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Benefizkonzert für die Ukraine Anne-Sophie Mutter | Kian Soltani | Yulianna Avdeeva | Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra, KKL Luzern, 9.4.2022, besucht von Léonard Wüst

Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra
Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra
Besetzung und Programm:
Anne-Sophie Mutter  Violine
Kian Soltani  Violoncello
Yulianna Avdeeva  Klavier
Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra:  Gregory Ahss, Violine | Korbinian Altenberger, Violine | Raphael Christ, Violine | Tanja Christ, Viola | Wolfram Christ, Viola | Lucas Macías Navarro, Oboe | Konstantin Pfiz, Violoncello | Thomas Ruge, Violoncello | Francesco Senese, Violine | Irina Simon-Renes, Violine | Chaim Steller, Viola | Rick Stotijn, Kontrabass

Valentin Silvestrov
Bagatelle für Klavier op. 1 Nr. 2
Robert Schumann (1810–1856)
Klavierquartett Es-Dur op. 47
Felix Mendelssohn (1809–1847)
Oktett Es-Dur für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli op. 20
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Trio für für Violine, Violoncello und Klavier e-Moll op. 67

Michael Häfliger Intendant Lucerne Festival
Michael Häfliger Intendant Lucerne Festival

Michael Häfliger Intendant des Lucerne Festival hiess die Besucher im praktisch vollbesetzten Konzertsaal dieses, aus gegebenem Anlass kurzfristig zu einem Benefizkonzert umgewandelten Event, herzlich willkommen, bedankte sich bei den mitwirkenden Musikern, die auf eine Gage zugunsten der guten Sache verzichteten, ebenso Dank an das KKL Luzern, das die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellte. Sämtliche Erträge des Abends flössen an das IKRK und dessen Partnerorganisationen zur finanziellen Unterstützung deren Hilfsprojekte in der Ukraine und den angrenzenden, von grossen Flüchtlingsströmen betroffenen Staaten.

Prof. Dr. Jürg Kesselring
Prof. Dr. Jürg Kesselring

Dann übergab er das Wort an Jürg Kesselring, Mitglied der Assemblée des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), der in seinem Speech, nebst Dankesworten auch erwähnte, wie wichtig es sei, mit Musik, die weltweit verstanden würde und verbinde, ein Zeichen zu setzen gegen das Furchtbare, was sich im Moment grad dort abspiele. Nach diesen besinnlichen, nachdenklich stimmenden Worten gings dann zum musikalischen Teil über, dem Häfliger noch vor fügte, dass nicht die im Programmheft gelisteten 3 Romanzen von Schumann zur Aufführung gelangen, sondern das Werk eines der bekanntesten zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov (* 30. September 1937 in Kiew, Ukrainische SSR). Anmerkung der Redaktion: Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine floh Silvestrov mit Tochter und Enkelin im März 2022 nach Berlin

Valentin Silvestrov Bagatelle für Klavier op. 1 Nr. 2

Yulianna Avdeeva Foto  Christine Schneider
Yulianna Avdeeva Foto Christine Schneider

Als «erhabene Belanglosigkeiten» hat Valentin Silvestrov seine Bagatellen einmal bezeichnet. Kleinigkeiten, Lappalien? Das wäre dem Ukrainer gewiss zu wenig, denn in diesen Stücken gibt es «nichts ausser Musik». Die Bagatellen sind in den
letzten anderthalb Jahrzehnten so etwas wie Silvestrovs Lieblingsgattung geworden. Fünf Sammlungen liegen inzwischen vor, die erste – mit drei Beiträgen – stammt aus dem Jahr 2005.
«An den Bagatellen interessiert ihn in erster Linie die Melodie, doch nicht als etwas Fertiges, sondern als Antwort auf ‹augenblicklich› aufblitzende und das Ohr des Komponisten nicht mehr loslassende Intonationen, Rufe, Motive», so der
Komponist. Es sind kurze Momente des «Verweile doch»,
Augenblicke des Besonderen, die Silvestrov musikalisch
erfasst und aus ihrer Flüchtigkeit in etwas Bleibendes hinüberführt. Für dieses kurze Amuse d’oreille von grad mal ungefähr zwei Minuten betrat die ganz in schwarz gekleidete russische Pianistin Yulianna Avdeeva (* 1985 in Moskau) die Konzertbühne und intonierte die, bei uns bis dato selten aufgeführte, sehr slawisch klingende Petitesse, mit viel Feingefühl und Respekt. Da das Werk kein, oder eher ein recht unspektakuläres Finale hat, das das Publikum sichtlich verunsicherte, applaudierte dieses denn auch erst, als die Künstlerin sich schliesslich erhob.

