Prof. Dr. Michael Marré: Wie substituiert man in der Industrie für Massivumformung den Wegfall von Bauteilen wie beispielsweise einen Pleuel? Fachhochschule Südwestfalen
Im Projekt TuWAs unterstützt die FH Südwestfalen die Transformation für umformtechnische Wertschöpfungsketten im Antriebsstrang
Iserlohn. Die Umstellung des Individualverkehrs auf Elektromobilität hat Folgen auch für die Industrie der Massivumformung. Im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren verändern sich Bauteile radikal. Im Projekt TuWAs unterstützt die Fachhochschule Südwestfalen als Teil eines Konsortiums die Transformation für umformtechnische Wertschöpfungsketten im Antriebsstrang. Ein Ziel ist es, Arbeitsplätze in der Branche zu erhalten.
Elektrofahrzeuge benötigen im Unterschied zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor keine Kurbelwelle und kein Pleuel mehr. Diese üblicherweise in der der Industrie der Massivumformung gefertigten Komponenten entfallen. „Dafür braucht es Ersatz“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Michael Marré, der an der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn das Labor für Massivumformung betreibt. „Im Projekt TuWAs wollen wir Arbeitsplätze erhalten und die Unternehmen bei der Transformation unterstützen.“ Hierzu stellen die im Projekt beteiligten Hochschulen und Institute Wissen und Ressourcen bereit und helfen, Transfer-Formate zu entwickeln.
„Dazu haben wir verschiedene Ansätze entwickelt, wie zum Beispiel ein Self-Assessment Center, in dem ich als Unternehmen schauen kann, was fehlt mir, um den nächsten Transformationsschritt zu gehen“, so Marré. „Wir haben ein Trend- Radar aufgebaut, in dem wir für die Branche wesentliche und wichtige Faktoren darstellen können und wir haben eine Branchen- Strukturanalyse durchgeführt.“ Unternehmen könnten hieran prüfen, wie sie selbst als Betrieb aufgestellt sind und welche Entwicklungsmöglichkeiten sich ergeben.
„Unser Projekt ist immer dann ein Erfolg, wenn Unternehmen auf uns zukommen und sagen: Ich will, ich habe Bedarf, ich muss mich verändern“, erklärt der Maschinenbauprofessor Marré. Angesichts der Erfahrungen im Projekt und im Hinblick auf das Projektende im Juni 2025 arbeitet das Projektteam an einer Verstetigung des Konzepts. „Und da laden wir alle Unternehmen, Verbände, Akteure der Transformation ein, sich daran zu beteiligen und mit uns ein Netzwerk für die Dauer aufzubauen, um Wissen zu vermitteln und Ressourcen für Transformation bereitzustellen.“
Projektbeteiligte und Förderung Das Projekt TuWAs ist ein Konsortialprojekt. Neben dem Labor für Massivumformung der Fachhochschule Südwestfalen sind beteiligt: das Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz, die Fachgruppe Advanced System Engineering des Heinz-Nixdorf-Instituts der Universität Paderborn, der FIR e. V. an der RWTH Aachen und der Lehrstuhl für Produktentwicklung und Leichtbau der Technischen Universität München. Die einzelnen Standorte bilden Transformations-Hubs als Schaufenster und Ansprechpartner für die Industrie in ganz Deutschland, um in regionalen Betrieben Transformationsprozesse zu unterstützen. Das Projekt wird durch das Bundeswirtschaftsministerium in Höhe von rund drei Millionen Euro gefördert. Die Laufzeit beträgt zweieinhalb Jahre, beginnend Ende des Jahres 2022.
Fabian Barth (Texas Instruments Deutschland GmbH) sprach zum Thema „Power over Data Lines (PodL) für Automotive Ethernet“. Florian Karow Hochschule Landshut
Die Fachtagung Symposium Elektronik und Systemintegration bot Einblick in aktuelle Entwicklungen und zeigte die gute Vernetzung der Hochschule Landshut. Rund 100 Teilnehmer aus Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Verbänden, Dienstleistern sowie aktuelle und ehemalige Studierende informierten sich über aktuelle Forschungsergebnisse und Entwicklungen aus den Bereichen der Elektro- und Mikrosystemtechnik sowie Systemintegration.
