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Neue Empfehlungen zum Umgang mit E-Zigaretten – Lungenärzte fordern bessere Unterstützung für den Rauchstopp

Zu großes Rückfall- und Gesundheitsrisiko: Elektronische Zigaretten eignen
sich nicht zur Tabakentwöhnung. Zu diesem Ergebnis kommt das heute
veröffentliche Empfehlungspapier der Deutschen Gesellschaft für
Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), dem sich 14 weitere medizinische
Fachgesellschaften und Organisationen angeschlossen haben. „Wer
entzündungsfördernde, toxische Substanzen sowie Aromen durch die
E-Zigarette inhaliert, riskiert einen fortlaufenden Schaden an den
Bronchien und am Lungengewebe“, sagt Professor Wolfram Windisch,
stellvertretender Präsident der DGP. Wer den Rauchstopp allein nicht
schafft, sollte wissenschaftlich geprüfte Behandlungen in Anspruch nehmen.

Dazu gehören die Beratung und Begleitung durch medizinisches Personal und
eine Therapie mit Nikotinersatzpräparaten oder suchthemmenden
Medikamenten. „Vor allem ausstiegswillige Raucherinnen und Raucher mit
dauerhaft verengten Atemwegen durch die chronische Lungenerkrankung COPD,
mit Asthma oder anderen Lungenerkrankungen sollten nicht auf E-Zigaretten
umsteigen.“ Die Mediziner fordern von der Gesundheitspolitik mehr Geld für
funktionierende Programme zur Tabakentwöhnung.

Die Publikation der DGP richtet sich an Raucherinnen und Raucher sowie
medizinisches Personal gleichermaßen. „Es ist essentiell, dass wir in
unserer Gesundheitsversorgung ein Beratungsangebot für die Rauchentwöhnung
verankern, das allen leicht zugänglich ist“, sagt Professor Stefan
Andreas, Leiter der DGP-Taskforce Tabakentwöhnung, von der die
Empfehlungen grundlegend ausgearbeitet worden sind. Individuelle
Telefonberatungen seien z. B. ein erster Schritt der Unterstützung. „Noch
ist das flächendeckende Beratungsangebot zur Rauchentwöhnung in
Deutschland unterentwickelt, unterorganisiert und unterfinanziert.
Deswegen unser dringender Appell an die Gesundheitspolitik: Wir brauchen
ein dauerhaft finanziertes Therapieangebot für Menschen, die ernsthaft mit
dem Rauchen aufhören wollen“, so Professor Andreas, Chefarzt der
Lungenfachklinik Immenhausen, pneumologische Lehrklinik der
Universitätsmedizin Göttingen. Wer dann noch nicht von seiner
Rauchabhängigkeit loskomme, solle zusätzlich eine weitergehende
evidenzbasierte Unterstützung durch Tabak-Entwöhnungsprogramme mit
medikamentöser Unterstützung angeboten bekommen.

Tabakentwöhnung: Mehrheit der E-Zigaretten-Nutzer raucht weiter – auch
Tabakprodukte

Die Mediziner raten vom Gebrauch der E-Zigaretten ab, weil diese
gesundheitsschädlich sind und von einer Mehrheit ausstiegswilliger Raucher
dauerhaft weiter genutzt werden – im Unterschied zur zeitlich begrenzten
Nikotinersatztherapie mit beispielsweise Nikotinpflastern oder der
kurzzeitigen Einnahme von suchthemmenden Medikamenten. Viele
Forschungsergebnisse weisen nach, dass E-Zigaretten schädigende Wirkungen
auf die Lunge und das Herz-Kreislauf-System haben. Auch für eine
krebsfördernde Wirkung gibt es Hinweise. Führende nationale wie
internationale wissenschaftliche Fachgesellschaften, nationale Medizin-
Leitlinien und Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation WHO stimmen
damit überein. Bisher fehlen Langzeituntersuchungen, um das
Gesundheitsrisiko genauer einzuschätzen. „Zudem haben wir beobachtet, dass
60 bis 80 Prozent der Umsteiger von der Tabak- auf die E-Zigarette
nebenher auch weiterhin Tabakprodukte konsumieren – gerade dieser duale
Gebrauch birgt zusätzliche Gesundheitsrisiken“, sagt der Lungenarzt
Professor Wulf Pankow, DGP-Vertreter im Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR)
und einer der federführenden Autoren der neuen Empfehlungen. „E-Zigaretten
haben keinen Vorteil gegenüber der Tabakentwöhnung nach medizinischen
Leitlinien mit persönlicher Beratung, Telefonberatung, Gruppenkursen und
medikamentöser Unterstützung“, so Pankow.

Erfolgversprechend: Kombination aus Verhaltenstherapie und
Nikotinersatztherapie

Grundsätzlich raten die Autoren der Arbeit dazu, sich schnellstmöglich
professionelle Hilfe zu holen: „Wer mit dem Rauchen aufhören möchte und es
allein nicht schafft, sollte auch seinen Hausarzt direkt darauf ansprechen
und sich beraten lassen”, so Pankow. „Die besten Erfolge zur
Tabakentwöhnung sehen wir aktuell bei der Kombination aus
Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung.” Geprüft und wirksam
sind  neben den rezeptfreien Nikotinersatzpräparaten die suchthemmenden
Medikamente Vareniclin, Bupropion und Cytisin. „Sollten Raucherinnen und
Raucher die E-Zigarette gegenüber anderen Hilfsmitteln dennoch bevorzugen,
dann nur für einen begrenzten Zeitraum, und anschließend ganz absetzen.“