Noch eine Besonderheit: Silvestrov hat jedem Stück genaue Pedalangaben beigefügt. Der Bedeutung der Oberstimme gibt er Ausdruck durch die Bemerkung: «Mit der linken Hand etwas leiser spielen als mit der rechten.“

Robert Schumann (1810–1856) Klavierquartett Es-Dur op. 47

Traum statt Triumph: Je weniger Stimmen, desto intensiver die Musik. Robert Schumann gelang in seinem Klavierquartett Es-Dur op. 47 ein intensives, jedoch nach innen gerichtetes Werk..„Schrecklich schlaflose Nächte – wie immer!“ und fünf Wochen intensiven Komponierens verdankt das Klavierquartett Es-Dur op. 47 sein Entstehen. Dennoch ist das Werk kein rauschafter Abschluss von Robert Schumanns sogenanntem Kammermusikjahr 1842 geworden, sondern ein zurückgenommener, fast schon verträumter Blick ins Innere des Komponisten. Hier ist wenig von der Opulenz des kurz vorher entstandenen Klavierquintetts op. 44 zu spüren – trotz der gemeinsamen Tonart Es-Dur. Die russische Pianistin und die drei Solisten des Lucerne Festival Orchestra harmonierten grandios, verständigten sich mittels Gestik und Augenkontakt, keine(r) wollte sich in den Vordergrund spielen, sondern ordnete das Spiel dem Ganzen unter. Kein triumphales Zurschaustellen klanglicher Möglichkeiten, kein Klavierkonzert mit obligatem Streichquartett: mit einer Stimme weniger schafft Schumann im Klavierquartett mehr Kammermusik. Ein ebenso zartes wie dichtes Gewebe wird hier gesponnen; Streicher und Klavier verschmelzen – ganz ohne pianistische Vorherrschaft – zu einem organischen Gesamtklang. Clara Schumann, die das Werk zusammen mit dem Geiger Ferdinand David und Niels Wilhelm Gade an der Bratsche aus der Taufe hob (man wäre gern dabei gewesen…!), war „wahrhaft entzückt von diesem schönen Werke, das so jugendlich.“ Und so frisch und jugendlich tönte die Intonation der vier Künstler denn auch, ohne Pathos und schwülem Geschwelge, dennoch romantisch aber nicht süss. Das Auditorium geizte denn auch nicht an Applaus und klatschte das Quartett noch etliche Male auf die Bühne zurück.

Felix Mendelssohn (1809–1847) Oktett Es-Dur für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli op. 20

Nachdem der Konzertflügel weggerollt worden war, positionierte sich das Streichoktett auf der Konzertbühne. Der 14-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy galt als Wunderkind. Seit einigen Jahren erhielt er Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter, außerdem spielte Felix schon früh Klavier “wie der Teufel”. Aus seinem Sohn sollte etwas werden, hatte der Vater – ein reicher Bankier – früh beschlossen.

Mit bloss 16 Jahren schrieb der hochbegabte Sprössling dann dieses Oktett. Der erste Satz ist „Zeugnis und Symbol strahlender Jugend“ (Eric Werner). Er wird vom Elan seines Hauptthemas getragen, einem jubelnden Aufschwung der ersten Geige über Tremoli der Mittelstimmen und absteigendem Bass. Wie dieser Beginn so ist der Klang des gesamten Satzes ein Geniestreich – in der Gruppierung der Streicherpaare, im Spiel mit den Klangfarben und Registern. Ebenso souverän ist die Form gehandhabt. Die quicklebendige Überleitungsfigur wird sogleich in Originalgestalt und Umkehrung eingeführt, das Seitenthema schon in der Exposition mit dem Hauptthema verschränkt, der Bogen der Durchführung spannt sich von zarter Zurücknahme bis zu dramatischer Entladung, nach der in gewaltigem Anlauf die Reprise erreicht wird. Höhepunkt des Satzes ist jedoch die Coda, in der die Emphase des Hauptthemas nochmals gesteigert wird.

Gar eine Art Szenenapplaus für das Oktett

Die Solist*innen, zwei Damen, sechs Herren, statt wie üblich mit zwei Celli, nur mit einem, dafür ergänzt durch einen Kontrabass.boten Kammermusik vom Allerfeinsten, ab dem ersten Ton bis zum furiosen Finale und so verwunderte auch nicht, dass das Publikum gar schon nach dem ersten Satz begeistert applaudierte, was die Musiker*innen mit einem nachsichtigen, aber auch freudigem Lächeln im Gesicht kurz innehalten liess, bevor sie das Andante in Angriff nahmen.

Andante geht eigene Wege

Das Andante geht harmonisch und formal eigene Wege. Den Beginn der Bratschen in c-Moll beantworten die vier Geigen mit einem schubertischen Lyrismus in der Tonart des Neapolitaners Des-Dur. Diesem harmonischen Vexierspiel entspricht das motivische: Eine Triolenfigur aus dem Hauptthema wird zum Klanggrund für das zweite Thema und bestimmt die Durchführung. Dazwischen stehen achtstimmige, polyphone Gewebe aus dauernden Vorhalts Bildungen, die an die kontrapunktischen Schönheiten des späten Mozart erinnern. Wie im Andante von dessen Jupitersinfonie wird das Hauptthema erst ganz am Schluss wiederholt. Das Scherzo beschrieb Fanny Mendelssohn auf anschauliche Weise: „Das ganze Stück wird staccato und pianissimo vorgetragen, die einzelnen Tremulando-Schauer, die leicht aufblitzenden Pralltriller, alles ist neu, fremd und doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt sich so nahe der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte selbst einen Besenstil zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen. Am Schlusse flattert die erste Geige federleicht auf – und alles ist zerstoben.“ Der Schluss des Zitats ist selbst ein Zitat, eben aus der erwähnten Stelle im Faust.

