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Mit Schwert und Schmerz Die Preisträgerinnen des Design- und Genderpreises 2023 und ihre Arbeiten

Drei Studierende des Fachbereichs Design der Fachhochschule Dortmund haben bei der Ausstellung „Genderful Life“ den Design- und Genderpreis erhalten. Die Arbeiten von Elisabeth Kringe, Samaneh Khosravi und Miriam Wolter zeigen starke Menschen in schwierigen Situationen.

 

Das sind die preisgekrönten Arbeiten:

 

„Die gerüstete Frau“

 

Elisabeth Kringe reagiert mit ihrer Bachelorarbeit auf die Unterschiede von Frauen- und Männerrüstungen in Games, Filmen und Serien, Live-Action-Rollenspielen und anderen mittelalterlichen Darstellungen. „Warum gibt es eigentlich so viele ‚Bikini-Rüstungen‘ in den Medien?“, fragt sie in ihrem Begleittext. Ihre „gerüstete Frau“ ist der Gegenentwurf: Eine eigens entworfene Rüstung aus Gambeson, Hals-, Schulter- und Brustschutz, die nicht aufreizend, sondern nützlich wirkt.

 

Jury-Wertung:
„‚Die gerüstete Frau‘ hinterfragt die üblichen Stereotypen der Frauenrolle wie das metallische Bikinitop, welches nicht schützt, sondern die Frau sexy wirken lassen soll. Elisabeth Kringe entwickelt ein Gegenbild, eine Rüstung für die Frau, die eine wirkliche Schutzfunktion ausübt. Damit wird die übliche Erwartungshaltung gebrochen und die Darstellung der weiblichen Rolle auf überraschende Weise verändert: Die Frau gewinnt Stärke und kann nun auch die Rolle der Kämpferin ausfüllen.“

 

„Der vergessene Schrei“

 

Samaneh Khosravis Fotoserie befasst sich mit ihren eigenen Gefühlen nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 im Iran und der darauffolgenden Bewegung „Women, Life, Freedom“. Sie schreibt dazu: „Während ich mich hier in Deutschland befinde, weit weg von meiner Heimat, werde ich täglich mit entsetzlichen Nachrichten konfrontiert, wie Frauen aufgrund ihres Geschlechts systematisch diskriminiert, unterdrückt oder sogar getötet werden.“ Als Fotografin, die im Iran geboren und aufgewachsen ist und einen Teil davon am eigenen Leib erfahren hat, habe sie in dieser Selbstinszenierung ihre Emotionen und Erfahrungen reflektiert und festgehalten. 

 

Jury-Wertung:
„Das Thema der Veränderung der Rechtslage in Bezug auf die Frauen im Iran ist ein politisch brisantes und eindeutig genderbezogenes Thema. Die Arbeit löst Betroffenheit aus, die nicht nur über die unfassbaren Vorgänge informieren, sondern das Publikum auch emotional erreichen kann.“

 

Khawaja Siras: Pakistans Trans-Community zwischen Tradition und Gegenwart”

 

Miriam Wolter untersucht in ihrem 30-minütigen Dokumentarfilm die Perspektive von Transmenschen in Pakistan, genannt „Khawara Siras“. Diese „gehören zur indigenen Bevölkerung Pakistans und sind Teil der reichen Geschichte und Kultur des Landes“, schreibt die Künstlerin. In ihrem Film untersucht sie die jüngsten politischen Entwicklungen in Bezug auf diese Community, darunter ein junges Gesetz zum Schutz von Transgender-Personen.

 

Jury-Wertung:
Die Jury nennt den Film ein „präzise recherchiertes und dokumentarisches Zeitdokument“ mit dem Potenzial, das Verständnis für die schwierige Situation von Transmenschen zu fördern. Die Dreharbeiten hätten erfordert, Kontakte und Nähe zu der Community aufzubauen, um Interviews führen zu können, vor Ort zu filmen und das Projekt in der schwierigen Situation der Pandemie durchzuführen, hebt die hervor.

