Ein neuer Blick auf die Folgen von Lichtverschmutzung: GAME-Jahrgang 2024 beginnt seine Experimente in acht Ländern
Kann nächtliches Kunstlicht Meeresalgen schädigen und
deren wichtige Funktionen für Küstenökosysteme beinträchtigen? Das
diesjährige Projekt des Ausbildungsprogramms „Globaler Ansatz durch
Modulare Experimente“ (GAME) des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für
Ozeanforschung Kiel widmet sich erstmals dieser wissenschaftlich bislang
noch nicht untersuchten Frage. Dafür sind 16 Studierende in acht Ländern
rund um den Globus im Einsatz. Ihre Arbeiten werden von der Klaus Tschira
Stiftung ermöglicht. Sie knüpfen an frühere GAME-Projekte an, die
Einflüsse von Lichtverschmutzung auf Muscheln, Seeigel und andere
Organismen am Meeresboden belegen konnten.
Dass der Einfall von nächtlichem Kunstlicht Meerestiere beeinflusst, ist
mittlerweile wissenschaftlich belegt. Auch das Ausbildungsprogramm
„Globaler Ansatz durch Modulare Experimente“ (GAME) des GEOMAR Helmholtz-
Zentrum für Ozeanforschung Kiel trug zum Erkenntnisgewinn bei. Doch können
auch Meerespflanzen wie Großalgen betroffen sein? Beeinflussen ihre
Reaktionen wiederum andere Lebewesen, die von ihnen abhängen? Wie weit
können sich die Effekte im Nahrungsnetz fortpflanzen? Sind bestimmte
Folgen auch für uns Menschen spürbar? Teilnehmende des diesjährigen GAME-
Projekts zählen zu den ersten Forschenden, die sich diesen Fragestellungen
widmen. Dafür sind 16 junge Leute von April bis Oktober 2024 in
Zweierteams in Cabo Verde, Finnland, Japan, Kroatien, Malaysia, Portugal,
Spanien und Wales im Einsatz.
Entsprechend des speziellen Ansatzes von GAME führen die Studierenden an
ihren Einsatzorten einheitliche Experimente durch, um vergleichbare Daten
zu gewinnen. In diesem Jahr setzen sie verschiedene Algenarten im Labor
für mehrere Wochen teils dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht und
teils nächtlichem Kunstlicht aus. Dabei werden einige der Algen in ihren
Becken ungestört gehältert, in anderen befinden sich zusätzlich
Weidegänger wie Schnecken oder Seeigel. Anschließend soll in einem
Fraßversuch getestet werden, ob die vorher beweideten Algen eine chemische
Verteidigung gegen Fraß aufgebaut haben und ob diese Fähigkeit eventuell
durch das nächtliche Kunstlicht beeinträchtigt wurde.
„Von Landpflanzen ist bereits bekannt, dass nächtliches Kunstlicht sie
beeinträchtigen kann. In den flachen Küstenmeeren übernehmen mehrzellige
Algen, deren größte Vertreterinnen ganze Unterwasserwälder bilden können,
ähnliche Funktionen wie die höheren Pflanzen an Land. Bislang gibt es aber
noch keine Untersuchungen dazu, wie sich nächtliches Kunstlicht, das an
vielen Küsten der Welt weit verbreitet ist, auf diese Organismen
auswirkt“, erklärt Projektleiter Dr. Mark Lenz. „Denkbar wäre
beispielsweise, dass das Fehlen von Dunkelheit in der Nacht den täglichen
Wechsel von Photosynthese und Atmung stört, oder andere physiologische
Prozesse, die an den Wechsel von Tag und Nacht gekoppelt sind,
beeinträchtigt. Das könnte zur Folge haben, dass die Algen eine geringere
Photosyntheseleistung erzielen, weniger wachsen oder möglicherweise
schlechter gegen Fraßfeinde verteidigt sind.“
Die drei vorangegangenen GAME-Projekte untersuchten verschiedene
Auswirkungen von nächtlichem Kunstlicht auf das Verhalten von Lebewesen am
Meeresboden. Die Serie begann 2021 mit der Frage, ob der Lichteinfall die
Aktivitätsmuster und Fraßraten mariner Weidegänger wie Schnecken und
Seeigel beeinflusst. 2022 erforschten Studierende, ob sich die
Filtrationsleistung und die Aktivität von Muscheln unter dem Einfluss von
nächtlichem Kunstlicht ändern. Der GAME-Jahrgang 2023 nahm das
Siedlungsverhalten von Larven mariner Wirbelloser wie Nesseltiere,
Muscheln, Manteltiere und Seepocken in den Blick. Seit 2021 GAME
hauptsächlich von der Klaus Tschira Stiftung ermöglicht.