Zitiert Mendelssohn Händels «Messias»

Das Finale hat mit dem Scherzo den Charakter des Perpetuum mobile und die Meisterschaft im Kontrapunkt gemein. „Der Mendelssohnsche Contrapunct verleugnet alles steife Schulpathos, regt behendig und anmuthig seine schlanken Glieder und bekommt bei schöner Sangbarkeit der Subjecte rhetorische Kraft“, meinte ein Wiener Kritiker der damaligen Zeit. Die „Sangbarkeit des Subjekts“, das sich zu Beginn aus dem Gewimmel der tiefen Streicher fugenartig in die Höhe hebt, rührt vom ersten Satz her: Es ist nichts anderes als dessen variiertes zweites Thema. Das Gegenthema des Fugatos dürfte den Hörerinnen und Hörern ebenfalls vertraut sein: Es handelt sich um jene Folge von drei Quartsprüngen, die schon Händel im Halleluja seines Messias für ein majestätisches Fugato benutzt hatte. Der junge Mendelssohn kostete die kontrapunktischen Möglichkeiten dieses Themas kongenial aus – bis hin zu einem siebenstimmigen Doppelfugato, das von der Wiederaufnahme des Scherzo Themas gekrönt wird. Die acht Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra boten eine grandiose Umsetzung des, leider, selten aufgeführten Werkes und durften dafür einen langanhaltenden stürmischen Applaus der begeisterten Zuhörer geniessen, bevor die Konzertpause folgte, in der man nun, nach Corona, auch wieder mit einem Cüpli im Foyer anstossen konnte.

Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)  Trio für Violine, Violoncello und Klavier e-Moll op. 67

Nachdem der Konzertflügel wieder an den richtigen Ort gerollt worden war, kamen mit Anne Sophie Mutter (Violine) und Kian Soltani (Cello), die eigentlichen «Headliner» dieses Konzertes auf die Bühne, zu denen sich auch noch die Pianistin Yulianna Avdeeva gesellte.

Grundsätzliches zu Schostakowitschs Komposition

Anne-Sophie Mutter Violine Symbolfoto
Anne-Sophie Mutter Violine Symbolfoto

Am 11. Februar 1944 verstarb der Musik- und Literaturwissenschaftler Iwan Sollertinski mit nur 41 Jahren, am Tag danach setzte sich Dmitri Schostakowitsch hin und begann, dem Freund mit seinem Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67 ein Andenken zu komponieren. Denn Sollertinskis früher Tod traf Schostakowitsch tief. Wenige Tage zuvor noch hatte Sollertinski einführende Worte zu Schostakowitschs Achter Symphonie gesprochen. Seinen Schmerz über den Tod des Freundes versuchte Schostakowitsch am 15.Februar 1944 der Witwe Sollertinskis zu beschreiben: “Liebe Olga Pantelejmonovna! Das Unglück, das mich traf, als ich vom Tode Iwan Iwanowitschs erfuhr, kann ich nicht in Worte fassen. Er war mein nächster und teuerster Freund. Meine ganze Entwicklung verdanke ich ihm. Ohne ihn zu leben wird mir unerträglich schwerfallen…”

Kian Soltani Violocello Symbolfoto
Kian Soltani Violocello Symbolfoto

Das im August 1944 vollendete Klaviertrio, ist wahrscheinlich das Allertragischste im Schaffen Schostakowitschs, denn tatsächlich mischt sich in die Trauer um den Freund auch Not und Elend der Kriegszeit hinein. Dass Schostakowitsch im Finale ein Thema aus der jüdischen Volksmusik verwandte, deutet zweifelsohne auf seine Trauer um die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden hin. Dieses jüdische Thema aus seinem Klaviertrio griff Schostakowitsch 1960 nochmals auf, als er sein achtes Streichquartett schrieb, “den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet”. Im Klaviertrio ist es das Cello, das mit fahlen Flageolett-Tönen beginnt; Kanon artig antwortet die Violine. Dass alles Helle in diesem dunklen Werk trügerisch ist, entpuppt sich im energiegeladenen und bedrohlich wirkenden Scherzo. Im Largo hebt Schostakowitsch eine Totenklage an: Mit schweren Klavierakkorden schreitet die Musik als Passacaglia daher, quasi ein letztes Aufbäumen und in der Art eines Totentanzes klingt das Werk dann aus – makaber, leise und unerbittlich.

Diese schmerzlichen, manchmal sehr düsteren Tonformationen wussten die drei Protagonist*innen aufs trefflichste umzusetzen. Das einfühlsame Spiel, gepaart mit ihrer meisterhaften Spieltechnik, widerspiegelte die Verzweiflung und den Schmerz des Komponisten ein – drücklich und dringlich. Das düstere Brummen des Cellos, die spitzen Pizzicato der Violine oder die dunklen Harmonien des Pianos nachvollzogen die Stimmung, in der sich Schostakowitsch befunden haben muss.

