Neue Folge „TUCscicast“: Über das demokratiegefährdende Potential der Corona-„Spaziergänge“, wie das Teilnehmerinnen- und Teilnehmerfeld wissenschaftlich einzuschätzen ist und was die Reaktionen von Politik und Gesellschaft auszeichnet sprechen die Experten Dr. Piotr Kocyba (TU Chemnitz) und Dr. Alexander Leistner (Universität Leipzig) im Podcast
Es vergeht kaum eine Woche, in der keine Menschen auf die Straße gehen, um gegen Corona-bedingte Einschränkungen und Maßnahmen zur Eindämmung von Bund und Ländern zu demonstrieren. Dabei kommt es insbesondere in Sachsen immer wieder auch zu Aus- und Grenzüberschreitungen – zum Beispiel wenn Regierungsmitglieder von einer aufgebrachten Menge beleidigt und sogar zu Hause bedrängt werden oder Protestteilnehmerinnen und -teilnehmer gewalttätig gegen Beobachterinnen und Beobachter, Medien sowie Polizei und Gegenproteste vorgehen. Wie sind diese Demonstrationen wissenschaftlich einzuordnen, die sich irgendwo zwischen legitimem Protest und radikalisierter Demokratie-Gefahr bewegen – und was könnte daraus folgen?
Nachdem Dr. Piotr Kocyba, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas der Technischen Universität Chemnitz (Leitung: Prof. Dr. Stefan Garsztecki), bereits kürzlich im Rahmen eines Interviews Aspekte dieses Themas aufgegriffen hat, folgt nun in der neuen Folge des „TUCscicast“, dem Wissenschaftspodcast der TU Chemnitz, eine wesentlich tiefergehende Betrachtung aus mehreren Perspektiven. Deswegen diskutiert Kocyba neben Moderator Pascal Anselmi auch mit Dr. Alexander Leistner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, der ebenfalls Proteste und die Dynamik von Protestbewegungen erforscht und in den vergangenen Wochen in den überregionalen Medien vor Hass und Gewalt im Zuge der Corona-Proteste gewarnt hat.
Hintergrund: TUCscicast – Forschung, die ins Ohr geht
Die TU Chemnitz präsentiert seit 2018 im Podcast „TUCscicast“ aktuelle Forschung an der TU Chemnitz. Zu Wort kommen Forscherinnen und Forscher, die im Gespräch über ihre Arbeit und ihre Erkenntnisse berichten. Die Themen sind dabei ebenso vielfältig wie die Wissensgebiete der Interviewten und decken das gesamte Spektrum von Forschung und Lehre an der Universität ab, wobei der Fokus auf aktuellen Themen und Entwicklungen in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft liegt.
Es liegen aktuell drei Staffeln des „TUCscicast“ mit jeweils zehn Episoden sowie ein „Special“ zu Schwerpunktthemen des Sonderforschungsbereichs „Hybrid Societies“ der TU Chemnitz vor.
Produziert werden die Folgen von „Die Podcastproduzenten“ der BEBE Medien GmbH, die auch den Online-Radiosender „detektor.fm“ betreibt. Ausführender Redakteur ist Pascal Anselmi. Die Produktion an der TU Chemnitz übernehmen Dr. Andreas Bischof und Matthias Fejes.
SRH Hochschule für Gesundheit evaluiert Studieneingangsphase.
Die Studieneingangsphase legt den Grundstein für ein erfolgreiches Studium. Deshalb behält das Qualitätsverständnis der SRH Hochschule für Gesundheit alle Facetten vom Studienstart bis hin zum Studienabschluss fest im Blick. Zur Qualitätssicherung einer bestmöglichen Orientierung im Studium sowie der Hochschulstrukturen, Prozessabläufe, Zuständigkeiten und Studienmodalitäten wird jährlich die studiengang- und studienortübergreifende Evaluation der Studieneingangsphase durchgeführt. Wenige Wochen nach dem Studienstart im Wintersemester 2021/2022 wurde daher in einer Online-Umfrage evaluiert, wie die Erstsemestler:innen ihren Studienstart erlebt haben, was sie gut fanden und wo möglicherweise Verbesserungspotenzial zu sehen ist.
