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Lanfrica: Datenbank für afrikanische Sprachen entwickelt von einem Studierenden der Jacobs University

Geschätzt 2.000 Sprachen werden auf dem afrikanischen Kontinent
gesprochen, so viele wie in keiner anderen Region der Erde. Die digitale
Welt aber spiegelt ihre Vielfalt nicht wieder, in ihr dominiert das
Englische. Um dies zu ändern, hat Bonaventure Dossou, Master-Student des
Studiengangs „Data Engineering“ an der Jacobs University Bremen, gemeinsam
mit seinem Freund Chris Emezue eine Übersetzungs- und
Spracherkennungssoftware für „Fon“ entwickelt, einer Sprache seines
Heimatlandes Benin. Mit „MMTAfrica“ entwickelten sie zudem eine
mehrsprachige maschinelle Übersetzung für sechs afrikanische Sprachen und
mit dem Projekt „Lanfrica“, eine zentrale Datenbank für afrikanische
Sprachen.

Die Grundidee von Lanfrica wurde bereits im vergangenen Jahr im Rahmen
eines UNESCO Startup-Wettbewerbs ausgezeichnet.

„Wir wollen die Sichtbarkeit und Darstellung afrikanischer Sprachen im
Internet verbessern“, beschreibt Bonaventure das Ziel. Die Auffindbarkeit
ist nicht nur deshalb eingeschränkt, weil Englisch das maschinelle Lernen
und die Algorithmen dominiert und Sprachassistenten von Google oder Apple
afrikanische Sprachen weitgehend ignorieren, sondern auch, weil viele
afrikanische Sprachen keine Schriftsprachen sind. Oftmals existieren nur
wenige Texte und Quellen als Datengrundlage für NLP-Technologien (Natural
Language Processing) wie die maschinellen Übersetzungen.

Die zentrale Datenbank „Lanfrica“ soll hier Abhilfe schaffen. Sie versteht
sich als Katalog, als ein Recherchetool, das einen einfachen und
übersichtlichen Zugang zu bestehenden Forschungsarbeiten, Datenpaketen
oder Archiven herstellt. Und sie möchte bestehende Initiativen
zusammenführen, die sich mit der maschinellen Lesbarkeit afrikanischer
Sprachen befassen.

Die Projektidee kam an. Auf der ViVaTech-UNESCO Challenge, einem
internationalen Startup-Event, stellte das Duo Lanfrica im Juni 2021 vor
und belegte in der Kategorie „Überwindung von Sprachbarrieren durch Daten
und Künstliche Intelligenz“ den ersten Platz. Mit diesem Wettbewerb
fördert die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft,
Kultur und Kommunikation technologiebasierte Lösungen, die zur
sprachlichen Vielfalt und der Mehrsprachigkeit beitragen. „Das war
spannend“, meint Bonaventure. „Der Sieg hat uns motiviert, an dem Thema
dranzubleiben.“

Und Bonaventure bleibt dran an Lanfrica, obwohl er gerade erst von einem
mehrmonatigen Studienaufenthalt im kanadischen Montreal zurückkehrt. Dort
war Bonaventure – als Teil seines Master-Studiums an der Jacobs University
– am „Mila – Quebec Artificial Intelligence Institute“ Forschungszentrum
für Fragen zu Deep Learning. Zudem war er in Kanada als studentischer
Forscher bei Google AI aktiv, einer Abteilung, die sich der Künstlichen
Intelligenz widmet. „Ich konnte in Kanada meiner zweiten Leidenschaft
neben Sprachen nachgehen, nämlich Gesundheits- und Biologiethemen wie der
Entwicklung neuer Medikamente mithilfe von Deep Learning.“

Sein Aufenthalt in Kanada hat auch mit dem Pharmaunternehmen Roche zu tun.
Der 25-Jährige wird im Rahmen der Kooperation von Roche Deutschland mit
der Jacobs University gefördert und hat bei Roche-Kanada praktische
Erfahrung in der Industrie gesammelt. Ein Gesundheitsthema beschäftigt den
25-Jährigen auch in seiner jetzt anstehenden Masterthesis an der Jacobs
University. Darin nutzt er Deep Learning zur statistischen Analyse von
krankheitsassoziierten Mutationen im Kontext von Chromosomen, die aus
genomweiten Assoziationsstudien öffentlich verfügbar sind.