„Unsere bisherigen Untersuchungen zeigten teilweise deutliche Einflüsse
des nächtlichen Kunstlichts. Diese waren jedoch nicht an allen Standorten
gleich, sondern variierten zwischen den Untersuchungssystemen. Ein Grund
dafür könnte sein, dass Meeresorganismen auf verschiedenen geographischen
Breiten unterschiedlich starke Veränderungen der Lichtverfügbarkeit im
Jahreslauf erleben und daher auch unterschiedlich auf Veränderungen in der
täglichen Lichtverfügbarkeit reagieren“, fasst Dr. Lenz zusammen.
„Beobachten konnten wir unter anderem eine Zunahme der Fraßraten bei
Seeigeln oder eine Abnahme in der Fähigkeit Haftfäden zu produzieren bei
Miesmuscheln. Außerdem setzten sich an einigen Standorten unter dem
Einfluss von nächtlichem Kunstlicht die Larven bestimmter Arten bei der
Besiedelung durch, was wiederum die Diversität der untersuchten Systeme
reduzierte.“ Derartige Reaktionen können Ökosysteme deutlich verändern. Da
sie zudem das Potenzial haben, sich auf höheren Organisationsebenen
fortzupflanzen, können sie auch Folgen für die Funktionsweise ganzer
Ökosystemen haben, die letztlich auch wir Menschen zu spüren bekommen
können. Sollten Makroalgen unter dem Einfluss von nächtlichem Kunstlicht
beispielsweise weniger gut gegen Fraß verteidigt sein, könnten
Algenbestände, die unter anderem Wasserbewegungen abbremsen und vielen
anderen Meerestieren als Lebensraum dienen, langfristig abnehmen.
Neben dem wissenschaftlichen Fortschritt fördert GAME auch die persönliche
Entwicklung der Teilnehmenden. Schon während ihres Masterstudiums lernen
sie, Experimente zu organisieren und durchzuführen, Daten auszuwerten, zu
interpretieren und darauf aufbauend eine wissenschaftliche
Veröffentlichung zu verfassen. Durch den Einsatz im Ausland und den engen
Austausch in der Gruppe eigenen sie sich wichtige interkulturelle
Kompetenzen an und knüpfen erste internationale Kontakte. Seit dem Start
von GAME im Jahr 2002 nahmen 286 Studierende aus 31 Ländern an 40
Partnerinstituten weltweit an dem Programm teil.
Hintergrund: GAME
GAME ermöglicht jungen Wissenschaftler:innen, die Auswirkungen des
globalen Wandels auf Küstenmeere zu untersuchen und dabei gleichzeitig
Daten für eine Masterarbeit zu sammeln. Dafür führen Zweierteams über
einen Zeitraum von sechs Monaten an verschiedenen Standorten auf der
ganzen Welt identische Experimente durch. Die Vor- und Nachbereitung jedes
Projekts findet gemeinsam mit allen Teilnehmenden am GEOMAR in Kiel statt.
Ein Projekt dauert von Anfang März bis Ende Dezember. Vorbereitend wird
die Herangehensweise an ökologische Fragestellungen erarbeitet und die
Analyse von Daten mit biostatistischen Methoden vertieft. In der
Nachbereitungsphase werden alle Ergebnisse vergleichend ausgewertet,
interpretiert und zur Publikation vorbereitet. In GAME trainieren die
Studierenden außerdem ihre Fähigkeit, Wissenschaft in Form von Vorträgen
und in Fachzeitschriften sowie in Formaten der Öffentlichkeitsarbeit zu
kommunizieren. Sie werden in ein globales Netzwerk eingebunden, das in
ihrer späteren Karriere als Ausgangspunkt für Kooperationen und den
Austausch von Erfahrung und Wissen dienen kann. Bewerbungen für GAME 2025
sind ab jetzt möglich.
Projekt-Förderung:
GAME wird hauptsächlich von der Klaus Tschira Stiftung ermöglicht. Weitere
Unterstüzung erhält das Programm von Bornhöft Industriegeräte, Hydro-Bios,
LimnoMar, der Müllverbrennung Kiel und SubCtech. GAME ist auf die
Unterstützung von Förderern angewiesen und freut sich über bestehendes und
zukünftiges Interesse.
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