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Stellungnahme zur heute vorgestellten Suizidpräventionsstrategie

Zentrale Rufnummer 113 und systematische Erhebung von Suizidversuchen von
Stiftung begrüßt / Kritik: 4-Ebenen-Interventionsansatz als wirkungsvolles
Instrument im Kampf gegen Suizidversuche und Suizide nicht bedacht

Leipzig/ Frankfurt am Main, 2. Mai 2024 – Die Stiftung Deutsche
Depressionshilfe und Suizidprävention befürwortet die nationale
Suizidpräventionsstrategie, die heute von Bundesgesundheitsminister Karl
Lauterbach vorgestellt wurde. In Deutschland begehen im Durchschnitt
täglich 28 Menschen einen Suizid und schätzungsweise 500 Personen einen
Suizidversuch. „Mit wenigen Mitteln kann bei der Suizidprävention noch
viel erreicht werden – vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Geld für die
Verhinderung von Verkehrstoten ausgegeben wird, obwohl durch Unfälle im
Vergleich zu Suiziden zwei Drittel weniger Menschen versterben“, erklärt
Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche
Depressionshilfe und Suizidprävention.
Viele der heute vorgestellten Eckpunkte der Strategie, wie z.B. die
Etablierung einer bundesweiten Rufnummer für Menschen in akuten suizidalen
Krisen unter 113 oder die systematische Erhebung von Suizidversuchen
werden von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention
unterstützt.
Jedoch weist das Papier auch Fehlstellen auf: So ist es im Rahmen der
Suizidprävention essentiell, die Versorgungssituation psychisch erkrankter
Menschen zu verbessern. Insbesondere Depressionen gehen mit einem erhöhten
Suizidrisiko einher. Übersehen wurde in der Strategie zudem das weltweit
am meisten verbreitete und am besten evaluierte Programm zur
Suizidprävention: der 4-Ebenen-Ansatz, in Deutschland in 90 regionalen
„Bündnissen gegen Depression“ von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
umgesetzt. Diese bereits bestehenden Strukturen sollten Teil einer
nationalen Suizidpräventionsstrategie sein.

Wie Suizidprävention gelingen kann: international etablierter 4-Ebenen-
Ansatz

Im Rahmen des BMBF-geförderten Kompetenznetzes Depression/Suizidalität
wurde unter Leitung von Prof. Hegerl ein gemeindebasierter 4-Ebenen-
Interventionsansatz entwickelt und wissenschaftlich untersucht. Dieser
Ansatz verbindet zwei Ziele: die bessere Versorgung von Menschen mit
Depression und die Prävention von Suiziden sowie Suizidversuchen. In einer
umschriebenen Region (Stadt, Gemeinde) werden dafür gleichzeitig
Interventionen auf vier Ebenen gestartet:
•       Kooperation mit Hausärzten (u.a. Schulungen)
•       Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Plakatkampagne, öffentliche
Veranstaltungen)
•       Schulungen von Multiplikatoren (z.B. Pfarrer, Lehrer,
Journalisten, Altenpflegekräfte, Polizisten)
•       Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige, u.a. durch
Informationsmaterialien, die Förderung der Selbsthilfe und das digitale
Selbstmanagement-Programm iFightDepression (tool.ifightdepression.com/).
Dieser Ansatz wurde nicht nur in Deutschland durch die Bündnisse gegen
Depression unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in 90
Städten und Regionen implementiert, sondern auch in zahlreichen
europäischen und außereuropäischen Ländern (Australien, Neuseeland, Kanada
und Chile) übernommen. Basierend auf mehreren Studien kommt ein neuer
systematischer Review (Linskens et al 2022) zu dem Schluss, dass diese 4
-Ebenen-Intervention der einzige ausreichend evaluierte suizidpräventive
Mehrebenenansatz ist.
„Durch dieses 4-Ebenen-Interventionskonzept und das bestehende Netzwerk
aus vielen regionalen Bündnissen besteht in Deutschland eine optimale
Ausgangslage für Suizidprävention. Bisher werden diese lokalen Bündnisse
zur Suizidprävention durch Bürgerengagement, Ehrenamt und Spenden
getragen. Äußerst hilfreich wäre es, wenn diese gerade vor dem Hintergrund
der gesetzlichen Neuregelungen zum assistierten Suizid eine staatliche
Förderung erhalten würden“ so Hegerl.