„Wir hatten bei dieser Evaluation eine beeindruckende Rücklaufquote von über 60 %. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt auch der Beteiligung aller Studiengangsleiter:innen zu verdanken, die unsere Studierenden ermutigt haben, uns ihre Erfahrungen und Anregungen mitzuteilen. Nur so können wir Verbesserungen ableiten und uns stetig weiterentwickeln“, berichtet Carolin Thiel, wissenschaftliche Referentin der Hochschulleitung und Qualitätsmanagementbeauftragte der SRH Gesundheitshochschule.
Im Fokus der Evaluation standen verschiedene Themen, von der allgemeinen Bewertung der Studieneingangsphase über relevante Aspekte und hilfreiche Informationsquellen für die Wahl des Studiengangs bis hin zu erhaltenen Informationen zum Studienstart sowie dem Kenntnisstand zum Lernen und Lehren nach dem CORE-Prinzip. Dabei wurden die Ergebnisse sowohl in hochschulweiter studiengangübergreifender Form als auch department- und studiengangspezifisch erfasst und ausgewertet.
Der Studienstart an der SRH Hochschule für Gesundheit wurde insgesamt mit der Durchschnittsnote „Gut“ bewertet. Als besonders positiv wurden u. a. die kleinen Studiengruppen, die persönliche Betreuung durch die Lehrenden sowie die praxisorientierten Lehrinhalte hervorgehoben. Carolin Thiel ergänzt: „Sehr gut aufgenommen wurden auch unsere „Welcome Days“. Die Studierenden loben die Möglichkeit der ersten Kontaktaufnahme mit Kommiliton:innen und Lehrenden. Bisher bieten wir diese Einführungstage jedoch nicht in jedem Studiengang an. Aktuell überlegen wir, wie wir das Konzept auch studienortübergreifend ausweiten können.“ Auch den SRH-weiten Cyberangriff im letzten Jahr thematisierten einige Studierende in der Umfrage. So wurde sich, versehen mit einem zwinkernden Smiley, „ein besser gesichertes Netzwerk“ gewünscht.
Pianist Martin Helmchen bei seinem Auftritt im KKL Foto Roger Grütter
Besetzung und Programm: Luzerner Sinfonieorchester Pinchas Steinberg, Leitung Martin Helmchen, Klavier
Franz Liszt (1811 – 1886) «Totentanz», Paraphrase über «Dies irae» für Klavier und Orchester – Bedřich Smetana (1824 – 1884) «Mein Vaterland» («Má vlast»), Zyklus sinfonischer Dichtungen
Die Moldau wird in ihrem Lauf durch Prag von insgesamt 15 Brücken überspannt
Man schrieb das Jahr 1965 als Frère Felix, Laienbruder im „Institut catholique des jeunes gens“ in Neuchâtel unser Interesse an klassischer Musik wecken wollte und uns (120 Schüler im Alter von 15/16 Jahren) dazu eines nachmittags im Refektorium versammelte. Er erläuterte uns, dass Komponisten manchmal mit ihrer Musik eine Geschichte erzählen wollen, er habe zur Erläuterung das Werk „Ma Vlast“ („Mein Vaterland“) des böhmischen Komponisten Bedrich Smetana ausgesucht bei dem dies besonders eindrücklich zu hören sei. Darauf postierte er ein grosses Grammophon auf dem Pult, zog eine Langspielplatte geheimnisvoll aus der Hülle, uns dazu erklärend, dass der Komponist u.a. den Weg der Moldau schildere, von Geschichten, die sich an deren Ufern abspielen und zwar von ihrer Quelle in Elbwiese im Krkonoše (Riesengebirge), zum Erreichen der goldenen Stadt Prag und schlussendlich bis zu ihrer Einmündung in die Elbe. Dann legte er die Platte auf den Plattenteller setzte die Nadel auf den Anfang und schon ertönten sanfte Harfenklänge.
