Richard Galliano – Paolo Fresu – Jan Lundgren im KKL Luzern, 18. März 2015, besucht von Léonard Wüst
Grundinformationen:
Der junge Galliano nahm Unterricht in Posaune, Harmonie und Kontrapunkt an der Musikakademie Nizza. Sein Vater war Akkordeonist und auch Richard lernte schon früh, dieses Instrument zu spielen. Um sein Repertoire zu vergrößern, fing er als 14-Jähriger an, systematisch und vielfältig Jazz zu hören und auf seinem Instrument nachzuspielen. Später riet ihm Astor Piazolla seinen „amerikanistischen“ Stil abzulegen und sich auf seine französische Herkunft zu besinnen: „Schaffe einen ‚Musette Neuve‘-Stil, wie ich den Tango Nuevo erfunden habe und er lud ihn sogleich ein, die erste Bandoneon Stimme in seinem „Sommernachtstraum“ zu besetzen.
Heute gilt Galliano als einer der ganz großen Jazz-Akkordeonisten. Neben seinen eigenen Gruppen arbeitete er unter anderen mit Juliette Gréco, Charles Aznavour, Ron Carter, Chet Baker, Enrico Rava, Martial Solal, Al Foster, Miroslav Vitouš, Trilok Gurtu, Jan Garbarek, Michel Petrucciani, Michel Portal, Jean Toots Thielemans, Biréli Lagrène und Wynton Marsalis.
Sein Repertoire setzt sich zusammen aus Eigenkompositionen (als seine „Standards“ bezeichnet er beispielsweise die Stücke Tango Pour Claude, Laurita, Sertao und Spleen), Interpretationen klassischer Komponisten (Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Maurice Ravel, Peter Tschaikowski, Erik Satie), Tango-Kompositionen (überwiegend Astor Piazzolla), Kompositionen seiner Mitmusiker und – etwas seltener – aus Jazzstandards (You Must Believe In Spring, Ruby My Dear, Spain). Neben Akkordeon spielt er auf seinen Aufnahmen gelegentlich auch Accordina (eine Art Melodica oder Mundharmonika mit Knopftastatur), Posaune, Klavier, Synthesizer und Bandoneon.
Rezension:
Es kann schon mal vorkommen, dass man jemanden aus den Augen verliert.
Dass man aber auch jemanden aus den Ohren verlieren kann, wurde mir an diesem Konzert im Konzertsaal des KKL unmittelbar klar.
Da Richard Galliano relativ selten in der Schweiz Konzerte gibt und wenn, dann eher in der Westschweiz, wusste ich nicht so genau, welche musikalischen Projekte er verfolgt und/oder realisiert, so war es für mich schon ein relativ drastischer Paradigmenwechsel, erwies sich doch dieses „Mare Nostrum“ als die grenzenlose Weite des musikalischen Ozeans in allen Facetten und Feinheiten und einer schier unglaublichen Intensität und nach aussen gestülpten Intimität der Protagonisten, nichts ähnelte auch nur im Geringsten an den Galliano, den ich von früher her noch im Kopf, respektive in meinem musikalischen Gedächtnis hatte. Auch überraschend für mich, dass sich Galliano sehr genau auf sein Notenblatt konzentrierte, kenn ich ihn doch eher als improvisierenden Performer. An den Ufern dieses „Mare“ bewegte sich einerseits der eher zurückhaltende nordländische Pianist Jan Lundgren, andererseits der manchmal angriffslustig extrovertierte sardische Trompeter und Flügelhornvirtuose Paolo Fresu, verbunden durch den ruhenden Pol Richard Galliano als Brückenbauer. Die Kompositionen stammen alle aus den Federn der drei an diesem Projekt beteiligten und waren deshalb auch sehr unterschiedlich wie z.B. Seagull, nach Motiven von Tschechows Möwe oder Para Jobim, eine Hommage an die brasilianische Bossa Nova Komponistenlegende Antônio Carlos Jobim ( La Garota d`Ipanema, Corcovado, Desafinado etc.).
Eine Komposition nach der andern liebe- und respektvoll interpretiert. Die Zuhörer mehr und mehr angespannt, konzentriert und fasziniert liessen sich trotzdem entspannt über diese musikalischen Wellen gleiten und tragen. Jedes Stück wurde bejubelt, den Musikern heftig applaudiert. Eine musikalische Perle nach der anderen wurde aneinandergereiht an dieser Kette der Unendlichkeit und Weitsicht.
Das beglückte Publikum feierte die Musiker frenetisch und verlangte mit nicht verebbendem Applaus nach Zugaben, die auch gewährt wurden,
zuerst mit einer Komposition von Claudio Monteverdi aus dem Jahr 1624,
das reichte aber dem Auditorium noch nicht und so gönnten uns die Gefeierten noch einen angedeuteten „Hummelflug“ von Rimski Korsakow und zum ultimativen Ende setzte Galliano noch ein paar Noten der „Marseillaise“, neckisch andeutend wer hier der Platzhirsch ist.