Im Juni wird er sein Studium an der Jacobs University abgeschlossen haben.
Was danach kommt, ob Promotion oder ein erster Job in der Industrie, ist
noch offen. Schon jetzt aber hat Bonaventure viel gesehen und bewirkt.
Aufgewachsen in Benin, hat er in Russland an der Kasaner Föderalen
Universität Mathematik studiert, ist für seinen Master nach Bremen an die
Jacobs University gewechselt und hat sein Wissen in Kanada erweitert. Er
sagt: "Ich möchte sinnvolle und relevante Forschung betreiben und freue
mich darauf, mehr zu sehen, zu erreichen und zu bewirken".

Über die Jacobs University Bremen:
In einer internationalen Gemeinschaft studieren. Sich für
verantwortungsvolle Aufgaben in einer digitalisierten und globalisierten
Gesellschaft qualifizieren. Über Fächer- und Ländergrenzen hinweg lernen,
forschen und lehren. Mit innovativen Lösungen und Weiterbildungsprogrammen
Menschen und Märkte stärken. Für all das steht die Jacobs University
Bremen. 2001 als private, englischsprachige Campus-Universität gegründet,
erzielt sie immer wieder Spitzenergebnisse in nationalen und
internationalen Hochschulrankings. Ihre mehr als 1.600 Studierenden
stammen aus mehr als 110 Ländern, rund 80 Prozent sind für ihr Studium
nach Deutschland gezogen. Forschungsprojekte der Jacobs University werden
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder aus dem Rahmenprogramm für
Forschung und Innovation der Europäischen Union ebenso gefördert wie von
global führenden Unternehmen.
Für weitere Informationen: www.jacobs-university.de
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Zwischen Wettbewerb und Klimaschutz: Internationaler Handel sucht neue Balance

Logistiktag der Kühne-Stiftung an der Kühne Logistics University

Der internationale Handel, ein stärkerer Fokus in der Management-
Ausbildung auf das Thema Nachhaltigkeit und ein enger Schulterschluss von
Wissenschaft und Praxis sind Schlüssel-Elemente, um den Klimawandel zu
begrenzen. Das war das Fazit der Experten beim 18. Logistik-Tag der Kühne-
Stiftung zu neuen Perspektiven wirtschaftlichen Handelns angesichts des
fortschreitenden Klimawandels. Eingeladen hatte der Stifter Prof. Dr. h.c.
Klaus-Michael Kühne.

„Der internationale Handel ist Teil der Lösung, ihm kommt eine
Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel zu“, sagte Prof. Dr. Ralph
Ossa, Kühne Center for Sustainable Trade and Logistics, Universität Zürich
und Gastprofessor an der KLU, anlässlich des Logistiktags. Je größer die
Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen, desto
stärker werde der Handel seine Partner in Produktion und Transport nach
ihrer Ökobilanz auswählen. Dies zeige sich schon jetzt im Trend des
Nearshorings, also der Re-Regionalisierung von Lieferketten. Prof. Ossa:
„Wir brauchen ökonomisch motivierte ‚grüne‘ Handelswege. Auch die
chinesische Wirtschaft wird nur durch wirtschaftlichen Druck auf mehr
Nachhaltigkeit setzen. Hierin liegt eine enorme Transformationskraft.“

Neue Schlüsselkompetenzen in Führungsetagen: Nachhaltigkeit und
Lieferketten

Ein vertieftes Wissen zu nachhaltigem Wirtschaften und zu nachhaltigen
Lieferketten werde zur neuen Schlüsselqualifikation, sagte Prof. Dr.
Johannes Meuer, Direktor am KLU-Forschungszentrum Center for Sustainable
Logistics and Supply Chains (CSLS). „Unternehmen müssen jetzt in die Aus-
und Weiterbildung ihrer Führungskräfte investieren. In spätestens zehn
Jahren muss jeder Vorstand auch Experte für Nachhaltigkeit sein.“ Das
unterstreicht der aktuelle Bericht des Weltklimarates, der keinen Zweifel
daran lässt, dass die 2020er Jahre die letzte und entscheidende Dekade für
die Begrenzung des Klimawandels sind. Die KLU könne als wissenschaftliche
Hochschule mit starkem Praxisbezug hier einen maßgeblichen Beitrag zur
grünen Logistik leisten, so Prof. Meuer.

