Zum Hauptinhalt springen

Lifestyle

Der Sandmann Szenenfoto Ingo Hoehn

Luzerner Theater, Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann, Première, besucht von Rolf Winz

Der Sandmann Szenenfoto Ingo Hoehn
Der Sandmann Szenenfoto Ingo Hoehn

Produktionsteam

Inszenierung: Nicolas Charaux Bühne und Kostüme: Pia Greven Licht: Clemens Gorzella Musik: David Lipp Dramaturgie: Nikolai Ulbricht

 

Rezension:

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

Das Unheimliche, Schauerliche leitet im Kunstmärchen «Der Sandmann» von E.T.A. Hoffmann die Handlung an und verführt in die Unterwelt der menschlichen Ängste, Dämonen, Traumgestalten und auch der Erotik. Diese dunklen Traumwelten aus der Zeit der Schwarzen Romantik auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung der besonderen Art und sie ist dem Regisseur Nicolas Charaux bei der Inszenierung am Luzerner Theater ausgezeichnet geglückt.

Das schwarze Märchen von Hoffmann

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

Der Sandmann erzählt das Märchen von Nathanael, der sich seit seiner Kindheit vom Sandmann verfolgt fühlt und fest daran glaubt, was ihm seine Mutter erzählt hat, nämlich dass dieser den Kindern im Schlaf ihre Augen raubt. Auch als Erwachsener bleibt er in diesen Ängsten gefangen, sie durchströmen seinen Alltag und fliessen auch in seine Liebesbeziehungen ein. Mit dem Erscheinen des Händlers Coppola bekommt der Sandmann wieder eine Gestalt und Nathanael versinkt ganz in seine düsteren Traumwelten. Erst die seelenlose mechanische Puppe Olimpia lässt ihn wieder in die Realität auftauchen. Doch dann raubt der Sandmann auch dieser die Augen.

Die unheimliche Welt des Unterbewussten

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

In der Aufführung des Luzerner Theaters hängt am Anfang ein rosafarbenes Stoffgebilde im Raum über der Bühne, das wie ein Mund oder auch ein Auge sich öffnet und wieder schliesst. Es bewegt sich langsam, stülpt sich aus und wird wieder flach, eine grosse Qualle vielleicht, die endlich nach oben entschwebt. Dann wird die unheimliche Familie von Nathanael sichtbar, Vater, Mutter und Nathanael selber, an einem rohen Holztisch sitzend. Die Schauspieler tragen klobig gehauene Masken und starren mit ihren grossen, glasigen Kunstaugen gelangweilt ins Leere. Einziges Geräusch ist das Ticken einer Uhr, das während des Stückes immer wieder ertönen wird und mal schneller, mal langsamer das Verrinnen des Lebens antönt. Dann ein Knall von einem Knochen, der vom Himmel auf den Boden kracht, ein Überbleibsel einer Mahlzeit vielleicht vom grossen Mund, der nach oben entschwunden ist. Zwei riesige Hasenpuppen lehnen links und rechts an einer Wand. Nichts passiert und lange kann sich der Zuschauer in diese verschrobenen Figuren vertiefen und die verschobene Realität dieser schwarzen Märchenwelt erkunden. Dann steigt die vierte Gestalt mit knallenden Tritten über eine Treppe aus der Unterwelt auf. Erst nach zwanzig Minuten ertönen die ersten gesprochenen Sätze, künstlich verzerrt, mehrfach wiederholt: «Nathanael?» und «Clara, wo bist du?».

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

Dann ein abrupter Schnitt. Die Alptraumgestalten der unheimlichen Familie verschwinden und es erscheinen ihre Spieler in normaler Kleidung: Christian Baus, Lukas Darnstädt, Wiebke Kayser, Mira Rojzman und Julian-Nico Tzschentke. Sie tragen den stark gekürzten Originaltext von E.T.A. Hoffmanns Erzählung vor, ohne Schauspiel und fast ohne Emotionen. Was vorher dem Zuschauer in einer visuell überhöhten und stark gezeichneten Bühnenwelt, untermalt mit seltsamen Tönen und dräuender Musik, gezeigt wurde, muss sich nun im Kopf des Zuhörers abspielen. Gerade das ist aber das Wesen einer Erzählung, die ja auch mit geschlossenen Augen gehört werden kann.