 

Die drei Preise sind gleichwertig. Jede Preisträgerin erhielt das Ungleichzeichen „≠“ in Beton, 200 Euro Preisgeld und eine Urkunde.
Die diesjährige Jury besteht aus Lehrenden, Beschäftigten und Studierenden der FH Dortmund: die Gleichstellungsbeauftragte Sonja Hunscha, die Studierenden Selina Bischoff und Lena Sievering sowie die Design-Professor*innen Oliver Langbein und Nora Fuchs.
Kriterien für die Bewertung sind die Eindeutigkeit des genderspezifischen Themas, die konzeptionelle Originalität, die Qualität der Gestaltung. Zugelassen waren Arbeiten aus den vergangenen zwölf Monaten.

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Neuer Therapieerfolg bei Alzheimer – dennoch bleibt die Prävention wichtig

Eine gestern in JAMA publizierte Studie zeigt: Donanemab kann die
Progression der Alzheimer-Erkrankung um 35 Prozent verlangsamen. Besonders
gut scheint die Therapie in den sehr frühen Krankheitsstadien zu wirken,
was die Frage nach einfach handhabbaren Alzheimer-Frühtests aufwirft. Doch
auch die neue Therapie ist nicht nebenwirkungsfrei und darüber hinaus
müsse eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Kosten geführt werden.
Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) bleibt die
Prävention eine wichtige Säule im Kampf gegen Alzheimer: 40 Prozent der
Erkrankungsfälle könnten dadurch verhindert werden.

Angesichts des demographischen Wandels ist die Demenz ein wachsendes
Gesundheitsproblem in unserer Gesellschaft. In Deutschland gibt es
jährlich ungefähr 244.000 Neuerkrankungen [1]. Die Demenz-Prävalenz nimmt
mit dem Lebensalter zu: Bis zu 10% der über 65-Jährigen und bis zu 40% der
über 80-Jährigen leiden an einer Demenz [2]. Demenzen sind chronisch-
neurodegenerative Erkrankungen, die zu kognitiven Störungen,
Verhaltensauffälligkeiten und anderen, beispielsweise neuropsychiatrischen
Symptomen, führen. Die Mehrzahl der Betroffenen, etwa 70-80%, hat eine
Alzheimer-Erkrankung (AD), die typischerweise durch spezielle
neuropathologische Merkmale nachweisbar ist. Dies sind eiweißhaltige
Ablagerungen (Proteinaggregate) im Gehirn, sogenannte Alzheimer-Plaques
aus Beta-Amyloid sowie Alzheimer-Fibrillen (Fasern) aus Tau-Protein. Diese
Ablagerungen bilden Angriffspunkte neuer Therapien, sei es mit Antikörpern
oder „small molecules“. Erste Antikörper sind bereits in USA auf dem Markt
und zugelassen. „Die Wirkstoffe sind wirksam, aber bisher hatten wir noch
nicht das Gefühl, dass sie echte ‚Gamechanger‘ im Bereich der
Alzheimertherapie sind. Der Nutzen war oft nicht so hoch wie erhofft und
die Nebenwirkungen mitunter beträchtlich“, erklärt Prof. Dr. Lars
Timmermann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Nun scheint sich das Blatt zu wenden. Gestern erschien eine Phase-III-
Studie zu Donanemab [3], die eine hohe Effizienz dieses Antikörpers
zeigte, der sich gegen Beta-Amyloid richtet. 1.736 Patientinnen und
Patienten im Alter von durchschnittlich 73 Jahren wurden randomisiert und
erhielten über einen Zeitraum von 72 Wochen verblindet alle vier Wochen
intravenös den Antikörper oder ein Placebo. Die Patientinnen und Patienten
waren im Frühstadium der Erkrankung, sie wiesen bei Einschluss in die
Studie nur leichte klinische Alzheimersymptome (milde kognitive
Einschränkungen) auf sowie bildgebend Beta-Amyloid-Ablagerungen und eine
Tau-Pathologie (unterteilt in Gruppen: mild/medium und hoch). Die Amyloid-
Pathologie wurde mittels 18F-Florbetapir13- oder 18F-
Florbetaben14-Positronenemissionstomographie (PET), die Tau-Pathologie
mittels 18F-Flortaucipir-PET erfasst.  Der primäre Endpunkt war der
Unterschied im Ergebnis auf der „integrated Alzheimer Disease Rating
Scale“ (iADRS), eine Skala, die sich besonders für die Erfassung der
Progression in frühen Demenzstadien eignet [4].

