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Gesundheit

Prof. Dr. Vera Regitz Zagrosek, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung; Seniorprofessorin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin  Foto: VRZ

Frauenherzen in Gefahr: Wie schützen sie sich vor einer Herzschwäche?

Prof. Dr. Vera Regitz Zagrosek, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung; Seniorprofessorin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin  Foto: VRZ
Prof. Dr. Vera Regitz Zagrosek, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung; Seniorprofessorin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin Foto: VRZ

Frauen sterben viel häufiger als Männer an Herzschwäche. Klinische
Versorgung ist zu wenig auf Frauenherzen ausgerichtet
Herzschwäche bei Frauen – ein oft verkanntes Problem. Dabei machen Frauen
in Deutschland rund die Hälfte aller Betroffenen aus. Es sterben rund ein
Drittel mehr Frauen als Männer daran. So starben im Jahr 2016 laut
Deutschem Herzbericht 25.318 Frauen an Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
gegenüber 15.016 Männern. Ein Grund ist vermutlich, dass Frauen die
Symptome nicht ernst nehmen. Sie leiden an Atemnot, wenn sie die Treppen
hochsteigen, haben dicke Beine oder gar einen aufgedunsenen Bauch, sind
müde, fühlen sich schwach und schwindelig. Dass ein schwaches Herz
dahinterstecken kann, kommt vielen von ihnen nicht in den Sinn.
„Herzschwäche ist bei Frauen sehr häufig, vor allem wenn gleichzeitig die
Risikofaktoren Bluthochdruck, Übergewicht und eine Diabetes-Erkrankung
vorliegen“, erklärt Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek. Die Internistin
und Kardiologin ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen
Herzstiftung und rät Frauen beim Arztbesuch auf bestimmte Punkte zu
achten, um sich vor leicht vermeidbaren Komplikationen ihrer Erkrankung zu
schützen: Geraten Frauen etwa bei kleinen Belastungen in Atemnot und sind
schnell erschöpft, sollten sie ihren Arzt bitten, einen Ultraschall des
Herzens vorzunehmen (s. Infokasten). Die Deutsche Herzstiftung informiert
über die Herzschwäche bei Frauen und viele weitere Aspekte der
Herzinsuffizienz im Rahmen der bundesweiten Herzwochen unter
www.herzstiftung.de/herzwochen2020

Eine Herzinsuffizienz ist eine schwere Erkrankung. Das Herz schafft es
nicht mehr, genügend Blut in den Körper zu pumpen. Das Herz pumpt über die
linke Herzhälfte sauerstoffreiches Blut in die Blutgefäße, über die es in
die Organe gelangt. Nach seinem Weg durch den Körper kommt das nun
sauerstoffarme Blut wieder am Herzen an. Über die rechte Herzhälfte strömt
es in die Lunge, wird wieder mit Sauerstoff angereichert und gelangt in
die linke Herzhälfte. Der Kreislauf beginnt von neuem. Ist das Herz zu
schwach, kann es entweder nicht mehr ausreichend Blut und damit Sauerstoff
in die Lunge oder in den Körper pumpen (Systole) oder aber nicht mehr
genug Blut aufnehmen (Diastole). Letzteres ist bei Frauen wesentlich
häufiger als bei Männern der Fall, wie man heute weiß. Frauenherzen sind
steifer und können sich somit weniger ausdehnen und mit Blut füllen. Die
Experten sprechen von einer so genannten diastolischen Herzschwäche mit
erhaltender Pumpfunktion.