Bravo und ein grand merci Frère Felix – Ziel erreicht
Grammophon Symbolbild
Frère Felix hat sein Ziel, zumindest bei mir, erreicht, ab da galt mein Interesse nicht mehr nur dem Rock n Roll, Freddy Quinn oder Johnny Hallyday. Bis heute begleitet mich diese sinfonische Dichtung und auch ich benutze sie gerne, um jemandem, mit ähnlichen Worten wie damals der Neuenburger Frère, Klassik zu erklären. Erstaunlicherweise kennen die meisten diese schon, oder zumindest teilweise, meist natürlich «Die Moldau» https://youtu.be/bWcoNzKRnrw?t=16
“Die Komposition schildert den Lauf der Moldau, angefangen bei den beiden kleinen Quellen, der kalten und der warmen Moldau, über die Vereinigung der beiden Bächlein zu einem Fluss, den Lauf der Moldau durch Wälder und Fluren, durch Landschaften, wo gerade eine Bauernhochzeit gefeiert wird, beim nächtlichen Mondschein tanzen die Nymphen ihren Reigen. Auf den nahen Felsen ragen stolze Burgen, Schlösser und Ruinen empor. Die Moldau wirbelt in den St.-Johann-Stromschnellen; im breiten Zug fließt sie weiter gegen Prag, am Vyšehrad vorbei, und in majestätischem Lauf entschwindet sie in der Ferne schließlich in der Elbe.”
Beim Konzert stand aber zuerst ein Werk von Franz Liszt auf dem Programm
«Totentanz», Paraphrase über «Dies irae» für Klavier und Orchester
Pinchas Steinberg Dirigent
Das Werk entstand 1847–1849 in Weimar und wurde in den Folgejahren von Liszt mehrfach überarbeitet, 1853 und 1859 besonders intensiv. Liszt schuf mehrere Versionen
Johann Wolfgang Goethe schrieb diese Ballade um 1813. Die siebenstrophige Ballade handelt davon, dass der Türmer nachts den Friedhof bewacht und das Auferstehen der Untoten aus ihren Gräbern beobachtet, die sich zu Mitternacht zum höllischen Tanz zusammenfinden. Ein Skelett provoziert den Türmer dabei so sehr, dass er selbst in Schwierigkeiten gerät.
Das Werk verbindet in Variationen ein Thema aus der Gregorianik (‘Dies Irae’) mit einem wilden, rasenden Thema, dem des Totentanzes. Satzgrenzen gibt es für Liszt nicht mehr, das ganze musikalische Geschehen spult sich scheinbar unaufhaltsam düster und tröstlich-strahlend ohne Unterbrechung vor einem ab, auch wenn es immer wieder intensive Momente der Besinnung gibt. ‘But no rest for the wicked’, sofort bricht der eigentliche Totentanz wieder hinein.
Natürlich muss der Solist hochvirtuos spielen können, besonders in den ‘Tanz’-Passagen. Aber wie immer bei Liszt ist es damit nicht getan. Virtuosität nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung, als Beherrschung des Handwerks.
Es fasziniert immer wieder, wie modern Liszt z.B. in seinen Klavierkonzerten (und rechnet man den ‘Totentanz’ einfach mal mit dazu) oder auch der h-Moll-Sonate ist, wie er die formalen Strukturen der Klassik und Romantik (z.B. was den Aufbau in Sätzen angeht) aufbricht, obwohl er inhaltlich weiterhin ganz der Romantik verpflichtet ist. Da steht jemand an einem Wendepunkt der musikalischen Entwicklung, bzw. treibt sie auch voran. Gleiches gilt aber auch für mein Empfinden für die Intensität im Ausdruck. Das Werk enthält zahlreiche technische Schwierigkeiten, wie z.B. schnelle Glissandi, Ton Repetitionen, atemberaubende Sprünge in Oktaven, und so weiter.
