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Hilfe für „Mutter Ganga“

Am 22. März ist Weltwassertag. Die PTB nutzt ihn, um auf ein Projekt der
Entwicklungsarbeit hinzuweisen, bei dem die Messung der Wasserqualität des
Ganges im Mittelpunkt steht.

Indiens heiligster Fluss gilt als Verkörperung einer Flussgöttin und wird
oft auch so genannt wie sie: Mutter Ganga. Wer darin badet, so glauben
Hindus, wird spirituell gereinigt. Für viele Menschen ist der Ganges zudem
die einzige Trinkwasserquelle, meist ohne jede Filterung. Dabei ist dieser
Fluss einer der am stärksten verschmutzten der Welt. Welche weitreichenden
Folgen das hat, ist eines der Themen des UN-Weltwassertages am 22. März:
Ob Wasser sauber oder verschmutzt ist, ob es knapp oder reichlich
vorhanden ist, davon kann der Frieden zwischen den Menschen abhängen. Weil
sauberes Wasser so wichtig ist, auch für die Gesundheit und den Wohlstand
der Menschen, engagieren sich Expertinnen und Experten der Physikalisch-
Technischen Bundesanstalt (PTB) in einem Kooperationsprojekt mit indischen
Partnerinstitutionen für die verlässliche Messung der Wasserqualität am
Ganges.
Kleine Feuer brennen am Ufer des Flusses.

Nicht nur Verbrennungsstätten wie diese bei Varanasi vergiften den Ganges,
auch Müllberge und giftige Abwässer aus der Lederindustrie sorgen dafür,
dass das Baden im Fluss oder gar das Trinken seines Wassers gefährlich ist
(Foto: Dr Swati). Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.
Ein breiter Fluss zwischen schroffen Bergen-

Der saubere Oberlauf des Ganges in den Hügeln von Uttarakhand (Foto:
Franziska Wende). Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Jedes Jahr am 22. März wird mit Aktionen und Projekten rund um das Thema
Wasser informiert. Der diesjährige Weltwassertag der UNO steht unter dem
Motto „Wasser für den Frieden“: Wasser kann Frieden schaffen oder
Konflikte entfachen. Wohlstand, Gesundheit und Lebensqualität hängen vom
Wasser ab. Der Weltwassertag soll die Aufmerksamkeit auf diesen
essenziellen Rohstoff lenken und so einen Beitrag zu einem fairen Zugang
zu Trink- und Nutzwasser sowie dessen nachhaltiger Nutzung leisten.

PTB-Expertin Franziska Wende reist an diesem Tag in die indische
Hauptstadt Neu-Delhi, um sich mit den Beteiligten eines
Kooperationsprojektes abzusprechen. Das Projekt trägt den Titel “Stärkung
der Qualitätsinfrastruktur zum Monitoring des Oberflächenwassers im
Ganges”.

Der Ganges ist der heiligste Fluss Indiens. Ein Bad in ihm soll von Sünden
befreien und die Chance auf eine gute Wiedergeburt erhöhen. Ein Schluck
seines Wassers soll von Krankheiten befreien. Millionen von Menschen dient
sein Wasser weitgehend ungefiltert als Trinkwasser. Doch all dies ist
gefährlich, denn das Wasser des Ganges ist sehr stark mit Schadstoffen
belastet, aus Millionen von Jauchegruben, den ungeklärten, teilweise sehr
giftigen Abwässern etwa aus der Lederindustrie, Asche von den zahlreichen
Verbrennungsstätten entlang des Flusses und vielem mehr. „Mutter Ganga“,
auf deren Hilfe so viele Menschen hoffen, braucht selber Hilfe. Angesichts
der Dimensionen sucht die indische Regierung auch Unterstützung aus dem
Ausland.

So engagiert sich die PTB mit einem Projekt der Technischen Zusammenarbeit
für die Messung der Wasserqualität des Ganges. „Unser Vorhaben hat durch
die hohe Expertise der PTB bei Präzisionsmessungen und unsere langjährige
Kooperation mit den indischen Partnern Gewicht “, ordnet Hydrologin
Franziska Wende ein: „So können wir viel bewirken, man vertraut uns.“

Die Kooperation begann 2018 und wird vom Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. Ein Team von
PTB-Expertinnen und -Experten ist beratend tätig, um die Überwachung der
Wasserqualität am Ganges zu verbessern. Denn für einen Ausweg aus der
Misere braucht man vertrauenswürdige Messungen. „Unser Ziel ist es, allen
Beteiligten zu ermöglichen, nach den international anerkannten Regeln der
Qualitätssicherung zu arbeiten“, erklärt Franziska Wende. Es geht um
Messverfahren, Kalibrierungen und Akkreditierungen, mit denen dafür
gesorgt wird, dass man Messungen vertrauen kann.