Experten befürchten viele unerkannte Herzschwäche-Fälle bei Frauen
Mit zunehmendem Alter werden die Herzen von Frauen noch fester. Denn in
den Wechseljahren (Menopause) kommt es infolge des Östrogenmangels zu
erhöhtem Blutdruck sowie vermehrter Bildung von Bindewebe im Herzen.
„Diese durch einen Mangel an körpereigenem Östrogen bedingte Herzschwäche,
lässt sich nicht durch eine Hormontherapie ausgleichen“, betont Regitz-
Zagrosek, die auch Seniorprofessorin an der Charité, Universitätsmedizin
Berlin ist. Frauen haben nicht nur festere, sondern auch kleinere Herzen
als Männer. Die geringere Größe wird dadurch ausgeglichen, dass ihre
Herzen mit einer höheren Auswurffraktion, – wie man dieses Maß in der
Fachsprache nennt – arbeiten als die der Männer. Die Auswurffraktion gibt
an, wieviel Prozent des Blutes, das sich im Herzen befindet, mit jedem
Schlag in den Körper gepumpt wird. Bei gesunden Männern sind das
mindestens 55 Prozent des Blutes im Herzen, bei gesunden Frauen wohl mehr
als 60 Prozent. „Bislang aber orientiert man sich bei Frauen an dem
Mindestwert für Männer von 55 Prozent“, erklärt die Berliner Kardiologin.
„Die Fachwelt diskutiert derzeit, dass der Mindestwert für Frauen
wahrscheinlich höher ist als der für Männer.“ Dazu kommt: Die
Auswurffraktion nimmt im Alter normalerweise zu, bei Frauen stärker als
bei Männern, weil Herzgröße und -masse bei beiden Geschlechtern abnehmen.
„Das könnte einmal mehr dazu beitragen, dass die Auswurffraktion
insbesondere bei vielen älteren Frauen als normal angesehen wird, obwohl
sie längst an einer Herzschwäche leiden“, meint die Expertin. So hat
mittlerweile etwa die Hälfte aller Patienten mit Herzschwäche, die in
Kliniken aufgenommen werden, eine vermeintlich normale Auswurffraktion.
Der Großteil von ihnen sind Frauen.

Gefahr durch Schwangerschafts-Kardiomyopathie und Broken-Heart-Syndrom
Bei Frauen kommen noch weitere besondere Formen der Herzschwäche vor. So
kann im letzten Drittel der Schwangerschaft und etwa ein halbes Jahr nach
der Geburt eine lebensbedrohliche so genannte Peripartale Kardiomyopathie
(PPCM) auftreten. Alarmzeichen sind plötzliche Atemnot, Schwäche oder
Flüssigkeitsansammlungen im Körper. Schon bei den ersten Signalen sollte
man sofort einen Arzt aufsuchen.
Das Broken-Heart-Syndrom ist eine Herzschwäche, die fast nur bei Frauen
nach den Wechseljahren auftritt. Sie ist oftmals eine Folge von massivem
emotionalem Stress. Die Symptome sind ähnlich einem Herzinfarkt: Atemnot,
Engegefühl in der Brust, starke Schmerzen. „Das Herz kontrahiert an der
Basis stärker als an der Spitze“, erläutert Regitz-Zagrosek. „Durch dieses
Ungleichgewicht im Kontraktionsablauf wird zu wenig Blut ausgeworfen und
der Körper nicht ausreichend versorgt.“ Dieser Zustand ist ebenfalls
lebensgefährlich. Betroffene sollten unverzüglich den Notarzt (Notruf 112)
alarmieren.

Achten Sie auf Ihr Herz – Prof. Vera Regitz-Zagrosek rät Frauen:

- Geraten Sie bei kleinen Belastungen in Atemnot und sind Sie schnell
erschöpft, bitten Sie Ihren Arzt, einen Ultraschall des Herzens
vorzunehmen.

- Lassen Sie regelmäßig Blutdruck, Blutzucker, Körpergewicht und Blutfette
kontrollieren.

- Erbitten Sie beim Arzt eine Blutuntersuchung. Eisenmangel kann ein Indiz
für eine Herzschwäche sein. Außerdem sind bei der Herzschwäche zwei
wichtige Marker, die natriuretischen Peptide ANP und BNP, erhöht. Wichtig:
Bei Frauen sind auch leicht erhöhte Werte Warnzeichen.

- Frauen benötigen niedrigere Dosen von ACE-Hemmern und Betablockern als
Männer. Digitalis verursacht möglichweise mehr Komplikationen. Die Gabe
von Arzneien gegen Herzrhythmusstörungen sollte gut mittels EKG überwacht
werden. Fragen Sie Ihren Arzt, ob die empfohlene Arznei an Frauen erprobt
worden ist und ob spezielle Dosierungen angeraten sind.

- Ändern Sie bei möglichen Nebenwirkungen eines Medikamentes nicht auf
eigene Faust die Dosis oder setzen es ab, sondern sprechen Sie mit Ihrem
Arzt.