Im Ergebnis zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen den
Gruppen: In der gesamten Studienpopulation hatte der Wert auf der iARDS in
der mit Donanemab behandelten Gruppe in Woche 76 um 10,2 abgenommen, in
der Placebogruppe um 13,1 (p < 0,001). Betrachtete man nur die
Patientinnen und Patienten mit geringer und mittlerer Tau-Pathologie, war
der Unterschied sogar noch etwas höher: Die Abnahme auf der Skala betrug
6,02 in der Verumgruppe und 9,27 unter Placebo. Somit konnte die
Progression der Erkrankung um 35,1% verlangsamt werden.

Auch verschiedene sekundäre Endpunkte bestätigten den Therapievorteil: Die
Amyloid-Plaques verringerten sich (87,0 Centiloide in der Donanemab-Gruppe
gegenüber 0,67 in der Placebogruppe). Betrachtete man nur die Patientinnen
und Patienten mit zum Studieneinschluss geringer und mittlerer Tau-
Pathologie, zeigte sich unter der Antikörper-Therapie ein deutlicher
Rückgang der Amyloid-Plaques, während diese in der Placebogruppe zunahmen.
Auf die Tau-Pathologie hatte die Therapie keinen Einfluss.

„Wir haben nun den Nachweis, dass die Amyloid-Plaques ein ‚driver‘ der
Erkrankung und damit ein klinisch effektives Therapietarget sind und nicht
nur ein ‚Begleitprodukt‘ der Alzheimer-Pathogenese. Die klinische
Befundung der Patientinnen und Patienten und die Biomarkerbefunde stimmen
überein“, erklärt Prof. Lars Timmermann. „Eine weitere wichtige Erkenntnis
ist, dass insbesondere Betroffene in frühen Erkrankungsstadien von der
Therapie profitieren.“ Wie der Experte weiter ausführt, mache das
deutlich, wie wichtig Biomarker für das frühe Erkennen der Erkrankung
seien. „Es ist nun wichtig, dass wir zeitnah einen Frühtest, vorzugsweise
einen einfachen Bluttest, auf Alzheimer bekommen.“ Erste Tests sind
bereits für die Anwendung in klinischen Studien zugelassen, ein Test wurde
von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität in Bochum
entwickelt: Er erkennt erste Fehlfaltungen den Beta-Amyloid bereits, bevor
es zu den krankheitsauslösenden Ablagerungen kommt und hat somit
prognostischen Wert, wie eine kleinere Studie zeigte [5]. Derzeit befindet
sich der Test in der Evaluierung anhand von größeren Kohorten. „Wenn wir
einen validen Frühtest haben, der sich auch für Massen-Screenings eignet,
und eine Therapie, die in den Frühstadien hocheffektiv ist, kann das die
Alzheimer-Therapie revolutionieren“, freut sich der DGN-Präsident.
Allerdings gibt er zu bedenken, dass auch andere Ursachen als Amyloid-
Ablagerungen zur Krankheitsprogression beitragen können. „Die Alzheimer-
Krankheit ist mit dieser Therapie noch nicht heilbar.“

Darüber hinaus gibt es auch noch Herausforderungen zu lösen: So ist die
Therapie nicht nebenwirkungsfrei. In der Behandlungsgruppe traten drei
Todesfälle auf, die im Zusammenhang mit der Therapie stehen (vs. einem
Todesfall in der Placebogruppe). Auffällig häufiger ließen sich bildgebend
kleine Hirnblutungen (sog. zerebrale Mikrohämorrhagien) nachweisen - mit
26,8 Prozent in der Verumgruppe und 12,5 Prozent in der Placebogruppe.