Totentanz wird Helmchens superber Tastentanz
Pianist Martin Helmchen
Ob hingeknallte Harmonien, explosive Staccato oder filigrane Läufe, Martin Helmchen wendet alles meisterhaft an, wenn er sich in der Partitur vergräbt und in seine Welt der 88 Tasten eintaucht. Das Luzerner Sinfonieorchester ermöglichte des Solisten Entfaltungsmöglichkeit mit seinem dichtgewobenen Klangteppich. Helmchen, mal herrisch aufbrausend, dann nachdenklich hingebungsvoll modulierend, ob die Tasten streichelnd oder traktierend, der perfekte Hörgenuss war es immer. Spektakulär bombastisches Finale mit den alles überfliegenden Fanfaren der Posaunen, dem mächtigen Tutti und letzten kraftvollen Läufen von Helmchen.
Solist am Piano Martin Helmchen, Symbolbild
Das begeisterte Publikum bedankte sich für diese Parforceleistung mit einer kräftigen, langanhaltenden Akklamation bei den Protagonisten.
Darauf wurden die ersten drei Teile von Smetanas «Vaterland» intoniert
Smetanas sinfonische Dichtung «Ma Vlast»
Gastdirigent Pinchas Steinberg
Wenn Harfen sonst mal ein Arpeggio einstreuen dürfen, gehört ihnen hier zu Beginn die vollste Aufmerksamkeit beim magischen Anfang! Mit den poetischen Harfenklängen eines Barden beschwört Friedrich Smetana gleich zu Beginn von “Mein Vaterland” eine mythische Stimmung aus uralter Zeit herauf. Pinchas Steinberg gibt den Luzerner Musikern alle Zeit der Welt, ihre Instrumentalfarben nach und nach ins Geschehen einzubringen und ihre gerühmten Qualitäten auszuspielen: das runde Blech, das warme Holz, den edlen Streicherklang. Gemeinsam lassen sie in der ersten Tondichtung die sagenhafte Prager Königsburg auf dem Berg Vyšehrad in all ihrer Pracht erstrahlen.
Verblüffender Nuancenreichtum
Auch das bekannteste Stück des Zyklus, “Die Moldau”, hört man bei Steinberg und den Luzerner Sinfonikern mit einem Nuancenreichtum, der verblüfft. Selten erlebt man es, dass ein Dirigent derart genau im Detail arbeitet – und mit flexibler Tempogestaltung doch dem freien Atem der Musik folgt, ihrem natürlichen Fluss. Steinberg entdeckt in der “Moldau” vorimpressionistische Stimmungen und lässt die Paare in der Bauern-Polka graziös ihre Runden drehen.
Lodernde Dramatik
So wird aus einem abgespielten Klassik-Hit wieder ein spannendes Hörstück. Einen schroffen Kontrast dazu bildet in “Mein Vaterland” die dritte Episode um die Maid Šarka und ihr männermordendes Amazonenheer. Mit federnder Energie entwickelt der Dirigent hier lodernde Dramatik.
Das Auditorium spendete stürmischen Beifall bevor es die Musiker in die kurze Pause entliess.