- Frauen profitieren sehr von einer Resynchronisationstherapie, bei der
das Herz mit speziellen Schrittmachern dazu gebracht wird, sich synchron
zusammenzuziehen. Lehnen Sie ein solches Angebot nicht von vornherein ab.

- Achten Sie auf Bewegung an frischer Luft, gesunde Ernährung, verzichten
Sie auf Alkohol und Zigaretten.
Weg

Die gesamte Herzwochen-Pressemappe (2020) finden Sie unter:
www.herzstiftung.de/herzwochen2020

Tipp: Der Experten-Ratgeber „Das schwache Herz“ (180 S.) kann kostenfrei
per Tel. unter 069 955128-400 (E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
angefordert werden. Leicht verständlich informieren Herzexperten über
Ursachen, Vorbeugung sowie aktuelle Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten
der Herzschwäche. Weitere Infos auch zur Herzschwäche bei Frauen unter
www.herzstiftung.de/herzwochen2020

Die Herzwochen stehen unter dem Motto „Das schwache Herz“ und richten sich
an Patienten, Angehörige, Ärzte und alle, die sich für das Thema
Herzschwäche interessieren. An der Aufklärungskampagne beteiligen sich
Kliniken, niedergelassene Kardiologen, Krankenkassen und Betriebe. Infos
zu Online-Vorträgen, Telefonaktionen und Ratgeber-Angeboten sind unter
www.herzstiftung.de/herzwochen2020 abrufbar oder per Tel. 069 955128-333
zu erfragen.

  • Aufrufe: 101
Bakterienrasen mit Löchern, die durch Phagen verursacht werden  DSMZ

Viren, die Krankheiten bekämpfen können: Bakteriophagen

Bakterienrasen mit Löchern, die durch Phagen verursacht werden  DSMZ
Bakterienrasen mit Löchern, die durch Phagen verursacht werden DSMZ

Seit 30 Jahren forscht Dr. Christine Rohde am Leibniz-Institut DSMZ an
Bakteriophagen, die als intelligente Antibiotika bezeichnet werden
Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche
Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig befasst
sich seit über 30 Jahren mit Bakteriophagen – kurz Phagen - und
integrierte die in der Grundlagenforschung bekanntesten in die Deutsche
Phagenbank. Eine längere Zeit verbrachten die Phagen in der DSMZ eher
"wartend", erläutert die renommierte DSMZ-Phagenforscherin Dr. Christine
Rohde. Das Nutzungspotenzial für die Medizin wurde in der westlichen Welt
erst artikuliert, als die Antibiotikakrise als Stichwort in der ersten
Dekade dieses Jahrhunderts immer häufiger auftrat. Phagen (aus dem
Griechischen: Bakterienfresser) sind die häufigste Daseinsform auf unserem
Planeten, so Dr. Rohde. Phagen sind Viren, die Bakterien spezifisch
zerstören können. Die WHO veröffentlichte im Jahr 2014 den ersten
umfassenden globalen Surveillance Report. Dieser Report verdeutlichte das
erschreckende Ausmaß der Verbreitung multiresistenter Bakterien
(Antimikrobielle Resistenz = AMR) und die zu erwartenden, mittlerweile
bekannten, Szenarien der wachsenden AMR-bedingten Sterblichkeitsraten, der
Kostenexplosion im Gesundheitssystem und der Umweltschädigung durch
Einbringung von AMR in die Tiermast.
Die Zeitschiene der Phagen-Ära spiegelt sich in der Sammlung der DSMZ: Um
2005 wurden die Phagen häufiger auf Kongressen thematisiert, ab 2010 kamen
die ersten Journalistenanfragen und Artikel zum Thema Phagen als
Antibiotika-Alternative, informiert Dr. Rohde. Zum Durchbruch in der
Öffentlichkeit in Deutschland kam es im Jahr 2012 durch Artikel in
populären Printmedien und durch die erste TV-Sendung mit DSMZ-Beteiligung.
Seither ist das Interesse an Phagentherapie bei Patienten und Ärzten stark
gestiegen. Die DSMZ weitete in Folge dessen ihre Forschungskapazitäten
durch die Etablierung der Arbeitsgruppe Phagengenomik und -anwendung unter
der Leitung von Dr. Johannes Wittmann aus. Zusammen mit der Arbeitsgruppe
Klinische Phagen und gesetzliche Regulation, geleitet von Dr. Christine
Rohde, bildet sie das Fundament der Phagenforschung an der DSMZ.

