Mit Skalpell und Stethoskop gegen die Stoppuhr - PEC 2026: Wettkampf um die schnellste Diagnose und beste Therapie

Er entdeckte vor 117 Jahren das erste Antibiotikum und war Mitbegründer
der modernen Chemotherapie. Der Arzt und Nobelpreisträger Paul Ehrlich ist
Namensgeber einer renommierten Medizin-Olympiade, die nun zum ersten Mal
an der Universität Ulm stattfand. Dabei stellten 16 Teams aus Deutschland,
der Schweiz und Österreich ihr Fachwissen in vier Disziplinen unter Beweis
– unter Zeitdruck, vor Publikum und doch immer mit viel Spaß. Das Ulmer
Team schaffte es souverän ins Finale, am Ende hatten die Studierenden der
Universitätsklinik Innsbruck in der Gesamtwertung des Paul Ehrlich Contest
die Nase vorn.
Der Patient kann seine Hand nicht mehr ausstrecken. Für Johanna Lauterbach
ist die Diagnose schnell klar: Der Nervus radialis ist eingeklemmt und
muss dekomprimiert werden. Mit wenigen Schnitten legt sie den Strang frei
und verschließt die Operationsnarbe wie vorgegeben mit der Donati-Naht.
Übertragen wurde der simulierte operative Eingriff via Livestream vom
anatomischen Präpariersaal der Universität in den Hörsaal des
Trainingshospitals „ToTrainU“ (TTU), wo sich an zwei Tagen alles um
Reaktionsschnelligkeit, Kombinationsvermögen und eben praktische
Fertigkeiten drehte. Johanna Lauterbach ist Mitglied des Ulmer Teams, das
es neben den Mannschaften aus Aachen, Berlin, Frankfurt, München und
Innsbruck in die Endrunde des Paul Ehrlich Contests geschafft hat. Der
Wettstreit für angehende Ärztinnen und Ärzte wurde von Professor Thomas
Wirth eröffnet. „Dieser Wettbewerb verbindet mit Durchsetzungsfähigkeit,
Entschlossenheit, Genialität und strategischem Geschick typische Ulmer
Eigenschaften“, so der Dekan der Medizinischen Fakultät, der sich freute,
dass der 11. Paul Ehrlich Contest nun erstmalig an der Donau ausgetragen
wurde.
Studiendekan Professor Tobias Böckers zeigte sich bei seiner kurzen
Begrüßungsansprache stolz, dass die Medizin-Olympiade in diesem Jahr „im
schönsten und modernsten Studierendenhospital Deutschlands“ über die Runde
geht. Das Programm war prallgefüllt. So mussten die Studierenden, die sich
jeweils in fünfköpfigen Teams den Herausforderungen stellten, in den
„Blickdiagnose“-Runden quasi im Bruchteil von Sekunden unter anderem CT-
und MRT-Bilder deuten, ein eingeblutetes Cavernom, eine
Rippenosteosynthese, chemische Symbole, Hauterkrankungen oder auch eine
bereits ausgelöste Defibrillatorweste erkennen. Das Team, das am
schnellsten seinen Buzzer drückte, durfte das Problem lösen und so
wertvolle Punkte auf seinem Konto ansammeln. Schnell gehen musste es auch
in den „Differenzialdiagnosen“-Runden
hatten, Befunde, Verdachtsdiagnosen und weiterführende Diagnostik sowie
therapeutische Maßnahmen in nur drei Minuten zu erarbeiten.