Klimaneutrale Wirtschaft: Schulterschluss von Wissenschaft und Wirtschaft

Der nötige schnelle Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft kann nur
gemeinsam gelingen, waren sich die Referenten des Logistiktags einig.
KLU-Präsident Prof. Dr. Thomas Strothotte forderte dafür einen noch
stärkeren Schulterschluss von Wissenschaft und Wirtschaft: „Nur wenn wir
Expertise, Ideen und Ressourcen in Wirtschaft und Wissenschaft bündeln,
kann Deutschland die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent reduzieren und bis
2045 klimaneutral werden.“ Beide Seiten müssten hierfür noch stärker
aufeinander zugehen. Thinktanks und Forschungszentren wie das Center for
Sustainable Logistics and Supply Chains (CSLS) an der Kühne Logistics
University seien hierfür gute Beispiele.

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Mobilitätsforschung - Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und Perspektiven

Der Pendelverkehr in Deutschland ging im Zuge der Corona-Pandemie deutlich
zurück. Doch mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht könnte sich der
ursprüngliche Trend fortsetzen: Das Pendelaufkommen hatte sich zuletzt
stetig erhöht. Wie eine nachhaltige Stadt-Umland-Mobilität zwischen Wohn-
und Arbeitsort zukünftig aussehen kann, wird im Forschungsprojekt
„PendelLabor“ am Beispiel der Region Frankfurt Rhein-Main untersucht. Das
Projektteam unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische
Forschung hat einen Report erstellt, der den Forschungsstand und
Perspektiven zur Pendelmobilität zusammenfasst. Der Report ist in der
ISOE-Publikationsreihe „Materialien Soziale Ökologie“ erschienen.

Die Folgen einer hohen Pendelaktivität wie in der Region Frankfurt Rhein-
Main sind hinreichend bekannt und individuell und gesellschaftlich
relevant – für Gesundheit, Lebensqualität und Ökologie. Aber wie kommt es
zum Pendelaufkommen, welche Verkehrsmittel werden genutzt und welche
Motive führen zu der Entscheidung, Pendelwege auf sich zu nehmen? Im
Verbundprojekt „PendelLabor“ unter der Leitung des ISOE hat ein Team aus
Forschung und Praxis die Datenlage zur Pendelmobilität für die Region
Frankfurt und Umland ausgewertet und einen Forschungsansatz entwickelt,
der es – auch für andere Regionen – ermöglicht, Pendeln ganzheitlich zu
betrachten und die komplexen Wegeketten, Aktivitäten und Motive der
Pendelnden zu erfassen.

In der Publikation „Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und
Perspektiven“ stellen die Autor*innen diesen Ansatz sowie Szenarien für
mögliche Entwicklungen vor. Sie haben hierfür eine weitreichende
Literaturrecherche und Expert*innen-Workshops durchgeführt. Der Ansatz,
den das Autorenteam verfolgt, geht davon aus, dass Pendeln weit mehr ist,
als die herkömmliche Definition suggeriert. Demnach gelten lediglich
Arbeitnehmer*innen, die für ihren Arbeitsweg zwischen Wohnung und
Arbeitsort die Grenze der Wohngemeinde überschreiten, als pendelnd. Bei
dieser Engführung der Definition werden Selbstständige, Beamte,
Schüler*innen und Studierende jedoch nicht berücksichtigt. Zudem fallen
Wege, die innerhalb einer Gemeinde verlaufen, nicht unter diese
Definition.

Hohes Pendelaufkommen: Symptomlinderung greift zu kurz

Dies bilde das Geschehen vor allem in Großstädten aus Sicht der
Mobilitätsexpert*innen unzureichend ab. Für nachhaltige Lösungsansätze,
die die Verkehrswende weiter voranbringen, sei ein vollständiges Bild von
der komplexen Pendelmobilität notwendig. „Vor allem müssen wir zu Lösungen
kommen, die Pendeln nicht nur als ein Verkehrsproblem verstehen, das mit
verkehrlichen Maßnahmen gelöst werden kann. Das wäre nur eine Art
Symptomlinderung“, sagt ISOE-Mobilitätsforscherin Jutta Deffner. Der
Ausbau von Straßen oder die Empfehlung für Autofahrer*innen, auf den ÖPNV
umzusteigen, löse die Pendelproblematik nicht im Kern. Vielmehr müssten
die Alltagsorganisation und der Arbeitsalltag der Pendelnden besser
miteinbezogen werden.