Franziska Wende und ihr Team organisieren Schulungen und
Beratungsangebote, bringen Beteiligte der verschiedenen Behörden und
Labore zusammen und arbeiten gemeinsam an einem Datennetzwerk für die
Wasserqualität. „Es ist wichtig, vergleichbare Daten des Flusses an allen
Orten zu sichern und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen“, erklärt die
Expertin. Ihre Partnerinstitution vor Ort sind neben dem indischen
Metrologieinstitut vor allem die Nationale Behörde für einen sauberen
Ganges (National Mission for Clean Ganga, NMCG), die sich zu Ziel gesetzt
hat, die Verschmutzung des Ganges zu ermitteln und zu beseitigen. Wende
freut sich über erste Erfolge der Zusammenarbeit. Beispielsweise hat die
PTB-Beratung mit dazu beigetragen, dass Analyselabore akkreditiert werden
konnten. So können diese nachweisen, dass sie nach internationalen
Standards arbeiten.

Am Weltwassertag steht auch in Indien die Internationale Kooperation im
Vordergrund: Das internationale PTB-Team mit Expertinnen und Experten aus
Deutschland, Frankreich und Indien wird zwei Wochen lang die
Wasserqualität mit örtlichen Probennamen gemeinsam mit den indischen
Behörden untersuchen.

Wendes persönlicher Eindruck nach einigen Besuchen vor Ort: „Es ist zwar
manchmal bedrückend, die Verschmutzung des Ganges zu erleben. Doch merken
wir auch, dass wir mit unserer Arbeit das Bewusstsein für die Wichtigkeit
von sauberem Wasser stärken können. Unser Projekt hilft den Menschen vor
Ort dabei, gesünder die spirituelle Wirkung des Ganges zu erfahren. Und
das ist ein gutes Gefühl!“

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Erkenntnisse zum Eschentriebsterben - Neue Broschüre zum forstbetrieblichen Umgang mit der Esche

Zum Abschluss des Waldklimafonds-Forschungsvorhabens FraxForFuture liegt
nun ein Handlungsleitfaden zum Umgang mit dem Eschentriebsterben vor.
Zusammen mit dem Boniturschlüssel ist er ein wichtiges Forschungsergebnis
für die forstliche Praxis auf dem Weg zum Erhalt der Esche als
Wirtschaftsbaumart. Eine weitere Erkenntnis der Autoren: Ohne „Mut zur
Esche“ geht es nicht.

Seit dem Jahr 2002 grassiert das Eschentriebsterben in Deutschland.
Ausgelöst durch den aus Asien eingeschleppten Pilz Hymenoscyphus fraxineus
(Falsches Weißes Stängelbecherchen) bedroht es den Fortbestand von
Fraxinus excelsior als Wirtschaftsbaumart.

Aufgrund der Dringlichkeit wurde mit dem Demonstrationsvorhaben
FraxForFuture erstmals in Deutschland eine konzertierte Vorgehensweise zu
Erfassung, Beschreibung und Umgang mit einem forstpathologischen
Krankheitsbild erprobt. Dazu gehören seit Juli 2020 fünf
Forschungsverbünde mit insgesamt 27 Teilvorhaben sowie seit Oktober 2021
eine Ergänzungsstudie mit vier Teilvorhaben. Somit ist dieses
Demonstrationsvorhaben das größte Forschungsvorhaben, das über den
Waldklimafonds der Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) und für Umwelt, Naturschutz nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz (BMUV) finanziert wurde.

Die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse

Nun liegt zum Ende des Vorhabens neben dem 2021 veröffentlichten
Boniturschlüssel zur Ansprache des Eschentriebsterbens auch eine Broschüre
zum forstbetrieblichen Umgang mit dem Eschentriebsterben vor, beide sind
in unserer Mediathek erhältlich.