Am 17. April 2024 öffnete das „4. Symposium Elektronik und Systemintegration (ESI)“ seine Türen an der Hochschule Landshut. Dieses mittlerweile institutionalisierte Event bot einen faszinierenden Einblick in die aktuellsten Entwicklungen der Elektronik- und Elektrotechnikbranche und verdeutlichte eindrucksvoll die hervorragende Vernetzung der Hochschule in diesem Bereich.
„Es freut mich zu sehen, dass das Symposium einmal mehr zum Wissensaustausch und intensiv zum Aufbau von Beziehungen zum Vorteil von Wissenschaft und Wirtschaft genutzt wurde. Wie sollte es funktionieren, wenn nicht bei Diskussionen um Wissen, Trends und Entwicklungen der Elektrotechnik”, gab dementsprechend Prof. Dr. Artem Ivanov zu Protokoll, der wissenschaftliche Leiter der Veranstaltung und Sprecher des Forschungsbereichs Elektronik und Systemintegration der Hochschule ist. Vernetzung und Beschäftigungseffekte
An der Hochschule Landshut mit seinem Cluster Mikrosystemtechnik finden seit mittlerweile 15 Jahren Fachveranstaltungen aus dem Bereich Elektronik, Mikrosystemtechnik und Systemintegration statt, ein breites Netzwerk an Experten ist entstanden. Die zahlreichen „Ehemaligen“ der Hochschule Landshut, Absolventinnen und Absolventen die mittlerweile in verschiedenen Unternehmen der Branche tätig sind, tragen zusätzlich zur starken Vernetzung bei. Auch den Plenums-Vortrag des Fachforums hielt ein solcher Alumnus: Fabian Barth, System Engineer bei der Texas Instruments Deutschland GmbH, sprach zum Thema „Power over Data Lines (PodL) für Automotive Ethernet“. Für fortschrittliche Fahrzeugarchitekturen mit hohen Datenmengen, die in Hochgeschwindigkeit übertragen werden müssen, biete die Integration von PodL, die parallele Übertragung von Strom im Datenkabel, erhebliche Vorteile bei der Integration von elektronischen Komponenten und Sensoren; dies in Bezug auf Kosten, Effizienz und Leichtbau. Wichtig sei dabei, die Auswahl des passenden Filternetzwerks (CDN). PoDL bieten für Barth eine maßgeschneiderte, effiziente Lösung, die kostengünstig implementiert werden kann.
Breites Themenspektrum und praxisnahe Einblicke
Das Symposium bot ein breites Spektrum an Themen aus unterschiedlichen Technologien und Branchen. In weiteren 24 hochkarätigen Vorträgen in zwei parallelen Sessions präsentierten die vom Fachkomitee ausgewählten Experten innovative Lösungen, Forschungsergebnisse und Dienstleistungen.
Einen Schwerpunkt bildeten Themen rund um das Energiemanagement: dies von der SSPC (Solid-State-Power Contactor) als halbeiterbasierte DC- Schutztechnologie (Maik Hohmann, Temes Engineering GmbH), über DC- Schutzkonzepte der Zukunft (Fabian Bernedikt Witt, TU Braunschweig), Schutz von Hochvoltsystemen in der E-Mobilität (Dr. Stefan Müller, Dräxlmaier Group, Vilsbiburg) oder dem Vergleich von hybriden PV-/Solar- Modulen mit konventionellen PV Modulen (Prof. Dr. Stefan-Alexander Arlt, Hochschule Landshut).
Auch Komponenten und Systemen für Anwendungen der Elektromobilität war eine eigene Session gewidmet. Herausforderungen der Halbleitertechnologie für den Hochvolt-Traktionsinverter (Ralf Eckhardt, Michael Daimer, Texas Instruments EMEA Sales GmbH), Hochintegrierte Leistungselektronik (Johannes Schweizer, Compact Dynamics GmbH), das Gesamtsystem eines elektrischen Antriebs mit Axialflussmaschine (Prof. Dr. Alexander Kleimaier, Hochschule Landshut) oder die 3-Level-Flying-Capacitorschaltung für ein Leistungsmodul mit 800 Volt DC (Bernhard Jahn, Hochschule Landshut) lauteten die Themen.