Aussensicht und Innensicht

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

Dies sind denn auch die zwei Ebenen, die sich in den Bildern, den Masken und Kostümen und der Musik ausdrücken. Das eine ist die Sicht von Nathanael auf seine unheimliche Märchenwelt mit den bedrängenden Ängsten, der ziemlich verschobenen Realität und den aus dem Unterbewusstsein steigenden verzerrten Gestalten. Das andere ist die heutige Welt, in der eine Geschichte erzählt wird aus einer neutralen Beobachterposition. Zweimal noch wechseln diese Welten ab in der Aufführung im Luzerner Theater. Als zum Schluss die Maskenfiguren ein drittes Mal erscheinen, überbordet der grausige Spass. Die Eingeweide der Hasen werden gefressen und als Nathanael sich weigert, an der Orgie teilzuhaben, wird er mit einem Cricketschläger brutal verprügelt. Dann senkt sich eine schwarze Glocke des Vergessens über den Tatort der Fressorgie und Olimpia spricht mit schmeichelnder Stimme aus einem seltsamen schwarzen Kasten zu Nathanael. Es könnte ein iPad sein, es könnte aber auch der mysteriöse schwarze Monolith aus Stanley Kubrick’s Film «2001 – Odyssee im Weltraum» sein, der die menschliche Evolution beeinflussen soll.

Geglücktes Wagnis

Szenenfoto Foto Ingo Hoehn
Szenenfoto Foto Ingo Hoehn

Die Inszenierung von Nicolas Charaux ist in mehrfacher Hinsicht sehr zu loben. Eine Erzählung kann auf der Bühne nicht einfach nacherzählt werden. Die zwei Ebenen mit der Innen- und der Aussensicht entsprechen der Märchenerzählung von E.T.A. Hoffmann in der besten Weise. Das Unheimliche wird mit der Verschiebung von vertrauten Szenen und Gestalten ins Irreale eindrücklich dargestellt. Die Bildelemente, die Masken und Kostüme, aber auch die Musik und die verzerrten Stimmen werden gekonnt und in eindrücklicher Weise eingesetzt. Die Inszenierung macht viele Anspielungen auf andere Stücke und Filme.  Sie ermöglichen es dem Zuschauer mit ganz subjektiven Assoziationen auf seiner individuellen Ebene die Erzählung mit eigenen Leben zu füllen. Die anderthalb Stunden an diesem Abend werden deshalb nie langweilig, schliesslich könnte es ja die eigene Familie sein, die einem da gezeigt wird

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:

fotogalerien.wordpress.com/2018/12/13/luzerner-theater-der-sandmann-von-e-t-a-hoffmann/

Kurzer Trailer der Produktion:

vimeo.com/305513867

Text: Rolf Winz

Fotos:  Ingo Hoehn www.luzernertheater.ch

Homepages der andern Kolumnisten:www.leonardwuest.ch annarybinski.ch  https://noemiefelber.ch/

www.gabrielabucher.ch  Paul Ott:www.literatur.li

Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst

  • Aufrufe: 801
Sweeney Todd , Szenenbild von Monika Rittershaus

Opernhaus Zürich, Sweeney Todd, the Demon Barber of Fleet Street, A Musical Thriller, besucht von Noémie Felber

Sweeney Todd , Szenenbild von Monika Rittershaus
Sweeney Todd , Szenenbild von Monika Rittershaus

Musikalische Leitung David Charles Abe ll Inszenierung Andreas Homoki Gesamtausstattung Michael Levine Kostüme Annemarie Woods Lichtgestaltung Franck Evin Choreinstudierung Janko Kastelic Choreografie Arturo Gama Dramaturgie Beate Breidenbach

Sweeney Todd
Bryn Terfel
Mrs. Lovett
Angelika Kirchschlager
 
Shân Cothi (13 Dez)
Anthony Hope
Elliot Madore
Beggar Woman
Liliana Nikiteanu
Judge Turpin
Brindley Sherratt
The Beadle
Iain Milne
Johanna
Mélissa Petit
Tobias Ragg
Spencer Lang
Pirelli
Barry Banks
Jonas Fogg
Cheyne Davidson
Zwei Damen
Justyna Bluj
 