Nach dem Ausklingen der letzten, feinen Laute applaudierte das Auditorium denn auch nicht euphorisiert, eher respektvoll, nachdenklich, aber deswegen nicht weniger begeistert.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch  Peter Fischli und Priska Ketterer

Homepages der andern Kolumnisten:  www.noemiefelber.ch  maxthuerig.ch

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch

Anne-Sophie Mutter Yulianna Avdeeva  und Kian Soltani  beim Schlussapplaus
Anne-Sophie Mutter Yulianna Avdeeva und Kian Soltani beim Schlussapplaus
Anne Sophie Mutter Violine
Anne Sophie Mutter Violine
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Urgetreide Emmer: Sortenwahl und handwerkliches Geschick als Erfolgsgarant

Der vermutlich weltgrößte Emmer-Versuch an der Universität Hohenheim ist beendet: Prof. Dr. Friedrich Longin  Friedrich Longin  Universität Hohenheim
Der vermutlich weltgrößte Emmer-Versuch an der Universität Hohenheim ist beendet: Prof. Dr. Friedrich Longin Friedrich Longin Universität Hohenheim

Uni Hohenheim schließt vermutlich weltgrößten Emmer-Versuch ab / große
Sortenunterschiede in über 80 Merkmalen / Tipps für Landwirtschaft,
Müllerei und Bäckerei

Sogenannte „Urgetreide-Arten“ wie Emmer erfreuen sich wachsender
Beliebtheit – doch deren Etablierung ist kein Selbstläufer. Das hat der
vermutlich weltgrößte Emmer-Versuch an der Universität Hohenheim
aufgezeigt. „Auch bei wenig genutzten Arten wie Emmer gibt es dutzende
Sorten, die sich erheblich in ihren Eigenschaften unterscheiden“,
berichtet Prof. Dr. Friedrich Longin von der Landessaatzuchtanstalt der
Universität Hohenheim in Stuttgart. Zusammen mit seinem Team testete er
143 Emmer-Sorten an fünf Anbauorten auf ihre Eigenschaften auf dem Feld,
in der Mühle und in der Bäckerei. „Dabei konnten wir in der Feldleistung
ebenso wie beim Backen enorme Unterschiede messen.“ Wer Emmer erfolgreich
nutzen möchte, sollte auf einen sicheren Ertrag setzen, beim Backen auf
handwerkliches Können zurückgreifen – und den Austausch mit den anderen
Gliedern der Wertschöpfungskette suchen. Zum Beispiel am Feld- und Fachtag
zu Einkorn, Emmer und Dinkel am 13.7.2022.

Emmer gehört zu den ältesten Getreidearten, die die Menschen schon
begleiten, seitdem aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern wurden.
Nach seiner Blütezeit bei den ägyptischen Pharaonen ist Emmer fast in
Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie Prof. Dr. Friedrich Longin von der
Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim meint.

„Emmer hat zwar nur etwa den halben Kornertrag wie Weizen, dafür aber mehr
Stroh, und dies bei minimaler Düngung. Er ist somit geeignet für späte
Fruchtfolgeplätze, schlechtere Böden oder generell dort, wo auf Düngung
verzichtet werden sollte.“

Aufwendige Feld- und Laborversuche erlauben tiefen Einblick

Um das Potenzial und eventuelle Nachteile von Emmer für Landwirtschaft,
Mühlen und Bäckereien zu kennen, hat Prof. Dr. Longin zusammen mit dem
Detmolder Institut für Getreide und Fettanalytik GmbH (DIGefa) sowie den
Pflanzenzüchtungs-Unternehmen Südwestdeutsche Saatzucht GmbH & Co KG und
Pflanzenzucht Oberlimpurg den vermutlich weltgrößten Emmer-Versuch
durchgeführt. 143 Emmer-Sorten wurden mit einigen Weizen- und Dinkel-
Vergleichssorten an fünf Standorten in Baden-Württemberg angebaut. Im Feld
haben die Forschenden alle wichtigen agronomischen Kennzahlen zu Ertrag,
Wuchsverhalten und natürlicher Resistenz gegenüber Krankheitserregern
gemessen. An den Ernteproben erarbeiteten sie dann verschiedene Kennzahlen
für die Müllerei und Bäckerei.

„Einer der wichtigsten Projekterfolge war die Etablierung eines
Standardmahl- und -backversuchs“, meint Franz Pfleger von der DIGefa.
„Emmer hat ein deutlich härteres Korn und ganz andere Teigeigenschaften
als Weizen. Somit können die Standardversuche von Weizen hier nicht
verwendet werden.“ Mit Anpassungen beim Mahlen und in den Backrezepten ist
es aber gelungen, die Unterschiede der 143 verschiedenen Emmer-Sorten
darzustellen.