Viele aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen rund um Sensorsysteme wurden ebenfalls präsentiert: Silizium Drift Detektoren für die Röntgenflureszenzanalyse (Dr. Andreas Pahlke, Ketek GmbH) wurden ebenso thematisiert wie ein miniaturisierter Wasserstoffsensor basierend auf der 3-Omega-Methode (Julian Eiler, OTH Regensburg) oder ein akustisches Verfahren zur Erfassung von Oberflächenschwingungen (Prof. Dr. Artem Ivanov, Hochschule Landshut). Daneben zeigten Referenten auch neue Entwicklungen in der Aufbau- und Verbindungstechnik sowie im Bereich der Embedded Systems und der industriellen Lösungen.
Neben dem Vortragsprogramm bot das Symposium eine begleitende Fachausstellung sowie eine Postersession, bei der zahlreiche Projekte aus Forschung und Entwicklung vorgestellt wurden und die zum Netzwerken einluden. Themen und Erkenntnisse aus Vorträgen der Veranstaltung werden im ONLINE-Tagungsband dokumentiert, der wissenschaftliche Beiträge (peer- reviewt) enthält, die erst den Teilnehmern des Symposiums und später der gesamten Fachwelt zur Verfügung gestellt werden. Für die Qualität der Tagungsprogramms sowie der wissenschaftlich ausgearbeiteten Beiträge sorgte ein Auswahlprozess durch das Fachkomitee der Veranstaltung
Symposium ESI: Zukunftsweisende Fachtagung mit Tradition
Das Symposium Elektronik und Systemintegration findet alle zwei Jahre statt und wird vom Cluster Mikrosystemtechnik und dem Forschungsbereich Elektronik und Systemintegration der Hochschule Landshut organisiert. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Artem Ivanov bietet es eine Plattform für den fachlichen Austausch und die Weiterentwicklung des Feldes.
„Das Symposium Elektronik und Systemintegration stellt eine bedeutende Säule in der Förderung des Wissensaustauschs und der Innovationsentwicklung an der Hochschule Landshut dar. Der Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft trägt im Besonderen auch zur weiteren technologischen Entwicklung unserer Hochschule bei: Es profitieren der Forschungsbereich Elektronik und Systemintegration, Studium und Lehre sowie die regionale Wirtschaft gleichermaßen“, so Marc Bicker, Leiter des Instituts für Transfer und Zusammenarbeit.
Und viele Referenten/-innen kommen gerne immer wieder zum Symposium, um ihr Netzwerk zu erweitern und zu intensivieren. Auch ehemalige Studierende nutzen immer wieder die Gelegenheit zu ihrer Almer Mater zurückzukehren. Auch Fabian Barth, der den Eröffnungsvortrag hielt, kommt nach eigener Aussage gerne an die Hochschule Landshut zurück, die für ihn die perfekte Wahl darstellte. „Sie ist nicht nur räumlich nah an Texas Instruments gelegen, sondern bietet auch eine enge soziale Verbindung. Das Masterstudium in Landshut hat mich wirklich ideal auf den Einstieg in den Job vorbereitet“, ist Fabian Barth überzeugt. Aussagen wie diese verdeutlichen ebenso wie die vielen von Vertretern der Hochschule präsentieren Fachthemen die hohe Qualität von Ausbildung und Forschung an der Hochschule sowie die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft weit über die Region hinaus. Weitere Informationen zum Symposium unter www.symposium-esi.de
Ohne Beschichtung kann UV-Licht mit Holzoberflächen interagieren und zu Verfärbungen und Schäden führen. Naturhaus Naturfarben GmbH
Täglich kommen wir damit in Berührung: Holz. Kinder toben und spielen auf dem Parkett, und auch beim Arbeiten oder Schlafen spielen Holzmöbel eine wichtige Rolle. Damit das Material nicht vorzeitig altert, ist es wichtig, es vor UV-Strahlung zu schützen. Zugleich sollen Optik und Haptik der Holzoberfläche erhalten bleiben. Transparente Schutzlacke, die im Handel erhältlich sind, enthalten allerdings oft gesundheitsschädliche chemische Verbindungen. Um den Einsatz dieser Stoffe zu vermeiden, entwickelt das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV gemeinsam mit der Naturhaus Naturfarben GmbH eine Formel für einen transparenten und zu 100 Prozent biobasierten UV-Holzschutz.