Mehrheit der Suizide erfolgt im Kontext psychischer Erkrankungen

2022 verstarben in Deutschland 10.119 Menschen durch Suizid – das sind
mehr Menschen, als im Verkehr (3.141), durch Drogen (1.990) und durch AIDS
(264) zusammengenommen zu Tode kommen (Statistisches Bundesamt, 2023). Die
Zahl der Suizidversuche wird mehr als 20-mal so hoch geschätzt. Suizide
erfolgen fast immer vor dem Hintergrund einer nicht optimal behandelten
psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression. „Die
überwältigende Mehrheit der Suizide in Deutschland sind keine Freitode,
sondern die tragische Folge schwerer psychischer Erkrankungen, wobei
Depressionen mit Abstand die wichtigste Rolle spielen. Dies liegt an dem
hohen Leidensdruck in Verbindung mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit.
Suizidalität und Hoffnungslosigkeit sind zentrale Krankheitszeichen einer
depressiven Erkrankung. Bestehende Probleme werden in der Depression
vergrößert und als unlösbar wahrgenommen. In ihrer Verzweiflung sehen
Menschen dann im Suizid den einzigen Weg, diesem unerträglichen Zustand zu
entkommen“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl. Die konsequente und
leitlinienkonforme Behandlung der Depression und anderer psychischer
Erkrankungen ist zentraler Baustein jeder Suizidprävention.
Ansprechpartner sind Psychiater, Psychologische Psychotherapeuten und
Hausärzte.

In den letzten 40 Jahren hat sich die Zahl der Suizidopfer halbiert. Der
Rückgang der Suizide dürfte vor allem darauf zurück zu führen sein, dass
mehr Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen sich
Hilfe holen und eine Diagnose bzw. Behandlung erhalten. Aufgrund von
Wissensdefiziten, Stigmatisierungen, der krankheitsbedingten Antriebs- und
Hoffnungslosigkeit sowie vor allem auch Defiziten im Gesundheitssystem
bestehen jedoch weiter große Versorgungslücken. „Wichtig zur
Suizidprävention ist, die Versorgungssituation psychisch erkrankter
Menschen in Deutschland zu verbessern. Es ist völlig inakzeptabel, dass
ein suizidgefährdeter Mensch oft erst nach Wochen oder Monaten einen
Facharzttermin oder Platz in der Klinik bekommt. Wir brauchen dringend
kürzere Wartezeiten. Darauf wurde bisher nicht genug Augenmerk gerichtet.“
so Hegerl weiter.

Hinweis an die Redaktionen:

Die Berichterstattung über Suizide ist mit einer besonderen Verantwortung
verbunden, damit es nicht zu Nachahmungen kommt (Werther-Effekt). In einem
Medien-Guide hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und
Suizidprävention die wichtigsten Regeln zur Berichterstattung über Suizide
zusammengefasst. Sie finden die Richtlinien hier:
www.deutsche-depressionshilfe.de/presse-und-pr/berichterstattung-suizide

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Hebräische Literatur im 20. Jahrhundert – Vortragsreihe des Dubnow- Instituts

Mit einem einführenden Vortrag eröffnet Giddon Ticotsky (Jerusalem) am
Donnerstag, den 16. Mai 2024, 17.15 Uhr die Vortragsreihe »Hebräische
Literatur im 20. Jahrhundert« des Leibniz-Instituts für jüdische
Geschichte und Kultur – Simon Dubnow. An insgesamt fünf Terminen geht die
Reihe israelisch-deutschen Konstellationen und Resonanzen nach. Die
Vorträge finden entweder im Dubnow-Institut oder im Literaturhaus Leipzig
statt.

