2,50 Euro an der Tankstelle – bringt uns die Suche nach Schuldigen etwas für den Geldbeutel?
Führt uns das tatsächlich näher an eine tragfähige Lösung?
Wir alle lieben Eindeutigkeit. Wenn wir den Schuldigen gefunden haben, scheint die Lösung bereits da
zu sein. Das Leben schreibt aber gerade andere Geschichten. Die Kriegsparteien sind klar, die Lösung
aber in weiter Ferne.
Die Akzeptanz, dass ein Problem nicht vollständig berechenbar oder über einfache lineare Ursache-
Wirkungs-Beziehungen lösbar ist, hilft noch nicht bei der Lösung. Nehmen wir den aktuellen
Dieselpreis. Zu wissen, dass der Krieg mit dem Iran die Ölversorgung aus der Golfregion und
insbesondere einen der wichtigsten Transportwege des weltweiten Ölhandels beeinträchtigt, erklärt
einen wichtigen Teil des Problems. Es sagt uns aber noch nicht, was wir tun sollten.
Sollen wir die Energiesteuer senken? Einen Preisdeckel einführen? Unternehmen und Pendler
entlasten? Mehr Öl auf den Markt bringen? Reserven freigeben? Oder zunächst gar nicht eingreifen?
Jede dieser Entscheidungen kann sinnvoll erscheinen – und jede verändert gleichzeitig andere Teile
des Systems. Eine Steuersenkung verändert den Preis, aber nicht die physische Verfügbarkeit von Öl.
Eine Subvention entlastet Verbraucher, kann Einfluss auf die Nachfrage haben und belastet
gleichzeitig den Staatshaushalt. Zusätzliche Fördermengen helfen nur, wenn sie verfügbar sind,
transportiert und verarbeitet werden können. Und selbst wenn genügend Rohöl vorhanden ist,
bedeutet das noch nicht automatisch, dass genügend Diesel dort verfügbar ist, wo er gebraucht wird.
Genau hier beginnt die eigentliche Lösungsfindung. Schauen wir zunächst darauf, woher das Rohöl
überhaupt kommen könnte. Die drei größten Rohölproduzenten der Welt waren 2025 die USA mit rund
13,6 Millionen Barrel täglich, Russland mit 9,9 Millionen, Saudi-Arabien mit 9,6 Millionen Barrel pro
Tag. Der Iran lag mit rund 4,1 Millionen Barrel täglich auf Rang 7. Das eigentliche Nadelöhr ist jedoch
die Straße von Hormus.
Auf den ersten Blick scheint die Lösung damit gar nicht so schwierig: Wenn ein Teil der bisherigen
Versorgung ausfällt, müssten die anderen großen Produzenten einfach mehr liefern. Doch schon die
nächste Frage macht es komplizierter: Können und wollen sie das überhaupt?
Entscheidend ist nämlich nicht nur, wie viel ein Land heute fördert. Es müsste zusätzliche Mengen
kurzfristig fördern können und auch bereit sein, diese auf den Weltmarkt zu bringen. Hier kommt eine
weitere sehr schwierige Ebene hinzu: unsere moralischen und gesellschaftlichen Werte. Mit den
Sanktionen gegen Russland haben wir den zweitgrößten Rohölproduzenten der Welt als direkte
Bezugsquelle weitgehend aus unserem verfügbaren Lösungsraum genommen.
Ich möchte ausdrücklich nicht bewerten, ob diese Entscheidung richtig oder falsch ist. Für die
Betrachtung eines komplexen Problems ist aber etwas anderes entscheidend: Moralische, politische,
gesellschaftliche und rechtliche Entscheidungen beeinflussen den verfügbaren Lösungsraum. Sie
können die Zahl der Handlungsoptionen verkleinern.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir auf solche Entscheidungen verzichten sollten. Es bedeutet
lediglich, dass auch sie Teil des Systems sind und Folgen für andere Bereiche haben können. Eine
Entscheidung kann aus politischen oder moralischen Gründen richtig erscheinen und gleichzeitig den
Handlungsspielraum in einer anderen Frage einschränken. Aus der zunächst einfachen Frage „Wo
bekommen wir mehr Öl her?“ entstehen also weitere Fragen. Und mit jeder Antwort können sich neue
Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zeigen.
Das beschreibt den Weg der Lösungsfindung. Und irgendwann konfrontiert er uns mit Fragen, die
wesentlich unangenehmer sind als die Suche nach einem Schuldigen:
1. Wie lange kann eine Gesellschaft sehr hohe Kraftstoffpreise wirtschaftlich tragen?
2. Wenn Russland der zweitgrößte Rohölproduzent der Welt ist und gleichzeitig ein erheblicher
Teil der Öltransporte aus dem Nahen Osten beeinträchtigt ist: Gelangen Mineralölprodukte aus
Raffinerien, die russisches Rohöl verarbeiten, am Ende trotzdem indirekt über den Weltmarkt zu
uns – möglicherweise über andere Länder und zu höheren Preisen?
3. Und wenn das der Fall ist: Müssten wir dann auch darüber sprechen, ob ein direkter Bezug
wirtschaftlich sinnvoller wäre? Oder gibt es politische und moralische Gründe, aus denen wir
diesen Lösungsweg ausschließen – unabhängig davon, was er kostet?
Was sind die Fakten dazu? Nach der aktuellen Analyse des Centre for Research on Energy and Clean
Air vom 11. September 2026 exportierten Raffinerien in Indien, der Türkei, Brunei und Georgien, die
russisches Rohöl verarbeiten, allein im August Mineralölprodukte im Wert von 510 Mio. Euro in
Sanktionsstaaten. Davon gingen 333 Mio. Euro in die EU. CREA schätzt, dass von den insgesamt 510
Mio. Euro etwa 189 Mio. Euro auf Produkte entfielen, die tatsächlich aus russischem Rohöl hergestellt
worden waren.
Gleichzeitig hat sich die Herkunft des von Indien importierten Rohöls erheblich verändert. Der Anteil
russischen Öls und russischer Ölprodukte an den indischen Importen ist nach Angaben des
Internationalen Währungsfonds von etwa 3 % 2021/22 auf 41 % 2024/25 gestiegen. Mit dem starken
Anstieg russischer Lieferungen gingen zugleich die Anteile traditioneller OPEC-Lieferanten zurück. Der
Anteil Europas an Indiens Exporten von Mineralölprodukten stieg von ungefähr 14 % im Geschäftsjahr
2021/2022 auf fast 27 % schon im Geschäftsjahr 2023/2024.
Genau daran wird sichtbar, was auf einem globalen Markt geschieht: Handelsströme verschieben
sich. Wenn ein Land einen größeren Teil seines Bedarfs aus einer anderen Quelle deckt, verändern
sich gleichzeitig die Absatzmöglichkeiten anderer Produzenten und damit die Handelsströme auf dem
Weltmarkt.
Daran zeigt sich: Je knapper ein global gehandeltes Gut wird, desto schwieriger wird es, seine
wirtschaftliche Wirkung entlang politischer Grenzen zu isolieren.
Genau das ist der unangenehme Teil von Komplexität. Es gibt Nebenwirkungen, Rückkopplungen und
Zielkonflikte, mit denen wir uns lieber nicht beschäftigen würden, weil sie neue Konflikte erzeugen.
Aber vielleicht verlangt gerade der Umgang mit komplexen Problemen diese Form von Aufrichtigkeit:
auch die Fragen zu stellen, deren mögliche Antworten uns nicht gefallen.
Wäre es an der Zeit, sich diesen Fragen wirklich in allen Facetten zu stellen?
© Marita Kühne, 16.09.2026