Antimikrobielle Resistenz im Fokus der Forschung
AMR-Forschung adressiert neben der Suche nach neuen Antibiotika auch
Bakteriophagen als Ergänzung oder Ersatz von Antibiotika. Phagen werden im
Gegensatz zu den „statischen Drogen/Substanzen“ auch „intelligente
Antibiotika“ genannt. Sie sind die natürlichen Gegenspieler der Bakterien
und können da eingesetzt werden, wo Bakterien unerwünscht sind, also als
Antiinfektiva in der Medizin. Phagen vermehren sich am Infektionsort,
solange ihre passenden „Beutebakterien“ vorhanden sind und zerfallen
danach wieder in ihre Bausteine (Protein und Nukleinsäure). Damit sind sie
selbst-regulierende Antiinfektiva, die zudem spezifisch wirken. Ein Phage
kann spezifisch nur Bakterien einer Art erkennen und zerstören. „Jeder
Mensch trägt eine Unmenge an Phagen in seinem Mikrobiom.“ erläutert
Johannes Wittmann. Diese Phagen im menschlichen Organismus - das Phagom -
übersteigen die Zahl der Bakterien im menschlichen Organismus vermutlich
um das Zehnfache. Erkrankt man an einer bakteriellen Infektion und wendet
Phagen anstelle von Antibiotika an, verschiebt man im Grunde in der
Erkrankung nur das Gleichgewicht zugunsten der passenden Phagen, um den
Überschuss der pathogenen Bakterien zu minimieren oder zu eradizieren
(eliminieren). Phagen haben demzufolge ein großes Potenzial in der AMR-
Forschung und können gegen fast alle Bakterien mit Ausnahme derer, die
einen intrazellulären Lebenszyklus haben, eingesetzt werden. Dazu gehören
beispielsweise die Erreger der Borreliose oder der Tuberkulose.

