Künstliche Intelligenz (KI) kann die Medizin und Pflege verbessern.
Wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle helfen, KI-Innovationen in die
Breite des Gesundheitswesens zu bringen. Die häufig mittelständischen
Medizintechnikunternehmen stellt die Finanzierung und Zulassung von KI-
Anwendungen jedoch vor große Herausforderungen. Ein aktuelles Whitepaper
der Plattform Lernende Systeme diskutiert neue Geschäftsmodelle und
Innovationsprozesse, die die Besonderheiten von KI berücksichtigen. Damit
Patientinnen und Patienten von den Chancen der Schlüsseltechnologie
profitieren können, seien neue Instrumente der Kostenübernahme und
Beratungsstellen für kleine und mittlere Unternehmen notwendig.
München, 25. April 2022 – KI-Systeme können durch die intelligente
Verknüpfung von Gesundheitsdaten Ärztinnen und Ärzte bei der Prävention,
Diagnose und Behandlung von Krankheiten unterstützen; KI-basierte
Assistenten entlasten Pflegekräfte und ermöglichen es Menschen, bis ins
hohe Alter selbstbestimmt zu leben. Doch auf dem Weg aus der Forschung in
die Gesundheitsversorgung müssen KI-Innovationen in Deutschland viele
Hürden nehmen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die die
deutsche Medizintechnikbranche prägen, sowie Start-ups seien die
Finanzierung und das Inverkehrbringen von KI-Medizinprodukten im
Gesundheitswesen nicht einfach, betonen die Autorinnen und Autoren des
Whitepapers „KI-Geschäftsmodelle für die Gesundheit“. Zudem fehle es an
KI-Expertise, den notwendigen Trainingsdaten und Vertrauen in die
Innovationen bei Ärzten und Patienten. Bei der europaweit notwendigen
Zertifizierung von Medizinprodukten vor ihrer Markteinführung sowie bei
der Kostenübernahme durch die Krankenkassen und der Haftung sollten die
Besonderheiten von KI, etwa die potenzielle Veränderbarkeit der
Funktionsweise, stärker berücksichtigt werden, fordern die Autorinnen und
Autoren.
Neue Wege der Kostenübernahme
Ein wichtiger Baustein für die Finanzierung von Medizintechnik ist vor
allem die Aussicht auf Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen
Krankenkassen. „Die Erstattung durch die Krankenkassen ist der
Flaschenhals, den KI-Innovationen auf ihrem Weg zu den Patienten passieren
müssen. Krankenhäuser werden ein Gerät mit KI-Funktionen, das bei der
Auswertung von CT-Bildern oder bei der Behandlung von Intensivpatienten
unterstützt, vor allem dann nutzen, wenn sie die Behandlung mit einer KI-
Funktion über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen können. Solange die
Erstattung nicht geklärt ist, ist es für Hersteller ein großes Risiko, die
hohen Kosten für die Entwicklung des Produkts vorzufinanzieren“, sagt
Karsten Hiltawsky, Leiter des Bereichs Corporate Technology & Innovation
bei Dräger und Co-Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheit, Medizintechnik,
Pflege der Plattform Lernende Systeme. Damit die Kosten für eine
Behandlung mit einem KI-Medizinprodukt erstattet werden, muss der
Hersteller einen Nutzennachweis erbringen. Das Whitepaper verweist hier
auf ein KI-spezifisches Innovationsproblem: Der eigentliche Nutzen könne
oft erst langfristig nachgewiesen werden, da die Qualität des Ergebnisses
eines KI-Systems stark von den zur Verfügung stehenden Trainingsdaten
abhänge – die meist erst im Laufe des Betriebs eines neuen KI-
Medizinprodukts in ausreichend großer Menge vorliegen. „Was uns helfen
würde, ist eine befristete Erstattung bis zum endgültigen Nutzennachweis,
nach dem Vorbild des Fast-Track-Verfahrens für digitale
Gesundheitsanwendungen“, so Hiltawsky.
Die Verfügbarkeit von Daten ist der Schlüssel für erfolgreiche KI-
Geschäftsmodelle in Medizin und Pflege. Das datenschutzkonforme Sammeln
von Patientendaten mache in Deutschland einen großen Teil der hohen
Initialaufwände aus, heißt es in dem Papier. Die Autorinnen und Autoren
schlagen eine Erstattung dieser Aufwände und spezialisierte
Förderprogramme vor, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu
verbessern.
„In der Pflege und Rehabilitation stehen Geschäftsmodelle mit KI noch am
Anfang – obwohl gerade hier die Patienten von Lösungen wie intelligenten
Beinorthesen oder KI-Systemen zur Sturzprävention enorm profitieren
könnten. Neben der unklaren Finanzierung sind vor allem die
Schwierigkeiten, an die notwendigen Daten für das Training der KI-Systeme
heranzukommen, eine große Hürde für Gesundheitsunternehmen und lassen sie
vor der Investition in KI zurückschrecken“, sagt Susanne Boll, Professorin
für Medieninformatik an der Universität Oldenburg und Co-Leiterin der
Arbeitsgruppe Geschäftsmodellinnovationen der Plattform Lernende Systeme.
Erlösmodelle für KI-Innovationen
Medizintechnische KI-Innovationen machen auch neuartige Erlösmodelle
möglich. „Auch der zweite Gesundheitsmarkt bietet den Herstellern von KI-
Lösungen alternative Erlösquellen, und hat darüber hinaus großes Potenzial
für die Gesundheitsversorgung, von der Prävention über Intervention bis
hin zur Nachsorge“, so Boll. Insbesondere wenn der Einsatz von KI ein ganz
neues Dienstleistungsangebot ermöglicht, etwa eine medizinische
Entscheidungsunterstützung, empfehlen die Autorinnen und Autoren die KI-
Funktion als „Software-as-a-Service“ anzubieten – eine Art Mietmodell, bei
dem Krankenhäuser und Praxen pro Nutzung der KI-Funktion bezahlen, statt
einmalig eine Lizenz zu erwerben.
Über das Whitepaper
Das Whitepaper “KI-Geschäftsmodelle für die Gesundheit” wurde von
Expertinnen und Experten der Arbeitsgruppe Gesundheit, Medizintechnik,
Pflege sowie der Arbeitsgruppe Geschäftsmodellinnovationen der Plattform
Lernende Systeme verfasst. Es steht zum kostenfreien Download zur
Verfügung.
Über die Plattform Lernende Systeme
Die Plattform Lernende Systeme ist ein Netzwerk von Expertinnen und
Experten zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Sie bündelt vorhandenes
Fachwissen und fördert als unabhängiger Makler den interdisziplinären
Austausch und gesellschaftlichen Dialog. Die knapp 200 Mitglieder aus
Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln in Arbeitsgruppen
Positionen zu Chancen und Herausforderungen von KI und benennen
Handlungsoptionen für ihre verantwortliche Gestaltung. Damit unterstützen
sie den Weg Deutschlands zu einem führenden Anbieter von
vertrauenswürdiger KI sowie den Einsatz der Schlüsseltechnologie in
Wirtschaft und Gesellschaft. Die Plattform Lernende Systeme wurde 2017 vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf Anregung des
Hightech-Forums und acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften
gegründet und wird von einem Lenkungskreis gesteuert.
Originalpublikation:
https://www.plattform-lernende-
systeme.de/files/Downloads/Publikationen/AG4_6_WP_KI_Geschaeftsmodelle_Gesundheit.pdf
- Das Whitepaper KI-Geschäftsmodelle für die Gesundheit der Plattform
Lernende Systeme