1.      Die waldbaulichen Empfehlungen zielen darauf ab, die Gemeine Esche
langfristig in stabilen Populationen zu erhalten. Das Konzept basiert auf
drei Grundsätzen:

2.      Gezielte Förderung der Eschennaturverjüngung als wichtigstes
Selektionspotenzial.

3.      Förderung und Erhaltung vitaler Eschen in allen Wuchsklassen zur
Sicherung der natürlichen Anpassung und genetischen Vielfalt.

4.      Konservativer Umgang mit Alteschen zur Erhaltung ihres
Samenpotenzials und ihrer ökologischen Funktionen.

Die Eschennaturverjüngung sollte gezielt gefördert werden, da sie aufgrund
der auch heute noch hohen Individuendichte über größtes natürliches
Selektionspotenzial verfügt. Infolge der innerartlichen Konkurrenz setzten
sich so die vitaleren Individuen gegen das Eschentriebsterben durch.
Konkurrenzdruck durch andere Baumarten, die in intensiv gemischten
Verjüngungen von den Begleitbaumarten sowie von verdämmender
Bodenvegetation ausgeht, sollte verringert werden. Eschen, die sich
gegenüber anderen Baumarten bisher behauptet haben, sollten in allen
Wuchsklassen gefördert werden, solange sie relativ vital erscheinen (bis
Kronenschadstufe 3 und ohne Stammfußnekrosen der Stufe 2).

Mut zur Esche

Die waldbaulichen Maßnahmen seien nicht ohne ein Verlustrisiko umsetzbar,
so die Autoren, und erforderten daher „Mut zur Esche“. Mit FraxRecovery
hat der Forschungsverbund bereits die nächsten notwendigen Schritte zur
Rettung der Esche festgelegt. Eine Finanzierung über den Waldklimafonds
wird jedoch bedauerlicherweise nicht mehr möglich sein, da diese
Förderrichtlinie aus haushaltspolitischen Gründen ausgelaufen ist.

„In der Überzeugung, dass die Esche und der Erreger überdauern werden,
kann uns eine kontrollierte und begleitete Umsetzung von
Forschungsergebnissen helfen, auch unter sich verändernden klimatischen
Bedingungen gesündere Waldstrukturen zu entwickeln“, so Jörg Grüner,
Sprecher des Gesamtprojektes FraxForFuture. „Mit dem Auslaufen des
Waldklimafonds liegen die aus unserer Sicht notwendigen weiteren
wissenschaftlichen Arbeiten zum Erhalt der Baumart Esche nun auf Eis.“

Häufig gestellte Fragen zum Eschentriebsterben:

Gibt es Möglichkeiten des chemischen oder biologischen Pflanzenschutzes
gegen das ETS?

Chemische Pflanzenschutzansätze werden nicht verfolgt. Es gibt jedoch
einige Ansätze zum biologischen Pflanzenschutz zur Therapie oder
Prophylaxe, denen es jedoch noch an Anwendungsreife fehlt. Zudem sind
Zulassungsprozesse langwierig und der Ausgang unsicher.

Wie erfolgversprechend sind Ansätze zur Resistenzzüchtung?

Es wurden sowohl Samenplantagen als auch Klonsammlungen vitaler Eschen
angelegt. Deren tatsächliche Anfälligkeit gegenüber dem Pilz muss aber
längerfristig beobachtet werden (Nachkommenschaftsprüfungen). Diese Bäume
werden vermutlich erst in 20 bis 30 Jahren Saatgut liefern.

Können weniger anfällige Eschen anhand genetischer Marker schnell und
zuverlässig identifiziert werden?

Die Suche nach entsprechenden genetischen Markern läuft intensiv, bisher
wurden noch keine zuverlässigen Marker identifiziert. Forschende
formulieren die Aussichten vorsichtig.

Können weniger anfällige Eschen durch physiologische Marker rasch
identifiziert werden?

Die geeignetste Methode zur Identifikation des ETS bleibt die optische
Ansprache und damit die Bonitur des Gesundheitszustands (siehe
Boniturschlüssel). Denn noch sind keine Marker identifiziert, die
beispielsweise durch die Präsenz bestimmter Sekundärstoffe auf eine
erhöhte Vitalität schließen lassen.

Sollen Eschen im Winter oder im Sommer bonitiert werden?