„Im Vergleich zu Weizen hat Emmer eine höhere Wasseraufnahme und hält das
Brot besser frisch“, ergänzt Pfleger. „Allerdings hat er auch eine
deutlich geringere Teigstabilität, und er ist empfindlicher, wenn der Teig
zu intensiv geknetet wird.“ Um erfolgreich mit Emmer zu backen, müsse man
in der Bäckerei auf diese anderen Eigenschaften des Emmers eingehen.

Praktische Tipps für perfekte Emmer-Backwaren

Dass dies im Bäckereialltag möglich ist, davon ist Bäckermeister Sebastian
Brücklmaier von der Bäckerei Brücklmaier in München fest überzeugt. „Emmer
ist für mich der Dinkel von morgen, der spannende Backwaren mit
einzigartigem Geschmack liefert.“ Man müsse nur sein handwerkliches Können
auch geschickt einsetzen. „Den Teig nur wenig kneten, mit einem Vor- oder
Sauerteig arbeiten und etwas Öl in den Teig,“ sind wenige, aber
entscheidende Tipps von Brücklmaier.

Und die Brot-Bloggerin und Ernährungsberaterin der Urkornpuristen Stefanie
Dehn schwärmt: „Auch beim Backen zu Hause ist Emmer ein einmaliges
Getreide, das ebenso für herzhafte wie süße Gebäcke geeignet ist.“ Beide
Bäcker:innen betonen aber, dass beim Emmer die Mehlchargen sehr
unterschiedliche Backeigenschaften aufweisen und wünschen sich eine
Stabilisierung der Versorgung mit gleichbleibender Qualität.

Alte Arten – moderne Sorten

Prof. Dr. Longin hat dafür eine Erklärung parat: „Weizen wird weltweit
gehandelt, und so kann die Mühle fast immer eine konstante Mehlqualität
zusammenmischen. Emmer dahingegen ist rar. Und wenn plötzlich ein
Mehrbedarf besteht, dann wird jede Emmer-Herkunft genutzt.“ Dabei zeigt
der vermutlich weltgrößte Emmer-Versuch bei allen Merkmalen, dass sich die
einzelnen Sorten in ihren Eigenschaften sehr unterscheiden. „Der
Kornertrag schwankte von 20 bis über 50 dt/ha. Und manche Emmer-Sorten
ließen sich trotz Rezept-Anpassungen überhaupt nicht backen, während
andere tolle Backwaren lieferten“, berichtet der Experte.

Deshalb komme es bei der alten Art Emmer, genau wie bei modernem Weizen,
auf die Wahl der Sorte an. „Dabei ist immer ein Kompromiss zwischen bester
Feld- und bester Backleistung nötig“, meint Prof. Dr. Longin und ergänzt:
„Wir brauchen auch bei alten Arten moderne Sorten, die an das veränderte
Klima und die neuen Anbaubedingungen angepasst sind.“ Seine Empfehlung für
die Wertschöpfungskette: Erträge und Qualitäten absichern durch standfeste
und ertragsstarke Sorten, und den Austausch suchen mit den Partner:innen
in der Wertschöpfungskette.

Save the Date: Feld- und Fachtag zu Einkorn, Emmer und Dinkel am 13.7.2022

Deswegen richtet Prof. Dr. Longin mit seinem Team am 13.7.2022 nachmittags
auf der Versuchsstation für Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim
wieder einen Feld- und Fachtag aus, sofern es die Corona-Situation
erlaubt. Neben Produktvorführungen wird es eine Feldtour in die
Hohenheimer Versuche zu Einkorn, Emmer und Dinkel geben.

Geplant sind außerdem Vorträge zu dem vermutlich weltgrößten Emmer-
Versuch, zum erfolgreichen Backen mit Emmer und Einkorn und dazu, wie sich
Gluten und andere Proteine in Dinkel, Emmer und Einkorn von der
Zusammensetzung in Weizen unterscheiden.

HINTERGRUND zum Projekt

Die Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim beschäftigt sich seit
vielen Jahren mit der Etablierung alternativer Kulturarten. Diese Arbeit
wurde durch das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz
(MLR) im Rahmen des Sonderprogramms zur Stärkung der biologischen Vielfalt
des Landes Baden-Württemberg gefördert.

Weitere Informationen

- Agronomische Ergebnisse des Emmer-Versuchs:
https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/uni_hohenheim/Aktuelles/Uni-
News/Pressemitteilungen/Emmer_Agronomische_Eigenschaften.pdf


- Ergebnisse der Backuntersuchungen des Emmer-Versuchs:
https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/uni_hohenheim/Aktuelles/Uni-
News/Pressemitteilungen/Emmer_Backqualitaeten.pdf


- Rezepte für Profibäcker von Bäckermeister Brücklmaier
https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/uni_hohenheim/Aktuelles/Uni-
News/Pressemitteilungen/Emmer_Rezepte_Profis_Bruecklmaier.pdf


- Rezepte fürs Homebaking von Stefanie Dehn
https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/uni_hohenheim/Aktuelles/Uni-
News/Pressemitteilungen/Emmer-Homebaking.pdf


- Urgetreideexperten auf Facebook
https://www.facebook.com/groups/dieurkornexperten

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Mitmachaktion “Homeoffice? Herausforderung angenommen!”