In vielfältiger Weise sind sowohl die moderne hebräische Literatur als
auch wichtige Werke der jün-geren und der gegenwärtigen Generation
israelischer Autorinnen und Autoren mit dem deutschsprachigen Kulturraum
verflochten. Zum Teil begründen sich diese engen Verbindungen durch die
Lebenswege und die Familiengeschichte der Autorinnen und Autoren. Zum Teil
lassen sie sich auf der thematischen Ebene des Erzählten entdecken sowie
in literarischen Traditionen und Formen oder in konkreten Übersetzungs-,
Publikations- und Vermittlungsanstrengungen. Mitunter ist es aber auch
eine besondere Rezeptionsgeschichte der Übersetzungen, durch die Werke der
hebräischen Literatur im Deutschen ein Eigenleben gewinnen.

Die Vortragsreihe wird diese literarische Verflechtungsgeschichte an
prägnanten Werken von S. J. Agnon (1888–1970), Lea Goldberg (1911–1970)
und Tuvia Rübner (1924–2019) bis hin zur Gegenwartsliteratur sowie in der
Rekonstruktion von Vermittlungsprozessen und Begegnungen an fünf Abenden
erkunden. Zu Wort kommen Personen, die selbst auf ganz unterschiedliche
Weise als Vermittlerinnen und Vermittler zwischen der deutschsprachigen
und der hebräischen, israelischen Literatur und Kultur tätig sind.

Den Abschluss der Reihe bildet eine Lesung mit dem israelischen
Schriftsteller Tomer Gardi (Berlin), der im Gespräch mit Sebastian
Schirrmeister (Hamburg) der Sprachmischung in seinem dritten Roman »Eine
runde Sache« nachgeht. Für diesen wurde er 2022 mit dem Preis der
Leipziger Buch-messe ausgezeichnet.

Die Veranstaltungen im Dubnow-Institut sind kostenfrei. Der Eintritt für
die Veranstaltungen im Literaturhaus Leipzig beträgt 7,00 Euro/ermäßigt
5,00 Euro.

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Bachelor-Studium: ein Upgrade für Hebammen (Welt-Hebammentag am 5. Mai)

Wenn die Schmerzen beginnen, möchten werdende Mütter sicher sein, dass sie
in kompetenten Händen sind. Dann wünscht sich jede Gebärende die absolute
Aufmerksamkeit einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine gelernte Hebamme.
An der Hochschule Coburg werden Studierende zu solchen Geburts-Profis
ausgebildet und mit dem aktuellsten Fachwissen ausgestattet.

Text: Andreas Wolf

Mehr als 500 Kilometer hat die Wienerin zurückgelegt, um die Hebammen von
Morgen auszubilden – Prof. Karin Handl unterrichtet nun in Bamberg: „Ich
will junge Menschen so auf ihrem Weg zum Hebamme-Sein begleiten,
unterstützen und sicher gehen, dass sie die Hochschule als kompetente
Hebammen verlassen. Man kann nicht alles wissen, aber die Absolventinnen
müssen handlungsfähig sein, ihre Grenzen kennen und wissen, wo sie
nachschauen können, wenn sie etwas nicht wissen.“
Hebammenwissenschaft ist ein duales Bachelorstudium, in dem sich die
Studierenden an der Hochschule das notwendige theoretische und praktische
Wissen zur Geburtenhilfe und Säuglingspflege erarbeiten. Während der
gesamten Studiendauer an den Bamberger Akademien sind sie in einer von
mehreren Partnerkliniken angestellt. Dort absolvieren sie ihre
Praktikumseinsätze, begleiten erfahrene Hebammen in den Diensten und
übernehmen nach und nach Aufgaben. Mindestens einmal während der
Studienzeit lernen sie in einem externen Praktikum die freiberufliche
Hebammentätigkeit kennen. Der klassische Werdegang einer
Hebammenausbildung bekommt so einen wissenschaftlichen Unterbau und
Fähigkeiten, auf die heute nicht mehr verzichtet werden darf, sagt
Professorin Handl: „Die Betreuung und Begleitung von (werdenden) Müttern
und Neugeborenen war schon immer die Essenz der Ausbildung und wird es
auch im Rahmen des Studiums bleiben. Die übliche Ausbildung wird es bald
so nicht mehr geben und das duale Studium wird der einzige Ausbildungsweg
zur Hebamme sein.“

