Zum Hauptinhalt springen

Auf Spurensuche am Roten Turm – Was eine Mauer über Saarbrücker Geschichte verrät

Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig.  André Mailänder  Historisches Museum Saar
Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig. André Mailänder Historisches Museum Saar

Saarbrücken hat eine unterirdische Burg. Ein geheimnisvoller Ort. Vierzehn
Meter unter der Erde versetzen Bauten aus Mittelalter und Renaissance in
Staunen. Die Ruine des Roten Turms ist Zeugnis dramatischer Geschehnisse –
hier türmt sich im Wortsinne Geschichte. Was verrät das Gemäuer über seine
Vergangenheit? Gemeinsam begeben sich Historisches Museum Saar,
Landesdenkmalamt Saarland und die Archäologie-Professorin Sabine Hornung
mit ihren Studierenden von der Universität des Saarlandes auf Spurensuche:
eine Detektivarbeit, die Synergien nutzt.

Eine alte Mauer gibt Museumsdirektor Simon Matzerath Rätsel auf. Sie ist
der erhaltene Teil des „Roten Turms“ in der unterirdischen Saarbrücker
Burg: ein Ort mit außergewöhnlicher Atmosphäre. Besucherinnen und Besucher
des Historischen Museums Saar lässt er eintauchen in vergangene Zeiten.
Wer hier hinabsteigt, dem wird Geschichte spürbar. Der Rote Turm gilt von
alters her als einer der ältesten Teile der Burg. Aber ist dem wirklich
so? Das Gebiet, auf dem heute das Saarbrücker Schloss steht, war
fortwährend im Wandel. Urkundlich belegt ist eine erste Burg schon im Jahr
999. Auf dem Saarfelsen wurde seither gebaut, abgerissen, umgebaut,
zerstört, wiedererrichtet und verändert. Das muss man wissen, will man die
Mauer verstehen.

Das Terrain war Grafschaft im Mittelalter. Heinrich II. richtete 1009
Schäden an der Burg an. „Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa schleifte die
Burg im Jahr 1168“, sagt Simon Matzerath, der ab Juli als Leiter an der
Spitze des saarländischen Landesdenkmalamtes stehen wird. „Es ist nicht
wirklich bekannt, wieviel er tatsächlich zerstörte, wie viele ihrer Mauern
er einreißen ließ oder ob er eher – symbolisch gesprochen – nur die Fahne
abknickte“, sagt der Museumsdirektor, der auch einen Lehrauftrag im
Fachbereich Vor- und Frühgeschichte der Universität des Saarlandes
innehat. Die Burg wurde jedenfalls wiedererrichtet. Später stand sie unter
nassauischer Herrschaft, ab dem sechzehnten Jahrhundert lag sie mitten im
beständig umkämpften Grenzgebiet, ab 1602 wurde aus der Burg ein
Renaissanceschloss, das noch im selben Jahrhundert zerstört und im
achtzehnten wieder aufgebaut wurde – und so fort. Jede Generation, jeder
Krieg drückte hier ihren und seinen Stempel auf.

Mit der Mauer des ehemals Roten Turms stimmt offensichtlich etwas nicht.
Seine Steine sind zum Rund geschichtet. Aber auf eine Art und Weise, die
Simon Matzerath und auch Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt verwundert.
„So hätte im Mittelalter kein Baumeister gebaut“, sagt Matthias Paulke.
„Da liegen etwa Fugen in gleicher Flucht – das bedeutet eine Einbuße an
Stabilität und wäre Schwachstelle bei jedem Angriff gewesen.“ Die massiven
Steinquader aus 240 Millionen Jahre altem Sandstein sind fachmännisch
behauen und haben ringsum einen präzisen Rand. „Es handelt sich um
Buckelquader mit sauber abgeschlagenem Randschlag, die für die Zeit Mitte
des zwölften bis Mitte des dreizehnten Jahrhunderts typisch sind“, erklärt
Simon Matzerath. „Zweck des Randes“, merkt Matthias Paulke an, „war eher
nicht, zu verhindern, dass feindliche Leitern hochgeschoben werden können,
wie es zuweilen heißt, sondern die Bauleute sollten sich beim
Aufeinandersetzen der Steine nicht die Finger klemmen.“ Wer solche Steine
derart fachmännisch bearbeitet, schichtet sie nicht so, wie es hier zu
sehen ist. Offensichtlich: Hier ist etwas passiert. Aus welcher Zeit
datiert sie nun, die Ruine des Roten Turms?