Asahi Wada
Fünf Herren
Richard Walshe
 
Dean Murphy
 
Jamez McCorkle
 
Thobela Ntshanyana
 
Leonardo Sanchez
 
Philharmonia Zürich
 
Chor der Oper Zürich
 
Statistenverein am Opernhaus Zürich
Orgel
Enrico Maria Cacciari

 

Rezension:

Szenefoto von Monika Rittershaus
Szenefoto von Monika Rittershaus

Blutrot erleuchtet hebt sich das Opernhaus Zürich am 23.12. von der friedlichen Stimmung des davorstehenden Weihnachtsmarktes ab. Das Publikum ist auf Mord und Todschlag eingestellt, bevor es überhaupt das Programmheft geöffnet hat. Obwohl der Untertitel des Werkes, «A Musical Thriller», sowieso nur wenig der Fantasie übriglässt. Das perfekte Stück also, um in weihnachtliche Stimmung zu kommen.

There was a barber

Szenefoto von Monika Rittershaus
Szenefoto von Monika Rittershaus

Die Geschichte des dämonischen Barbiers der Fleet Street ist eine tragische. Das Publikum erlebt, wie der verbitterte Sweeney Todd Rache sucht an dem Mann, der ihm vor 15 Jahren Frau und Kind genommen hat. Als einzige Möglichkeit, seinen Plan umzusetzen, dient ihm sein Handwerk, das Rasieren. Doch sein Feind ist bei weitem nicht der einzige, den seine Wut trifft. Mit Morden an den verschiedensten Klienten versorgt Todd seine Komplizin mit Fleisch für deren Pasteten Geschäft. Am Ende erhält in dieser grausamen Erzählung nicht nur ein Übeltäter seine gerechte Strafe.
Das Musical «Sweeney Todd» ist ein Stück mit Musik und Texten des Amerikaners Stephen Sondheim (der übrigens auch die Liedtexte der bekannten «West Side Story» verfasste) und einem Buch von Hugh Wheeler. Die Uraufführung fand am 1. März 1979 in New York statt. «Sweeney Todd» zeichnet sich durch Einflüsse aus zahlreichen anderen Musikgenres wie beispielsweise der Oper oder dem Jazz aus und ist daher ein wahnsinnig spannendes Stück, das auch gut in ein Opernhaus passt.

Attend the tale of Sweeney Todd

Szenefoto von Monika Rittershaus
Szenefoto von Monika Rittershaus

Schon beim ersten Stück wird dem Publikum klar, dass es Schauriges zu erwarten hat. Und tatsächlich wird die komplett schwarze Bühne sogleich mit einem Ensemble düster gekleideter Figuren gefüllt, die zum Verfolgen von Todd’s Geschichte eingeladen. Das Bühnenbild ist minimalistisch, bietet aber durch verstellbare Ebenen sehr viele künstlerische Möglichkeiten, die in vollen Zügen ausgenutzt werden. Requisiten werden eher sparsam, dafür mit grosser Wirkung eingesetzt. Die dunkle Geschichte des Musicals wird durch schlichte und in dunklen Tönen gehaltene, eindrückliche Kostüme betont. Auch die stilvolle Einsetzung von Lichtelementen unterstützt weniger dramatische Szenen oder besonders wichtige Momente. Die Atmosphäre ist jedoch auch in den weniger schweren Augenblicken stets düster und mehr als nur ein wenig unheimlich. Um die Tragik der Geschichte und den zahlreich eingesetzten schwarzen Humor zu verstehen, werden die englisch gesungenen Texte in Originalsprache und auf Deutsch untertitelt.