Im Winter lässt sich die langfristige Reaktion auf das Eschentriebsterben
durch Wasserreiser und ein verändertes Verzweigungsmuster erkennen,
während im Sommer eine vorübergehend volle Krone Kronenschäden maskiert.
Bei stark erkrankten Eschen kann es aber auch erst im Sommer zum Absterben
kommen. Außerdem sind Samenbäume im Sommer besser zu erkennen.
Stammfußnekrosen sind bei fehlender Bodenvegetation im Winter (ohne
Schnee) besser zu identifizieren.

Können statt der Gemeinen Esche auch andere Eschenarten gepflanzt werden?

Aufgrund fehlender Anbauerfahrungen und vor allem wegen der erhöhten
Gefahr der Einschleppung weiterer Schaderreger wird dies nicht empfohlen.
Als Ersatzbaumarten sollten heimische Baumarten verwendet werden, die den
Ausfall der Esche sowohl ökologisch als auch ökonomisch abfedern.

Hintergrund:

Der Waldklimafonds wurde 2013 als Bestandteil des Klima- und
Transformationsfonds gemeinsam von BMEL und BMUV aufgelegt. Die FNR
koordinierte seit 01.01.2019 als Projektträger auch Vorhaben der
Förderrichtlinie Waldklimafonds. Nach einem Beschluss des
Haushaltsauschusses im Bundestag auf der Bereinigungssitzung vom 18.01.24
zum Bundeshaushalt 2024 wird die Finanzierung des Waldklimafonds bis auf
Weiteres nicht fortgeführt.

Zugehörige Dateien:

•       Pressemitteilung: Boniturschlüssel erleichtert Erfassung von
Schadsymptomen https://news.fnr.de/fnr-pressemitteilung
/eschentriebsterben-boniturschluessel-erleichtert-erfassung-von-
schadsymptomen
•       Wissenswertes: Eschentriebsterben
https://wald.fnr.de/wissen/wissenswertes/artikel/eschentriebsterben-
wissenswertes
•       Projekt-News Zum Tag des Baumes: FraxForFuture bei Tagesschau
https://www.kiwuh.de/service/forschung-live/projektnews/toleranz-ist-
gefragt
•       Projekt-News: FraxForFuture informiert zum Eschentriebsterben auf
tagesschau.de https://www.fnr.de/presse/forschung-live/projektnews
/voellig-gesunde-baeume-gibt-es-nicht-mehr

•       Projekt-News: Forschungsverbünde gegen das Eschensterben
https://www.waldklimafonds.de/service/forschung-live/projekte
/forschungsverbuende-gegen-das-eschensterben-infos-jetzt-online
•       Projekt-News: Auf der Suche nach der Superesche
https://www.fnr.de/presse/forschung-live/projektnews/auf-der-suche-nach-
der-super-esche

•       Pressemitteilung: Hoffnung für die Esche
https://news.fnr.de/fnr-pressemitteilung/hoffnung-fuer-die-esche
•       Übersicht aller Projekte des Verbundvorhabens:
https://www.waldklimafonds.de/fileadmin/Projekte/2021/Eschentriebsterben/PM-2020
-35_uebersicht_aller_projekte-eschentriebsterben_1.pdf

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Barrierefreie Kommunikation in Echtzeit mit 3D-Gebärdensprache-Avatar

Viele gehörlose Menschen können Informationen am besten aufnehmen, wenn
sie ihnen in Gebärdensprache übermittelt werden. Bei dynamischen Inhalten
wie Abfahrtszeiten an Bahnhöfen war dies bislang jedoch nicht möglich. Die
TH Köln hat jetzt im Projekt AVASAG mit mehreren Partnern einen 3D-Avatar
entwickelt, der Texte automatisiert in Gebärdensprache übersetzt.

„Gewöhnliche Schriftsprache ist für gehörlose Menschen wie eine
Fremdsprache, da sich die Deutsche Gebärdensprache in Grammatik und
Wortwahl vom gesprochenen und geschriebenen Deutsch unterscheidet. Müssen
Informationen aufgenommen werden, die sich schnell ändern, sind
schriftliche Angaben deshalb für viele Gehörlose nur bedingt hilfreich“,
erklärt Prof. Dr. Arnulph Fuhrmann vom Institut für Medien- und
Phototechnik der TH Köln.