Idyllisches Naturbild
Ähnlich wie die “Moldau” zeichnet auch der vierte Teil “Aus Böhmens Hain und Flur” ein idyllisches Naturbild. Mit leidenschaftlicher Hingabe und fein ausgehörten Details kostet Steinberg Smetanas Melodienreichtum wunderbar aus. Wem da nicht das Herz aufgeht …
Verinnerlichte Lesart
Pinchas Steinberg Leitung
Pinchas Steinbergs Sehnsuchtston geht unter die Haut, seine verinnerlichte Lesart von Smetanas “Vaterland” entfaltet eine zarte Melancholie. Seine breiten Tempi vermag er mit seinen Musikern beseelt auszufüllen. Auch in den letzten beiden Teilen des Zyklus, die den Freiheitskampf der Hussiten verherrlichen, meidet der Dirigent heroisches Säbelrasseln und nationales Pathos. Stattdessen verströmt der Zyklus hier kitschfreies Heimatgefühl fern aller folkloristischen Klischees. Mit echter Hingabe, hoher Spielkultur und glutvollem Klang folgen die Luzerner Musiker ihrem Gastdirigenten.
Magisch, welche Energie der 76-jährige istaelischstämmige Gastdirigent noch aufbringt. Das Publikum geizte denn auch nicht mit stürmischem Schlussapplaus, zu einer stehenden Ovation reichte es dann aber doch nicht.
Anne-Marie Sust (links) entwickelte für ihre Abschlusskollektion innovative und umweltfreundliche Farbpasten auf Mikroalgenbasis. Bei der Entwicklung unterstützte sie Dr. Vanessa Homburg (rechts). Patrick Pollmeier
Mode und nachhaltige Materialien – eine interdisziplinäre Masterarbeit an der FH Bielefeld: Anne-Marie Sust entwickelte für ihre Abschlusskollektion innovative und umweltfreundliche Farbpasten auf Mikroalgenbasis. Bei der Entwicklung unterstützte sie die Arbeitsgruppe „Fermentation und Formulierung von Zellen und Wirkstoffen“. Die Arbeit wurde jetzt für den „Green Concept Award“ nominiert.
Bielefeld (fhb). Bis ein T-Shirt bei uns im Kleiderschrank liegt, hat es oft eine lange und umweltschädliche Reise hinter sich. Bereits bei der Produktion der Baumwollfasern werden enorme Mengen an Wasser und Pestiziden eingesetzt. 200 Tonnen Wasser werden für das Färben und Veredeln von einer Tonne Textilien benötigt. Hinzu kommt: Diverse chemische Stoffe werden zum Färben und Bedrucken eingesetzt. Viele davon sind giftig, einige sogar krebserregend und die meisten stammen aus fossilen Ressourcen. [i] Geht das anders?
Ein Raum am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld: Auf einem großen Holzschrank stehen Kleiderpuppen, an den Wänden gegenüber sind bunte Skizzen und Notizen angeheftet. An einer Kleiderstange hängen T-Shirts und Hoodies mit hellblauen Aufdrucken, dazwischen ein auffälliger Jeans-Overall mit detailliertem Print. Bei den Kleidungsstücken handelt es sich um die Abschlusskollektion von Anne-Marie Sust, Modestudentin an der FH Bielefeld. Die Kleidungsstücke hat sie nicht nur selbst entworfen und genäht, alle Stoffe hat sie auch bedruckt. Doch beim Betreten ihres Arbeitsraums steigt einem nicht der bekannte beißende Farbgeruch in die Nase. Denn die Grundlage für die blaue Farbe auf den Kleidungsstücken sind Mikroalgen.
2.700 Liter Wasser für ein konventionelles T-Shirt
Eigens für ihre Abschlussarbeit entwickelte Anne-Marie Sust innovative Mikroalgenfarben zum Bedrucken von Textilien. Unterstützung erhielt sie dabei von der Arbeitsgruppe „Fermentation und Formulierung von Zellen und Wirkstoffen“ des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik. Doch bis dahin war es ein langer Weg mit Versuchen und Experimenten.