„Eine weitere Limitation im klinischen Alltag werden die hohen
Therapiekosten sein“, erklärt DGN-Generalsekretär Prof. Dr. Peter Berlit.
„Angesichts der hohen und aufgrund des demographischen Wandels noch weiter
ansteigenden Prävalenz stellt sich die Frage, wie und ob unser
Gesundheitssystem einen flächendeckenden Einsatz finanzieren kann und
will. Dazu brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs auf
wissenschaftlicher Basis, den unsere Fachgesellschaft gern begleitet.“

Wie der Experte betont, dürfe die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie
auf keinen Fall das Bemühen um die Prävention behindern. Etwa 40 % aller
Demenzerkrankungen könnten vermieden oder ihr Fortschreiten verlangsamt
werden, wenn die entsprechenden Lebensstilfaktoren angegangen würden. Dazu
gehören vor allem eine ausgewogene, bevorzugt mediterrane Ernährung, die
Vermeidung von Übergewicht, die Gesunderhaltung der Darmflora, regelmäßige
geistige, körperliche und soziale Aktivität, Erhalt bzw. Korrektur des
Hörvermögens durch ein Hörgerät, ein erholsamer Schlaf, die Vermeidung von
übermäßigem Stress, ein Blutdruck im Normalbereich und der maßvolle Umgang
mit organ- und hirnschädigenden Substanzen wie Alkohol und Nikotin. „Die
DGN versucht gemeinsam mit der Deutschen Hirnstiftung, diese wichtige
Präventionsbotschaft in der Bevölkerung verankern. Am kommenden Samstag
ist ‚Brain Health Day‘ [6], und mit weltweiten Aktionen soll die
Gehirngesundheit stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.“

Literatur
[1] Deuschl G, Maier W et al. S3-Leitlinie Demenzen. 2016. In: Deutsche
Gesellschaft für Neurologie, Hrsg. Leitlinien für Diagnostik und Therapie
in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am
18.07.2023)
[2] Hacke, Werner (Hrsg.) Neurologie. Springer-Verlag 2016. S. 648 ff.
[3] Sims JR, Zimmer JA, Evans CD, Lu M, Ardayfio P, Sparks J, Wessels AM,
Shcherbinin S, Wang H, Monkul Nery ES, Collins EC, Solomon P, Salloway S,
Apostolova LG, Hansson O, Ritchie C, Brooks DA, Mintun M, Skovronsky DM;
TRAILBLAZER-ALZ 2 Investigators. Donanemab in Early Symptomatic Alzheimer
Disease: The TRAILBLAZER-ALZ 2 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2023 Jul
17. doi: 10.1001/jama.2023.13239. Epub ahead of print. PMID: 37459141.
[4] Wessels AM, Andersen SW, Dowsett SA, Siemers ER. The Integrated
Alzheimer's Disease Rating Scale (iADRS) Findings from the EXPEDITION3
Trial. J Prev Alzheimers Dis. 2018;5(2):134-136. doi:
10.14283/jpad.2018.10. PMID: 29616706.
[5] Stockmann J, Verberk IMW, Timmesfeld N, Denz R, Budde B, Lange-
Leifhelm J, Scheltens P, van der Flier WM, Nabers A, Teunissen CE, Gerwert
K. Amyloid-β misfolding as a plasma biomarker indicates risk for future
clinical Alzheimer's disease in individuals with subjective cognitive
decline. Alzheimers Res Ther. 2020 Dec 24;12(1):169. doi:
10.1186/s13195-020-00738-8. Erratum in: Alzheimers Res Ther. 2021 Jan
15;13(1):25. PMID: 33357241; PMCID: PMC7761044.
[6] https://hirnstiftung.org/2023/07/world-brain-day-2023-praevention-ist-
das-a-o-des-brain-health-konzepts/


Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o Dr. Bettina Albers, albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Peter Berlit
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 11.500 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