Zwar erstellen Unternehmen oder staatliche Institutionen heute bereits
Gebärdensprachvideos, um mit dieser Zielgruppe zu kommunizieren – diese
sind bislang aber nur für statische Inhalte sinnvoll. „Videoproduktionen
sind aufwändig und die einmal erstellten Videos nur schwer editierbar.
Ändert sich der Inhalt, müssen sie manuell angepasst oder komplett neu
erstellt werden. Für Reiseinformationen wie Fahrplanänderungen,
Verspätungen oder Zugausfälle ist das keine Option. Wir setzen daher auf
eine Lösung, die Informationen in Gebärdensprache in Echtzeit
bereitstellen kann“, so Fuhrmann.

Zusammengesetzte Lichtpunkte erzeugen digitales Abbild der Bewegungen

Um den Anforderungen an eine automatisierte Übersetzung gerecht zu werden
und damit die Teilhabe von Gehörlosen zu fördern, haben die sechs
Projektpartner eine neuartige Animationsmethode für einen 3D-Avatar – eine
virtuelle Darstellung mit menschlichen Gesichtszügen – geschaffen. Im
Teilprojekt der TH Köln wurden dazu einzelne Gebärden sowie ganze Sätze
einer Person mit mehreren Kameras aufgezeichnet, so dass Körper-, Finger-
und Gesichtsbewegungen gleichzeitig erfasst wurden.

„Beim sogenannten Motion Capturing werden reflektierende Leuchtmarker an
Körper und Kopf angebracht. Die Kameras nehmen dabei das reflektierte
Licht auf. Die Lichtpunkte werden dann am Computer zusammengesetzt und es
entsteht ein digitales Abbild der Bewegungen“, berichtet Fuhrmann und
ergänzt: „Der Computer nimmt aber nur die Lichtpunkte auf und kann sie
nicht der entsprechenden Bedeutung in der Gebärdensprache zuordnen. Das
ist besonders bei Fingerbewegungen kompliziert, da die Lichtpunkte sehr
dicht beieinander liegen und es schnell zu Fehlzuordnungen kommt.“

Sprachverarbeitung per Software

Um diese Herausforderung zu bewältigen, haben die Forschenden ein neues
Machine Learning (ML)-Verfahren entwickelt, das die erfassten Daten so
aufbereitet, dass alle Lichtpunkte korrekt zugeordnet werden können. Diese
aufbereiteten Daten wurden von den Projektpartnern weiterverwendet und
durch ein weiteres ML-Verfahren so verarbeitet, dass die aufgezeichneten
Gebärden mit den in die Software eingegebenen Texten verknüpft werden.
„Mit diesen Bausteinen ist es uns gelungen, ganze Sätze von
Reiseinformationen in Gebärdensprache zu übersetzen und durch den Avatar
animieren zu lassen“, erklärt Fuhrmann.

Umfrage und Ausblick

Im Anschluss nahmen 68 gehörlose Menschen an einer Online-Umfrage teil, um
die Benutzer*innenfreundlichkeit des Demonstrators zu bewerten. Dabei habe
sich gezeigt, dass die Interaktion mit dem Gebärdensprach-Avatar als
ansprechend, authentisch, respektvoll und natürlich wahrgenommen worden
sei. Die bevorzugte Nutzung der Anwendung liege auf mobilen Endgeräten.
„Wir erwarten eine hohe Akzeptanz, da die Gebärdensprachler*innen die
Verständlichkeit sowie das Erscheinungsbild des Avatars als positiv
wahrgenommen haben. Bis die Anwendung tatsächlich in stationäre
Bildschirme in Bahnhöfen, Busstationen oder Flughafenterminals sowie in
Websites und Mobilität-Apps integriert wird, sollte aus unserer Sicht noch
eine weitere Studie zur Verständlichkeit von Gebärdensprach-Avataren
durchgeführt werden“, so Fuhrmann.

Mehr Informationen finden sich unter: www.avasag.de

Über das Projekt

Im Verbundprojekt „AVASAG“ (Avatar-basierter Sprachassistent zur
automatisierten Gebärdenübersetzung) arbeiteten Hochschul- und
Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen aus den Bereichen 3D-Animation,
Softwareentwicklung, User Experience, Künstliche Intelligenz sowie
Gebärdensprache unter Leitung der Softwarefirma Charamel GmbH zusammen.
Prof. Dr. Arnulph Fuhrmann vom Institut für Medien- und Phototechnik der
TH Köln verantwortete das Teilvorhaben „Automatisierte Erfassung von
Gebärden mittels simultaner Aufnahme von Körper-, Finger-, und
Gesichtsbewegungen“.