Warum der Aufwand? Ein wesentlicher Motivationsgrund für Anne-Marie Sust war der nachhaltige Aspekt: „Aktuelle Herstellungs- und Färbeverfahren der Modebranche sind auf die Verwendung von nicht nachhaltigen Textilien und hochverschmutzenden Farbstoffen ausgerichtet. Allein für die Herstellung eines neuen T-Shirts benötigt man 2.700 Liter Wasser.“ Diesen Status quo findet die Studentin schlecht und überlegte sich alternative Möglichkeiten. Für ihre Kollektion verwendete sie Second-Hand Stoffe sowie biologische und fair gehandelte Naturstoffe.
Aus dem Laborkolben auf den Stoff
Ortswechsel: Wir befinden uns im Labor für Verfahrenstechnik, dem Wirkungsbereich von Dr. Vanessa Homburg von der Arbeitsgruppe „Fermentation und Formulierung von Zellen und Wirkstoffen“ unter der Leitung von Prof. Dr. Anant Patel. Statt Schneiderpuppe und Nähmaschine sind hier Mikroskop und Inkubator die täglichen Arbeitsgeräte. Dr. Vanessa Homburg hat im Bereich Mikroalgen promoviert und unterstütze Anne-Marie Sust bei der Umsetzung ihrer Idee.
Um zu verstehen, wie die nachhaltige blaue Farbe auf den Stoff kommen kann, muss man erst einmal begreifen, was Mikroalgen eigentlich sind. Homburg: „Bei Mikroalgen handelt es sich um mikroskopisch kleine Organismen, die genau wie Pflanzen in der Lage sind, Photosynthese zu betreiben, sich also im wesentlich aus Licht und CO2 zu ernähren. Um das Licht nutzen zu können und sich gleichzeitig vor den schädlichen Auswirkungen von zu viel UV-Licht zu schützen, nutzen sie Moleküle.“ Genau diese Moleküle nimmt das menschliche Auge als farbig wahr.
Grundpaste macht Farbstoff robuster
Als Dr. Vanessa Homburg und Prof. Dr. Anant Patel vom Projekt der Modestudentin hörten, waren sie sofort fasziniert von der Idee, das breite Spektrum der Mikroalgen auch abseits ihrer eigenen Versuchen zu nutzen: „Ich war mir sicher, dass es möglich ist, Mikroalgen zum Färben zu verwenden, bin aber aufgrund meiner Erfahrungen davon ausgegangen, dass diese Idee nicht so einfach umzusetzen sei.“ Doch die Skepsis verflog schnell: Bereits bei der ersten vermuteten „Hürde“, dem Austausch der konventionellen petrochemischen Pigmente gegen die Mikroalgen-basierten Pigmente gab es keine Probleme. „Wir waren ehrlich gesagt überrascht, dass wir eine Farbpaste herstellen konnten, ohne dass die Mikroalgen beispielsweise verklumpen oder sich direkt entfärben“, so Homburg.
Auch die Sorge, dass die Farben unter UV-Einwirkung sehr schnell ausbleichen, war unbegründet. Dies liegt unter anderem an einer speziellen Grundpaste, die bereits UV-Schutzmittel enthält. Anne-Marie Sust hat die Methode der Fixierung auf dem Stoff in vielen Versuchsreihen optimiert, um die Stabilität des Drucks gegenüber Abrieb (z.B. bei Berührung) oder beim Waschen zu erhöhen. „Die genaue Zusammensetzung bleibt aber mein Betriebsgeheimnis“, so die Absolventin.
„Good Design grows better with Age“
Zurück im Arbeitsraum in der Lampingstraße: Gegenüber der Kleiderstange hängt das „Visionboard“ von Anne-Marie Sust mit Fotos von Kleidungsstücken, Farbpaletten und Laboren. Dazwischen der Spruch „Good Design grows better with Age“ (Gute Designentwürfe werden mit der Zeit besser). Ein wichtiger Ansatz für die Arbeit.