Terminals mit Touchscreens an öffentlichen Orten wie dem Karlsruher ZKM machen Bürgerinnen und Bürger auf das Mitmachprojekt zum Thema Homeoffice neugierig. (Foto: IISM, KIT)  IISM, KIT
Terminals mit Touchscreens an öffentlichen Orten wie dem Karlsruher ZKM machen Bürgerinnen und Bürger auf das Mitmachprojekt zum Thema Homeoffice neugierig. (Foto: IISM, KIT) IISM, KIT

Viele Beschäftigte und Unternehmen sind auch künftig – unabhängig von der
Corona-Pandemie – offen für das Arbeiten im Homeoffice. Sie ziehen es
sogar häufig dem Arbeiten im Büro vor. Berufsarbeit in der eigenen Wohnung
bringt neben zahlreichen Vorteilen aber auch Herausforderungen mit sich.
Die Initiative „wir-forschen.digital“ des Karlsruher Instituts für
Technologie (KIT) lädt Bürgerinnen und Bürger dazu ein, unter https://wir-
forschen.digital/home-office/ ihre persönlichen Herausforderungen
einzubringen, für die sie sich Unterstützung von der Wissenschaft
wünschen. Gemeinsam mit den Forschenden und Studierenden werden dann
Lösungsvorschläge erarbeitet.

Viele Beschäftigte und Unternehmen sind auch künftig – unabhängig von der
Corona-Pandemie – offen für das Arbeiten im Homeoffice. Sie ziehen es
sogar häufig dem Arbeiten im Büro vor. Berufsarbeit in der eigenen Wohnung
bringt neben zahlreichen Vorteilen aber auch Herausforderungen mit sich.
Die Initiative „wir-forschen.digital“ des Karlsruher Instituts für
Technologie (KIT) lädt Bürgerinnen und Bürger dazu ein, unter wir-
forschen.digital/home-office/ ihre persönlichen Herausforderungen
einzubringen, für die sie sich Unterstützung von der Wissenschaft
wünschen. Gemeinsam mit den Forschenden und Studierenden werden dann
Lösungsvorschläge erarbeitet.

„Im Homeoffice bewege ich mich zu wenig.“ „Ich habe das Gefühl, ständig
erreichbar sein zu müssen und kann nur noch mit schlechtem Gewissen
entspannen.“ „Ohne das gewohnte Arbeitsumfeld im Büro komme ich schwer in
einen effektiven Arbeitsmodus.“ So oder ähnlich lassen sich einige der
Hürden und Herausforderungen des Arbeitens im Homeoffice formulieren.
Diese können vielfältig sein und Beschäftigte, Führungskräfte und
Familienangehörige auf jeweils eigene Weise betreffen. Forschende und
Studierende des KIT greifen derartige Herausforderungen auf, um zusammen
mit Bürgerinnen und Bürgern innovative Lösungsvorschläge zu entwickeln.
Seit Anfang April läuft die digitale Mitmachaktion „Homeoffice?
Herausforderung angenommen!“. Sie ist Teil der vom Institut für
Wirtschaftsinformatik und Marketing (IISM) des KIT geleiteten Digital-
Citizen-Science-Initiative „wir-forschen.digital“, in der sich Bürgerinnen
und Bürger aktiv – über digitale Plattformen und damit unabhängig von Ort
und Zeit – auf Augenhöhe mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
an der Forschung beteiligen.

Hürden im Homeoffice-Alltag

In vier Themenfeldern – Bewegung und Gesundheit, IT-Sicherheit, Motivation
und Führung sowie Kollaborationstools – können Bürgerinnen und Bürger
online Herausforderungen ihres persönlichen Alltags im Homeoffice
beschreiben, etwa wenn sie sich fragen, wie sie sich im Homeoffice vor
Cyber-Kriminalität schützen können oder wie sie als Führungskraft
Mitarbeitende auch remote motivieren und Teams zusammenhalten können. „Wir
sind sehr offen für die unterschiedlichsten Fragen und möchten möglichst
viele Menschen einbeziehen“, sagt Projektkoordinatorin Anke Greif-
Winzrieth, Doktorandin am IISM und Managerin des Experimentallabors
Karlsruhe Decision and Design Laboratory, kurz KD²Lab, am KIT. „Die
partizipativ entwickelte digitale Plattform ist sehr leicht zugänglich und
nutzbar“, betont sie. Für ausgewählte Herausforderungen werden Forschende
und Studierende des KIT im Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern
Lösungsvorschläge erarbeiten. „Die Ergebnisse werden wir im Sommer
öffentlich präsentieren – dazu sind selbstverständlich alle Beteiligten
und Interessierten herzlich eingeladen“, sagt die
Wirtschaftsinformatikerin.

Interessierte können sich ab sofort unter http://wir-forschen.digital
/home-office/ an der Aktion beteiligen. Zudem stehen Terminals zum
Mitmachen im Foyer des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien (Lorenzstraße
19, 76135 Karlsruhe) sowie in der Ausstellung „BioMedien“ im ZKM bereit.