Wissenschaftliches Arbeiten in der Geburtshilfe

Denn auch wissenschaftliches Arbeiten brauchen die modernen
Geburtenhelferinnen und -helfer immer mehr: Wie liest und interpretiert
man eine Studie? Woran erkennt man gute Forschung? Und wie kann man selbst
etwas erforschen? Diese Fragen werden im Zuge des Studiums beantwortet,
versichert Handl: „Viele Hebammentätigkeiten basieren bislang auf
Erfahrungsevidenz. Das Studium erweitert diese Komponente um die
wissenschaftliche Evidenz, die in der Medizin bereits länger zum Standard
gehört.“ Einer der ältesten Berufe der Welt erhält damit ein wertvolles
Upgrade, das es auch ermöglicht, von anderen Berufsgruppen, auf
Forschungsebene, unabhängiger zu werden. Ein in Deutschland schon längst
überfälliger Schritt, betont Professorin.
Noch befindet sich der Studiengang allerdings im Aufbau. Das ist Chance
und Herausforderung zugleich, weiß die Professorin: „Mit jedem Jahrgang
lernen wir viele junge Frauen kennen, die Hebammen werden wollen und
zielstrebig den Weg dahin verfolgen. Wir haben viele externe Lehrende, die
Praxispartner und Praxispartnerinnen und unser Kernteam, die die
Studierenden unterstützen. Doch wir brauchen noch Ressourcen: personelle,
um das Kernteam zu erweitern, und zeitliche, um Modulhandbuch, Praktikums-
Curricula oder auch Examensprüfungen qualitativ hochwertig zu
konzipieren.“
Handl promoviert selbst als Nachwuchsprofessorin an der Hochschule Coburg.
Ihre langjährige Erfahrung als Hebamme im Klinikdienst und der
Wochenbettbetreuung hilft ihr dabei, ihre Vorlesungen praktisch zu
gestalten, um Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln: „Wissenschaftliche
Evidenzen, Forschungsergebnisse und Erfahrungsevidenzen sind für mich die
Grundlage, um die relevanten Inhalte für das Studium auszuwählen. Die
Darbringungsform hängt von der Lehrveranstaltung ab und ermöglicht es, den
zukünftigen Arbeitsalltag der Studierenden früh zu berücksichtigen.
Manchmal trainieren wir im ‚Skills Lab‘ am Modell eine Geburt zu leiten,
ein anderes Mal präsentiere ich ein Thema und wir tauschen unsere
Erfahrungen dazu aus.“

Simulation unter realitätsnahen Bedingungen

Beim Skills Lab handelt es sich um Räume, die real eingerichtet sind, wie
zum Beispiel Kreißzimmer, in denen Simulationen stattfinden, um
Arbeitssituationen so realitätsnah wie möglich zu trainieren. Dort, wo es
bereits möglich ist, kommen die Studierenden selbst ins Forschen und
Erforschen.
Für werdende Mütter hat diese Form der Hebammen-Lehre konkrete
Auswirkungen, weiß die Professorin: „Die Überprüfung von Interventionen
und das Abwägen von Nutzen und Risiken bringt eine Veränderung im Einsatz
dieser Interventionen. Manche Tätigkeiten werden aus der Geburtshilfe
verschwinden, andere werden sich etablieren. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung
während der Geburt zum Beispiel führt zu mehr vaginalen Geburten und
weniger höhergradigen Geburtsverletzungen. Das ist wissenschaftlich belegt
und es liegt an uns allen, diese Erkenntnis in die Praxis zu
implementieren.“