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Alkohol – Gift für Kinder, Gefahr für Jugendliche

Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die akuten und nachhaltigen
Risiken des Alkoholkonsums in jungen Jahren



Es mag komisch klingen, aber die Corona-Jahre hatten trotz allem Ungemach
auch einen positiven Effekt: Während der Pandemie mussten weniger Kinder
und Jugendliche mit einer Alkohol-Vergiftung in einem Krankenhaus
behandelt werden, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer
aktuellen Stellungnahme. Doch die Freude währte nur kurz. Das Ende der
Abstandsregeln in der Öffentlichkeit, in Schulen und Gaststätten, bei
Feiern und Veranstaltungen hatte offenbar eine unerfreuliche Kehrtwende
zur Folge: Nach den neuesten Auswertungen von Krankenkassen nimmt die Zahl
der wegen Rauschtrinkens in eine Klinik eingelieferten jungen Menschen
bereits wieder zu.

Zuvor schien die Situation von Jahr zu Jahr besser zu werden: Im Jahr 2021
landeten noch rund 11.700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren
wegen akuten Alkoholmissbrauchs in der Notaufnahme. Das waren zwar immer
noch erschreckend viele, aber doch 4,4 Prozent weniger als im Jahr 2020
(12.200 Fälle) und sogar 42,3 Prozent weniger als im Vor-Corona-Jahr 2019
(20.300 Fälle). Zum Vergleich: Die höchste Zahl an alkoholbedingten
Klinikeinweisungen in dieser Altersgruppe gab es 2012 mit rund 26.700
Behandlungsfällen. Das bedeutet: In jenem Jahr mussten jedes Wochenende
513 Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung in ein
Krankenhaus eingeliefert werden!


Fast jede(r) Zehnte greift zum Glas oder zur Flasche

Insgesamt gesehen ist jedoch der Alkoholkonsum bei jungen Menschen in
Deutschland seit mehreren Jahren rückläufig, berichtet die Stiftung
Kindergesundheit. Der Großteil der Jugendlichen trinkt nicht regelmäßig
Alkohol und betrinkt sich auch nicht bis zum Rausch. Doch bei einer
Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) gab fast jede(r) Zehnte der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen (8,7
Prozent) an, regelmäßig, also mindestens einmal wöchentlich, Alkohol zu
trinken. In der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen waren es sogar rund 30
Prozent.


Während sich viele Erwachsene lediglich wegen der Folgen eines übermäßigen
Alkoholkonsums wie wegen des drohenden Katers oder des Verlusts des
Führerscheins Sorgen machen, sind bei Kindern und Jugendlichen
ernsthaftere Konsequenzen für die Gesundheit zu befürchten, unterstreicht
die Stiftung Kindergesundheit.


Was Alkohol im Körper anrichtet

Die akuten Folgen einer Alkoholintoxikation sind unter anderen:

-eine Entgleisung im Säure-Base-Haushalt mit der Folge von
Hirnschwellungen und Nierenversagen;

-ein Kaliummangel, der zu Störungen des Herzrhythmus führen kann;

-Unterzuckerung;

-Unterkühlung;

-Erbrechen in Verbindung mit Reflexlähmungen und der möglichen Folge eines
Todes durch Ersticken;

-epileptische Anfälle und Hirninfarkte.

Auch Langzeitschäden sind nicht auszuschließen.



Alkohol verändert Verhalten und Denkvermögen

„Kinder und Jugendliche reagieren sehr viel empfindlicher auf die
schädlichen Wirkungen des Alkohols als Erwachsene, weil sich ihre Organe
und vor allem ihr Gehirn noch entwickeln“, betont Professor Dr. Dr.
Berthold Koletzko, Stoffwechselexperte der Universitätskinderklinik
München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Wegen ihres
geringeren Körpergewichts steigt der Alkoholgehalt in ihrem Blut schneller
an. Der Abbau von Alkohol erfolgt dagegen langsamer, weil ihr Körper das
dafür benötigte Enzym Alkoholdehydrogenase noch nicht wie bei Erwachsenen
produzieren kann.