Come and visit your good friend Sweeney

Szenefoto von Monika Rittershaus
Szenefoto von Monika Rittershaus

Wie bereits erwähnt hat das kreative Team dieser Inszenierung unter Andreas Homoki wirklich eine unglaubliche Leistung erbracht. Doch auch den restlichen Mitwirkenden gebührt ein grosses Lob. Unter der musikalischen Leitung von David Charles Abell lieferten die Philharmonia Zürich und der Chor der Oper Zürich eine solide Grundlage für die Gesangssolisten. Diese brillieren nicht nur gesanglich, sondern auch mit schauspielerischen Fähigkeiten. Die vielfältigen Emotionen und Motive des Stückes werden glaubhaft porträtiert und die Figuren schaurig akkurat verkörpert. Dem einen oder anderen wird durch das Stück hindurch schon mal ein Schauer über den Rücken gelaufen sein, ob aus Horror oder in aufgeregter Erwartung ist kaum zu sagen. Die Inszenierung kam beim Publikum sehr gut an. Es wurde nicht nur gezittert, sondern auch gelacht und am Schluss ausgiebig applaudiert. Wer sich also gerne mal ein Musical in einem Opernhaus ansehen möchte und vor ein wenig Grusel nicht zurückschreckt, sei herzlich eingeladen, Sweeney Todd in Zürich aufzusuchen. Vielleicht gibt es ja noch eine Pastete dazu.

Text: www.noemiefelber.ch

Fotos:  Monika Rittershaus www.opernhaus.ch

Kleine Fotodiashow der Produktion von Monika Rittershaus:

fotogalerien.wordpress.com/2018/12/20/opernhaus-zuerich-sweeney-todd-the-demon-barber-of-fleet-street-a-musical-thriller-besucht-von-noemie-felber/

 

Homepages der andern Kolumnisten: annarybinski.ch  www.gabrielabucher.ch

leonardwuest.ch  Paul Ott:www.literatur.li

Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst

  • Aufrufe: 553
Grand Théâtre de Genève,Viva la Mamma Foto Carole Parodi

Grand Théâtre de Genève, Le convenienze ed inconvenienze teatrali VIVA LA MAMMA! besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Grand Théâtre de Genève,Viva la Mamma Foto Carole Parodi
Grand Théâtre de Genève,Viva la Mamma Foto Carole Parodi

Produktion: Nouvelle production en coproduction avec l’Opéra national de Lyon et le Gran Teatre del Liceu de Barcelone
Direction musicaleGergely Madaras  Mise en scène & costumesLaurent Pelly    DécorsChantal Thomas   LumièresJoël Adam

Collaboration à la mise en scèneJulien Chavaz Collaboration aux costumesJean-Jacques Delmotte

Rezension:

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi
Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Das Grand Theatre de Genève schenkt seinem Publikum eine amüsante, höchst unterhaltsame  Produktion zum Jahresende: «Le convenienze ed inconvenienze teatrali» (Viva la Mamma) von Gaetano Donizetti. Daniel Dollé hatte es in seiner Einführung versprochen (übrigens durchaus besuchenswert – Dollé macht diese Einführungen immer mit grosser Begeisterung, engagiert und fundiert),Tränen gebe es an diesem Abend höchstens vor Lachen.

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi
Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

«Viva la Mamma» ist eine Oper in der Oper, eine Parodie auf die Oper und die Geschichte dessen, was hinter den Kulissen abläuft: Es geht um Divengezicke und Tenorgehabe, um Eitelkeiten, Rivalitäten und Intrigen, dies zur wunderbar leichten Musik von Donizetti. Hintergründig geht es aber auch über die ungewisse Zukunft der Oper und somit auch vieler Theatersäle.