Gesuchte Fachkräfte

Aber nicht nur die Kompetenz, auch die Arbeitsbedingungen und die
Fachkräfteknappheit haben direkte Auswirkungen auf Patientinnen. In einer
Umfrage des Deutschen Hebammenverbands gaben 70 Prozent der befragten
Hebammen an, dass sie in der Klinik häufig drei oder mehr Frauen parallel
betreuen. 90 Prozent der Hebammen beklagten Überstunden (Quelle: Deutscher
Hebammenverband, 2022). Auch damit umzugehen zu lernen, ist Teil der
Ausbildung: „Keine Hebamme lehnt gerne die Übernahme der Betreuung von
Frauen ab. Noch schwieriger fällt es, wenn es zu wenig Kapazitäten gibt.
Gut ausgebildete Hebammen, die verantwortungsbewusst die vielfältigen
Aufgaben erfüllen können, werden heute also noch stärker gebraucht als
zuvor.“
Trotz mancher Hürden lehrt Professorin Karin Handl mit Leidenschaft: „Für
mich ist es ein Privileg zu sehen, wie sich innerhalb von dreieinhalb
Jahren die Studierenden zu kompetenten Persönlichkeiten entwickeln und
sowohl fachlich als auch persönlich reifen. Es ist etwas Besonderes, beim
Aufbau eines neuen Studiengangs mitzuwirken, obwohl es den Beruf bereits
sehr lange gibt. Diese Möglichkeit gibt es in vielen anderen Berufen
nicht. Es ist schön, wenn man Studierende sogar für die Geschichte des
eigenen Berufsstands begeistern kann – dann weiß man, dass sie hier
richtig sind.“
Der Studiengang Hebammenwissenschaft ist an die Fakultät Angewandte
Naturwissenschaften und Gesundheit angegliedert, dauert sieben Semester
und ermöglicht einen Bachelor of Science Abschluss.Wenn die Schmerzen beginnen, möchten werdende Mütter sicher sein, dass sie
in kompetenten Händen sind. Dann wünscht sich jede Gebärende die absolute
Aufmerksamkeit einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine gelernte Hebamme.
An der Hochschule Coburg werden Studierende zu solchen Geburts-Profis
ausgebildet und mit dem aktuellsten Fachwissen ausgestattet.

Text: Andreas Wolf

Mehr als 500 Kilometer hat die Wienerin zurückgelegt, um die Hebammen von
Morgen auszubilden – Prof. Karin Handl unterrichtet nun in Bamberg: „Ich
will junge Menschen so auf ihrem Weg zum Hebamme-Sein begleiten,
unterstützen und sicher gehen, dass sie die Hochschule als kompetente
Hebammen verlassen. Man kann nicht alles wissen, aber die Absolventinnen
müssen handlungsfähig sein, ihre Grenzen kennen und wissen, wo sie
nachschauen können, wenn sie etwas nicht wissen.“
Hebammenwissenschaft ist ein duales Bachelorstudium, in dem sich die
Studierenden an der Hochschule das notwendige theoretische und praktische
Wissen zur Geburtenhilfe und Säuglingspflege erarbeiten. Während der
gesamten Studiendauer an den Bamberger Akademien sind sie in einer von
mehreren Partnerkliniken angestellt. Dort absolvieren sie ihre
Praktikumseinsätze, begleiten erfahrene Hebammen in den Diensten und
übernehmen nach und nach Aufgaben. Mindestens einmal während der
Studienzeit lernen sie in einem externen Praktikum die freiberufliche
Hebammentätigkeit kennen. Der klassische Werdegang einer
Hebammenausbildung bekommt so einen wissenschaftlichen Unterbau und
Fähigkeiten, auf die heute nicht mehr verzichtet werden darf, sagt
Professorin Handl: „Die Betreuung und Begleitung von (werdenden) Müttern
und Neugeborenen war schon immer die Essenz der Ausbildung und wird es
auch im Rahmen des Studiums bleiben. Die übliche Ausbildung wird es bald
so nicht mehr geben und das duale Studium wird der einzige Ausbildungsweg
zur Hebamme sein.“