Nur jeder fünfte Raucher unternimmt Rauchstoppversuch – Krankenkassen
sollen Kosten tragen

Die Autoren der Empfehlungen zum E-Zigaretten-Gebrauch bemängeln, dass es
derzeit noch viel zu wenig unabhängige Studien über die tatsächlichen
Auswirkungen der elektronischen Geräte und Tabakerhitzer gibt. Aus der
jüngsten Deutschen Befragung zum Rauchverhalten (DEBRA) ist bekannt, dass
nur jeder fünfte Raucher in Deutschland mindestens einen Rauchstoppversuch
im Jahr unternimmt. Hohe individuell zu tragende Therapiekosten würden vor
allem sozioökonomisch schwächere Raucher benachteiligen, heißt es in der
Studie. „Auch deshalb fordern wir die Kostenübernahme von evidenzbasierten
Therapien durch Krankenkassen“, bekräftigt DGP-Experte Professor Stefan
Andreas. Das Risiko für Raucher sei derweil gut belegt: Einer aktuellen
Metaanalyse zufolge bedingt bereits der Konsum einer Zigarette pro Tag ein
mehr als 50 Prozent zusätzliches Risiko für ischämische Herzerkrankungen
oder Schlaganfälle. „Wir empfehlen aus medizinischer Sicht den kompletten
Rauchstopp. Und dafür gibt es bessere Hilfsmittel anstelle der
E-Zigarette“, sagt Andreas.

Terminhinweise für Journalisten

Im Rahmen des DGP-Kongresses vom 25. bis 28. Mai in Leipzig wird das Thema
E-Zigaretten und Tabakentwöhnung in folgenden Veranstaltungen
aufgegriffen:

- Donnerstag, 26. Mai, 9 bis 10:30 Uhr, Saal A (Halle 2) inkl. Livestream
Klinisches Symposium „Rauchfreies Deutschland 2040 – von der Idee zur
Realität“

- Donnerstag, 26. Mai, 11 bis 12:30 Uhr, Saal 2 (CCL, Ebene +1) inkl.
Livestream
Präsidentensymposium „Tabakentwöhnung in Deutschland – Defizite und
Chance“

- Donnerstag, 26. Mai, 11 bis 12:30 Uhr, Vortragsraum 11 (CCL, Ebene +2)
freier Vortrag „Sind die neuen tabak- oder nikotinfreisetzenden Systeme
gesundheitlich unbedenklich und zur Raucherentwöhnung geeignet?“

- Freitag, 27.Mai, 14:30 bis 16 Uhr, MH 01/02 (Messehaus)
DGP-Highlight „Aus der Praxis für die Praxis: Wie Kliniken die Strategie
für ein tabakfreies Deutschland 2040 unterstützen“

- Samstag, 28. Mai, 11 bis 12:30 Uhr, Saal 4 (CCL, Ebene +1)
Klinisches Symposium „eHealth und digitale Medizin: Digitale
Raucherentwöhnung – eine neue Option?“

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Welt-Parkinson-Tag: Frank Elstner erhält den Muhammad Ali Gedächtnispreis – Katarina Witt motiviert und macht Mut

Steife Muskeln, verlangsamte Bewegungen, zitternde Hände – Morbus
Parkinson betrifft rund 400.000 Menschen in Deutschland. Der Entertainer
und TV-Moderator Frank Elstner, selbst an Parkinson erkrankt, klärt seit
vielen Jahren über die unheilbare Nervenerkrankung auf und wirbt als
Botschafter der Parkinson Stiftung für die Förderung der Forschung durch
private Spenden.

Für den offenen und ehrlichen Umgang mit seiner Erkrankung und das
besondere Engagement, mit dem er Betroffenen Mut macht, ihr Leben aktiv zu
gestalten, wurde er am 6. April 2022 mit dem Muhammad Ali Gedächtnispreis
der Deutschen Parkinson Hilfe geehrt. Der Preis erinnert an den Profi-
Boxer, der seit den 80er Jahren gegen Parkinson kämpfte. Auf dem
anschließenden digitalen Welt-Parkinson-Tag sprach Frank Elstner live mit
Menschen, die sich ebenfalls im Kampf gegen die Erkrankung engagieren und
aufzeigen, wie sie ihr Leben meistern – gesundheitlich, beruflich und
persönlich. Ein weiterer prominenter Gast war die zweifache
Olympiasiegerin und viermalige Weltmeisterin im Eiskunstlauf,
Schauspielerin und Stifterin Katarina Witt. Sie motivierte Betroffene,
durch Sport und Bewegung selbst aktiv zu werden. Mediziner:innen und
Wissenschaftler:innen präsentierten Neues aus der Parkinson-Forschung.

„Ich werde auch weiterhin meine Prominenz dafür nutzen, über diese oft
verschwiegene unheilbare Nervenkrankheit zu sprechen. Ich möchte anderen
Betroffenen Mut machen und die vielversprechenden Fortschritte der
Parkinson-Forschung unterstützen“, betonte Frank Elstner, der das
Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro an die Parkinson Stiftung spendet. Auf
dem digitalen Welt-Parkinson-Tag sprach er live mit Menschen, die wie er
mit der lebensverändernden Diagnose Parkinson leben: Das Gründerduo der
Yuvedo Foundation, Jens Greve und Dr. Jörg Karenfort, hat eine Stiftung
ins Leben gerufen, die mit eigenen Projekten, Veranstaltungen und
Partnerschaften die Lebensbedingungen für Menschen mit Parkinson und ihre
Angehörigen verbessert und einen Beitrag zur Heilung leistet. Kathrin
Wersing, selbst bereits mit 40 Jahren an Parkinson erkrankt, spricht in
ihrem Podcast „Jetzt erst recht! Positiv leben mit Parkinson“ mit
Menschen, die auf vielfältige Weise mit der Erkrankung umgehen. Stefan
Berg, Journalist und Autor des Buches „Zitterpartie“, wirbt in Lesungen
und Interviews öffentlich für mehr Toleranz und Verständnis für Menschen
mit Parkinson.