Komplexe klinische Fälle
Herzstück der Medizin-Olympiade, die vom „Thomas Gottschalk der Medizin“
Dr. Axel Schunk von der Charité Berlin geleitet wurde, waren die
Darstellungen von komplexen klinischen Fällen. So mussten die sechs
Endrunden-Teams unter anderem herausfinden, an welcher Krankheit eine
44-jährige Patientin litt, die mit plötzlich auftretenden Gangstörungen in
die Notaufnahme eingeliefert worden war. Zudem waren Erschöpfung,
Belastungsintoleranz und Schwindel aufgetreten. Auch hier galt: Wer
schnell buzzerte, durfte lösen oder mit Punkten eine zusätzliche
Diagnostik „kaufen“. Dies konnte zum Beispiel der Laborbefund der
Schilddrüsenhormone sein oder die Abklärung, ob eine seltene Genkrankheit
vorliegt.
Für Dr. Michael Schön ist der Paul Ehrlich Contest eine sinnvolle
Ergänzung zum Studienalltag. „Wie beim Leistungssport muss man auch in der
Medizin viel trainieren, um eine bessere Ärztin oder ein besserer Arzt zu
werden“, so der Mitarbeiter vom Institut für Anatomie und Zellbiologie,
der die Veranstaltung in Ulm federführend organisiert und das Ulmer Team
betreut hat. Schön bedankte sich nicht nur bei den Helfern und Tutoren,
sondern auch bei der Medizinischen Fakultät für die finanzielle und auch
räumliche Unterstützung. Sein Dank ging auch an seine Kollegen, die bei
der Vorbereitung des Teams oder der Erstellung der Aufgaben mitwirkten. So
konnte er es den Studierenden ermöglichen, dass sie sich über fast ein
Jahr hinweg in einem Wahlpflichtfach sowie in freiwilligen Treffen auf die
anspruchsvollen theoretischen und praktischen Übungen vorbereiten konnten.
Aus dieser Studierendengruppe, die sich auch gegenseitig unterrichtete,
wurde das Team rekrutiert. „Der Paul Ehrlich Contest zeichnet die Teams
aus, die sich mit besonderem Fleiß, dem über das Curriculum hinaus
vertieften Wissen und medizinischen Kombinationsvermögen hervorheben“, so
Dr. Michael Schön. Mitmachen darf im Grunde jeder Studierende, der noch
nicht im praktischen Jahr ist. „Wir sind auf jeden Fall sehr stolz, dass
dieser renommierte länderübergreifende Wettbewerb in diesem Jahr an der
Universität Ulm stattfinden konnte“, betonte Professor Michael Kühl,
Vizepräsident für Kooperationen und designierter Präsident der Universität
Ulm, bei der Eröffnung der Finalrunde.
Gute Vorbereitung auf Berufsleben
Für den Organisator Dr. Michael Schön spielte dabei der stark geforderte
Teamgedanke eine elementare Rolle: „Gerade im medizinischen Alltag ist es
wichtig, dass man sich gegenseitig ergänzt und jeder seine persönlichen
Stärken einbringen kann.“ So sah das auch Johanna Lauterbach. Die
Pforzheimerin, die an der Universität Ulm im zehnten Semester Humanmedizin
studiert und später gerne in der Gynäkologie Verantwortung übernehmen
möchte, vertrat ihr Team auch bei einem zweiten Praxistest. Gemeinsam mit
einem Kollegen konnte sie unter Druck der Stoppuhr einen angeborenen
Herzfehler eines Säuglings diagnostizieren. Das Kind war eine Übungspuppe.
Die Konzentration war echt. Denn: Der Wettbewerb soll allen Beteiligten
Spaß machen, jedoch auch Ehrgeiz wecken. „Jeder Fall, auch wenn er nicht
gelöst wurde, diente als eine sehr gute Vorbereitung für das spätere
Arbeitsleben“, so Johanna Lauterbach, die weiß, dass es dann oftmals auch
darum gehen wird, Leben zu retten. Der Paul Ehrlich Contest hat seinen
Beitrag dazu geleistet.
Die Ergebnisse des Paul Ehrlich Contest 2026
1. Innsbruck
2. München
3. Berlin
4. Frankfurt
5. Ulm
6. Aachen
Text: Stefan Löffler