Wo steht die Phagenforschung an der DSMZ und wie sieht die Zukunft aus?
Nach einer intensiven Vorbereitungsphase startete am Leibniz-Institut DSMZ
im September 2017 mit öffentlicher BMBF-Finanzierung Phage4Cure als erstes
deutsches Projekt mit dem Ziel einer klinischen Studie, in der ein
hochaufgereinigter Phagencocktail inhalativ bei Patienten mit
Bronchiektasen und Mukoviszidose eingesetzt werden soll. In Phage4Cure hat
die DSMZ die Rolle des Forschungs- und Entwicklungsanteils der
Phagenbiologie inne, der im geplanten Zeitfenster innerhalb eines Jahres
abgeschlossen werden konnte. In diesem Pilotprojekt zeigt sich die
Komplexität einer klinischen Studie mit arzneimittelrechtlicher
Herstellung: Phagen als API (aktiver pharmazeutischer Inhaltsstoff) und
dem Zulassungsprozess durch BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte), mit präklinischem Teil und schließlich der Erprobung an
gesunden Probanden. Zurzeit befinden sich die Phagen in der finalen GMP-
Herstellung (GMP = Good Manufacturing Processes) im Fraunhofer ITEM
Braunschweig. Die Präklinik läuft in Kürze im Fraunhofer ITEM Hannover und
in der Charité Universitätsmedizin Berlin an, wo auch die klinische Studie
stattfinden wird, zusammen mit der CRO GmbH, erläutert Phagenforscherin
Rohde.
Ein weiteres öffentlich gefördertes Projekt mit Finanzierung durch den
Gemeinsamen Bundesausschuss und dem Ziel der Phagentherapie ist PhagoFlow:
Hier sollen im Gegensatz zu einer klinischen Studie größere Zahlen
verschiedener Phagen für Patienten mit Wunden der unteren Extremität in
magistraler Anwendung verfügbar werden. Die größere Phagen-Diversität soll
dazu beitragen, für Patienten passgenau individuelle Phagencocktails in
der Klinikapotheke des Bundeswehrkrankenhauses (BW-KrHs) Berlin zu
mischen. Das vorherige "Phagogramm" wird in der Labordiagnostik des BW-
KrHs zeigen, welche Phagen aus dem Sortiment bei einem Patienten-Keim
passen. PhagoFlow hat das Ziel, Phagen in die Versorgungsforschung zu
bringen. Auch hier bearbeitet die DSMZ den Projektanteil der
Phagenbiologie und der Selektion der bestgeeigneten Phagen, die am
Fraunhofer ITEM Braunschweig aufgereinigt und der Klinikapotheke des BW-
KrHs weitergegeben werden. Die klinische Anwendung findet im BW-KrHs
statt, informiert Dr. Rohde.
Zwei weitere, durch industrielle Drittmittel finanzierte Phagentherapie-
Projekte sind erfolgreich an der DSMZ abgeschlossen. Eines davon, mit
einem deutschen Industriepartner, hat das Ziel, nach BfArM-Zulassung ein
Phagenprodukt herzustellen, das denselben Zulassungsweg inklusive
klinischer Studie beinhaltet wie Phage4Cure. Das andere Projekt ist zur
Zeit noch deutlich forschungsgetrieben. Es ist charakterisiert durch
mehrgleisige Teilprojekte und hat namhafte Projektbeteiligte aus Medizin
und Forschung im In- und Ausland. Trotz der bisherigen ermutigenden
Erfolgsrate bei der Bewilligung der genannten Drittmittel-Anträge des
Leibniz-Instituts DSMZ sind in der Realität der Vorhaben doch die langen
Zeiträume des Zulassungsweges und die Komplexität der Projekte deutlich.
Phagen als lebende Entitäten brauchen an manchen Stellen im
Zulassungsprozess andere Betrachtungsweisen. Zum Teil sind sie aber
einfacher: toxisch, mutagen, kanzerogen oder fruchtschädigend sollten sie
nicht sein, dazu kennt unser Organismus diese häufigsten Daseinsformen
viel zu gut und beherbergt sie als Regulativ im eigenen Mikrobiom. „Es ist
sichtbar geworden, dass der Zulassungsweg für Phagen zügiger sein sollte,
dabei ist nicht bekannt, ob im Sinne von top-down ein von vornherein
harmonisierter europäischer Prozess auf EMA-Ebene gewünscht ist oder eine
bottom-up nationale Strategie, die am Ende auf EMA-Ebene harmonisiert
werden soll (EMA = European Medicines Agency).“ erläutert Rohde.

Phagenforschung an der DSMZ während der Corona-Pandemie
Wir befinden uns mitten in der COVID-19-Pandemie und mittlerweile wird die
Pathogenese des SARS-CoV-2-Virus besser verstanden. „Bei allen auf das
Virus fokussierten Anstrengungen darf die Antibiotikakrise aber gerade
jetzt nicht aus den Augen verloren werden, denn an COVID-19 erkrankte
Patienten erleiden leicht eine bakterielle Sekundärinfektion.“, macht Dr.
Christine Rohde deutlich. Das ist umso dramatischer, denn wenn die
verabreichten Antibiotika nicht mehr wirken, können Krankheitsverläufe
unter solchen Ko-Infektionen verschlimmert werden. In einer retrospektiven
COVID-19-Patienten-Kohortenstudie Ende März in Wuhan zu den
Risikofaktoren, die bei COVID-19 bedingten Todesfällen auftraten, wird
berichtet, dass 91 % der klinischen Patienten Antibiotika erhielten (The
Lancet 395).
Die Antibiotikakrise ist längst eine globale Gesundheitskrise und wurde
auch als ökonomische Krise thematisiert (Drug-Resistant Infections: A
Threat to Our Economic Future, The World Bank, 2017). Auch und gerade in
der Pandemie sollten Antibiotika nur limitiert eingesetzt werden:
Europäische Ärzte warnen im Journal Clinical Microbiology and Infection
(April 2020) vor unnötiger Antibiose bei viraler Pneumonie, um den
Antibiotikaeinsatz zu limitieren.
Die Joint Programming Initiative on Antimicrobial Resistance (JPIAMR),
eine globale Plattform mit 28 Mitgliedsländern zur Koordination nationaler
Mittelvergaben, unterstützt transnationale Forschungsaktivitäten in
diversen Strategien zur AMR-Bekämpfung und organisiert aktuell
internationale Experten-Webinare zum Thema AMR-Forschung im Kontext der
COVID-19-Pandemie und künftiger Viruspandemien. Die Initiative warnt vor
einer Verschlimmerung der AMR-Krise, fordert bessere und schnellere
Diagnostik zur Feststellung bakterieller Ko-Infektionen und gezielteren
Antibiotikaeinsatz. JPIAMR fordert ebenfalls Möglichkeiten für die AMR-
Forschung, die Herausforderungen in der COVID-19-Pandemie anzugehen, denn
AMR-Forschung sei mit COVID-19-Forschung eng verwoben und beide sollten
eigentlich voneinander mittels Synergien und Datensammlungen profitieren.
JPIAMR hinterfragt nun, ob Mittelvergabe zu stark auf COVID-19-Forschung
konzentriert wird.
Die Phagenforschung an der DSMZ und die kontinuierliche Erweiterung der
Deutschen Phagenbank führen Dr. Christine Rohde und Dr. Johannes Wittmann
weiter. Denn, so sind sich beide Forschende sicher, die
Grundlagenforschung, die an der DSMZ betrieben wird, bildet eine der
Säulen der Bekämpfung der Antibiotikakrise durch eine auschließliche oder
ergänzende Bakteriophagen-Therapie.