Simon Matzerath wandte sich an Archäologin Sabine Hornung von der
Universität des Saarlandes. „Es geht uns darum, wissenschaftlich
vorzugehen. Deshalb haben wir Professorin Hornung angefragt, die
Dokumentation – als Hauptschritt des Beweises unserer Hypothese – zu
übernehmen: Wir gehen davon aus, dass die Steine aus einem Vorgängerbau
stammen, vermutlich des ausgehenden zwölften oder dreizehnten
Jahrhunderts; sie waren wohl Teil eines ursprünglich rechteckigen Turms.
Zu späterer Zeit, vermutlich im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert,
wurden sie wiederverwendet für den runden Roten Turm“, erklärt Matzerath.
Hintergrund könne sein, dass sich die Waffentechnik und die Rolle der
Flanke in Richtung St. Arnual wandelte. Es wurde in kriegerischen Zeiten
zur Verteidigung ein besonders hoher, runder Flankenturm benötigt. Und
augenscheinlich musste es dabei schnell gehen, jedenfalls wurde ohne große
Handwerkskunst mit vorhandenem Material gebaut. „Das wird sehr deutlich,
wenn man sich mit dem Befund befasst. Es wurde offenbar mit wenig Anspruch
an Statik vorhandenes Baumaterial geschichtet“, sagt Studentin Isabel
Kriebelt-Braun, die Architektin studiert Archäologie an der Universität
des Saarlandes.

„Die Bauaufnahme des Turms ist für meine Studierenden eine hervorragende
Übung“, sagt Sabine Hornung. „Für mich ist die Zusammenarbeit der Akteure
in unserem Bereich im Saarland sehr wichtig. Synergien zu nutzen, bringt
uns weiter. Museum und Landesdenkmalamt zu unterstützen, den Baubefund am
Roten Turm zu dokumentieren, ist ein Gewinn für alle Seiten“, erklärt die
Archäologin. Zusammen mit fünf ihrer Studierenden begab sie sich dabei auf
ungewohnt junges Terrain. Fachgebiet der Professorin für Vor- und
Frühgeschichte ist eigentlich die Archäologie Ostgalliens, die Spuren der
Römer und Kelten in unserer Großregion, Mobilität und Migration, Kultur-
und Technologietransfer vor rund 2000 Jahren und die Entwicklung der
Landschaft durch die Zeit. Sie leitete zahlreiche Grabungen, entdeckte
unter anderem 2012 eines der ältesten römischen Militärlager in
Deutschland nahe Hermeskeil und schrieb so ein Stück Weltgeschichte neu.

Nach theoretischen Einführungen in die Materie – auch aus der Praxis mit
Simon Matzerath und Matthias Paulke – gingen die Studierenden ans Werk.
Sie erstellten zunächst in Zusammenarbeit mit Linda Sagl, Inhaberin der
Firma Archäoplan, ein präzises digitales dreidimensionales Modell mittels
zahlreicher überlappender Digitalfotoaufnahmen. „Diese maßstabs- und
detailgetreuen 3D-Modelle errechnen wir bei unseren Grabungen aus
zweidimensionalen Digitalaufnahmen mittels sogenannter Structure from
Motion-Technik, kurz SfM. Dies macht uns möglich, Grabungsflächen oder –
wie in diesem Falle, für uns eine schöne Abwechslung: die mittelalterliche
Mauer – dreidimensional von allen Seiten zu betrachten“, erklärt Sabine
Hornung. „Hierzu wurde die Mauer zunächst von allen Seiten systematisch
fotografiert, so dass sich die Fotos überlappen“, erklärt Studentin Maria
Schmitt. Jeder einzelne Bildpunkt der Mauer landete so auf mindestens zwei
oder mehreren Bildern, woraus der Computer eine Punktwolke zusammensetzt,
die immer dichter wird. Diese Punkte werden in einer Netzstruktur zu einem
farbigen 3D-Modell verbunden.