Private Spenden für einen Durchbruch in der Parkinson-Therapie

Die Parkinson-Forschung hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte
gemacht und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert. Heute
ist es möglich, die Symptome zu lindern und gut mit der unheilbaren
Erkrankung zu leben. Den aktuellen Stand der Wissenschaft beleuchteten
renommierte Expert:innen im Wissensforum für Laien. Prof. Brit
Mollenhauer, Chefärztin der Paracelsus Elena Klinik in Kassel, erklärte,
wie Biomarker zur Frühdiagnose der Parkinson-Krankheit beitragen können.
Prof. Günther Deuschl, renommierter Neurologe und Senior Professor an der
Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel,
präsentierte neue Erkenntnisse zu symptomatischen Therapien. Prof. Rejko
Krüger, Direktor für Transversale Translationale Medizin am Luxembourg
Institute of Health (LIH), machte deutlich, welche Therapien in Aussicht
sind, um die Parkinson-Krankheit zu verlangsamen oder zu stoppen. Dabei
wurde deutlich: Es gibt begründete Hoffnung, dass mit neuen genetischen
und molekularen Methoden schon bald ein Durchbruch in der Parkinson-
Therapie gelingen könnte. Doch für einen schnellen medizinischen Erfolg
ist die Parkinson-Forschung auf private Spenden und nicht staatliche oder
nicht industrielle Förderung angewiesen. Aus diesem Grund wollen
Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und
Bewegungsstörungen (DPG) und die von ihr gegründete Parkinson Stiftung
dazu motivieren, vielversprechende Forschungsansätze durch private Spenden
zu fördern. „Ob einmal oder regelmäßig, ob als Geschenk oder Nachlass –
jede Spende bringt die Erforschung der Parkinson-Krankheit einen weiteren
Schritt voran und hilft Betroffenen“, betonte Frank Elstner.

Motivation mit Katarina Witt: selbst aktiv im Kampf gegen Parkinson

Das kann auch Katarina Witt bestätigen: Die zweifache Olympiasiegerin und
viermalige Weltmeisterin im Eiskunstlauf, hat im Jahr 2005 eine Stiftung
für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Beeinträchtigungen gegründet
und dank zahlreicher Spenden seither bundes- und weltweit mehr als 800
Projekte unterstützt. Die Spitzensportlerin hat es mit Leidenschaft, Kraft
und Zuversicht bis ganz nach oben geschafft. Beim digitalen Welt-
Parkinson-Tag gab sie ihre Erfahrungen weiter und motivierte die
Betroffenen, trotz großer Einschränkungen im Alltag nicht aufzugeben und
vor allem: selbst aktiv zu werden. Bewegung und Ausdauersport können bei
Parkinson die Symptome lindern, die psychische Gesundheit verbessern und
in einem Frühstadium das Fortschreiten der Erkrankung bremsen, zeigen
verschiedene Studien. In der Live-Gesprächsrunde „Sport und Parkinson“
diskutierte Katarina Witt mit Prof. Claus Reinsberger, Leiter des
Lehrstuhls für Sportmedizin am Department Sport & Gesundheit der Fakultät
für Naturwissenschaften der Universität Paderborn, mit dem
Sportwissenschaftler André Inthorn und mit Prof. Martin Südmeyer, Chefarzt
und Leiter der Klinik für Neurologie am Ernst von Bergmann Klinikum in
Potsdam und Vorsitzender der Thiemann Stiftung.

Abgerundet wurde der digitale Welt-Parkinson-Tag mit einer Live-Sport-
Session sowie einer Expertenlounge für allgemeine Fragen rund um Parkinson
und Pflege. Die Veranstaltung wurde von der Parkinson Stiftung anlässlich
des Welt-Parkinson-Tags organisiert, der weltweit am 11. April
stattfindet. Partner sind die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und
Bewegungsstörungen (DPG), die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN),
die Deutsche Hirnstiftung und die Thiemann Stiftung.

Wer beim diesjährigen digitalen Welt-Parkinson-Tag nicht live dabei war,
kann die Veranstaltungen als Aufzeichnung auf https://welt-parkinson-
tag.org/ ansehen. Weitere Informationen zur Parkinson Stiftung und zu den
Möglichkeiten, die Parkinson-Forschung mit einer Spende zu unterstützen
finden Sie auf: https://parkinsonstiftung.de/die-stiftung

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und
Bewegungsstörungen e. V.
c/o albertZWEI media GmbH, Dipl.-Biol. Sandra Wilcken, Tel.: +49 (0) 89
46148611
E-Mail: <presse@parkinson-gesellschaft.de>; weitere Informationen: https
://parkinson-gesellschaft.de/die-dpg/presseservice

Gerne stellen wir Ihnen das Bild von Frank Elstner sowie weiteres
druckfähiges Bildmaterial auf Rückfrage zur Verfügung und vermitteln Ihnen
Expertengespräche und Interviews.

Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG)
fördert die Erforschung der Parkinson-Krankheit und verbessert die
Versorgung der Patientinnen und Patienten. Organisiert sind in der
wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaft erfahrene Parkinson-
Ärzt:innen sowie Grundlagenforscher:innen. Die Zusammenarbeit dieser
beiden Zweige ist entscheidend für die Fortschritte in Diagnostik und
Therapie. https://parkinson-gesellschaft.de/

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Alexander Storch, Rostock
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Günter Höglinger, Hannover
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Joseph Claßen, Leipzig
Schriftführer: Prof. Dr. med. Rüdiger Hilker-Roggendorf, Recklinghausen
Schatzmeister: Prof. Dr. med. Dirk Woitalla, Essen

Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e. V. (DPG)
Hauptstadtbüro, Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, E-Mail: <info@parkinson-
gesellschaft.de>

Die Parkinson Stiftung setzt darauf, über die Krankheit umfassend zu
informieren und die weitere Erforschung möglicher Therapieformen
voranzutreiben. Die Stiftung wurde 2019 von der Deutschen Gesellschaft für
Parkinson und Bewegungsstörungen e. V. gegründet. Ihr Sitz ist in Berlin.
https://parkinsonstiftung.de/die-stiftung

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Olympia 72 in Bildern ‒ Bayerische Staatsbibliothek zeigt Fotoausstellung

Am 11. Mai 2022 eröffnet die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) die
Fotoausstellung „Olympia 72 in Bildern. Fotografien aus den Sammlungen der
Bayerischen Staatsbibliothek“. Anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums
der Olympischen Spiele 1972 lässt die Bibliothek die Münchner Spiele in
ihrer gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dimension Revue
passieren. Die meisten der teilweise noch nie veröffentlichten Aufnahmen
stammen aus Fotosammlungen, die die BSB erst kürzlich erworben hat.

140 Fotografien von 1965 bis 1973 lassen die Besucherinnen und Besucher
eintauchen in ein spannendes, euphorisches und schließlich mit dem
Attentat in eine Katastrophe mündendes Weltereignis der jüngeren
Geschichte. Die Aufnahmen stammen aus den von der BSB kuratierten
Fotoarchiven bekannter Münchner Fotografinnen und Fotografen wie Max
Prugger, Karsten de Riese, Georg Fruhstorfer und Felicitas Timpe.
Weiterhin sind Fotografien aus dem STERN-Fotoarchiv zu sehen – erstmals in
einer Ausstellung, seitdem die Bayerische Staatsbibliothek 2019 das
analoge Fotoarchiv des Magazins stern übernommen hat.

Die Ausstellung visualisiert die Münchner Spiele in fünf Modulen: Zunächst
zeigt sie die noch heute das Stadtbild prägende Entwicklung Münchens mit
dem neuen U- und S-Bahn-Netz. Die Umgestaltung des im Norden liegenden
Oberwiesenfelds zum Olympiagelände mit den Wettkampfstätten und den
Wohnanlagen ist Thema des zweiten Ausstellungsteils. Der Wandel lässt sich
vor allem anhand überaus aufschlussreicher Luftbilder von Max Prugger
detailliert nachvollziehen. Das wegweisende Design, das umfangreiche,
weltoffene kulturelle Angebot und schließlich die breite Präsenz der
Medien sind Gegenstand des dritten Moduls. Die Aufnahmen lassen die
einzigartige positive Stimmung während der Spiele nachempfinden. Das
Attentat vom 5. September 1972, bei dem elf Mitglieder des israelischen
Olympia-Teams ermordet wurden, erschütterte die Weltöffentlichkeit schwer
und überschattete die Spiele. Ihm ist ein eigenes Modul gewidmet, das die
bestürzenden Ereignisse nachzeichnet. Fotografen, die für das Magazin
stern tätig waren, hielten diese im Bild fest.

Die Geschichte der Olympischen Spiele von 1972 in München wäre nicht
vollständig, ohne über das „Nachleben“ des Olympiageländes zu sprechen.
Heute ist der Olympiapark nicht nur als Veranstaltungsort für Großevents
Anziehungspunkt für ein nationales und internationales Publikum, sondern
auch Erholungsort für die Münchnerinnen und Münchner selbst, wie auf den
Bildern im letzten Modul zu sehen ist.

Dr. Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek: „Es
freut und bewegt mich sehr, dass wir mit dieser Ausstellung die Geschichte
der Olympischen Spiele 1972, insbesondere ihre gesellschaftliche,
politische und kulturelle Dimension für München, erzählen können. Dies ist
nur möglich dank der Erwerbungen und Schenkungen der letzten Jahre im
Bereich unserer Fotoarchive.“

Die Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek ist Teil des von der
Landeshauptstadt München koordinierten Gesamtprogramms zum 50. Jubiläum
der Olympischen Spiele in München 1972.

11. Mai 2022 – 4. September 2022
Olympia 72 in Bildern
Fotografien aus den Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek

Öffnungszeiten
Sonntag bis Freitag 10 – 18 Uhr
(an Samstagen und Feiertagen geschlossen)

Audioguide
Kostenloser Audioguide in deutscher Sprache

Eintritt frei

Katalog
Erschienen im Volk Verlag, erhältlich in der Ausstellung für 24,90 Euro.
Mit freundlicher Unterstützung der Förderer und Freunde der Bayerischen
Staatsbibliothek e. V.

Ort
Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstr. 16, 80539 München
U3/6, Bus 58/68/153/154 Haltestelle Universität
Bus 100/153 Haltestelle Von-der-Tann-Straße

Über die Bayerische Staatsbibliothek
Die Bayerische Staatsbibliothek, gegründet 1558 durch Herzog Albrecht V.,
ist mit 36,8 Millionen Medieneinheiten die größte wissenschaftliche
Universalbibliothek Deutschlands und eine der international bedeutendsten
Forschungsbibliotheken. Mit 2,77 Millionen digitalisierten Werken verfügt
die Bayerische Staatsbibliothek über den größten digitalen Datenbestand
aller deutschen Bibliotheken. Die Bibliothek bietet vielfältige Dienste im
Bereich innovativer digitaler Nutzungsszenarien an.