„Je früher Kinder Alkohol trinken, desto größer ist ihr Risiko, eine
Schädigung zu erleiden“, unterstreicht Professor Koletzko. „Alkoholkonsum
kann die Funktionen des Gehirns beeinträchtigen. Insbesondere das
Rauschtrinken verursacht Veränderungen der grauen und weißen Hirnsubstanz.
Durch die Einwirkung des Alkohols kommt es zu Störungen des Denkvermögens,
der Konzentrationsfähigkeit und des Gedächtnisses bis zum Blackout. Auch
die räumliche Wahrnehmung wird in Mitleidenschaft gezogen, die Kontrolle
des Verhaltens sowie die Leistungs- und Lernfähigkeit beeinträchtigt“. Da
die Organe von Kindern und Jugendlichen noch wachsen, ist auch die
krebserzeugende Wirkung des Alkohols von hoher Bedeutung, dies gilt
insbesondere beim gleichzeitigen Rauchen, so der Münchner Kinder- und
Jugendarzt.

Besonders wichtig: Je früher Jugendliche ihr erstes alkoholisches
Getränk zu sich nehmen, desto größer ist ihr späteres Risiko, als
Erwachsene vom Alkohol abhängig zu werden. Wer bereits vor dem 15.
Lebensjahr mit dem Trinken beginnt, hat eine rund viermal höhere
Wahrscheinlichkeit später abhängig zu werden, im Vergleich zu jemandem,
der erst mit 20 Jahren mit dem Alkoholkonsum beginnt.

Es steht fest: Das Vorbild sind die Eltern

Der wichtigste Wegweiser für Kinder im Umgang mit Alkohol ist und bleibt
das Elternhaus, betont die Stiftung Kindergesundheit. Kinder orientieren
sich an dem, was in ihrer Familie üblich ist. Der Leitsatz lautet: Statt
Verbote auszusprechen, sollten Eltern selbst Vorbild sein.



Die Stiftung Kindergesundheit empfiehlt:

-Eltern sollten ihr Kind in sachlicher, nicht dramatisierender Form
darüber informieren, dass der Alkoholkonsum mit Risiken verbunden ist,
aber auch darüber, warum Alkohol getrunken wird. Sie sollten deutlich
machen, warum es sinnvoll ist, wenig Alkohol zu trinken.

- Wenn ihr Kind ohne ihr Wissen Alkohol getrunken hat, sollten Eltern sich
Zeit nehmen für ein Gespräch in ruhiger Atmosphäre. Sie sollten das Kind
nach den Gründen fragen und ihre eigene Sorge formulieren.

- Sie sollten ihre eindeutige Haltung zu dem Vorfall zum Ausdruck bringen
und konsequent die Einhaltung verbindlicher Regeln verlangen.

- Auch wenn ihre Tochter oder ihr Sohn mit dem für dieses Alter typischen
Protest reagiert, sollten Eltern dem Kind klarmachen: Alkohol ist nichts
für Kinder.


Eine nachlässig „lockere“ Haltung von Eltern kann zu allzu frühem und
schädlichem Alkoholkonsum ihrer Kinder führen, betont die Stiftung
Kindergesundheit. Die Risiken des Alkohols sollten deshalb auf keinen Fall
verharmlost werden.



Mehr Fakten und Infos im Internet

Hier bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA
Informationen über Alkohol für Kinder und Jugendliche im Internet:



http://www.null-alkohol-voll-power.de (für Jugendliche von 12 bis 15
Jahren)


http://www.kenn-dein-limit.info (für Jugendliche von 16 bis 20 Jahren)

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Robotisch gefertigter Holzbau als Modell für ressourceneffizientes Bauen

   Wissenschaftler*innen der Universität Freiburg und Stuttgart
forschen an dem Pavillon „livMatS Biomimetic Shell @ FIT“ zu neuen
Ansätzen für nachhaltiges Bauen.
•       Für den Pavillon in Holzleichtbauweise kamen neue computerbasierte
Planungsmethoden, robotische Fertigungs- und Bauprozesse sowie neue Formen
der Mensch-Maschine-Interaktion zum Einsatz, die eine deutliche
Ressourcenersparnis im Vergleich zum konventionellen Holzbau ermöglichen.
•       Eine thermisch aktivierte Bodenplatte aus Recyclingbeton wärmt und
kühlt den Bau, das Gebäudeklima wird zudem durch ein bioinspiriertes
Beschattungssystem reguliert, das auf Veränderungen der Temperatur und
Luftfeuchtigkeit reagiert.

