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Mehr Rauchende durch Cannabis-Freigabe befürchtet

Gesundheitsexperten fordern strenge Auflagen für Legalisierung
 Heute berät das Bundeskabinett über einen
Gesetzentwurf zur Legalisierung von Cannabis. Aus diesem Anlass warnen das
Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR) und mit ihm die Deutsche Krebshilfe vor
Gesundheitsrisiken, die durch einen Co-Konsum von Cannabis mit Tabak und
Nikotin erwartet werden. „Eine legalisiert-kontrollierte Abgabe von
Cannabis darf nicht die bislang erreichten Erfolge der Tabak- und
Nikotinprävention gefährden“, sagt Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender
der Deutschen Krebshilfe. „Wir fordern die Bundesregierung auf,
entsprechende Schutzvorkehrungen im Gesetzentwurf zu verankern.“ Das ABNR
hat in diesem Sinne eine Stellungnahme an die zuständigen Vertreter der
Gesundheitspolitik versandt.

Die Bundesregierung verfolgt mit ihrem Vorstoß einer kontrollierten Abgabe
von Cannabis an Erwachsene verschiedene Ziele: Unter anderem soll durch
eine kontrollierte Produktqualität der Jugend- und Gesundheitsschutz
verbessert und der Schwarzmarkthandel eingedämmt werden.

Das ABNR – ein Zusammenschluss 19 bundesweit tätiger
Gesundheitsorganisationen – ist hinsichtlich der geplanten Cannabis-
Regulierung besorgt: „Wir befürchten einen ansteigenden Tabak- und
Nikotinkonsum. Weil Nichtrauchende durch Cannabis an Tabak- und
Nikotinprodukte herangeführt werden und sich für Rauchende der Ausstieg
erschweren könnte“, sagt Professor Dr. Reiner Hanewinkel,
Stellvertretender Vorsitzender des ABNR und Leiter des Instituts für
Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord).

„Problematisch ist auch das Suchtpotenzial“, betont Christina Rummel,
Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. „Wird
Cannabis zusammen mit Nikotin aufgenommen, beispielsweise durch
Tabakzigaretten oder Liquids von E-Zigaretten, erhöht dies die Suchtgefahr
für Cannabis. Insgesamt steigen bei einem Co-Konsum die gesundheitlichen
Belastungen für Atemwegsorgane, das Herzkreislauflauf- und Nervensystem,
die Psyche sowie auch das Krebsrisiko.“

Zudem befürchten die Experten des ABNR, dass Inhalationssysteme wie
E-Zigaretten und Tabakerhitzer vermehrt für den Zusatz mit Cannabis-
haltigen Substanzen genutzt werden könnten.

Daher fordert das ABNR, dass im Rahmen des geplanten
Gesetzgebungsprozesses Maßnahmen ergriffen werden, die die
gesundheitlichen Gefahren des Co-Konsums von Cannabis mit Tabak und
Nikotin reduzieren. Eine Stellungnahme des Bündnisses mit dem Titel
„Cannabis und Rauchen“ wurde Ende Juli in den Stellungnahme-Prozess des
Bundesministeriums für Gesundheit eingegeben sowie an das Büro des Sucht-
und Drogenbeauftragten der Bundesregierung geschickt.

Interessierte erhalten die ABNR-Stellungnahme „Cannabis und Rauchen“ sowie
das ABNR-Positionspapier „Cannabis-Regulierung in Deutschland – Warnung
vor einer möglichen Re-Etablierung des Rauchens“ unter www.abnr.de.