Erlebbare Wissenschaft durch Digital Citizen Science

„Wissenschaft sollte nicht länger nur in geschlossenen Laboren und den
Büros der Universitäten stattfinden. Alle Bürgerinnen und Bürger sollten
sich auf einfache Weise im gesamten Forschungsprozess einbringen können.
So können wir gemeinsam Wissenschaft demokratisieren“, betont Professor
Christof Weinhardt vom IISM, der das Projekt leitet. Das Angebot, eigene
Forschungsfragen zu formulieren und Erfahrungswissen mit Forschenden zu
teilen, soll Wissenschaft erlebbar machen. Im Projekt erforschen und
entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf wirtschafts-
und sozialwissenschaftlichen Instituten des KIT Methoden und
Infrastrukturen für die Forschung unter Beteiligung von Bürgerinnen und
Bürgern. Dafür werden eine neuartige digitale Citizen-Science-Plattform
sowie öffentliche Mitmach-Terminals entwickelt und bereitgestellt. So wird
allen Interessierten die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung an
Forschungsaktivitäten sowie zur Kommunikation und Zusammenarbeit
untereinander und mit Forschenden eröffnet – ein Anliegen, das auch das
Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt! des Bundesministeriums für Bildung
und Forschung zusammen mit der Initiative Wissenschaft im Dialog in den
Mittelpunkt stellt.

Über das Beteiligungsprojekt „wir-forschen.digital“

Das in einer ersten Phase seit Anfang 2021 bis Ende 2022 geförderte
Projekt „wir-forschen.digital“ mit dem Dachthema „Wohlbefinden, Arbeit und
Bildung zu Hause“ wird mit rund 600 000 Euro aus dem internen Exzellenz-
Förderprogramm „KIT Future Fields“ des KIT unterstützt. Beteiligte
Institute des KIT sind das Institut für Wirtschaftsinformatik und
Marketing mit Professor Alexander Mädche, Professor Benjamin Scheibehenne
und Professor Christof Weinhardt, das Institut für angewandte Informatik
und Formale Beschreibungsverfahren mit Professorin Melanie Volkamer, das
Institut für Sport und Sportwissenschaft mit Professor Alexander Woll, das
Institut für Unternehmensführung mit Professorin Petra Nieken und das
Institut für Volkswirtschaftslehre mit Professorin Nora Szech. (afr)

Die Mitmachaktion „Homeoffice? Herausforderung angenommen!“

-             direkt im Internet unter wir-forschen.digital/home-office/
-             sowie an den Mitmach-Terminals im Foyer und in der
Ausstellung „BioMedien“ im ZKM (Lorenzstraße 16, 76135 Karlsruhe)

Weitere Informationen: https://wir-forschen.digital/

Podcast „KIT.audio“ zum Digital-Citizen-Science-Projekt Wellbeing@Home in
Zeiten von Homeoffice: https://www.sek.kit.edu/2203_6224.php

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Bezahlen mit dem Pokerface: digitale Einkaufsmöglichkeiten in Asien und Europa

Prof. Dr. Sven Cravotta ist Wirtschaftsprofessor an der SRH Hochschule Heidelberg und untersucht, inwieweit sich das Einkaufsverhalten in China und Deutschland unterscheidet.  Konrad Gös  SRH Hochschule Heidelberg
Prof. Dr. Sven Cravotta ist Wirtschaftsprofessor an der SRH Hochschule Heidelberg und untersucht, inwieweit sich das Einkaufsverhalten in China und Deutschland unterscheidet. Konrad Gös SRH Hochschule Heidelberg
In einem Forschungsprojekt untersucht Sven Cravotta, Wirtschaftsprofessor
an der School of Engineering and Architecture und Standortleiter zweier
Kooperationsuniversitäten Chinas der SRH Hochschule Heidelberg, wie sich
die europäischen von den asiatischen Märkten unterscheiden.

Bezahlen mit Bargeld? In China unvorstellbar. Welche weiteren Unterschiede
es beim Einkaufsverhalten insbesondere zwischen China und Deutschland
gibt, warum dies so ist und wo unsere Zukunft hinführt, berichtet Prof.
Dr. Sven Cravotta von der SRH Hochschule Heidelberg im Interview.

Herr Prof. Cravotta, als „China-Kenner“ beschäftigen Sie sich intensiv mit
dem Thema Digitalisierung im deutschen und chinesischen Einzelhandel. In
Ihrem Forschungsprojekt arbeiten Sie auch mit chinesischen Studierenden
gemeinsam. Was sagen denn chinesische Bürgerinnen und Bürger zum Einkaufen
in Deutschland? Was sind deren Erfahrungen?

Vorweg möchte ich anmerken, dass wir derzeit eine quantitative und
qualitative Studie durchführen, wie sich das Einkaufsverhalten in
Deutschland und China unterscheidet. Dabei fließen sowohl
Expertengespräche als auch individuelle Erfahrungen ein. In der
quantitativen Studie haben wir bislang 45 Chinesen in Deutschland befragt,
wie sie das Einkaufen hierzulande erleben. Einige von ihnen konnten wir
auch interviewen. Die chinesischen Bürgerinnen und Bürger berichten, dass
sie hierzulande noch keinen großen Digitalisierungstrend sehen. Einige
Neuankömmlinge waren auch erschrocken, als sie nach dem Essen im
Restaurant bar bezahlen sollten – sie hatten schlichtweg kein Bargeld
dabei und mussten sich etwas leihen. In China ist dies unvorstellbar, hier
führt kaum mehr jemand „Cash“ mit sich.