Offene Architekturen mit Glasfassaden und großen Fensterfronten, die viel natürliches Licht ins Haus lassen, erfreuen sich großer Beliebtheit – genau wie der Wunsch nach ökologischem und naturnahem Wohnen. Wenn es um den Schutz von Holzoberflächen im Innenraum geht, lassen sich beide Bedürfnisse bisher allerdings nur schlecht vereinen: Ohne Beschichtung kann UV-Licht der Wellenlängen 330 bis 380 Nanometer mit Holzoberflächen interagieren und durch Photooxidation zu Verfärbungen und Schäden führen. Doch die derzeit auf dem Markt erhältlichen transparenten Schutzlacke enthalten als UV-Blocker chemische Additive wie etwa Benzophenone, Benzotriazole oder Phenyltriazinderivate, die gesundheitsbedenklich sind. Besonders kritisch dabei ist, dass diese flüchtigen Substanzen über die Atmung direkt in den Körper gelangen können, etwa während des Trocknungsvorgangs. Bisher sind alle biobasierten Alternativen zum Schutz von Holz vor der Alterung durch Sonnenlicht farbig und damit lichtundurchlässig.
Proteine für die Bindung, Pflanzenextrakte für den UV-Schutz
Vor diesem Hintergrund entstand in der Zusammenarbeit zwischen dem Fraunhofer IVV und der Naturhaus Naturfarben GmbH die Idee, eine Lösung für dieses Problem zu entwickeln. Mit dem Auftrag, geeignete pflanzliche Komponenten für eine natürliche Holzbeschichtung zu finden, welche das Material vor UV-Strahlung schützt und gleichzeitig dessen Struktur sichtbar lässt, begann am Fraunhofer IVV 2021 die Arbeit im Projekt »ProTann«. Dafür erschlossen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen komplett neuen Forschungsbereich: »Zur natürlichen Bindung in Beschichtungssystemen nutzen wir am Fraunhofer IVV schon seit Längerem sehr erfolgreich Proteine«, erzählt Melanie Platzer, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Verfahrensentwicklung Pflanzliche Rohstoffe. »Neu für uns war die Kombination mit sekundären Pflanzenstoffen, die als UV-Schutz für einen wasserbasierten Lack dienen sollten.« Eines der Projektziele bestand dementsprechend darin, die entstehende Vernetzung zwischen Proteinen und sekundären Pflanzenstoffen im Lack herauszuarbeiten und letztlich dafür zu sorgen, dass sich die beiden Substanzen fest miteinander verbinden.
Herausfordernder Entwicklungsprozess
Der Entwicklungsprozess für den Lack war mehrstufig angelegt. Zunächst testeten die Forschenden ihre erste Formulierungsidee, die auf einem Vorprojekt am Fraunhofer IVV aufbaute, mit mehreren Proteinen, etwa aus Erbsen oder Soja. Melanie Platzer: »Entscheidend für uns war in dieser Phase: Haftet die entstehende Beschichtung auf Holz? Zieht sie ein? Und kann man sie abziehen, damit die UV-blockende Wirkung überhaupt gemessen werden kann?« Anschließend wählte das Projektteam zwei Proteine aus und mischte verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe bei, die einen guten Schutz vor UV-Strahlung bieten. Eine Herausforderung dabei stellte unter anderem der pH-Bereich dar, denn Holzlacke müssen einen bestimmten pH-Wert aufweisen, um das Material zu schonen. Auch die Zugabe der Pflanzenextrakte selbst war ein entscheidender Punkt für das Forschungsteam, da vorab kaum vorherzusehen war, wie gut sich die unterschiedlichen Extrakte lösen, ob sie mit den Proteinen interagieren und wie sich im gesamten Prozess die Färbung der entstehenden Beschichtung verändern würde.