DSMZ-Pressekontakt:
Stabsstelle Presse und Kommunikation des Leibniz-Instituts DSMZ-Deutsche
Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Über das Leibniz-Institut DSMZ
Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und
Zellkulturen GmbH ist die weltweit vielfältigste Sammlung für biologische
Ressourcen (Bakterien, Archaeen, Protisten, Hefen, Pilze, Bakteriophagen,
Pflanzenviren, genomische bakterielle DNA sowie menschliche und tierische
Zellkulturen). An der DSMZ werden Mikroorganismen sowie Zellkulturen
gesammelt, erforscht und archiviert. Als Einrichtung der Leibniz-
Gemeinschaft ist die DSMZ mit ihren umfangreichen wissenschaftlichen
Services und biologischen Ressourcen seit 1969 globaler Partner für
Forschung, Wissenschaft und Industrie. Die DSMZ ist als gemeinnützig
anerkannt, die erste registrierte Sammlung Europas (Verordnung (EU) Nr.
511/2014) und nach Qualitätsstandard ISO 9001:2015 zertifiziert. Als
Patenthinterlegungsstelle bietet sie die bundesweit einzige Möglichkeit,
biologisches Material nach den Anforderungen des Budapester Vertrags zu
hinterlegen. Neben dem wissenschaftlichen Service bildet die Forschung das
zweite Standbein der DSMZ. Das Institut mit Sitz auf dem Science Campus
Braunschweig-Süd beherbergt mehr als 73.000 Kulturen sowie Biomaterialien
und hat 198 Mitarbeiter. www.dsmz.de

Über die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 96 selbständige
Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-,
Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und
Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute
widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen.
Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den
übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten
wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte
Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im
Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und
informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-
Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen - u.a. in
Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen
Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem transparenten und
unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen
Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft
gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 20.000 Personen,
darunter 10.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat
der Institute liegt bei mehr als 1,9 Milliarden Euro. www.leibniz-
gemeinschaft.de

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3. Zuckerreduktionsgipfel: Wissenschaftler fordern Zuckerabgabe auf Softdrinks

Großbritannien erreicht mit Softdrinksteuer Zuckersenkung um 34 Prozent
in 2 Jahren
- Freiwillige Senkung in Deutschland ist bisher minimal

Anlässlich des 3. Zuckerreduktionsgipfels fordert die Deutsche Allianz
Nichtübertragbare Krankheiten DANK verbindliche Maßnahmen gegen den hohen
Konsum gezuckerter Softdrinks in Deutschland. „Freiwillige Vereinbarungen
zeigen bei Softdrinks eine zu geringe Wirkung“, sagt DANK-Sprecherin
Barbara Bitzer, „es braucht daher eine Abgabe, um die Hersteller zu mehr
Innovation zu bewegen.“ Großbritannien ist es mit einer solchen
Softdrinksteuer gelungen, den durchschnittlichen Zuckergehalt in
Softdrinks binnen 2 Jahren um durchschnittlich 34 Prozent zu senken (1).
„Wir brauchen eine solche Maßnahme endlich auch in Deutschland zum Schutz
der Gesundheit der Bevölkerung.“