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26. Heidelberger Ernährungsforum, 25. und 26. März 2022: Ernährungsumgebungen – Essen, Ernährung, Praktiken

Ziel des 26. Heidelberger Ernährungsforums war eine dezidierte und
interdisziplinär-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den
Ernährungsumgebungen, denen, mit Blick auf die Transformation der
Ernährungssysteme, ein wesentliches Potenzial für ein Fortkommen
zugeschrieben werden kann.

Das vielseitige Programm bot zwölf Vorträge, die in diesem Jahr erstmalig
durch eine „Flaniermeile“ abgerundet wurden.
Dort konnten die Teilnehmenden in drei Ausstellungsbereichen in Erfahrung
bringen, wie eindrucksvoll und umfassend Künstler*innen, angehende
Wissenschaftler*innen und Einrichtungen der Hochschulgastronomie das Thema
Ernährungsumgebungen umsetzen.

Früher im Jahr als gewohnt lockte am 25. und 26. März 2022 die Dr. Rainer
Wild-Stiftung ihr Fachpublikum zum 26. Heidelberger Ernährungsforum vor
die Bildschirme, um online über die sogenannten „Ernährungsumgebungen“ zu
diskutieren. Als Neuheit wurde eine „Flaniermeile“ geboten, in der es zu
erfahren gab, wie sich Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaftsgastronomie
mit dem Thema auseinandersetzen. Mit mehr als 430 Teilnehmenden zollten
nochmals mehr Gäste dem Programm, an dem insgesamt zwölf Referierende
mitwirkten, ihren Zuspruch, als im Vorjahr. Und das, „obwohl zu den
Ernährungsumgebungen“, die vor allem aus dem Gutachten des
Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und
gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) heraus Eingang in die fachlichen
Debatten gefunden hatten, „doch alles gesagt zu sein scheint –
eigentlich…“, wie die Geschäftsführerin der Dr. Rainer Wild-Stiftung, Dr.
Silke Lichtenstein die Teilnehmenden begrüßte. Dass es sich aber lohne,
dezidiert und aus verschiedenen Blickwinkeln darüber zu diskutieren, daran
ließ Lichtenstein mit Verweis auf den Handlungsdruck, den der neueste
Weltklimabericht wieder unterstrich, keinen Zweifel.

Interdisziplinärer Dialog über das Drumherum linearer Konsumprozesse

Lichtenstein hob ferner die Parallele zwischen dem wissenschaftlich
definierten Begriff „Ernährungsumgebungen“ und den „6 Ws der gesunden
Ernährung“ im Leitbild der Dr. Rainer Wild-Stiftung hervor. Mit dem „Was,
Wo, Wie, Wann, Warum und mit Wem wir essen“, blicke dieses weiter als die
„5 Ws der Ernährung“, die seitens der Wissenschaft konstatiert wurden. Die
einfache Logik linearer Entscheidungsprozesse sowie eine auf Markt,
Konsumhandlungen und Gesundheitsrisiken fokussierte Auseinandersetzung
sind geeignet, um politisches Eingreifen zu legitimieren. Doch mit Blick
auf zunehmend diverse Lebensentwürfe und eine wachsende soziale
Ungleichheit, verfehlt die theoretische Engstellung die sehr variable und
komplexe Realität der Alltagspraktiken deutscher Haushalte. Lichtenstein
schloss damit, dass es ein umfassenderes und auf die Wirklichkeit
ausgerichtetes Verständnis von fairen und gesunden Ernährungsumgebungen
brauche, das an den richtigen Stellen zu vereinfachen sei. Dafür sind der
interdisziplinäre Dialog sowie der transdisziplinäre Transfer gefragt,
beides möchte die Dr. Rainer Wild-Stiftung unterstützen.

Faire und gesunde Ernährungsumgebungen: eine Chimäre?

Ob Verbrauchende die fairen Ernährungsumgebungen überhaupt durchdringen
könnten, diese Frage stellte Prof. Dr. Gunther Hirschfelder in seinem
Einführungsvortrag aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Darin verwies
er auf die parallel existierenden analogen Räume und virtuellen
Umgebungen, die sich besonders Jüngere durch digital und „ungefiltert“
vermittelte Informationen selbst kreieren. Dort entstehen imaginäre Räume,
oft „Wohlfühlräume“, die einfache Lösungen versprechen – die aber mit der
Realität wenig zu tun haben. Tatsächlich gibt es weder die
Ernährungsumgebung entlang linear verlaufender Handlungen noch die eine
Logik, die über fair und gesund entscheide. Ernährungspraktiken verlaufen
zirkulär und sind verwoben mit Praktiken anderer Lebensbereiche. Auch
existieren viele Logiken bezüglich fair oder gesund, weil die sich aus
eigens gebildeten Wahrheiten ergeben. Problematisch wird es, wenn durch
Vereinfachung Widersprüche und Feindbilder geschürt werden, weil „die in
den westlichen Ländern zu beobachtende, gefährliche Tendenz
Elitenfeindlichkeit weiterbefördern kann“ so Hirschfelder.