Chaos im Parkhaus

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi
Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Der Vorhang ist noch nicht ganz offen da ertönen schon die ersten Lacher aus dem Publikum. Wir befinden uns in einem alten Theater, das zu einer Parkgarage umfunktioniert worden ist (Dekor Chantal Thomas). Die Bühne ist zugemauert, drei Autos stehen herum, eine junge Frau entsteigt ihrem türkisfarbenen Cinquecento und stöckelt mit unzähligen Einkaufstaschen zur Garage raus. Nun erscheinen die Sängerinnen und Sänger zur Probe der Oper «Romulus und Ersilia». Nur hat da so jeder seine eigene Idee, welchen Platz im Stück sie oder ihm zusteht, mit wem sie oder er singen will und generell wie das Stück daherkommen sollte. Da ist die Prima Donna Daria in ihrem schwarzen Etuikleid mit weissem Fellkragen und Fellhütchen (eine wunderbar agierende Patrizia Ciofi, herablassend, hochmütig, mit aber ab und an etwas belegter Stimme, vor allem im ersten Teil). Sie weigert sich, mit der Seconda Donna (Melody Louledjian) zu singen. Ihr sie bis zur Selbstaufgabe vergötternder Gatte Procolo (David Bizic) unterstützt sie in jeder Hinsicht. Der Kontertenor Pippetto (Katherine Aitken) ist nicht zufrieden mit seiner Arie und der Tenor Guglielmo (Luciano Botelho) möchte auf dem Plakat zuoberst erwähnt werden. Dirigent (Pietro die Bianco), Librettist (Enric Martínez-Castignani) Impresario (Péter Kálmán) und Theaterdirektor (Rodrigo Garcia) verzweifeln zusehends. Sie versuchen, die Gemüter zu besänftigen und etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen.

Mann als Frau als Mann…

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi
Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Nun kommt auch noch Mamma Agata, die Mutter der Seconda Donna, eine wahre Erscheinung! Laurent Naouri spielt diese italienische Übermamma als wäre die Rolle für ihn geschrieben worden. Jetzt geht es erst richtig los: Mamma Agata, in geblümten Kleid mit grauer Strickjacke und schwarzer Lackhandtasche, übernimmt die Bühne und das Geschehen und begeistert von der ersten Sekunde an, pathetisch, dramatisch, überbordend. Wie Naouri mit seiner Stimme spielt, seine Gestik und Mimik, das  ist ganz grosses Kino. Die Arie über das Rondo, welches Mamma Agata für ihre Tochter fordert, ist an Komik kaum zu überbieten und erhält tosenden Szenenapplaus. Nun flieht auch noch der Kontertenor, Mamma Agata ersetzt ihn, eine sozusagen vierfache Travestie: ein Mann, der eine Frau darstellt, singt die Rolle des Kontertenors, der oft von einer Frau gesungen wird.

Der erste Teil der Geschichte endet damit, dass die Mauer auf der Bühne mit grossem Getöse, Flutlicht und Rauchschwaden durchbrochen wird, Dramatik pur, danach befinden sich alle im alten Theatersaal, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Von Sardinen und Broccoli

Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi
Viva la Mamma Szenenfoto von Carole Parodi

Die Proben gehen weiter, das Chaos ebenfalls: Statisten stehen unbeholfen herum, fuchteln unkoordiniert mit Lanzen und lachen, wenn sie betreten sein sollten. Mamma Agata setzt zur Arie «Assisa a` piè d’un sacco» an, eine Parodie auf «Assisa a` piè d’un salice» aus Rossinis Othello, aber nicht bevor sie ihre Lacktasche mit auf die Bühne geholt hat. Im Clinch mit dem Souffleur, der nach mehr Abstand verlangt, surft sie in allen möglichen und unmöglichen Stimmlagen herum, ist mal gestenreich überbordend, mal verschämt verlegen, mal theatralisch ausladend, dann wieder bemüht weiblich. In Unkenntnis von Noten und Text singt sie von frittierten Sardinen und durchsichtigen Broccoli, da bleibt kein Auge mehr trocken, das ist grandios! Luigia, die Seconda Donna – anfänglich verlegen, zurückhaltend und peinlich genau den Regie-Anweisungen von Mamma Agata folgend – wird plötzlich immer mutiger und steigert sich schlussendlich in Armbewegungen, die man sich sonst von Schlagerstars gewohnt ist. Zu guter Letzt wird das Stück wegen mangelnder Finanzen abgesagt, die ganze Truppe macht sich aus dem Staub, ein Abbau-Trupp erscheint und macht sich daran, den Theatersaal mit Pressluft- und Abbruchhämmern abzubauen.

Regisseur Laurent Pelly zieht alle Register, Sängerinnen und Sänger folgen ihm mit grösstem Vergnügen, das Publikum ist begeistert: die Komik nimmt kein Ende, trotzdem verkommt der Abend nicht zum billigen Slapstick.