Wissenschaftliches Arbeiten in der Geburtshilfe

Denn auch wissenschaftliches Arbeiten brauchen die modernen
Geburtenhelferinnen und -helfer immer mehr: Wie liest und interpretiert
man eine Studie? Woran erkennt man gute Forschung? Und wie kann man selbst
etwas erforschen? Diese Fragen werden im Zuge des Studiums beantwortet,
versichert Handl: „Viele Hebammentätigkeiten basieren bislang auf
Erfahrungsevidenz. Das Studium erweitert diese Komponente um die
wissenschaftliche Evidenz, die in der Medizin bereits länger zum Standard
gehört.“ Einer der ältesten Berufe der Welt erhält damit ein wertvolles
Upgrade, das es auch ermöglicht, von anderen Berufsgruppen, auf
Forschungsebene, unabhängiger zu werden. Ein in Deutschland schon längst
überfälliger Schritt, betont Professorin.
Noch befindet sich der Studiengang allerdings im Aufbau. Das ist Chance
und Herausforderung zugleich, weiß die Professorin: „Mit jedem Jahrgang
lernen wir viele junge Frauen kennen, die Hebammen werden wollen und
zielstrebig den Weg dahin verfolgen. Wir haben viele externe Lehrende, die
Praxispartner und Praxispartnerinnen und unser Kernteam, die die
Studierenden unterstützen. Doch wir brauchen noch Ressourcen: personelle,
um das Kernteam zu erweitern, und zeitliche, um Modulhandbuch, Praktikums-
Curricula oder auch Examensprüfungen qualitativ hochwertig zu
konzipieren.“
Handl promoviert selbst als Nachwuchsprofessorin an der Hochschule Coburg.
Ihre langjährige Erfahrung als Hebamme im Klinikdienst und der
Wochenbettbetreuung hilft ihr dabei, ihre Vorlesungen praktisch zu
gestalten, um Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln: „Wissenschaftliche
Evidenzen, Forschungsergebnisse und Erfahrungsevidenzen sind für mich die
Grundlage, um die relevanten Inhalte für das Studium auszuwählen. Die
Darbringungsform hängt von der Lehrveranstaltung ab und ermöglicht es, den
zukünftigen Arbeitsalltag der Studierenden früh zu berücksichtigen.
Manchmal trainieren wir im ‚Skills Lab‘ am Modell eine Geburt zu leiten,
ein anderes Mal präsentiere ich ein Thema und wir tauschen unsere
Erfahrungen dazu aus.“

Simulation unter realitätsnahen Bedingungen

Beim Skills Lab handelt es sich um Räume, die real eingerichtet sind, wie
zum Beispiel Kreißzimmer, in denen Simulationen stattfinden, um
Arbeitssituationen so realitätsnah wie möglich zu trainieren. Dort, wo es
bereits möglich ist, kommen die Studierenden selbst ins Forschen und
Erforschen.
Für werdende Mütter hat diese Form der Hebammen-Lehre konkrete
Auswirkungen, weiß die Professorin: „Die Überprüfung von Interventionen
und das Abwägen von Nutzen und Risiken bringt eine Veränderung im Einsatz
dieser Interventionen. Manche Tätigkeiten werden aus der Geburtshilfe
verschwinden, andere werden sich etablieren. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung
während der Geburt zum Beispiel führt zu mehr vaginalen Geburten und
weniger höhergradigen Geburtsverletzungen. Das ist wissenschaftlich belegt
und es liegt an uns allen, diese Erkenntnis in die Praxis zu
implementieren.“