Die Studierenden erfassten den Baubefund der Mauer akribisch Stein für
Stein, Fuge um Fuge. Mit technischer Hilfe von Linda Sagl wurde die Mauer
auch professionell vermessen. Für die Bauaufnahme musste das 3D-Modell in
eine zweidimensionale Darstellung „abgewickelt“ werden, wie die Fachleute
sagen. „Wir setzten die Mauer also in eine maßstabgetreue Zeichnung um“,
erklärt Archäologie-Studentin Johanna Maßong. Viele Indizien verraten
etwas über die Geschichte der Mauer: wie die Breite der Fugen, das Fehlen
von Zangenlöchern, die zu manchen Zeiten verwendet wurden, um die Steine
zu bewegen, das Fehlen von Steinmetzzeichen oder sogar römische Ziegel,
die verbaut wurden – hier übrigens zwei. All solche auf den ersten Blick
scheinbar nebensächlichen Einzelheiten können für die Datierung wichtig
werden. „Wir haben 92 Steinmetzzeichen in unserer unterirdischen
Burganlage, die wir alle in eine nur sechsjährige Baumaßnahme im 16.
Jahrhundert zuordnen können. Am Roten Turm fehlen sie, was ebenso
aufschlussreich ist“, sagt Simon Matzerath.

3D-Modell und Zeichnung bilden jetzt als wissenschaftliche Dokumentation
die Grundlage, auf der eine Auswertung und weitere Arbeit aufsetzen wird,
um das Rätsel um die Ruine des Roten Turms zu lösen – und so ein Stück
Saarbrücker Stadtgeschichte aus dem Dunkel der Vergangenheit ans Licht zu
holen.

  • Aufrufe: 46

Rekordbeteiligung an den „Tagen der Standortauswahl 2024“

Eröffneten die Konferenz (v. li.): Dr. Johannes Großewinkelmann (Welterbe Rammelsberg), Unipräsidentin Dr.-Ing. Sylvia Schattauer, Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner, Prof. Klaus-Jürgen Röhlig (Clausthal) und Iris Graffunder (BGE).
Eröffneten die Konferenz (v. li.): Dr. Johannes Großewinkelmann (Welterbe Rammelsberg), Unipräsidentin Dr.-Ing. Sylvia Schattauer, Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner, Prof. Klaus-Jürgen Röhlig (Clausthal) und Iris Graffunder (BGE).

„Die Endlagerung hochradioaktiver Stoffe ist von großem
gesamtgesellschaftlichem Interesse. Wir wissen alle um die Sensibilität
dieses Themas.“ Mit diesen Worten begrüßte Goslars Oberbürgermeisterin
Urte Schwerdtner die Teilnehmenden der vierten „Tage der Standortauswahl“.
Diese wissenschaftliche Veranstaltung wurde erstmals von der TU Clausthal
in den historischen Veranstaltungsräumen der Weltkulturerbestätte
Rammelsberg in Goslar ausgerichtet. Zu der Konferenz waren mehr als 300
Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden,
aber auch Personen aus der interessierten Öffentlichkeit aus Deutschland
und der Schweiz angereist.

Bis Ende des Jahres 2027 plant die Bundesgesellschaft für Endlagerung
(BGE) maximal zehn Standortregionen vorzuschlagen, die in Deutschland für
die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle in Frage kommen können. Dies
sagte Iris Graffunder, die Vorsitzende der Geschäftsführung der BGE – die
Bundesanstalt ist die Vorhabenträgerin im Standortauswahlverfahren – zum
Auftakt der Veranstaltung.