Das Sänger-Ensemble ist sehr homogen, durchwegs schöne, tragende Stimmen. Das Orchestre de Chambre de Genève unter Roberto Balistreri bringt die Leichtigkeit und Verspieltheit Donizettis wunderbar herüber und ist subtile und unterstützende Begleitung des Ensembles auf der Bühne. Ein wahrlich unglaublich vergnüglicher Abend!

Kleine Fotodiashow der Protagonisten und der Produktion von Carole Parodi:

fotogalerien.wordpress.com/2018/12/22/grand-theatre-de-geneve-le-convenienze-ed-inconvenienze-teatrali-viva-la-mamma-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: www.geneveopera.ch

Homepages der andern Kolumnisten: www.leonardwuest.ch
 
 
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst
  • Aufrufe: 622
Frida Kahlo Foto Guentheregger

Haus der Musik Innsbruck, Tanztheater Frida Kahlo – Nueva Pasión, 16. Dezember 2018, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Frida Kahlo Foto Guentheregger
Frida Kahlo Foto F. Guentheregger

Besetzung: Tanzstück von Enrique Gasa Valga . Libretto von Enrique Gasa Valga und Katajun Peer-Diamond . Musik interpretiert von Lila Downs, Brigitte Fassbaender, Chavela Vargas, Buika u. a.

Frida Kahlo .           Pilar Fernández Sánchez, Camilla Danesi, Lara Brandi, Chiara Ranca

Leo Trotzki              Yulian Botnarenko, Federico Moiana

Fridas Vater            Martin Segeta, Emanuele Chiesa

Diego Rivera           Gabriel Marseglia, Nicola Strada

Der Tod                  Balkiya Zhanburchinova, Sayumi Nishii

Fridas Schwester    Brígida Pereira Neves, Camilla Danesi

Josephine Baker     Addison Ector

Ensemble               Tanzcompany des TLT

 

Rezension:

Das gefeierte Tanzstück als Porträt der mexikanischen Malerin erlebt nach seinem unglaublichen Erfolg 2011 fast unverändert ein Comeback  in den Kammerspielen in Innsbruck. Innsbrucks Ballettchef Enrique Gasa Valga begeistert einmal mehr.

Maria Pilar Sanchez als Frida Kahlo und  Gabriel Marseglia als Diego Rivera Foto Rupert Larl
Maria Pilar Sanchez als Frida Kahlo und Gabriel Marseglia als Diego Rivera Foto Rupert Larl

Die Bühne, wahlweise ein grosses, lichtdurchflutetes Zimmer mit Fenstern und Flügeltüren oder ein Platz mit Häuserfassaden, ist in ein sanftes Hellblau getüncht, Frida Kahlo als junges Mädchen in blütenreinem Weiss schwebt über die Bühne, mit unglaublicher Leichtigkeit, unbändiger Lebensfreude und Sorglosigkeit. In der kurzen Pause zum nächsten Bild ertönt ein Quietschen, Krachen und Knirschen, Geräusche des schrecklichen Unfalls, welchen Frida erlitt und an dessen Folgen sie ihr Leben lang leiden musste. Im nächsten Bild steht sie ganz alleine mitten auf der Bühne, in einem blutroten Samtkleid, unglaublich einsam, verloren und verletzlich, ein Rollstuhl wird hereingeschoben, sie setzt sich mühsam drauf und schaut zu, wie die anderen um sie tanzen.

Farbsymphonie

Camilla Danesi, Alice White, Emanuele Chiesa, Mikael Champs Foto Rupert Larl
Camilla Danesi, Alice White, Emanuele Chiesa, Mikael Champs Foto Rupert Larl

Das sind zwei der insgesamt 27 Bilder in zwei Akten, welche in diesem Tanztheater die Geschichte der Frida Kahlo erzählen. Zwei unglaublich starke Bilder, überhaupt lebt dieses Ballett von seinen Bildern, von den farbenfröhlichen Kostümen (Andrea Kuprian) und den wunderschönen Lichteffekten (Michael Reinisch), die die Bühne wahlweise in unschuldiges Weiss, leidenschaftliches Rot, verhaltenes Grau tauchen und immer wieder neue Effekte erzeugen. Dazu gibt es Einspielungen von Fotos aus Fridas Leben, von ihren Bildern, kurze Filmsequenzen, Texte, die entweder im Off oder von den Tänzerinnen gesprochen werden, Liedern, die sie teilweise auch selber singen. Es ist ein Gesamtpaket über diverse Stationen im Leben dieser unkonventionellen Frau und Malerin: Diego Rivera und Frida, die Hochzeit, die Affäre Diegos mit Fridas Schwester Cristina,  Fridas Affäre mit Josephine Baker, ihre Reise nach Paris, nach New York, ihre Begegnung mit Trotzki, ihr politisches Engagement und schlussendlich ihr früher Tod. Dies zu Musik aus allen Sparten, von Mariachi über Kurt Weill  bis hin zu Brahms.