Gesuchte Fachkräfte

Aber nicht nur die Kompetenz, auch die Arbeitsbedingungen und die
Fachkräfteknappheit haben direkte Auswirkungen auf Patientinnen. In einer
Umfrage des Deutschen Hebammenverbands gaben 70 Prozent der befragten
Hebammen an, dass sie in der Klinik häufig drei oder mehr Frauen parallel
betreuen. 90 Prozent der Hebammen beklagten Überstunden (Quelle: Deutscher
Hebammenverband, 2022). Auch damit umzugehen zu lernen, ist Teil der
Ausbildung: „Keine Hebamme lehnt gerne die Übernahme der Betreuung von
Frauen ab. Noch schwieriger fällt es, wenn es zu wenig Kapazitäten gibt.
Gut ausgebildete Hebammen, die verantwortungsbewusst die vielfältigen
Aufgaben erfüllen können, werden heute also noch stärker gebraucht als
zuvor.“
Trotz mancher Hürden lehrt Professorin Karin Handl mit Leidenschaft: „Für
mich ist es ein Privileg zu sehen, wie sich innerhalb von dreieinhalb
Jahren die Studierenden zu kompetenten Persönlichkeiten entwickeln und
sowohl fachlich als auch persönlich reifen. Es ist etwas Besonderes, beim
Aufbau eines neuen Studiengangs mitzuwirken, obwohl es den Beruf bereits
sehr lange gibt. Diese Möglichkeit gibt es in vielen anderen Berufen
nicht. Es ist schön, wenn man Studierende sogar für die Geschichte des
eigenen Berufsstands begeistern kann – dann weiß man, dass sie hier
richtig sind.“
Der Studiengang Hebammenwissenschaft ist an die Fakultät Angewandte
Naturwissenschaften und Gesundheit angegliedert, dauert sieben Semester
und ermöglicht einen Bachelor of Science Abschluss.

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Fokus auf grünen Wasserstoff braucht mehr Konsequenz

Deutschland will sich eine globale Führungsrolle bei
Wasserstofftechnologien sichern. Dabei setzt es stärker als andere Länder
auf „grünen“ Wasserstoff, der mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen
hergestellt wird, und will dafür auch mit Partnern in weit entfernten
Regionen zusammenarbeiten. Diese Strategie kann das Tempo verlangsamen,
ist aber laut einem Beitrag in der Fachzeitschrift „Energie Strategy
Reviews“ langfristig der einzige Weg, um die Klimaziele zu erreichen.
Gleichzeitig bedeutet es, dass der Erfolg der deutschen
Wasserstoffstrategie von dem Aufbau von Erzeugungskapazitäten in
internationalen Partnerländern abhängt.

„Der grüne Wasserstoff muss importiert werden, weil das heimische
Potenzial für erneuerbare Energien nicht ausreicht. Seit 2020 die
Nationale Wasserstoffstrategie eingeleitet wurde, ist deshalb das Thema
Wasserstoff in viele bestehende Partnerschaften integriert worden und es
sind neue Partnerschaften mit einem starken Fokus auf
Wasserstoffkooperationen hinzugekommen. Mit ihrer internationalen
Reichweite – es gibt Beziehungen zu mehr als 50 Nicht-EU-Ländern – ist die
deutsche Strategie einzigartig “, sagt Erstautor Rainer Quitzow
(Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit - Helmholtz-Zentrum Potsdam). Im
Vordergrund stehe das Ziel, einen globalen Wasserstoffmarkt zu gestalten,
anstatt lediglich eine heimische Wasserstoffwirtschaft mit regionalen
Lieferbeziehungen aufzubauen.

Andere Länder mit geringem Potenzial für erneuerbare Energien verfolgen
eine andere Strategie: Japan und Südkorea zum Beispiel konzentrieren sich
auf bilaterale Beziehungen im asiatisch-pazifischen Raum und im Nahen
Osten und sind offen für alle Herstellungsarten von Wasserstoff. Damit
können sie, so die Forschenden, womöglich schneller eine führende Rolle in
der Anwendung von Wasserstofftechnologien spielen und ihre heimischen
Klimaziele umsetzen. Statt zu einer Reduzierung kommt es dadurch
allerdings nur zu einer Verschiebung der CO2-Emissionen in die Regionen,
wo die Wasserstoffproduktion mit Erdgas oder sogar Kohle stattfindet. Je
nach Anwendungsfeld kann es sogar zu einem Nettoanstieg der
Treibhausgasemissionen kommen.