In Deutschland sieht die Nationale Reduktionsstrategie für Softdrinks eine
weniger als halb so starke Zuckerreduktion vor, wie sie Großbritannien
bereits erreicht hat. Bis 2025 soll der Zuckergehalt hierzulande nur um
durchschnittlich 15 Prozent sinken. Viele Softdrinks werden auch danach
noch deutlich zu viel Zucker enthalten. Bedeutsam ist auch nicht nur der
Durchschnittswert, sondern welches Angebot der Kunde insgesamt zur
Verfügung hat und was real gekauft wird. Beides verbessert sich
nachweislich durch eine Zuckersteuer.

So ist in Portugal durch eine Steuer das Angebot an stark gezuckerten
Produkten von zuvor 60,9 Prozent auf 36,8 Prozent aller Softdrinks
gesunken (2). In Großbritannien hat sich der Absatz von mittel und stark
gezuckerten Getränken durch die Softdrinksteuer halbiert. Zugleich ist der
Verkauf von Wasser und zuckerarmen Getränken um 40 Prozent gestiegen. Die
Mehrzahl der britischen Getränkehersteller sieht mittlerweile positive
Auswirkungen der Zuckersteuer auf ihr Unternehmen – sie verkaufen mehr
neue, zuckerärmere Produkte. Auch Deutschland sollte daher das große
gesundheitsfördernde Potential einer Softdrinksteuer nutzen.

Literatur:

(1)     Bandy KL et al: Reductions in sugar sales from soft drinks in the
UK from 2015 to 2018. BMC Medicine (2020) 18:20:
https://doi.org/10.1186/s12916-019-1477-4
(2)     Goiana da Silva F et al. (2018): The future of the sweetened
beverages tax in Portugal. Lancet Public Health 3 (12):
https://doi.org/10.1016/S2468-2667(18)30240-8

  • Aufrufe: 77

Asthmakranke Kinder sollen sich gegen Grippe impfen lassen

Junge Kinder sind besonders häufig von der saisonalen Influenza betroffen.
Allergiekranke Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Krankheit der
Atmungsorgane (auch Asthma bronchiale) gehören zu der Gruppe von
Risikopersonen, die nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission
(STIKO) jährlich gegen die saisonale Influenza geimpft werden sollten.
Geimpfte schützen nicht nur sich, sondern auch indirekt ihre Eltern und
Großeltern. Diese wiederum haben ein hohes Erkrankungsrisiko an COVID-19
und dürfen nicht noch gleichzeitig an einer schweren Grippe erkranken.

Die Grippewelle beginnt. Besonders häufig von der saisonalen Influenza
betroffen sind junge Kinder. Sie stecken sich besonders schnell an und
infizieren andere Kinder und ihre Betreuungspersonen, so auch ihre Eltern
und Großeltern bei einem Kontakt. Junge Kinder gelten daher als „das Feuer
der Influenza“.

Mit der jährlich den aktuellen Bedingungen angepassten Influenza-Impfung
kann die Erkrankung verhindert oder zumindest abgeschwächt werden. Die
Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die jährliche Impfung gegen die
saisonale Influenza auch in der COVID-19 Pandemie nicht für alle Personen,
sondern für solche mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf
der Grippe. Dazu gehören u.a. Personen ab 60 Jahren, Schwangere ab dem
zweiten Schwangerschaftsdrittel (bei chronisch Kranken auch schon im
ersten Drittel) und chronisch kranke Personen ab einem Alter von 6 Monaten
mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens. In
die letztgenannte Gruppe gehören auch allergiekranke Kinder und
Jugendliche mit einer chronischen Krankheit der Atmungsorgane, auch mit
einem Asthma bronchiale. Eine Pollen-Allergie der Atemwege ist keine
Kontraindikation für eine Influenza-Impfung!