In ihrer Publikation zeigen die Autor*innen deshalb nicht nur verkehrliche
Ausprägungen der millionenfachen Arbeitswege von A nach B. Sie
verdeutlichen die zurückgelegten Arbeitswege auch nach Regionstypen und
soziodemografischen Merkmalen und erstellen etwa eine Übersicht über das
Pendelaufkommen nach Branchen, Alter und Geschlecht vor. Dabei bestätigt
sich der klare „Genderbias“, der sich auch in der Forschungsliteratur
wiederfindet. Frauen seien stärker von den Auswirkungen auf Gesundheit und
Partnerschaft betroffen als Männer. Gleichzeitig habe Pendeln nachweislich
aber auch viele positive Effekte: Es könne grundlegend dafür sein,
überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, ohne das soziale
Umfeld aufgeben zu müssen.

Arbeitsmodell bildet Komplexität des Pendelgeschehens ab

Die Autor*innen betonen zugleich die soziale, zeitliche und emotionale
Dimension hinter den Zahlen, die zu den Pendelentscheidungen führen. „Für
Millionen von Menschen ist Pendeln immer ein Transit zwischen Privatsphäre
und Berufsleben, der fest in ihren Alltag integriert ist“, sagt Deffner.
„Deshalb ist es wichtig, den Blick auf die Pendelmobilität zu weiten und
Pendeln als soziale Praktik zu verstehen, für die es vielfältige Motive
und komplexe Wirkungen auf andere Bereiche gibt.“ Als Arbeitsmodell haben
die Autor*innen dafür ein „Wirkgefüge“ entwickelt, das zeigt, dass
„klassische Einflussgrößen“ wie die Präferenz und Wahl des Verkehrsmittels
nur ein Faktor in einem komplexen Zusammenhang sind. Auch die jeweilige
Haushaltskonstellation, die Arbeitsorganisation oder die Wohnstruktur
spielten eine wichtige Rolle.

Der integrierte Blick auf die verschiedenen Einflüsse auf das Pendeln und
die Wirkungen, die davon ausgehen, ermöglicht es den Forschenden,
Zusammenhänge zwischen Pendelverkehr, Individuum und Haushalt,
Erwerbsarbeit und Unternehmen sowie Siedlungs- und Raumstruktur zu
ermitteln. Das sei eine wichtige Voraussetzung, um passende Maßnahmen für
Pendler*innen, Kommunen und Unternehmen zu entwickeln und Pendeln künftig
sozial- und umweltverträglicher zu gestalten. Im transdisziplinären
Forschungsprojekt PendelLabor werden solche Maßnahmen in einem nächsten
Schritt auf der Grundlage von sozialempirischen Ergebnissen in einem
Realexperiment entwickelt.

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AWMF fordert zukunftsfähiges Gesundheitssystem

Eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung kann es nur dann
geben, wenn Ärztinnen und Ärzte, Angehörige anderer Gesundheitsberufe
sowie Patientinnen und Patienten in der Lage sind, informierte
Entscheidungen zu treffen. Basis dafür bilden medizinisch-
wissenschaftliche Leitlinien, die den aktuellen Wissensstand
zusammenfassen. Im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des Berliner
Forums der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften e.V. (AWMF) diskutierten Experten heute, wie
Leitlinienwissen künftig noch besser entstehen und den Patientinnen und
Patienten noch schneller zugutekommen kann:

Dazu bedarf es einer nationalen Strategie zur Digitalisierung der
Leitlinien und deren Integration in sämtliche digitale
Gesundheitsanwendungen, der wissenschaftlichen Nutzung von Routinedaten
aus der Patientenversorgung für Forschungszwecke sowie attraktive
Karrierewege für wissenschaftlich arbeitende Medizinerinnen und Mediziner.

Digitale Gesundheitsanwendungen können helfen, die medizinische Versorgung
zu verbessern. „Entscheidend dafür ist jedoch, dass die Daten, die den
Anwendungen zu Grunde liegen, evidenzbasiert sind“, betont Professor Dr.
med. Rolf-Detlef Treede, Präsident der AWMF. Im Rahmen des Digitale-
Versorgungs-Gesetzes hat die Politik bereits begonnen, die Erstellung
qualitätsgesicherter Leitlinien finanziell und operational zu
unterstützen. So kann der Innovationsausschuss des Gemeinsamen
Bundesausschusses (G-BA) die Erstellung von Leitlinien in bestimmten
Themenfeldern fördern, beispielsweise zu seltenen Erkrankungen oder im
Bereich der Infektionskrankheiten. „Dieser Weg muss in Zukunft
intensiviert und verstetigt werden“, betont Professor Treede. Neben der
Förderung der Leitlinienentstehung sei es wichtig, die Digitalisierung der
Leitlinien voranzutreiben, damit Wissen für unterschiedliche Akteure im
Gesundheitswesen jederzeit und ortsunabhängig unmittelbar in der
Krankenversorgung verfügbar gemacht wird.