Jetzt ist die Zeit für die Etablierung nachhaltiger Versorgungsketten

Das internationale Engagement Deutschlands, so heben die Forschenden
hervor, geht weit über die Etablierung bilateraler Lieferbeziehungen
hinaus. So spielt Deutschland eine wichtige Rolle bei der Entwicklung
internationaler Wasserstoffversorgungsketten. „Gerade während der
Entstehungsphase einer neuen grünen Industrie sind politische Maßnahmen
wegweisend. Das Förderinstrument der Bundesregierung, H2 Global, zielt
darauf ab, dass internationale Logistikketten von der Produktion bis zur
Lieferung des Wasserstoffs in einem nordeuropäischen Hafen, wie Rotterdam
oder Hamburg, erprobt werden. Dabei ist ein Auktionsmodell vorgesehen, bei
dem sowohl Produzenten als auch Abnehmer als Bieter teilnehmen“, erläutert
Ko-Autorin Adela Marian (Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit -
Helmholtz-Zentrum Potsdam). Anders als etwa Japan setze die
Bundesregierung also klar auf Wettbewerb.

Auch beim Kapazitäts- und Kompetenzaufbau in Entwicklungs- und
Schwellenländern nimmt Deutschland eine Führungsrolle ein. Dazu gehören
Aktivitäten im Rahmen der energiebezogenen Entwicklungszusammenarbeit,
etwa in Namibia, Indien, Marokko, Brasilien und Südafrika. In Westafrika
unterstützt die Bundesregierung den Kompetenzaufbau durch die Förderung
eines Masterstudiengangs zu grünen Wasserstofftechnologien an mehreren
Hochschulen.

Zusammenarbeit mit anderen Vorreitern braucht mehr Ambition

Ein Defizit der deutschen Wasserstoffstrategie sehen die Forschenden
darin, dass sie Nachhaltigkeitsthemen im Dialog mit anderen führenden
Ländern oder in multilateralen Gremien weniger stark in den Vordergrund
stellt als bei der Zusammenarbeit mit Entwicklungs- und Schwellenländern.
„Die Zusammenarbeit mit anderen Vorreiterländern ist bei der Entwicklung
von Nachhaltigkeitsstandards äußerst wichtig, letztlich auch im eigenen
Interesse, um die deutschen Prioritäten auf den internationalen Märkten zu
stützen“, sagt Ko-Autorin Almudena Nunez (Forschungsinstitut für
Nachhaltigkeit - Helmholtz-Zentrum Potsdam). Die Überarbeitung der
Strategie deute allerdings darauf hin, dass die Regierung dieses Defizit
erkannt hat und sich stärker für eine Förderung internationaler Standards
einsetzt.

Das ist besonders für den Bereich des „blauen Wasserstoffs“ wichtig, der
mit fossilen Brennstoffen in Kombination mit CCS (Abscheidung und
Einlagerung von CO₂-Emissionen) produziert wird. Hier arbeitet Deutschland
eng mit Norwegen zusammen. Das kann laut den Forschenden für eine
Übergangsphase sinnvoll sein – aber nur, wenn ein strenges Management der
Methanemissionen bei der Erdgasgewinnung und dem Transport des
Wasserstoffs sowie der CO2-Emissionen bei der späteren Speicherung
stattfindet. Ambitionierte internationale Standards und ein hohes Maß an
Transparenz seien notwendig. Zudem stelle sich die Frage, ob blauer
Wasserstoff wirklich schnell genug verfügbar sei, um in der relativ kurzen
Übergangsphase den gewünschten Beitrag zu leisten.

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