Nachhaltig-er, nicht nachhaltig, Multikomponentenansatz als Kompass

Den Durchblick über die wissenschaftlichen Grundlagen zur Diskussion
verschaffte Prof. Ulrike Arens-Azevêdo den Teilnehmenden. Verständlich und
präzise fasste sie die wissenschaftlichen Grundlagen zur Transformation
des Ernährungssystems zusammen. Ausgehend von den 17 Sustainable
Development Goals erläuterte Arens-Azevêdo daraus abgeleitete Indikatoren
und schließlich die Handlungsempfehlungen für die „Big Four“ fairer und
gesunder Umgebungen, Gesundheit, Soziales, Umwelt, Tierwohl. Dabei ist die
soziale Dimension oft schwerer zu fassen. Zudem sind bei der Fülle an
Zielgrößen Zielkonflikte unvermeidlich. Deshalb gibt es kein nachhaltig,
und nachhaltig-er ist die klügere Bezeichnung. Bezogen auf Gesundheit
erinnerte Arens-Azevêdo an salutogene Aspekte wie Wohlergehen und
verbesserte Lebensqualität, beides gilt es auch zu berücksichtigen. Zudem
betonte sie, dass Ernährungsumgebungen auch mit konkreten Räumen zu tun
haben, die entsprechend zu gestalten seien. Vor allem die Kita- und
Schulverpflegung kann so „ein Motor des Wandels in eine nachhaltigere
Welt“ sein, weshalb die Vorbildfunktion von Pädagog*innen und der
kostenfreie Zugang so wichtig sind.

Kalorie und Reformulierung passé? Hochverarbeitete Lebensmittel im Fokus

Dass es im Hinblick auf die gesundheitlichen Folgen durch Fehlernährung
nicht nur um Inhaltsstoffe wie Salz, Zucker oder Fett gehen sollte,
sondern auch um den Verarbeitungsgrad von industriell produzierten
Lebensmitteln („ultra-processed food“), darüber berichtete Prof. Dr. Dr.
Anja Bosy-Westphal mit einem eindrucksvollen Überblick über die aktuelle
Studienlage. Anfangs stellte sie Klassifikationssysteme vor und erläuterte
anhand von Studien bekannte Zusammenhänge zwischen einem hohen Konsum
solcher Produkte und einem erhöhten Krankheits- bzw. Sterblichkeitsrisiko.
Bosy-Westphal verwies zudem darauf, dass statistisch die Hälfte aller in
Deutschland konsumierten Lebensmittel diesen Kategorien zugeordnet werden
können. Als krankheitsauslösende Mechanismen werden beispielsweise die
Matrix, eine weiche Textur, oder attraktive Verpackungen und Zusatzstoffe,
die womöglich zu schnellerem Essen und somit zum Überverzehr beitragen
könnten, diskutiert, wie auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel.

Transformation durch gemeinschaftliches Handeln, Living Labs als Ansatz

Dr. Eleonore Heil nahm das Globale in den Blick. „Aktuell ist die
planetare Gesundheit durch das bestehende Ernährungssystem massiv
gefährdet“, stellte sie fest. Mithilfe des „One Health“-Ansatzes
verdeutlichte Heil, dass eng gestellte Sichtweisen etwa nur auf
ökologische Auswirkungen, z.B. Klimawandel, nicht zum Ziel führen. Etwa
berücksichtige die „Planetary Health Diet“ der EAT-Lancet Commission
relevante soziale Aspekte und Phänomene nicht angemessen. Die
Ernährungsversorgung muss jedoch auf allen Ebenen des Alltags betrachtet
werden. Sie verdeutlichte dies am Beispiel des veränderten Gemüseverzehrs
während der Covid-19-Pandemie, in der sich eine reduzierte Vielfalt und
vermehrter Konsum tiefgekühlter Produkte messen ließ. Als
erfolgsversprechenden Ansatz zur Arbeit mit Verbrauchenden für
nachhaltigeres Handeln stellte Heil das Konzept „Living Labs“ vor. Hier
hob sie die Relevanz der Reflexion von individuellen Werthaltungen
bezüglich Ernährung hervor. Ebenso erwies sich ein sicherer Umgang mit
Zielkonflikten als wichtig, genau wie die Neuorganisation von Handlungen,
wie z.B. der eigene Obst- und Gemüseanbau, samt Aushandlungsprozessen.
Alles das brauche Zeit, trage aber zur Stärkung des
Selbstwirksamkeitsempfindens und somit zur ernährungsbezogenen Resilienz
bei.

Ernährungspraktiken funktionieren, sind mit dem Alltag verwoben und
resilient gegenüber Veränderungen

Frau Prof. Dr. Jana Rückert-John verwies darauf, dass Wissen in Bezug auf
Ernährung überschätzt wird, wohingegen der Einfluss von
Ernährungsumgebungen unterschätzt wird. Hinzu kommt, dass Essen zu oft aus
dem komplexen Alltag herausgelöst betrachtet wird. Auch Rückert-John gab
zu bedenken, dass nicht nur das beobachtete Verhalten, sondern die
unterschiedlichen Konsummotive, die Werthaltungen der Menschen, stärker
berücksichtigt werden müssen. Zur Begründung führte sie an, dass Ernährung
in den Alltag eingebettet ist, stark der Gewohnheit unterliegt und
meistens wenig reflektiert wird - vor allem aber würden Praktiken
funktionieren. Diese Gründe machen diese Praktiken sehr resistent gegen
Veränderungen. Entscheidend ist für den Wandel des Ernährungsalltags, dass
Angebote und Strukturen alltagsadäquat sind und der soziokulturellen
Vielfalt einer diversen Gesellschaft von heute gerecht werden. Rückert-
John betonte: „Ernährung ist auch Genuss, Lust und Freude“. Weiterhin
verwies sie auf die Gefahren von Vereinfachungsversuchen im Zusammenhang
mit fairer und gesunder Ernährung, da sie „normative Bewertungen und
Steuerung mit sich bringen“. Letztlich sei nicht nur der äußere, sondern
auch ein innerer Wandel gefragt, dann könne die Neugestaltung von
Ernährungsumgebungen eine Chance sein.