Welche Zusammensetzung ist am besten geeignet?
Während der etwa zweijährigen Projektlaufzeit erprobten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viele Kombinationen und arbeiteten auch mit Mischungen unterschiedlicher sekundärer Pflanzenstoffe sehr erfolgreich: »Letztlich hatten wir viele Treffer, was mögliche Protein-Additiv-Kombinationen für den UV-Schutzlack anging, und konnten uns der Frage widmen, welche Formulierung sinnvoll ist, wenn man in Richtung Produktion denkt – auch was die Regionalität und Verfügbarkeit der verwendeten Rohstoffe angeht«, fasst Melanie Platzer zusammen. »Wo es möglich ist, beziehen wir in unsere Entwicklungsarbeit Reste aus der Agrar- und Lebensmittelindustrie mit ein, etwa Schalen aus der Apfelsaftherstellung oder Trester aus der Weinproduktion.« Unbedenklich sind die gefundenen Optionen allesamt: Der direkte Kontakt oder das Einatmen schaden weder Mensch noch Tier.
Weiterentwicklung nicht nur für den Holzschutz
Die ausgewählte Modellformel befindet sich nun in der Weiterentwicklung bei der Naturhaus Naturfarben GmbH. Ziel ist es, die Zusammensetzung so anzupassen, dass sie in größerem Maßstab hergestellt werden kann, um letztlich einen neuen Markt im Bereich der natürlichen Holzschutzmittel zu erschließen. In der Anwendung könnte die wasserbasierte Formel dann in mehreren Schichten aufgetragen und durch einen weiteren Naturlack versiegelt werden, um langanhaltenden Schutz für Parkett und Möbel zu bieten. Um die Vielzahl der Forschungsergebnisse aus Pro-Tann weiterzuentwickeln und ihr Potenzial zu erschließen, wurde am Fraunhofer IVV bereits ein Folgeprojekt angestoßen: Weitere Anwendungsmöglichkeiten der UV-abweisenden Protein-Pflanzenstoff-Kombinationen könnten beispielsweise in der Verpackungsbeschichtung oder auch im Hautschutz liegen.
Neutronen aus der Atmosphäre werden je nach Feuchtigkeitsmenge im Boden in unterschiedlichem Maße reflektiert. Die reflektierten Neutronen lassen sich mit Detektoren messen, die z. B. direkt auf einem Feld stehen. PTB
Die PTB präsentiert auf der Woche der Umwelt, wie sich die Bodenfeuchte mithilfe von Neutronenstrahlung messen lässt.
Die Bodenfeuchte hat nicht nur Auswirkungen auf die Landwirtschaft, sondern ist als Teil des globalen Wasserkreislaufs ein wichtiger Schlüsselfaktor für Wetter und Klima. Für ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge braucht man genaue Messdaten: Die PTB stellt ein noch junges Verfahren zur Messung der Bodenfeuchte auf der Woche der Umwelt im Schloss Bellevue vor. Zur Veranstaltung – mit ihrem Fokus auf Projekten für eine nachhaltige Zukunft – laden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein. Zu der öffentlichen Veranstaltung, ist eine Anmeldung bis zum 15. Mai 2024 zwingend erforderlich.
Die Bodenfeuchte ist Teil des globalen Wasserkreislaufs. Nur ein gesunder und ausreichend feuchter Boden kann dafür sorgen, dass Landökosysteme einen großen Teil des Kohlendioxids der Luft langfristig in Form von Kohlenstoff speichern und so die die globale Erwärmung verlangsamen. Deshalb gehört die Bodenfeuchte zu den wesentlichen Klimavariablen (Essential Climate Variables), die die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) definiert hat. Die kontinuierliche Messung der Bodenfeuchte hat weltweit Bedeutung für die Landwirtschaft. Sie liefert aber auch neue Daten für die Klimaforschung, die Klimafolgenanpassung und das Wassermanagement. Doch vielfach sind die unterschiedlichen Messverfahren nicht direkt vergleichbar oder interoperabel.
