Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Prof. Carsten Gansel, Germanist an der Justus-Liebig-Universität Gießen,
legt Neuerscheinung zur dramatischen Lebensgeschichte des beliebten
Kinder- und Jugendbuchautors vor
Literarische Schätze, unveröffentlichte Manuskripte und die Geschichten
hinter der Geschichte sind neben den zahlreichen wissenschaftlichen
Büchern und Beiträgen eine Passion: Als Spurensucher und Manuskriptefinder
hat sich der Gießener Germanist Prof. Dr. Carsten Gansel international
einen Namen gemacht. Bei seinen intensiven Recherchen in russischen
Militärarchiven war er unter anderem auch auf die Kriegsgefangenenakte von
Otfried Preußler gestoßen. Da der renommierte Autor ihm lange bekannt war,
war ein Anstoß für eine spannende biografische Spurensuche gegeben –
diesmal auch im Privatarchiv Preußlers. Das Ergebnis dürfte nicht nur die
Literaturszene, sondern auch alle begeisterten Leserinnen und Leser der
Werke des beliebten Kinder- und Jugendbuchautors freuen: Am 9. Mai 2022
stellte Prof. Gansel in der Staatsbibliothek zu Berlin erstmals seine
Neuerscheinung „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe
Jahre“ vor.
Otfried Preußlers „Krabat“ ist eines der beliebtesten und meistgelesenen
deutschen Jugendbücher – eine Geschichte über Macht, ihre Verlockungen und
ihren Missbrauch. Dass der Autor darin eigene Erfahrungen vom Jugendlichen
im nationalsozialistisch regierten Sudetenland, aus der Zeit des Krieges
und der russischen Kriegsgefangenschaft verarbeitet, in der er
literarische Texte unter extremen Bedingungen schreibt, wissen jedoch die
wenigsten. Die frühen Jahre des großen Erzählers, der unmittelbar nach dem
Abitur 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde, lagen weitgehend im Dunkeln.
Prof. Gansel vom Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität
Gießen (JLU) hat verschiedene dieser wichtigen Texte gefunden,
wissenschaftlich eingeordnet und interpretiert.
Ein eigenes Romanprojekt zur Verarbeitung dieser teils traumatischen Jahre
hatte Otfried Preußler begonnen, aber nicht beendet. In der Autobiographie
„Verlorene Jahre?“, die bislang nicht bekannt war, findet er Wege, um von
Krieg und Gefangenschaft zu erzählen. Fast parabelhaft, so heißt es in der
Verlagsmitteilung, habe er seine Erfahrungen und Erkenntnisse in Kunst
verwandelt. Preußlers Hauptwerk „Krabat“ ist, so die Selbstaussage des
Autors, „meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller
jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen
und sich darin verstricken“.
Prof. Gansel entdeckte im Rahmen seiner Recherchen bislang unbekannte
Dokumente, Texte und Fotos aus Kriegsgefangenenlagern und erhielt zudem
die Gelegenheit, im Privatarchiv Otfried Preußler weitere Funde zu sichten
und unveröffentlichte Texte Preußlers auszuwerten. Nun macht er Otfried
Preußlers Erlebnisse in seinem neuen Buch „Kind einer schwierigen Zeit:
Otfried Preußlers frühe Jahre“ erstmals zusammenhängend einem größeren
Publikum zugänglich.
Der Gießener Literaturwissenschaftler zeigt die prägende Rolle von Otfried
Preußlers Vater Josef Syrowatka (der seinen Namen nach ausgeprägter
Ahnenforschung zu Preußler änderte) und stellt dar, wie wichtig die
Geschichten von Preußlers Großmutter Dora für das spätere Schreiben ihres
Enkels wurden. Prof. Gansel geht zudem ein auf Otfried Preußlers 1942
erschienene erste Gedichte sowie dessen Jugendbuch „Erntelager Geyer“, dem
von einigen Kritikern zu Unrecht ideologische Verklärung vorgeworfen
wurde, wie der Literaturexperte nachweist.
Prof. Dr. Carsten Gansel, Jahrgang 1955, ist seit 1995 Professor für
Neuere deutsche Literatur- und Germanistische Mediendidaktik an der JLU
und beweist immer wieder einen besonderen literarischen Spürsinn. Im Jahr
2016 hat der Gießener Literaturwissenschaftler mit dem von ihm
herausgegebenen Band „Durchbruch bei Stalingrad“ national und
international für Furore gesorgt. Es war ihm gelungen, die 1949 vom
russischen Geheimdienst konfiszierte Urfassung des großen Antikriegsromans
von Heinrich Gerlach in russischen Archiven wiederzufinden. Ein Jahr
später gab er Heinrich Gerlachs „Odyssee in Rot“ heraus. Im Sommer 2016
erschien die Originalfassung des Weltbestsellers „Kleiner Mann – was nun?“
von Hans Fallada mit einem ausführlichen Nachwort von Prof. Gansel. An der
Entdeckung des Originalmanuskripts hatte der Gießener
Literaturwissenschaftler maßgeblichen Anteil, gemeinsam mit
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Institut für Germanistik der JLU
hatte er die handschriftliche Urfassung des Weltbestsellers entziffert.
Schließlich spürte Prof. Gansel den verschollenen Gesellschaftsroman „Wir
selbst“ von Gerhard Sawatzky auf und machte das Epos im Frühjahr 2020
erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich.
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Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist eine
traditionsreiche Forschungsuniversität, die rund 27.500 Studierende
anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen
Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften,
Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und
Kulturwissen¬schaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches
Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist: Human- und
Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie
Lebensmittelchemie. Unter den großen Persönlichkeiten, die an der JLU
geforscht und gelehrt haben, befindet sich eine Reihe von
Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für
Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit dem Jahr
2006 wird die Forschung an der JLU kontinuierlich in der
Exzellenzinitiative bzw. der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern
gefördert.
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