Eine Playlist des ganzen Konzertes finden Sie über unten eingefügten Link.
Trailer “Mare Nostrum” Paolo Fresu – Richard Galliano – Jan Lundgren
https://www.youtube.com/watch?v=1RLwZS5_gZ0
Die eher zurückhaltende Art des schwedischen Pianisten verohrschaulicht dieser Trailer: Jan Lundgren – History of Piano Jazz | Teaser 2013
www.youtube.com/watch?v=MIeMn_WDXhM
Playlist des Konzertes:
http://www.cede.ch/de/music/?branch=1&branch_sub=1&pid=368&view=detail&id=645671
Ein Konzert von: www.allblues.ch in Zusammenarbeit mit dem Jazz Club Luzern
Text: www.leonardwuest.ch
Homepages der andern Kolumnisten: www.marvinmueller.ch www.gabrielabucher.ch
www.irenehubschmid.ch Paul Ott:www.literatur.li
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Full House: Das Marketingstrickmuster ist einfach und simpel gestrickt, mehrheitstauglich und deswegen wahrscheinlich so erfolgreich. Mehr als 350 000 begeisterte Besucher konnten die Macher des „Rock meets Classic“ schon an der Show begrüssen, die mit über hundert Mitwirkenden bereits das sechste Mal (seit 2010) durch ganz Europa tourt.
Das Bohemian Symphony Orchestra Prague hatte ich am Osterkonzert 2014 in der Tonhalle in Zürich live erlebt, wusste also um die Qualitäten dieses Klangkörpers, auch Gianna Nannini hatte ich schon das Livevergnügen an einem Blueballskonzert in Luzern. Da ich um die nicht gerade optimale Akustik der Stadthalle Sursee bestens Bescheid weiss, war ich auf dieses Konzert besonders gespannt. Status Quo Gitarrist Rick Parfitt dürfte nicht so gute Erinnerungen an Sursee haben, aufgrund eines heute fast unvorstellbaren Ereignisses beim bisher einzigen Live Act der Status Quo in Sursee, Ende der 1960er Jahre, als sie eben grad mit ihrem Megahit „Pictures of Matchstick-Man“ in die Top Liga der Rockbands aufgestiegen waren. Infolge zahlreicher Beschwerden von vielen Bewohnern über die krasse Lautstärke der Band, erstaunlicherweise nicht vor allem von Bewohnern der nahen Altstadt, sondern besonders viele aus dem Kottengebiet, das über einen Kilometer entfernt ist (Konzert fand in der alten Markthalle statt), stellte ein Beamter der Stadt Sursee dem Veranstalter einfach den Strom ab, dies nach mehrmaliger vergeblicher Aufforderung, die Lautstärke zu drosseln. So etwas, war zum vorneherein klar, würde, ja könnte heute nicht mehr passieren. Es waren dann nicht einmal die vom Veranstalter kostenlos verteilten Gehörschutzpfropfen vonnöten, alles lief in geordnetem Rahmen.
Rick Parfitt, 67 Jahre, intonierte Status Quo Megahits wie “Rockin’ All Over The World” oder “In The Army Now”, grossartig unterstützt von den blendend aufgelegten Begleitmusikern der beiden Orchester, bei denen die Mitglieder der Klassikfraktion einen deutlich jüngeren Altersdurchschnitt aufwiesen als die der Rockband. Auffallend auch wie die Akteurinnen des Prager Ensembles ihre jeweiligen Instrumente gekonnt und enthusiastisch als Showelemente einsetzten. Die Cellistinnen zauberten gekonnte Cello - Pirouetten auf die Bühne, die Violinistinnen liessen virtuos ihre Geigenbögen über die Saiten hüpfen und unterstrichen dies auch mit vollem körperlichem Engagement. Die ganze Show nahm kräftig Fahrt auf und die restlos begeisterten Zuhörer flippten fast aus bei diesem grandiosen Ausflug zurück in die goldenen Zeiten des puren, unverfälschten Gitarrenrocks.
Speziell erwähnt, weil schlicht grandios der Sologitarrist der Mat Sinner Band Alex Beyrodt. (Wieso sind Sologitarristen eigentlich immer ca. 185 gross, schlank, schlacksig, mit schulterlangen, gelockten schwarzen Haaren und verkniffenem Gesichtsausdruck?).
Dann rundete noch Ian Gillan (Deep Purple Urgestein), Jahrgang 1945 die Show ab mit Songs wie” When a blind man cries“, der Originalversion von „Hush“ (die Aretha Franklin 1968 mit ihrer Coverversion wochenlang förmlich in die Topcharts katapultierte) und natürlich das unvergessliche, ultimative Rauchzeichen: Smoke on the water, komponiert nach dem Brand des alten Casinos in Montreux (während eines Frank Zappa Konzertes im Jahre 1971, Details über unten eingefügten Link).
Produktionsteam
Produktionsteam