„Unser Ziel ist, die verschiedenen Messverfahren für Bodenfeuchte auf die gemeinsame Basis internationaler Standards zu stellen, damit sie vergleichbar und aussagekräftig werden“, erklärt Dr. Miroslav Zboril, Physiker in der PTB und Koordinator des europäischen Forschungsprojekts SoMMet (Soil Moisture Metrology, siehe Infokasten). Denn bisher werden hauptsächlich zwei sehr unterschiedliche Verfahren genutzt: Sensoren im Boden, die punktgenaue Informationen liefern sowie die Messung per Satellit, die mehrere Quadratkilometer abdeckt. Ein drittes Verfahren könnte in Zukunft den Größenbereich dazwischen abdecken – um beispielsweise Aussagen über den Feuchtezustand eines bestimmten Ackers zu machen: die Bodenfeuchtemessung mit kosmischen Neutronen (CRNS = Cosmic- Ray Neutron Sensing).
„Mit dem CRNS will die wissenschaftliche Community die Lücke zwischen den beiden etablierten Verfahren schließen, und in der PTB erschaffen wir die notwendige metrologische Grundlage dafür“, erklärt Zboril. Letztendliches Ziel des SoMMet-Projektes ist, dass Bodenfeuchtemessungen effektiv, metrologisch gesichert und konsistent über alle Längenskalen hinweg funktionieren. Zusätzlicher Vorteil ist, dass das Verfahren kostengünstig weltweit eingesetzt werden kann – auch in weniger wohlhabenden Ländern, die stark von Wassermangel betroffen sind.
Das Messprinzip des CNRS nutzt die natürliche kosmische Strahlung, die fortlaufend aus dem Weltraum auf unsere Erde trifft und in Wechselwirkung mit der Atmosphäre dort Neutronenstrahlung erzeugt. Abhängig von der Menge an Wasser im Boden werden die Neutronen an der Landoberfläche reflektiert und mit einem über dem Boden stehenden Detektor gemessen. Mit CRNS kann die mittlere Bodenfeuchte im Bereich der Wurzelzone innerhalb eines Radius von etwa 100 Metern rund um den Detektor erfasst werden.
„Wir hoffen, dass wir bei Projektende im September des kommenden Jahres der Weltorganisation für Meterologie handfeste Ergebnisse zur Verfügung stellen können, die dann in ihre Empfehlungen zur Messung der Bodenfeuchte einfließen“, sagt Zboril. Das würde die Messungen weltweit deutlich aussagekräftiger machen und Klimamodellen ebenso zugutekommen wie einem besseren Verständnis aller Zusammenhänge zwischen Boden, Wetter und Klima.
Ohne Rückführung keine aussagekräftige Feuchtemessung
Der Begriff „Rückführung“ ist den meisten Menschen nicht geläufig, aber sehr wichtig, wenn es um Vertrauen in Messungen geht. Stellen Sie sich vor: Eine Forscherin misst die Bodenfeuchte mit drei verschiedenen Messverfahren und erhält drei unterschiedliche Ergebnisse. Was nun? Aussagekräftig werden die Ergebnisse erst, wenn man die Verfahren rückführt, also mit einem gemeinsamen Standard höchster Güte vergleicht. Dann weiß man, wie sehr die Ergebnisse der einzelnen Verfahren von denen des Standardverfahrens abweichen und kann sie entsprechend korrigieren. Erst dann sind die Ergebnisse der unterschiedlichen Messverfahren vergleichbar. Der höchste Standard kann unterschiedlich aussehen, mal ist es beispielsweise ein einzigartiges Gerät (z. B. in der PTB), mal eine Standardflüssigkeit oder aber die Definitionen der physikalischen Einheiten selbst, wie sie im internationale Einheitensystem (SI) beschrieben sind.
Am europäischen Forschungsprojekt SoMMet (Soil Moisture Metrology) sind 18 Forschungseinrichtungen aus elf Ländern beteiligt. Ihr Ziel ist die verbesserte Vergleichbarkeit und Interoperabilität unterschiedlicher Messungen, um bestmögliche Informationen über die Bodenfeuchte zu gewinnen. Das Projekt wird von der Europäischen Partnerschaft für Metrologie gefördert, die aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa der Europäischen Union und von den teilnehmenden Staaten kofinanziert wird.