Maria Pilar Sanchez als Frida Kahlo und Ensemble Foto Rupert Larl
Maria Pilar Sanchez als Frida Kahlo und Ensemble Foto Rupert Larl

Das Programmheft gibt Hinweise und Informationen, die man vorgängig lesen sollte, es lohnt sich, wenn man sich etwas auskennt im bewegten Leben der Frida Kahlo, denn es gibt unzählige Anspielungen im Stück. Versteht man diese nicht, kann man sich aber auch einfach den wirklich wunderschönen Bildern hingeben, die Enrique Gasa Valga auf die Bühne der Kammerspiele zaubert. Die Szenen mit dem Ensemble sind meist fröhlich ausgelassene Tanzsequenzen, die Solos und Pas-de-deux eindrücklich, leidenschaftlich und gefühlvoll. Und wenn Frida ihre Wut und Enttäuschung über Diegos Affären auslebt, ist das Verzweiflung pur, beinahe greifbar.

Die zwei Fridas

Lara Brandi (Frida Kahlo), Maria Pilar Sanchez (Frida Kahlo) Foto Rupert Larl
Lara Brandi (Frida Kahlo), Maria Pilar Sanchez (Frida Kahlo) Foto Rupert Larl

Auf der Bühne sind oft zwei Fridas (Maria Pilar Sanchez und Lara Brandi). Die Künstlerin erklärte die beiden Fridas in ihrem gleichnamigen Gemälde als Ausdruck ihrer Dualität. Die beiden Tänzerinnen sehen sich zum Verwechseln ähnlich, zierlich aber stolz, fragil und dennoch kraftvoll. Oft sitzt oder steht die eine reglos am Rande, als Trösterin oder Bewacherin, während die andere tanzt, manchmal tanzen sie gemeinsam, dann mutet es an wie ein Spiegelbild.

Viva la Vida

Lara Brandi (Frida Kahlo) und Ensemble Foto Rupert Larl
Lara Brandi (Frida Kahlo) und Ensemble Foto Rupert Larl

Das Tänzerensemble überzeugt auf der ganzen Linie, Gabriel Marseglia gibt einen leidenschaftlichen Diego, Yulian Botnarenko einen energischen Trotzki und Addison Ector eine exzentrische Josephine Baker. Das Stück endet mit Fridas letztem Bild: Wassermelonen rollen über die Bühne, im Hintergrund erscheint das Bild «Viva la Vida», Diego Rivera sitzt auf einer Bank, aus seinem Mund tropft der Saft der Melonen, farblich ist alles so abgestimmt, als gehöre es zum Bild.

Nueva Pasión ist ein Gesamtkunstwerk, alles greift ineinander über, ergänzt und vervollständigt sich. Die Bilder bleiben einen noch weit über den tosenden Schlussapplaus an der Premiere im Kopf.

Die ursprünglich angesagten Aufführungen bis März 2019 sind alle ausverkauft, zusätzliche Termine im Oktober 2019 ebenfalls schon gut gebucht.

Text und Fotos

www.gabrielabucher.ch

Kleine Fotodiashow der Produktion von Rupert Larl:

fotogalerien.wordpress.com/2018/12/18/haus-der-musik-innsbruck-tanztheater-frida-kahlo-nueva-pasion-16-dezember-2018-besucht-von-gabriela-bucher-liechti-2/

Fotos und Video

www.haus-der-musik-innsbruck.at

 
 
Homepages der andern Kolumnisten: www.leonardwuest.ch
 
 
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst
  • Aufrufe: 933