Für die aktuelle Legislaturperiode fordert die AWMF deshalb eine nationale
Strategie, um evidenzbasiertes Wissen in digitalen Gesundheitsanwendungen,
Patienteninformationen oder Arztinformationssystemen zu integrieren.
„Diese sollte unter anderem eine unabhängige Finanzierung der
Digitalisierung von Leitlinienwissen enthalten - zum Beispiel in Form
eines Fonds, in den alle Institutionen einzahlen, die von der
Leitlinienerstellung profitieren“, erläutert Treede.

Medizinische Forschung und deren Erkenntnisse bilden die Basis für
Leitlinien und damit für eine hochwertige und evidenzbasierte medizinische
Versorgung. „Doch die Gesetzgebung hat in den vergangenen Jahren zunehmend
Hürden für die klinische Forschung aufgebaut, was am Beispiel der
Digitalisierung besonders deutlich wird“, sagt Professor Dr. med. Dr. med.
dent. Henning Schliephake, stellvertretender Präsident der AWMF. Weil
Gesundheitsdaten bereits heute digital erfasst werden, entstehen in den
Registern der Krankenkassen große Mengen an medizinischen Informationen.
Sie können dazu beitragen, Kenntnisse über die medizinische
Versorgungsrealität zu gewinnen: Mit Hilfe dieser Routinedaten lässt sich
beispielsweise der unmittelbare Nutzen bestimmter Behandlungen oder
Therapeutika erforschen. Derzeit stehen diese Daten aber nicht für die
Forschung zur Verfügung. Auch bei der Nutzung von Registerdaten gibt es
bürokratische Hürden für die Forschung. „Es besteht die Gefahr, dass hier
riesige Datenfriedhöfe entstehen, deren großes Potenzial für die
Gesundheitsforschung ungenutzt bleibt“, betont Schliephake.

Die AWMF fordert die Politik deshalb auf, die Nutzung von Gesundheitsdaten
für die Forschung klar zu regeln und den Zugang zu diesen Daten zu
erleichtern. „Sensible Gesundheitsdaten genießen zurecht einen besonderen
Schutz. Diese berechtigten Schutzinteressen muss der Gesetzgeber mit dem
ebenfalls berechtigten Forschungsinteresse in Einklang bringen – zum Wohle
der Patientinnen und Patienten“, so der Experte.

Damit auch in Zukunft Gesundheitsforschung betrieben werden kann, ist es
aus Sicht der AWMF-Experten außerdem unerlässlich, den medizinischen
Nachwuchs zu fördern. „Eine wichtige Aufgabe für die aktuelle
Legislaturperiode ist daher auch, Weichen für eine systematische
Personalentwicklung in der Medizin zu stellen“, betont Schliephake. Hierzu
brauche es beispielsweise Angebote für Karriere-Coachings für
wissenschaftlich tätige Ärztinnen und Ärzte sowie medizinische
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und eine entsprechende
Finanzierung solcher Angebote, beispielsweise aus einem Fonds der
nationalen Gesundheitswirtschaft. „Darüber hinaus ist es unerlässlich,
dass Karriereperspektiven für den akademischen Mittelbau verbessert
werden“, fordert Treede abschließend.


Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF) e. V. bündelt die Interessen der medizinischen
Wissenschaft und trägt sie verstärkt nach außen. Sie handelt dabei im
Auftrag ihrer 180 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften.
Gegründet 1962 mit dem Ziel, gemeinsame Interessen stärker gegenüber dem
Staat und der ärztlichen Selbstverwaltung zu positionieren, erarbeitet die
AWMF seitdem Empfehlungen und Resolutionen und vertritt diese im
wissenschaftlichen und politischen Raum. Die AWMF ist Ansprechpartner für
gesundheitspolitische Entscheidungsträger, wie den Gemeinsamen
Bundesausschuss, und koordiniert die Entwicklung und Aktualisierung
medizinisch-wissenschaftlicher Leitlinien in Deutschland. Jede
gemeinnützige Fachgesellschaft in Deutschland kann Mitglied werden, sofern
sie sich wissenschaftlichen Fragen der Medizin widmet. Die AWMF finanziert
sich vorwiegend durch die Beiträge ihrer Mitgliedsgesellschaften und
Spenden.

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