Das Bauwesen steht vor der großen Herausforderung, angesichts wachsender
Bevölkerungszahlen weniger Ressourcen zu verbrauchen und auf nachhaltige
Materialien umzustellen. Wissenschaftler*innen der Universitäten Stuttgart
und Freiburg werden künftig disziplinenübergreifend neue Ansätze für ein
Bauen der Zukunft entwickeln. In einem gemeinsamen Projekt haben die
Forscher*innen einen Pavillon in Holzleichtbauweise an der Technischen
Fakultät der Universität Freiburg errichtet, an dem sie modellhaft neue
Materialien und Bauweisen erproben und erforschen. Für den Bau der
„livMatS Biomimetic Shell @ FIT“ haben Wissenschaftler*innen neue
computerbasierte Planungsmethoden, robotische Fertigungs- und Bauprozesse
sowie neue Formen der Mensch-Maschine-Interaktion eingesetzt, die eine
deutliche Ressourcenersparnis im Vergleich zum konventionellen Holzbau
ermöglichen. Der Pavillon, der nach bionischen Prinzipien konzipiert
wurde, ist in einer Kooperation der Exzellenzcluster Integrative
Computational Design and Construction for Architecture (IntCDC) der
Universität Stuttgart und Living, Adaptive and Energy-autonomous Materials
Systems (livMatS) der Universität Freiburg entstanden.

Nachhaltige Holzwerkstoffe und optimierte Herstellung

Der Holzbau hat in den letzten zehn Jahren stark an Bedeutung als Ersatz
für die CO2-intensiven Baustoffe Stahl und Beton gewonnen. Die „livMatS
Biomimetic Shell @ FIT“ besteht aus Hohlkassetten aus Holz, wodurch sich
der Materialverbrauch für die Gebäudehülle und ihr Gewicht minimieren
lassen. Eine detaillierte Lebenszyklusanalyse zeigt, dass der
Materialeinsatz bei dem Bau um mehr als 50 Prozent und das
Erderwärmungspotenzial um nahezu 63 Prozent im Vergleich zu einem
konventionellen Holzbau reduziert sind. „Das materialeffiziente Prinzip
der Hohlkassette haben wir bereits beim ‚BUGA Holzpavillon 2019‘, den wir
bei der Bundesgartenschau in Heilbronn 2019 präsentiert haben, in einem
temporären, offenen Bauwerk angewendet“, sagt Prof. Achim Menges vom
Institut für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD) und
Sprecher des Exzellenzclusters IntCDC der Universität Stuttgart. „Wir
haben dieses Prinzip für ein dauerhaftes, geschlossenes Gebäude mit
ganzjähriger Nutzung weiterentwickelt. Die Holzbauweise haben wir
dahingehend optimiert, dass wir nachhaltigere Holzwerkstoffe nutzen und
die Bauteile so angepasst haben, dass bei der robotischen Herstellung so
wenig Verschnitt wie möglich entsteht.“ Die gesamte Baustruktur ist so
konzipiert, dass sie einfach zerlegt werden kann, wiederverwendbar ist und
ihre Bestandteile sortenrein trennbar bleiben.