Die Mikroalgen, die Sust und Homburg für den Farbstoff verwenden, sind getrocknet, leben also nicht mehr. Daher können einmal durch Licht zerstörte Moleküle nicht neu produziert werden – die Farben verschwinden bei Sonneneinstrahlung. Sust: „Ziel meiner Arbeit ist es, den Betrachtenden für Vergänglichkeit und Nachhaltigkeit der Kleidung zu sensibilisieren. Die Entscheidungen, wie der oder die Tragende mit den lebenden Mikroalgenprints umgeht, liegt an ihr oder ihm selbst. Dadurch werden organische Prozesse und deren Vergänglichkeit zur Ästhetik erhoben.“
Interdisziplinäre Zusammenarbeit an der FH Bielefeld
Initiiert wurde die Kooperation von Prof. Dr. Anant Patel, Leiter der Arbeitsgruppe „Fermentation und Formulierung von Zellen und Wirkstoffen“ und Vizepräsident für Forschung, Entwicklung, Transfer, und von Prof. Philip Rupp, Verantwortlicher für das Lehrgebiet Kollektionsgestaltung und Modedesign. Patel: „Durch Kooperationen dieser Art tritt das immense Forschungspotenzial unserer Hochschule im Bereich der Nachhaltigkeit zum Vorschein. Außerdem erweitert die Zusammenarbeit den Horizont aller Beteiligten über den eigenen Forschungsbereich hinaus.“ Eine Ansicht, die Prof. Rupp teilt: „Wir ebnen die Wege für fachbereichsübergreifenden Kooperationen im Interessen unserer Studierenden und können so gemeinsam ganz neue Techniken entwickeln und ausprobieren.“
Viel Forschungspotential für nachhaltigere Verfahren Übrigens, für Sust sind die blauen Farbtöne der Kollektion ein bewusster Hinweis auf die Wassermengen, die für die Produktion von konventioneller Kleidung benötigt werden. Allerdings sind mit dem entwickelten Verfahren auch andere Kolorierungen möglich, denn Mikroalgen gibt es in den unterschiedlichsten Farben. Sust und Homburg haben sich bei dem Projekt zunächst auf Mikroalgen beschränkt, die bereits für den Einsatz in Lebensmitteln zugelassen sind und daher auch in einem größeren Maßstab hergestellt werden können.
Spannend ist die Frage, ob das Verfahren auch für eine Massenproduktion geeignet ist. Dr. Vanessa Homburg: „Dafür stellt die große Menge der benötigten Mikroalgen-Pigmente noch eine Herausforderung dar. Auch muss noch untersucht werden, ob eine technische Qualität der Mikroalgen anstelle der von uns verwendeten Lebensmittel-Qualität ausreichend ist. Dies wäre nötig, um den Preis der Farben zu senken.“
Viel (Forschungs-)Potenzial also für alternative und umweltfreundlichere Druckverfahren. Für Anne-Marie Sust sind diese in der Modebranche allerdings unverzichtbar: „Wir müssen sowohl mit unseren Kleidungsstücken als auch mit unseren Ressourcen viel bewusster umgehen.“ Einen ersten Schritt in diese Richtung hat sie gemeinsam mit Vanessa Homburg mit ihrer Modekollektion getan.
Green Concept Award 2022 und Dutch Design Week
Die Masterarbeit ist nun für den „Green Concept Award“ nominiert worden. Mit dem Green Concept Award zeichnet der Green Future Club jedes Jahr Konzepte für nachhaltige Materialien, Produkte und Services aus, die noch nicht auf dem Markt sind. Noch bis Ende Januar kann auf folgender Webseite für die Arbeit abgestimmt werden: https://www.gp-award.com/en/produkte /why-colours-matter.
Mit ihrer innovativen Kollektion war Anne-Marie Sust außerdem auf der „Dutch Design Week“ (DDW)“ im Oktober 2021 in Eindhoven vertreten. Unter dem Thema „The Greater Number“ forderte das größte Designfestival Nordeuropas einen kritischen Blick auf unsere Art zu produzieren und zu konsumieren.