Auslagerung, Überlagerung und Verschränkung von Essensräumen: Von der
Brotschmierstation und dem Traum von der Kücheninsel

Dr. Julia von Mende berichtete von ihrer empirischen Studie zur
Verräumlichung von Essenspraktiken aus doppelter Perspektive: Ihre
wissenschaftlich erhobenen Datensätze ergänzte sie mit expliziten
Zeichnungen der untersuchten Essensräume. In den Blick nahm von Mende zehn
Berliner Haushalte, in allen wurde Essen häufig außer Haus eingenommen und
die Orte des Essens einer beschleunigten Lebensweise angepasst. In der
Studie, die vor der Covid-19-Pandemie durchgeführt wurde, ließ sich
außerdem eine Überlagerung von Privat- und Arbeitswelt feststellen. Küche
stelle sich teilweise als Work-Life-Blending mit vielen Varianten dar, wie
etwa die gut ausgestattete Büroküche als informeller Mittelpunkt, in der
jedoch nie gekocht wird, zeigte. Die eigene Speisenzubereitung und
genussvolles Essen sind laut ihrer Studie zur Sehnsuchtsvorstellung
geworden, die allenfalls am Wochenende praktiziert werde, betonte von
Mende. Vor allem aber spielte Zeit, bzw. das Gefühl des Zeitmangels, bei
allen Handlungen rund ums Essen eine dominierende Rolle.

Facetten der Fairness von Ernährungsumgebungen im Prisma von
Ernährungsarmut und Ernährungsunsicherheit, oder: wenn Empfehlungen zu
Barrieren werden

Dr. Hanna Augustin bekräftigte, dass zwischen materieller und sozialer
Ernährungsarmut unterschieden werden muss. Treffender ist nach Augustin
der Begriff Ernährungsunsicherheit. Laut der noch unzureichenden Datenlage
waren davon im Jahr 2020 rund 4,3% der Bevölkerung betroffen, zudem waren
rund 13,4 Millionen Bürger*innen als armutsgefährdet einzustufen. Augustin
verdeutlichte, dass der limitierte physische bzw. ökonomische Zugang zu
nahrhafter, gesundheitlich sicherer Nahrung für die Betroffenen auch
mangelnde alimentäre Teilhabe nach sich zieht. Dass dadurch etwa
Mahlzeiten als Mittel zur Pflege sozialer Beziehungen entfallen, wie der
Besuch im Café oder Restaurant mit Freunden, belastet von Armut Betroffene
oft noch stärker als der Hunger. Augustin bekräftigte, dass im
Zusammenhang mit der sozialökologischen Ernährungstransformation nicht nur
die Bereitstellung finanzieller Mittel von Nöten ist, denn oft würden die
Ressourcen fehlen, die eine kosteneffiziente Ernährung ermöglichen.
Deswegen braucht es nicht nur den gesicherten Zugang zu sozialökologisch
hochwertigen Lebensmitteln, sondern auch Bildung bzw. Beratung, um mit
knappen Budgets „haushalten zu können“.

Verpflegung in Kita und Schule kann mehr als Lernort: Essen ist
Kommunikation und schafft soziale Räume

Prof. Dr. Ines Heindl nahm die Teilnehmenden mit in die Lebenswelt Schule.
Anhand verschiedener Bottom-up und Top-down-Modelle zeigte sie auf, wie
die Stärkung von Ernährungskompetenzen auch zum Aufbau der Kommunikation
im sozialen Raum Schule genutzt werden kann. Heindl betonte die Bedeutung
einer integrierten Bildungs- und Ernährungspolitik, die die „Allianz
zwischen Lern- und Bildungsraum Schule“ berücksichtigt. Eine oft in den
Debatten wahrzunehmende Bildungsautorität, wie etwa die herausgelöst
geforderte Ernährungskunde im Lehrplan, ist dafür aber keine Option. Denn
„das Produkt auf dem Teller verwandelt sich in ein Kulturprodukt“. so
bekräftigte Heindl. Mit den Fragen: „Was, Wie, Wann, Wo, mit Wem“ lässt
sich Ernährung innerhalb eines geschützten Bildungsraumes verhandeln, und
die Schüler*innen getreu der Devise „Mach‘ die gesunde Wahl zu einer
leichten Wahl!“ zu nachhaltigeren, gesundheitlich günstigeren
Ernährungsweisen befähigen.

Eine Frage der Suffizienz: Gelungene Transformation der Konsummuster ist
richtungssicher, einfach und partizipativ