Bioinspiration: Das modular aufgebaute Skelett des Seeigels

Der modulare Aufbau und die Formgebung basieren auf den Bauprinzipien des
Skeletts von Seeigeln. Es besteht aus einzeln angeordneten Platten und ist
hierdurch besonders leicht und stabil. Bei natürlichen Konstruktionen ist
der sorgfältige Umgang mit knappen Ressourcen ein entscheidender Vorteil
in der Evolution. „Der Pavillon zeigt, wie eine lastangepasste und
materialeffiziente Konstruktion auch unter den heutigen Bedingungen
wirtschaftlich hergestellt werden kann. Der Schlüssel dazu ist die
konsequente Digitalisierung von Planung und Fertigung“ sagt Prof. Jan
Knippers vom Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen
(ITKE) und stellvertretender Sprecher des Exzellenzclusters IntCDC der
Universität Stuttgart.

Fertigung und Montage durch Bauroboter

Die Bauteile wurden von einer neuentwickelten, transportablen
Roboterplattform durch den Kooperationspartner müllerblaustein
HolzBauWerke GmbH gefertigt. Dabei wurden manuelle Teilmontageschritte von
Sonderbauteilen wie Leuchtmitteln und Akustikelementen mithilfe von
Augmented Reality integriert. „Diese Form der Mensch-Maschine-Interaktion
im Fabrikationsprozess ermöglicht eine effektive, digital-handwerkliche
Herstellung komplexer Bauteile mit einem hohen Maß an Präzision“, sagt
Menges. Für die „livMatS Biomimetic Shell @ FIT“ kamen zudem erstmals
automatisierte Spinnenkräne in einer realen Baustellensituation zum
Einsatz. Die Kräne sind mit Vakuumgreifern ausgestattet, die Bauteile
aufnehmen, sie automatisch an der entsprechenden Einbauposition platzieren
und in Position halten, bis diese von einem weiteren Kran verschraubt
werden. „Damit diese Bauroboter präzise arbeiten, haben wir ein
automatisiertes Netz aus Echtzeit-Tachymetern entwickelt, die ihre
Position bestimmen“, sagt Menges.

Ein auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit reagierendes Verschattungssystem
schützt das Innere vor Sonne

„Unser Ziel ist, den Pavillon energieneutral zu betreiben“, sagt Prof. Dr.
Jürgen Rühe vom Institut für Mikrosystemtechnik und Mitglied des
Sprecherteams des Exzellenzclusters livMatS der Universität Freiburg. Der
Bau ist mit einer thermisch aktivierten Bodenplatte aus Recyclingbeton
ausgestattet, die diesen auf der Basis von geothermischen Quellen wärmt
und kühlt. Ein wetterresponsives Verschattungssystem aus biobasierten, 4D-
gedruckten Materialien an einem Oberlicht reguliert das Gebäudeklima,
indem es das Innere im Sommer vor hohen Wärmelasten abschirmt und im
Winter Sonneneinstrahlung zulässt. „In Zeiten des Klimawandels und der
dadurch verursachten zunehmenden Hitzebelastung werden effiziente und
wartungsarme Verschattungssysteme wie das in der ‚livMatS Biomimetic Shell
@ FIT‘ verwirklichte ‚Solar Gate‘ immer wichtiger“, sagt Prof. Dr. Thomas
Speck, Direktor des Botanischen Gartens und Mitglied des Sprecherteams des
Exzellenzclusters livMatS der Universität Freiburg. Das „Solar Gate“, das
sich passiv an die Sonnenbedingungen anpasst, basiert auf einem
biomimetischen Prinzip nach dem Vorbild von Kiefernzapfen, die sich
feuchtigkeitsgesteuert öffnen und schließen. „Wir werden künftig auch an
weiteren Lösungen forschen, wie wir Gebäudefassaden so ausgestalten
können, dass sie sich an wechselnde Umgebungsbedingungen wie zum Beispiel
die Temperatur anpassen. So können wir ein angenehmes Raumklima schaffen
und einen CO2-neutralen Betrieb des Gebäudes ermöglichen“, sagt Rühe.

Eine detaillierte Projektbeschreibung und ein Medienpaket finden Sie unter
folgender Adresse:
https://www.intcdc.uni-stuttgart.de/research/building-demonstrators/bd-6/

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