Dr.-Ing. Sylvia Schattauer, die Präsidentin der Technischen Universität
Clausthal, setzte die Konferenz mit der Circular Economy in Beziehung, dem
Leitthema der Universität: „Auch in der modernen Kreislaufwirtschaft gibt
es Stoffe, die den Kreislauf verlassen und entsorgt werden müssen. Die TU
Clausthal, gegründet vor bald 250 Jahren als montanistische Lehrstätte,
ist auch mit ihrer historischen Expertise hervorragend aufgestellt, um
Fragen der Endlagerung anzugehen.“ Gemäß der Universitätspräsidentin sind
drei Dinge vonnöten, um diesen schwierigen Prozess zu bewältigen:
wissenschaftliche Expertise, gemeinsamer Dialog auf Augenhöhe und eine
große Portion gesunder Menschenverstand.

Das „Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für
hochradioaktive Abfälle“ (Standortauswahlgesetz) habe in vielerlei
Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Erstmals bestehe die Aussicht, den seit
Jahrzehnten bestehenden Konflikt zur nuklearen Entsorgung aufzulösen,
unterstrich Prof. Klaus-Jürgen Röhlig (TU Clausthal) bei seiner
Einführung. „Um dies zu erreichen“, so der Experte für Endlagersysteme,
„werden neue und ungewöhnliche Wege bei der Öffentlichkeitsbeteiligung
beschritten, aber auch die Rolle der Wissenschaft in einem solchen Prozess
wird in innovativer Weise definiert.“

„Geleitet von dem Anspruch, Wissenstransfer und wissenschaftlichen
Nachwuchs zu fördern, richten wir seit 2019 in Kooperation mit deutschen
Hochschulen regelmäßig die Tage der Standortauswahl aus“, ergänzte Iris
Graffunder. Nach der TU Braunschweig, der TU Bergakademie Freiberg und der
RWTH Aachen lag die Ausrichtung in diesem Jahr bei der TU Clausthal und
erreichte eine Rekordbeteiligung. „Vielen Dank an Prof. Röhlig und sein
Team, die wirklich viel geleistet haben, um diese Veranstaltung möglich zu
machen“, so die BGE-Chefin.

Neben dem Institut für Endlagerforschung brachten sich seitens der TU
Clausthal das Institut für Bergbau und das Institut für Geologie und
Paläontologie in die Organisation ein. Entsprechend der interdisziplinäre
Charakter der Veranstaltung: Es ging um geowissenschaftliche Grundlagen,
Bautechnik und Endlagerbetrieb, die numerische Modellierung komplexer
physikalischer und chemischer Prozesse, aber auch um Sicherheitsanalysen
und um gesellschaftliche, juristische und politische Fragestellungen in
Zusammenhang mit der nuklearen Entsorgung.

  • Aufrufe: 80

DGAI unterstützt Lauterbachs Initiative zur Herzvorsorge: Prävention als Schlüssel gegen den plötzlichen Herztod

Im Rahmen des Updates der „10 Thesen für 10.000 Leben“ wurde die klassische Rettungskette zur „Überlebenskette“ erweitert.  DGAI e.V.  A&I 12/23
Im Rahmen des Updates der „10 Thesen für 10.000 Leben“ wurde die klassische Rettungskette zur „Überlebenskette“ erweitert. DGAI e.V. A&I 12/23

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und
Intensivmedizin e.V. (DGAI) begrüßt die Initiative von
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, die regelmäßige Herzvorsorge
als Kassenleistung anzuerkennen. Dieser Schritt sei eine wichtige Maßnahme
zur Verringerung der Todesfälle durch plötzlichen Herztod. Gemeinsam mit
Experten aus verschiedenen Fachbereichen setzen sich Fachärztinnen und
Fachärzte für Anästhesiologie intensiv für verbesserte Überlebenschancen
nach einem plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand ein.

Als Trägerin des Deutschen Reanimationsregisters organisiert die DGAI in
Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und
Anästhesisten e.V. (BDA) regelmäßig die Bad Boller Reanimations- und
Notfallgespräche. Dort wurde erst kürzlich ein Update der „10 Thesen für
10.000 Leben“ veröffentlicht, bei dem die klassische Rettungskette zur
„Überlebenskette“ erweitert wurde. Diese beginnt nicht erst mit der
Notfallsituation, sondern nimmt die Prävention eines außerklinischen Herz-
Kreislauf-Stillstandes mit auf – ein Anliegen, das nun auch durch die
Initiative des Bundesgesundheitsministers aufgegriffen wird.