Forderungen des ABNR an die Politik

Das Aktionsbündnis Nichtrauchen fordert im Zuge der geplanten Cannabis-
Gesetzgebung folgende Maßnahmen, die das Ziel haben, die gravierenden
gesundheitlichen Gefahren insbesondere für junge Menschen zu reduzieren,
die mit einem Co-Konsum von Cannabis und Nikotin einhergehen:
• Sicherung des Jugendschutzes, um den Einstieg in das Rauchen durch
Cannabiskonsum zu verhindern sowie über die Risiken des Co-Konsums von
Tabak- und Nikotinprodukten und Cannabis aufzuklären.
• Aufbau niedrigschwelliger, evidenzbasierter Angebote für den Ausstieg
aus dem Tabak- und Nikotinkonsum unter Mitberücksichtigung des
Cannabiskonsums.
• Berücksichtigung von Warnhinweisen zu den Risiken eines Co-Konsums von
Cannabis zusammen mit Tabak- und Nikotinprodukten auf den für die
kontrollierte Abgabe von Cannabis vorgesehenen Verpackungen.
• Analoge Anwendung der für Cannabis geplanten Abgaberegelungen auch für
Tabak- und Nikotinprodukte.
• Verkaufsverbote für solche Produkte, die die Risiken des Cannabiskonsums
und eines Co-Konsums mit Nikotin verstärken.
• Aufbau eines unabhängigen Begleitforschungsprogramms zur geplanten
Cannabis-Regulierung, zur Evaluation des Konsums und dessen
gesundheitlicher Auswirkungen.

Interviewpartner auf Anfrage!

Bonn, 16. August 2023

Die Deutsche Krebshilfe wurde am 25. September 1974 von Dr. Mildred Scheel
gegründet. Ziel der gemeinnützigen Organisation ist es, Krebserkrankungen
in all ihren Erscheinungsformen zu bekämpfen. Unter dem Motto „Helfen.
Forschen. Informieren.“ fördert die Stiftung Projekte zur Verbesserung der
Prävention, Früherkennung, Diagnose, Therapie, medizinischen Nachsorge und
psychosozialen Versorgung, einschließlich der Krebs-Selbsthilfe. Ihre
Aufgaben erstrecken sich darüber hinaus auf forschungs- und
gesundheitspolitische Aktivitäten. Sie ist Mitinitiator des Nationalen
Krebsplans sowie Partner der „Nationalen Dekade gegen Krebs“. Die Deutsche
Krebshilfe ist der größte private Geldgeber auf dem Gebiet der
Krebsbekämpfung – unter anderem der Krebsforschung – in Deutschland. Sie
finanziert ihre gesamten Aktivitäten ausschließlich aus Spenden und
freiwilligen Zuwendungen der Bevölkerung. Weitere Infos:
www.krebshilfe.de.

Das Aktionsbündnis Nichtrauchen e.V. (ABNR) ist ein Zusammenschluss von 19
bundesweit tätigen Gesundheitsorganisationen, die ihre politischen
Aktivitäten im Bereich „Förderung des Nichtrauchens/Schutz vor den
Gefahren des Passivrauchens“ bündeln. Vordringliches Ziel des ABNR ist es,
Maßnahmen zur Eindämmung der Gesundheitsgefahren durch das Rauchen und
Passivrauchen auf politischer Ebene anzuregen, zu fördern und zu
begleiten. Dem Bündnis gehören folgende Organisationen an: Ärztlicher
Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit e.V., Bundesärztekammer,
Bundeszahnärztekammer, Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V., Deutsche
Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin e.V, Deutsche
Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V., Deutsche
Gesellschaft für Kardiologie e.V., Deutsche Gesellschaft für Neurologie
e.V., Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.,
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V. DGRh, Deutsche Gesellschaft
für Sozialmedizin und Prävention e.V., Deutsche Gesellschaft für
Thoraxchirurgie, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Deutsche
Herzstiftung e.V., Deutsche Krebsgesellschaft e.V., Deutsches
Krebsforschungszentrum, Deutsche Lungenstiftung e.V., Deutsches Netz
Rauchfreier Krankenhäuser & Gesundheitseinrichtungen und die Stiftung
Deutsche Krebshilfe. Weitere Informationen bietet das Internet unter
www.abnr.de.

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Neues Forschungsinstitut an der Saar-Universität kombiniert Informatik und Sozialwissenschaften

Am 7. und 8. September wird das “Interdisciplinary Institute for Societal
Computing (I2SC)” an der Universität des Saarlandes mit einem zweitägigen
Symposium eröffnet. Das Institut fördert die interdisziplinäre Forschung
an der Saar-Universität und bietet eine Plattform für den Austausch
zwischen Sozial-, Geistes- und Computerwissenschaften. Die Leitung
übernehmen Ingmar Weber, Humboldt-Professor für Künstliche Intelligenz,
und Daniela Braun, Professorin für Politikwissenschaft.