Da die meisten Grippe- Impfstoffe Hühnereiweiß enthalten, gelten für
Personen mit einer Hühnereiweiß-Allergie einige Besonderheiten. Laut STIKO
können Personen, die nur mit leichten Symptomen auf den Konsum von
Hühnereiweiß reagieren, mit allen zugelassenen Influenza-Impfstoffen
geimpft werden. Klinisch schwerwiegende Allergien (z.B. Anaphylaxie)
gegenüber Hühnereiweiß sind selten. Bei Personen, bei denen eine ärztlich
diagnostizierte schwere Allergie gegen Hühnereiweiß vorliegt, ist die
Indikation zur Impfung mit Hühnerei-basierten Influenzaimpfstoffen streng
zu stellen. Diese Personen benötigen eine Überwachung nach der Impfung mit
der Möglichkeit der Behandlung einer ggf. auftretenden anaphylaktischen
Reaktion. Allerdings traten in Studien allergische Reaktionen nicht
häufiger auf als bei Personen ohne Hühnereiweißallergie. Es ist inzwischen
aber auch ein hühnereiweißfreier, d.h. in Zellkulturen hergestellter
Influenzaimpfstoff verfügbar, der ab 9 Jahren zugelassen ist.

Die meisten Impfstoffe werden mit einer Spritze in den Oberarm
verabreicht. Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis 17 Jahren können
auch mit einem Influenza- Lebendimpfstoff geimpft werden, der in die Nase
gesprüht wird. Bei Hindernissen für eine Injektion (z. B. Spritzenangst,
Gerinnungsstörungen) sollte besser der Lebendimpfstoff verwendet werden.
Diese Impfung wird jedoch aufgrund fehlender Erfahrungen für Allergiker
mitschwerer Hühnereiweißallergie nicht empfohlen. Kinder, die zuvor noch
nicht gegen saisonale Influenza geimpft wurden, sollten frühestens nach 4
Wochen eine zweite Dosis bekommen. Da die STIKO die Impfung für
Risikopersonen empfohlen hat, übernehmen die Krankenkassen die Kosten der
Impfung. In einigen Bundesländern wird die Grippeimpfung sogar für alle
Personen empfohlen.

Für Deutschland wurden in diesem Jahr 26 Millionen Impfdosen geordert. Das
hört sich zunächst viel an. Da die Bereitschaft zur Impfung in der Corona
- Pandemie jedoch gestiegen ist, könnten die Impfdosen bald aufgebraucht
sein. Es ist daher wichtig, dass die Risikogruppen rechtzeitig in
möglichst großem Umfang geimpft werden. Die beste Zeit für eine Impfung
liegt in den Monaten Oktober und November. Bis das Immunsystem einen
Schutz aufgebaut hat, vergehen nach der Impfung noch einmal 2 Wochen.

Im Gegensatz zur Influenza erkranken junge Kinder deutlich seltener an
COVID-19, sie können aber die Grippe besonders leicht auf andere Personen
übertragen. Und dies könnte für ihre Eltern und Großeltern gefährlich
werden, die dann an Influenza und COVID-19 erkranken können. Wie kann es
dazu kommen? Kinder werden bei z.B. Quarantäne-bedingten Schließungen von
Kindertagesstätten und Schulen zu Hause bleiben müssen. Falls die Eltern
die Betreuung der Kinder nicht übernehmen können, werden auch die
Großeltern in die Kinderbetreuung eingebunden. Bei dem dann engen Kontakt
wird das Grippe-Virus durch Husten oder Niesen leicht übertragen. Sogar
durch normales Sprechen oder Atmen können kleine Tröpfchen verbreitet
werden, die länger in der Luft schweben und andere Personen infizieren
können. Darüber hinaus ist eine Übertragung auch über die Hände durch
direkten Kontakt zu Virus-kontaminierten Oberflächen möglich. Bei
anschließender Berührung des Mundes oder der Nase oder durch
Händeschütteln werden die Viren übertragen.

Zwar gab es noch nie so viele Impfdosen eines Grippeimpfstoffes, trotzdem
kann es zeitlich und lokal zu Lieferengpässen kommen, wie momentan in
einigen Bundesländern. Daher sollten alle Risikopersonen, zu denen auch
allergiekranke Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Krankheit der
Atmungsorgane (auch Asthma bronchiale) gehören, sich rechtzeitig impfen
lassen. Eine Hühnereiallergie ist in der Regel kein Hindernis. Geimpfte
schützen nicht nur sich, sondern auch indirekt ihre Eltern und Großeltern.
Diese wiederum haben ein hohes Erkrankungsrisiko an COVID-19 und dürfen
nicht noch gleichzeitig an einer schweren Grippe erkranken.

Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPAU)

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