzeichnet. Vor allem Übergewicht, Diabetes, Rauchen und
Alkoholkonsum spielen hierbei eine große Rolle und sollten aktiv bekämpft
werden, um das Herz bestmöglich zu schützen.
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