Die Forschungsarbeit des Instituts teilt sich in zwei Hauptbereiche:
Computing der Gesellschaft und Computing für die Gesellschaft. Der erste
Schwerpunkt konzentriert sich auf den Einsatz von computerbasierten
Methoden, um soziale Phänomene zu erforschen. Im zweiten Schwerpunkt geht
es darum, mit diesen Methoden Ansätze zu entwickeln, um das
gesellschaftliche Zusammenleben zu verbessern.

"Mit dem I2SC verfolgen wir das Ziel, auch über wissenschaftliche
Publikationen hinaus Brücken in die Gesellschaft zu bauen. Wir planen eine
enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Stakeholdern wie den Vereinten
Nationen, verschiedenen NGOs im In- und Ausland und öffentlichen
Anstalten. Diese sind herzlich eingeladen, mit ihren Forschungsfragen auf
uns zuzukommen", so Institutsleiter Ingmar Weber.
"Die Vernetzung der Disziplinen und das Umsetzen gemeinsamer Projekte
stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit", ergänzt Institutsleiterin Daniela
Braun. "Viele aktuelle Fragestellungen, etwa zu den Auswirkungen von KI,
erfordern eine interdisziplinäre Herangehensweise. Das I2SC in Saarbrücken
bietet eine neue Plattform für diesen Austausch."

Daniela Braun ist Europapolitik-Expertin, die sich in ihrer Arbeit
besonders mit den Europawahlen befasst. In ihrem aktuell laufenden und von
der Europäischen Union finanzierten Forschungsprojekt ActEU setzt sie
unter anderem Web Scraping ein, um auf Social Media das Ausmaß der
Polarisierung in Europa sowie die Legitimität der europäischen politischen
Systeme zu analysieren. Zudem leitet sie das Euromanifesto-Projekt, das
Wahlprogramme von Europawahlen für die Forschung aufbereitet.

Humboldt-Professor Ingmar Weber leitet die Forschungsgruppe “Societal
Computing” an der Universität des Saarlandes. Er untersucht unter anderem
den Einsatz von Social-Media-Daten zur Beobachtung der Situation in
Krisengebieten, Geschlechtergerechtigkeit und die Verbreitung von
Informationen im Internet. So präsentierte er seine Forschungsergebnisse
im Bereich "Digital Gender Gap" bereits vor der Generalversammlung der
Vereinten Nationen.

Für Studierende der Saar-Universität sind in diesem Zusammenhang ebenfalls
Veränderungen geplant: Am I2SC ist die Einführung eines
Zertifikatsprogramms in Societal Computing geplant. "Das Zertifikat wird
bescheinigen, dass sich Sozial- und Geisteswissenschaftler in Informatik
fortgebildet haben und Studierende der Informatik sich über ihre eigene
Disziplin hinaus engagieren", erklärt Professorin Braun.

Das I2SC startet mit einem Eröffnungssymposium am 7. und 8. September.
Internationale Panels diskutieren dabei die Herausforderungen und
Forschungsfragen des interdisziplinären Feldes. Das neue
Forschungsinstitut wird kein eigenes Gebäude beziehen, sondern auf
virtuelle Weise Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen
Disziplinen zusammenführen.

Hintergrund Saarland Informatics Campus

900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (darunter 400 Promovierende)
und rund 2500 Studierende aus mehr als 80 Nationen machen den Saarland
Informatics Campus (SIC) zu einem der führenden Standorte für Informatik
in Deutschland und Europa. Vier weltweit angesehene Forschungsinstitute,
nämlich das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI),
das Max-Planck-Institut für Informatik, das Max-Planck-Institut für
Softwaresysteme, das Zentrum für Bioinformatik sowie die Universität des
Saarlandes mit drei vernetzten Fachbereichen und 24 Studiengänge decken
das gesamte Themenspektrum der Informatik ab.