Welche weiteren Unterschiede zwischen den Handelsmärkten in Europa und
Asien deckt das Forschungsprojekt auf?

Was nicht überraschend war: Das Einkaufen in China ist generell digitaler.
Die Menschen haben auch mehr Freude daran, Neues auszuprobieren. Während
bei uns beispielsweise kassenlose Geschäfte mit einem vollautomatischen
Check-out-Prozess noch in den Kinderschuhen stecken oder Gesichtserkennung
als Registrierfunktion nicht erlaubt ist, sind sie in China gang und gäbe:
Hier kann man mit seinem „Pokerface“ bezahlen. Dahinter steckt eine
automatische intelligente Bilderkennung, die KI-basiert ist.
Spracherkennung ist eine weitere Funktion, die in Asien schon gut
funktioniert: Ein Sprachassistent kommuniziert mit den Kunden und lotst
sie auch zum passenden Produkt.
Zudem sieht man sich in China als „gläserner Kunde“ nicht so kritisch,
sodass die digitalen Möglichkeiten eine größere Akzeptanz haben. Ich will
das gar nicht bewerten, denn die rechtlichen Einschränkungen durch die
DGSVO und andere Regularitäten haben durchaus auch ihren Sinn. Aber so
stehen wir bei uns erst am Anfang einer digitalisierten Einkaufswelt.

Welche Vorteile haben denn die digitalen Möglichkeiten in der Shoppingwelt
und wo sind die Grenzen?

Zum Beispiel durch Einsatz von Big Data-Systeme, und damit das Sammeln von
allen möglichen Kundendaten, lassen sich gezielte Vorhersagen über
Kundenverhalten treffen und damit das Angebot kundenspezifisch ausrichten.
Demzufolge erhält der Kunde nur noch die Informationen, die er braucht –
kein Suchen und kein Anstehen mehr. Der Kaufprozess ist damit schnell
erledigt und die Kunden zufrieden.

Grenzen im deutschen Handel liegen einerseits wiederum in den rechtlichen
Grundlagen mit der DSGVO. Auf der anderen Seite ist das Akzeptanzempfinden
für manche digitale Technologien noch nicht vorhanden. Denken Sie
beispielsweise ans Bezahlen von Produkten. Die deutschen Bürgerinnen und
Bürger führen überwiegend noch Bargeld mit. In Deutschland kauft man noch
traditioneller ein als etwa in China. Lebensmittel möchte man ungern
online besorgen, weil man selbst die Produkte auswählen und noch anfassen
möchte. Auch wenn in Deutschland der Online-Handel zugenommen hat, werden
die deutschen Kunden immer noch gerne zum Einkaufen auf die Straße gehen.
Grund hierfür ist auch der soziale Faktor, sich mit Freunden und Nachbarn
zu treffen.  In China findet das Einkaufen nach meiner Annahme
zweckgebundener statt.

Inwiefern hat die Corona-Pandemie unser Einkaufsverhalten beeinflusst? Wo
stehen wir heute?

Die Chinesen waren bereits schon vor der Pandemie digital unterwegs,
Lieferservice und Online-Handel sind hier schon längst etabliert, ehe die
Pandemie kam. Anders sah es bei uns in Deutschland aus. Wir wurden da
teilweise überrascht und mussten hier umdenken. Gezwungenermaßen brachte
das einen Schub mit sich, sodass der deutsche Handel jetzt verstärkter auf
digitale Technologien setzt. So wurden in den letzten zwei Jahren neue
digitale Konzepte entwickelt, wie zum Beispiel „Scan & Go“, also mit dem
Handy Produkte scannen und kassenlos bezahlen. Parallel wurden der Online-
Handel und Lieferservice-Dienste ausgebaut. Der Online-Handel wird zwar
den stationären nicht ablösen, aber auch beim Einkaufen vor Ort sind
digitale Technologien gefragt. Neuerdings gibt es erste Pilotprojekte
kassenloser Einkaufsläden mit einem vollautomatischen Check-Out. Wir
befinden uns also nun in der Sensibilisierungsphase für ein digitaleres
Einkaufserleben.

Weitere Informationen:
Umfassendere Einblicke bietet das nun erschienene E-Book „Euro-Asian
Retail. Die 7 größten Shopping-Trends aus Asien im Deutschland-Check“, ein
Kooperationswerk des IT-Dienstleisters Comarch und der SRH Hochschule
Heidelberg; erhältlich unter www.comarch.de/asia. Auch im Podcast auf
https://www.youtube.com/watch?v=UuBc76WxNAQ vertieft Cravotta dieses
Thema. Für persönliche Interviewanfragen steht Prof. Dr. Sven Cravotta
darüber hinaus gerne zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich dazu an
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