Prof. Dr. Melanie Speck zeigte auf, wie die Ernährungstransformation
gelingen kann. Ausgehend von den „planetaren Grenzen“ als Zielgrößen
startete sie damit, dass das Reduktionspotenzial durch veränderte
Essgewohnheiten in Deutschland bei ca. 49% liegt. Der Wandel ist laut
Speck unumgänglich, weil Ernährung - verglichen mit z.B. Wohnen -
einfacher und schneller veränderbar ist und als einkommensstarke Nation
können Deutsche mehr reduzieren als andere. Laut Speck, die fortwährend
aus ihrer Forschungsarbeit berichtete, zeichnet erfolgreiche Ansätze aus,
dass sie „richtungssicher, einfach, partizipativ und an der gesamten
Wertschöpfungskette orientiert“ sind. Immer muss die ganze Kette, von
Produktion bis Konsum, betrachtet und die Effekte auf die Zielgrößen
laufend abgeglichen werden. Die Gemeinschaftsgastronomie nannte Speck als
besonders „wirksamen Hebel“. Wiederholt hob sie hervor, wie wichtig die
Zielsicherheit der Maßnahmen und die Partizipation aller Akteure ist.
Speck warnte davor, eine „Wohlfühlnachhaltigkeit“ zu suggerieren. Beim
Beispiel Regionalität, die vielleicht sozial, aber ökologisch kein
„wirksamer Hebel“ sei, zeigt sich dieser Klärungsbedarf. Genauso
kontraproduktiv seien Angriffe auf Akteure wie Produzenten, so Speck, weil
die desolate Lage auch durch falsche politische Anreize hervorgerufen
worden sei. Dies gilt es nun gezielt und partizipativ anzugehen.
Preisliche Steuerung eignet sich ihrer Einschätzung nach als „erster
Schritt“, weil sie nur eingeschränkt richtungssicher und nicht
partizipativ wirkt.

Wie geht es dem „wirksamen Hebel“ Gemeinschaftsgastronomie? In der Rolle
vielfach glänzend, aber durch Fachkräftemangel perspektivisch gefährdet

Auch Prof. Dr. Stephanie Hagspihl verwies auf die zunehmend wichtigere
Rolle der Gemeinschaftsgastronomie hinsichtlich fairer und gesunder
Ernährungsumgebungen, weil ihre Reichweite sich über alle Lebenswelten
erstreckt, oft sogar mit mehreren Mahlzeiten täglich. Aus den
unterschiedlichen Anforderungen seitens der Zielgruppen ergibt sich zwar
variabler Handlungsspielraum für nachhaltigere Versorgung, doch die größte
Herausforderung, und somit potenzielle Barriere des Wandels, ist allen
gemein: die gestiegene Nachfrage und ein immer stärkerer Kostendruck für
Wareneinsatz und Personal; Problem Nr.1 seien Beschaffung und Entwicklung
von Personal. Bezüglich Nachhaltigkeitsaspekten ist viel erreicht, weil
die Branche bereits seit Jahren auf den hohen Veränderungsdruck reagiert
und Ressourcenschutz auch Einsparpotenzial bedeutet. Allerdings habe sich
der Personalmangel infolge der Pandemie nochmals gravierend zugespitzt.
Mit Blick auf die Zukunft des „Hebels“ bringen nach Hagspihl aber nicht
höhere Entgelte die Lösung. Dringend gebraucht sind die Neuordnung der
beruflichen Aus- und Weiterbildung und geeignete Maßnahmen, um Fachkräfte
zu gewinnen, im Beruf zu halten bzw. zurückzuholen.

Wie fair und gesund wir heute und in Zukunft essen, zeigt eine umfassende
Betrachtung der Essumgebungen im D-A-CH-Raum

Mögliche Ansatzpunkte für eine Ernährungstransformation identifizierte
Prof. Dr. Christine Brombach in der EssZuk Studie, die die
Ernährungsmuster im D-A-CH-Raum zwischen 2019 und 2021 mit Interviews,
Social Media-Analysen und Umfragen umfassend durchleuchtete. Im Hinblick
auf die Rolle der Politik als Kontrollinstanz zeigten sich Unterschiede,
denn nur die Deutschen verlangten mehr staatliche Regulative. Vor dem
Hintergrund einer zu großen Auswahl an Lebensmitteln bestand der
einheitliche Wunsch nach einer länderübergreifenden Kennzeichnung. Ähnlich
verhielt es sich mit dem Überfluss an Informationen und widersprüchlichen
Ernährungsformen, gerade in den Sozialen Medien gebe es Handlungsbedarf.
Den kann und sollte man nutzen, so Brombach. Im Hinblick auf Ernährungs-
und Bildungspolitik bekräftigte sie wiederholt die Wichtigkeit
integrierter Strategien. Mit ihrer Botschaft „wir brauchen alle, alle
müssen mitgenommen werden“ betonte sie zudem ebenfalls die Wichtigkeit des
Zusammenspiels aller Beteiligten in Bildung, Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft.

Fair und gesund geht anders! Die Familie als Ernährungsumgebung, oder:
Gender Care Gap meets Gender Pay Gap

Für die Daseinsfürsorge in Deutschland sind nach wie vor überwiegend
Frauen zuständig. Damit liegt bei Ihnen auch der Hauptanteil der
Ernährungsverantwortung in privaten Haushalten, stellte Prof. Dr. Angela
Häußler fest. Die sogenannte Gender Care Gap, die von Frauen immer noch
als Ausdruck der Geschlechteridentität gesehen wird, hatte die Pandemie
nochmals verschärft. Dazu ergänzte Häußler, dass Frauen durch die
Verantwortlichkeit den höheren „Mental Load“ haben und auch die höheren
ernährungsbezogenen Normativitätsansprüche von Frauen wirken sich als
zusätzliche Belastung aus. Häußler verwies auf die Notwendigkeit,
unbezahlte Care-Arbeit gesellschaftlich anzuerkennen: „Hausarbeit wird
erst bemerkt, wenn sie nicht gemacht wird“. Aus der Alltagsperspektive
kann man Ernährungsumgebungen nicht gesamtgesellschaftlich
verallgemeinern. Um fair und gesund realistisch abzubilden müssen auch die
wissenschaftlichen Empfehlungen die Positionen aller sozialen Gruppen
berücksichtigen. Dem Publikum gab Häußler mit: „Faire Ernährungsumgebungen
bewerten bezahlte und unbezahlte Arbeit gleich und schaffen keine neuen
Ungleichheiten“.

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