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Ohne Vater wird man kein richtiger Mann? Falsch! Studie der FH Dortmund untersucht Eltern-Kind-Beziehungen

Ein Junge kann ohne Vater zu einem glücklichen Mann heranwachsen. Ein Junge kann ohne Mutter zu einem glücklichen Mann heranwachsen. Diese Schlussfolgerungen legt ein Forschungsprojekt von Prof. Dr. Katja Nowacki nahe, das vielfältige Familiengefüge in den Blick nimmt.

 

In einem Forschungsprojekt untersuchte Prof. Nowacki, Dekanin des Fachbereichs Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund, in Kooperation mit Prof. Dr. Katja Sabisch von der Ruhr-Universität Bochum die Einstellungen junger Männer mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu Gender und LSBTIQ.

 

Unerwartetes Ergebnis

 

Dabei ergaben sich überraschende Erkenntnisse über die Beziehungen junger Männer zu ihren Eltern. Prof. Nowacki: „In der Studie haben wir rund 1000 junge Männer befragt, darunter auch Studierende der FH Dortmund, wie zufrieden sie mit ihrer Männlichkeit sind.“ Die Fragen lauteten beispielsweise: Verstehen Sie sich als typischen Mann? Würden Ihre Peers, also Ihre gleichaltrigen Freund*innen und Bekannte, es in Ordnung finden, wenn Sie sich mit Sachen beschäftigen würden, die eher als Mädchen- beziehungsweise Frauensachen gelten? Wie viel Druck spüren Sie von Ihren Eltern und Ihren Peers, dass Sie sich wie ein „typischer Mann“ benehmen sollen?

 

Weitere Fragen zielten darauf ab, wie die Befragten ihre Beziehungen zur Mutter und zum Vater bewerten. Ergebnis: Je positiver sie diese Beziehungen beschrieben, desto zufriedener sind sie auch mit ihrer Männlichkeit. Das sei zunächst nicht verwunderlich: „Wir wissen aus der Bindungsforschung, dass positive Beziehungen zu Eltern und Peers dazu führen, dass junge Männer weniger Druck verspüren und weniger die Sorge haben, kein richtiger Mann zu sein“, ordnet Prof. Nowacki ein. „Aber erstaunlich am aktuellen Ergebnis ist Folgendes: Dieser positive Effekt ist bei Müttern nicht schwächer als bei Vätern.“

 

Mütter können alles – Väter auch

 

Die Beziehung zur Mutter habe sogar einen noch größeren Effekt auf die Zufriedenheit als die anderen Beziehungsformen. Das liege vermutlich zum Teil daran, dass die Mütter nach wie vor meist die wichtigste Bezugsperson für junge Männer sind. Dennoch lasse sich daraus Folgendes ableiten: „Wenn eine positive Beziehung zur Mutter einen ausreichend starken positiven Effekt auf die Männlichkeit des Sohnes hat, dann ist die tradierte Gewissheit, nur der Vater mache einen Jungen zum richtigen Mann, falsch.“

 

Das spreche ausdrücklich nicht gegen Väter, unterstreicht Prof. Nowacki. Aber es zeige, dass Kinder, die nur bei der Mutter oder bei zwei Müttern aufwachsen, sich genauso gut entwickeln können wie andere. Das Gleiche gelte für Kinder von nur einem Vater oder von zwei Vätern.

 

Elternrollen sind divers

 

Für die Frage, ob ein junger Mann mit sich zufrieden ist, zähle daher im Wesentlichen die Qualität der Beziehung zur primären Bezugsperson oder zu den primären Bezugspersonen, die die Bedürfnisse abdeckt bzw. abdecken, die in der klassischen Rollenverteilung auf Mutter und Vater verteilt sind – unabhängig vom Geschlecht.

 

Es gibt noch eine weitere Konsequenz. Gegner*innen von Gleichstellung und Gleichberechtigung argumentieren oft, dass Frauen keinen beruflichen Erfolg anstreben sollten, weil sie in der Familie für die Kindererziehung gebraucht würden. Auch dieses Klischee sieht Prof. Nowacki widerlegt: Die Überwindung der klassischen familiären Rollenverteilung sei keine Bedrohung für die Entwicklung der Kinder – zumal die klassische Rollenverteilung nicht genetisch festgelegt sei, sondern viel eher eine Folge der Sozialisation.