„Der plötzliche Herztod ist meist nicht plötzlich, sondern kündigt sich
durch frühe Warnzeichen an und ist vermeidbar, insbesondere bei jungen,
scheinbar gesunden Personen“, betont Prof. Dr. Jan-Thorsten Gräsner,
Sprecher der Sektion Notfallmedizin der DGAI.

Symptome wie unklare Synkopen (kurzzeitige Bewusstlosigkeit),
Krampfanfälle, kardiale Palpitationen (Herzrasen oder Herzstolpern),
Dyspnoe (Atemnot) oder Brustschmerzen, vergleichbar mit einem Herzinfarkt,
können auf eine zugrundeliegende Erkrankung hinweisen. „Bei Auftreten
solcher Symptome ist eine umgehende medizinische Untersuchung und
Behandlung notwendig, um lebensbedrohliche Situationen zu verhindern“,
ergänzt PD Dr. Jan Wnent, Sprecher des Arbeitskreises Notfallmedizin
innerhalb der DGAI.

Das vorgeschlagene Gesetz zur Herzvorsorgeuntersuchung biete die
Möglichkeit, frühzeitig erkennbare und behandelbare Erkrankungen zu
identifizieren. Die DGAI betont die Notwendigkeit, dabei auch die
genetische Komponente in den Fokus zu nehmen. Genetische Aufklärung kann
dazu beitragen, Familienmitglieder mit einem erhöhten Risiko frühzeitig zu
identifizieren und entsprechende präventive Maßnahmen zu treffen. Dies
beinhaltet auch die Ursachenklärung nach einem überlebten plötzlichen
Herz-Kreislauf-Stillstand sowie standardisierte Obduktionen bei
Verstorbenen nach solch einem Ereignis.

In Deutschland erleiden jährlich etwa 113.000 Menschen einen Herz-
Kreislauf-Stillstand, ein Drittel davon im erwerbstätigen Alter. In rund
60.000 Fällen wird mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Von diesen
Patienten erreichen 33 Prozent lebend das Krankenhaus, elf Prozent können
es letztlich lebend verlassen – nur 5.000 davon ohne neurologische Folgen.

Vor diesem Hintergrund ruft die DGAI zu einer verstärkten Sensibilisierung
der Bevölkerung für die Symptome des plötzlichen Herztodes auf und
unterstreicht die Bedeutung von Prävention und Früherkennung für eine
verbesserte Herzgesundheit in Deutschland. „Jede verhinderte Reanimation
ist die beste Situation für die Patienten“, so Prof. Dr. Jan-Thorsten
Gräsner.

  • Aufrufe: 35

Mikroplastik im Meer: Neue Methode

Schiffe emittieren Rückstände von Farbanstrichen und Beschichtungen ins Wasser. Foto: BSH  BSH
Schiffe emittieren Rückstände von Farbanstrichen und Beschichtungen ins Wasser. Foto: BSH BSH

Mikroplastik im Meer könnte größtenteils auch aus Beschichtungen sowie
Farbanstrichen von Schiffen und Bauwerken im Meer stammen. Daten dazu gibt
es allerdings kaum. Das Helmholtz-Zentrum Hereon und das Bundesamt für
Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) haben daher eine neue Methode
entwickelt, um derartige Partikel zu analysieren. In Kürze testen sie die
Methode an Proben aus Offshore-Windparks in der Nordsee. So kann die
Belastung künftig besser erfasst und das Risiko für die Meeresumwelt
bewertet werden.

„Abriebe von Partikeln entstehen nicht nur im Straßenverkehr, sondern zum
Beispiel auch in der Schifffahrt“, erklärt BSH-Wissenschaftler Dr. Marten
Fischer. „Farbanstriche und Beschichtungen gegen Bewuchs und Korrosion
bestehen überwiegend aus Kunststoffen. Durch Verwitterung und Verschleiß
entsteht Mikroplastik – Partikel, die kleiner sind als 5 Millimeter“. Doch
wie viele Partikel gelangen so ins Meer?