 

 

Zur Studie
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts haben Prof. Dr. Katja Nowacki, Prof. Dr. Katja Sabisch (Ruhr Uni Bochum) und Dr. Silke Remiorz (FH Dortmund) als Buch herausgegeben: „Junge Männer in Deutschland. Einstellungen junger Männer mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu Gender und LSBTI“ ist erschienen im Springer Verlag, ISBN 978-3-658-39234-5.

Der eigentliche Zweck des Projekts war die Prüfung eines Vorurteils: nämlich dem, dass Männer mit Migrationshintergrund Frauen und Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen tendenziell feindlich begegnen. Ergebnis: Das Vorurteil stimmt nicht. Gründe für ein derartiges Verhalten sind vielmehr die Zugehörigkeit zu einer Minderheit, Armut, Integrationsdruck und Perspektivlosigkeit – aber nicht der Migrationshintergrund.
Das Forschungsprojekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

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Scharlach wieder auf dem Vormarsch

Die Stiftung Kindergesundheit berichtet über die Zunahme von
Streptokokken-Erkrankungen, ihre Folgen und über die richtige Behandlung

Noch vor 150 Jahren starben jedes Jahr Tausende von Kindern an der
ansteckenden Kinderkrankheit Scharlach. Heute lässt sie sich mit
Antibiotika so gut behandeln, dass praktisch kein Kind mehr an dieser
Krankheit sterben muss. In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich die
von Streptokokken-Bakterien ausgelöste Infektion mehr und mehr zu einer
„seltenen Erkrankung“. Doch nun scheint die Situation erneut umzuschlagen,
berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme:
Kinderärzt*innen und Apotheker*innen beobachten eine deutliche Zunahme von
Streptokokken-Erkrankungen unter ihren Patientinnen und Kunden. Das
besondere Problem dabei: Viele Antibiotika und Fiebersäfte für Kinder, die
zur Behandlung dieser Krankheiten benötigt werden, sind zurzeit nur
eingeschränkt oder überhaupt nicht erhältlich!

Die Sternstunde der Wissenschaft ereignete sich vor 95 Jahren:  Der damals
47 Jahre alte schottische Mikrobiologe Alexander Fleming (1881 – 1955)
stieß auf das „Heilmittel des Jahrhunderts“, auf das Antibiotikum
Penicillin. Eines Tages im September 1928 – das genaue Datum ist nicht
mehr bekannt – erkennt Flemming die Bakterien abtötende Wirkung der
Nährlösung, in der er den Schimmelpilz Penicillium gezüchtet hatte. Er
kann jedoch die antibakterielle Substanz nicht isolieren und verfolgt
seine Entdeckung nicht weiter. Erst um 1940 erkennen der australische
Pathologe Howard W. Florey und der Berliner Biochemiker Ernst Boris Chain
die Bedeutung der Entdeckung, und nennen das Produkt ihrer
Schimmelpilzkultur „Penicillin“. 1945 bekommen die drei Forscher den
Nobelpreis für Physiologie und Medizin „für die Entdeckung des Penicillins
und seiner Heilwirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten“.

Penicillin gilt nach wie vor als das wichtigste Medikament zur Bekämpfung
von Streptokokken, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Diese
Bakterien, von denen mittlerweile 120 verschiedene Arten bekannt sind,
werden in Gruppen unterteilt, die zu unterschiedlichen Infektionen führen.
Zu den drei häufigsten krankheitsauslösenden Streptokokkenarten zählen die
Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae), die Gruppe A-Streptokokken
(Streptococcus pyogenes) und die Gruppe B-Streptokokken (Streptococcus
agalactiae). Das Bakterium Streptococcus pyogenes wird meistens durch
direkten Kontakt von Speichel oder Nasensekret übertragen und soll
weltweit jährlich rund 700 Millionen Infektionen verursachen.

Die kettenförmig angeordneten Streptokokken der Gruppe A besiedeln häufig
die Schleimhäute auch gesunder Menschen im Nasen-Rachen-Raum, ohne dass
die Träger selbst erkranken. Sie sind jedoch häufige Erreger einer
Streptokokken-Angina, also einer fiebrigen Hals-Rachenmandel-Entzündung
(Fachbezeichnung: Tonsillopharyngitis). Sie können aber auch andere
schwere Infektionen verursachen, zum Beispiel Mittelohrentzündungen
(Otitis media), Lungenentzündungen (Pneumonie), Hirnhautentzündungen
(Meningitis) und andere Krankheiten, von denen besonders Säuglinge,
Kleinkinder sowie ältere und abwehrgeschwächte Personen betroffen sind.

Auch Großeltern können sich anstecken
Wie das Robert Koch-Institut Berlin in seinem Epidemiologischen Bulletin
(8/2023) berichtet, gab es im 4. Quartal 2022 einen für die Jahreszeit
ungewöhnlich frühen und starken Anstieg von schweren Infektionen durch
Gruppe-A-Streptokokken. Am stärksten betroffen war die Gruppe über
65-jähriger Menschen. Ein Ende des Anstiegs ist jedoch noch nicht
abzusehen: Zurzeit erkranken vor allem Kinder unter 15 Jahren und Menschen
zwischen 25 und 44 Jahren an Scharlach und an von A-Streptokokken
ausgelösten Infektionen.
Diese Krankheiten waren bisher nicht meldepflichtig. Angesichts der
beunruhigenden Lage haben jedoch die kinderärztlichen Fachgesellschaften
unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische
Infektiologie (DGPI) kurzfristig ein Meldesystem für Gruppe-A
-Streptokokken-Infektionen und weitere komplizierte (Atemwegs-)Infektionen
bei stationär behandelten Kindern eingerichtet.

Der typische Verlauf einer Scharlach-Infektion
Der Scharlach ist eine Sonderform der Streptokokken-A-Infektion, der durch
spezielle Streptokokken-Typen hervorgerufen wird. Sie sind in der Lage,
ein besonderes Scharlachgift zu produzieren, das den typischen
Scharlachausschlag auslöst. Im Grunde ist Scharlach also eine
Streptokokken-Angina mit Ausschlag.
Zwei bis sieben Tage nach der Ansteckung steigt plötzlich die Temperatur
stark an. Das Kind klagt über Schüttelfrost, Halsschmerzen und
Schluckbeschwerden. Oft muss es auch erbrechen.
Ein bis zwei Tage später beginnt dann der typische Ausschlag in den
Achselhöhlen und an der Innenseite der Oberschenkel und breitet sich dann
auf den ganzen Körper aus.

Eine Haut wie Sandpapier
Der Scharlachausschlag besteht aus winzigen, höchstens
stecknadelkopfgroßen, dicht beieinander liegenden Flecken. Wenn man mit
der Handfläche über die Haut streicht, fühlt sie sich an wie Sandpapier
oder eine leichte Gänsehaut. Die Erhebungen des Ausschlags sind zunächst
zartrosa, später flammend rot (eben scharlachrot). Die Gesichtshaut
dagegen ist glatt, aber intensiv gerötet. Die Mund- und Kinnpartie bleibt
jedoch blass und wie ein Milchbart von der Rötung ausgespart.
Der Rachen des Kindes ist düster rot. Auf der Zunge entsteht zunächst ein
weißgelber Belag, der nach ein bis zwei Tagen abgestoßen wird. Danach ist
die Oberfläche der Zunge auffallend gerötet und sieht wie eine Erdbeere
oder Himbeere aus. Fast immer sind auch die Lymphknoten am Kieferwinkel,
oft auch am Hals geschwollen. Nach einigen Tagen beginnt sich die Haut
insbesondere an den Handinnenflächen und an den Fußsohlen zu schuppen. An
den Händen und Füßen lassen sich oft ganze Fetzen abziehen, während sich
am Bauch feine Schuppen ablösen. Dieses Abschuppen dauert drei, manchmal
auch mehrere Wochen.