Um das herauszufinden, kombinierte ein Forschungsteam verschiedene
chemisch-analytische und mathematisch-statistische Methoden. „So können
wir verschiedene Typen von Partikeln genauer erfassen und sicher
voneinander unterscheiden. Dadurch können wir das potentielle Risiko von
Partikeln aus Beschichtungen und Farbanstrichen für die Meere besser
einschätzen“, erläutert Dr. Lars Hildebrandt, Erstautor der kürzlich
veröffentlichten Studie am Hereon.

Derartige Partikel könnten vermehrt auch durch den Ausbau der Offshore-
Windenergie und die zunehmende Schifffahrt in die Meeresumwelt gelangen.
Die Studie wurde unter anderem durch das Bundesministerium für Digitales
und Verkehr (BMDV) im Zusammenhang mit dem BMDV-Expertennetzwerk
gefördert. Dort werden Abriebe aus der Verkehrsinfrastruktur und dem
Verkehr selbst untersucht.

Untersuchung von Partikeln in Offshore-Windparks

Nun kommt die neue Methode direkt zum Einsatz. Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler sind vom 22. April bis zum 2. Mai 2024 mit dem BSH-
Forschungsschiff ATAIR unterwegs, um die deutschen Meeresgewässer zu
überwachen. Dabei nehmen sie auch Wasser- und Sedimentproben in Offshore-
Windparks und in der Deutschen Bucht, die sie im Labor auf Partikel aus
Farbanstrichen und Beschichtungen untersuchen.

Die Probenahme findet im Rahmen des europäischen Interreg-Projekts Anemoi
statt. Bis Ende 2026 untersuchen elf Partner aus sechs verschiedenen
Ländern des Nordseeraums die stofflichen Emissionen von Offshore-
Windenergieanlagen. Neben Partikeln aus Farbanstrichen und Beschichtungen
stehen ebenfalls Spurenmetalle und organische Schadstoffe im Fokus der
Untersuchungen.

Der Ausbau der Offshore-Windenergie in Nordsee und Ostsee ist ein
wichtiger Bestandteil der Energiewende. Die Untersuchungen von Hereon und
BSH tragen dazu bei, die Meeresumweltüberwachung kontinuierlich zu
verbessern. So können die Auswirkungen von neuartigen Substanzen auf die
Meeresumwelt bewertet und wirksame Maßnahmen umgesetzt werden, die den
Eintrag in die Meere reduzieren.

Hintergrund Hereon und BSH

Das Helmholtz-Zentrum Hereon betreibt internationale Spitzenforschung für
eine Welt im Wandel: Rund 1.000 Beschäftigte erschaffen Wissen und
Innovationen für mehr Resilienz und Nachhaltigkeit – zum Wohle von Klima,
Küste und Mensch. Dabei verfolgen die verschiedenen Hereon-Institute
interdisziplinäre und ganzheitliche Forschungsansätze. In dieser
Publikation lag der Schwerpunkt des Hereon-Instituts in der Analyse von
Farbpartikeln in der Meeresumwelt. Als Beitrag zur Nachhaltigkeit liegt im
Institut für Oberflächenforschung einer der weiteren Schwerpunkte auf dem
Design korrosionsbeständiger Oberflächen, die die Lebensdauer erhöhen und
zusätzliche Funktionalitäten bieten können.

Das BSH ist die zentrale maritime Behörde in Deutschland. Zuständig für
Schifffahrt. Für Meeresschutz. Für Offshore. Für Meeresvermessung. Für
Meeresdaten. Für maritime Ressortforschung. Insgesamt engagieren sich 1000
Beschäftigte in über 100 unterschiedlichen Berufen an den Standorten in
Hamburg und Rostock sowie auf fünf Vermessungs-, Wracksuch- und
Forschungsschiffen. Wir unterstützen die Schifffahrt, fördern eine
nachhaltige Meeresnutzung und schützen die Meeresumwelt – und damit das
Klima. Für die kommenden Generationen. Das Bundesamt für Seeschifffahrt
und Hydrographie ist eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des
Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV).

  • Aufrufe: 43