Es gibt auch Scharlach ohne Ausschlag
Weil die Krankheit häufig leicht verläuft, ist der Ausschlag am Körper
oft nur blass rosa und tritt lediglich wenige Stunden lang auf. Es gibt
auch Fälle, die völlig ohne Ausschlag verlaufen. Das Kind hat nur
Schluckbeschwerden, Heiserkeit und Husten. Erst nach einigen Tagen zeigt
das Abschuppen seiner Haut, dass es Scharlach durchgemacht hat.
Bekommt ein Kind hohes Fieber und zeigt Scharlachsymptome, sollten die
Eltern auf jeden Fall mit einem Kinder- und Jugendarzt Kontakt aufnehmen,
empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. Diagnostiziert der Arzt
Scharlach, wird er dem Kind in aller Regel Penicillin verordnen. Sollte
dieses Antibiotikum nicht anschlagen oder nicht gut vertragen werden, kann
auf ein anderes Antibiotikum, z. B. auf orale Cephalosporine ausgewichen
werden. Die antibiotische Behandlung dauert in der Regel etwa sieben bis
zehn Tage.
„Von größter Wichtigkeit ist die unbedingte Einnahme des vom Arzt
verordneten Antibiotikums, so lange, wie es vom Arzt vorgeschrieben ist“,
betont Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko,
Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit mit großem Nachdruck. „Mit
Hilfe der Penicillin-Behandlung geht es dem Kind zwar schon nach 24 bis
spätestens 48 Stunden wieder gut. Das Verschwinden der Beschwerden
bedeutet aber nicht, dass damit auch die Bakterien beseitigt sind! Die
Behandlungsdauer von meist zehn Tagen ist notwendig, um alle Bakterien
abzutöten. Bleiben Reste im Organismus, könnte die Krankheit wieder
aufflackern. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich die Erreger an das
Antibiotikum gewöhnen, also eine Resistenz entwickeln“.

Bei Fieber reichlich trinken
Solange das Fieber hoch ist, braucht das Kind reichlich Wasser, Obstsäfte
oder Tee mit Milch zum Trinken. Gegen die Halsschmerzen helfen Gurgeln
(mit Salbei-, Eibischtee oder desinfizierenden Lösungen) und warme
Halswickel. Kühle Getränke oder Eis lindern ebenso. Da einem erkrankten
Kind das Schlucken schwerfällt, sollten Eltern ihm weiche oder flüssige
Nahrung wie Suppen anbieten.
Mögliche Komplikationen sind Entzündungen des Mittelohres, der
Nebenhöhlen und der Lunge. Eher seltene, aber gefürchtete Spätfolgen
sind das akute rheumatische Fieber mit Entzündungen der großen Gelenke
wie den Kniegelenken, des Herzmuskels, des Herzbeutels oder der
Herzklappen sowie Entzündungen der Nieren. In solchen Fällen können
bleibende Schäden entstehen. Komplikationen werden häufiger beobachtet,
wenn der Scharlach nicht mit Antibiotika behandelt wurde oder die
Antibiotika-Therapie vorzeitig abgebrochen wird.
Hat ein Kind die Erkrankung überstanden, ist es in Zukunft vor dem
jeweiligen Giftstoff des Erregers geschützt. Da die Bakterien aber
unterschiedliche Giftstoffe bilden, ist es leider möglich, mehrfach an
Scharlach zu erkranken, betont die Stiftung Kindergesundheit.

Dank Antibiotika schneller gesund
Kinder oder Jugendliche, die an Scharlach erkrankt sind oder bei denen der
Verdacht auf Scharlach besteht, dürfen Gemeinschaftseinrichtungen wie
Schulen oder Kindergärten vorübergehend nicht besuchen. Die Eltern
müssen die Einrichtung über die Erkrankung ihres Kindes informieren.
Scharlachkranke Kinder ohne Penicillinbehandlung gelten drei Wochen lang
als „infektiös“.

Auch erkrankte Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen arbeiten, wie
z. B. Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher, dürfen dort, solange
sie ansteckend sind, keine Tätigkeit ausüben, bei denen sie Kontakt zu
den Kindern haben.
Wann die Tätigkeit wieder aufgenommen bzw. die Gemeinschaftseinrichtung
wieder besucht werden kann, entscheidet die behandelnde Kinderärztin oder
der behandelnde Kinderarzt oder das zuständige Gesundheitsamt. Nach einer
Antibiotika-Gabe ist das in der Regel am zweiten Tag möglich, ansonsten
nach Abklingen der Beschwerden. Ein schriftliches ärztliches Attest ist
nicht erforderlich.

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