Weitere Partner waren die yomma GmbH, Dienstleister für Übersetzung und
Produktion von Gebärdensprachevideos, die Ergosign GmbH, eine
Digitalagentur mit Fokus auf User Experience Design, die DFKI GmbH als
Forschungseinrichtung auf den Gebieten der maschinellen Übersetzung und
Mensch-Maschine-Interaktion sowie der Lehrstuhl Human-Centered Artificial
Intelligence der Universität Augsburg. Das Bundesministerium für Bildung
und Forschung förderte das dreijährige Vorhaben mit 1,47 Millionen Euro.

Die TH Köln zählt zu den innovativsten Hochschulen für Angewandte
Wissenschaften. Sie bietet Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland ein inspirierendes Lern-,
Arbeits- und Forschungsumfeld in den Sozial-, Kultur-, Gesellschafts-,
Ingenieur- und Naturwissenschaften. Zurzeit sind rund 23.500 Studierende
in etwa 100 Bachelor- und Masterstudiengängen eingeschrieben. Die TH Köln
gestaltet Soziale Innovation – mit diesem Anspruch begegnen wir den
Herausforderungen der Gesellschaft. Unser interdisziplinäres Denken und
Handeln, unsere regionalen, nationalen und internationalen Aktivitäten
machen uns in vielen Bereichen zur geschätzten Kooperationspartnerin und
Wegbereiterin.

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Generative KI verändert Schule und Studium – zentrale Herausforderungen

Bessere Noten mithilfe von ChatGPT? Generative künstliche Intelligenz (KI)
hat längst Einzug in Klassenzimmer und Hochschulen gehalten und wird das
deutsche Bildungssystem nachhaltig verändern. Eine neue bidt-Studie zeigt,
wie erwachsene Schülerinnen und Schüler sowie Studierende die Technologien
nutzen, ihre Chancen einschätzen und wo sie Regulierungsbedarf sehen.
Nachhilfe ist laut den Ergebnissen an mehreren Stellen notwendig: Eine
kritische Auseinandersetzung mit KI, klare Leitlinien und kontrollierte
Prüfungsformate sind nur ein paar der aktuellen Herausforderungen.

Eine Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale
Transformation (bidt) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften legt
dar, wie generative künstliche Intelligenz insbesondere im Bildungskontext
genutzt und wahrgenommen wird. Im Auftrag des bidt befragte das
Marktforschungsinstitut DCORE im Juli und August 2023 3.020
Internetnutzende in Deutschland, darunter 252 Schülerinnen und Schüler ab
18 Jahren und 981 Studierende ab 18 Jahren.

Hier geht es zur Studie „Verbreitung und Akzeptanz generativer KI an
Schulen und Hochschulen“: https://www.bidt.digital/publikation
/verbreitung-und-akzeptanz-generativer-ki-an-schulen-und-hochschulen

Drei Viertel der befragten Lernenden setzen generative KI ein

Die junge Generation kennt generative KI häufiger als der Rest der
Bevölkerung. Während 92 Prozent der erwachsenen Schülerinnen und Schüler
und 98 Prozent der Studierenden bereits von der Technologie gehört haben,
sind es unter den restlichen befragten Internetnutzenden 77 Prozent. Noch
deutlicher sind die Unterschiede jedoch bei der Nutzung. Nur ein Viertel
der Befragten, die keine Schule oder Hochschule besuchen, hat generative
KI bereits verwendet. Im Gegensatz dazu haben rund drei Viertel der
Schülerinnen und Schüler (73 Prozent) sowie Studierenden jeweils ab 18
Jahren (78 Prozent) die Technologie bereits eingesetzt. Insgesamt
verwenden männliche Lernende sie häufiger als weibliche.

Zeitersparnis und bessere Noten – selbst ohne entsprechende Leistung

Erstaunlich ist der wahrgenommene Einfluss generativer KI auf die
Benotung: Vier von zehn erwachsenen Schülerinnen und Schülern (42 Prozent)
und 45 Prozent der Studierenden sind der Meinung, dass sie durch
generative KI bessere Noten erhalten hätten, ohne dafür eine angemessene
Leistung erbracht zu haben. Andererseits stimmt auch die Hälfte der
befragten Lernenden der Aussage zu, dass der Einsatz von generativer KI im
Rahmen von Schule oder Studium zu einer Leistungssteigerung führt.
Insgesamt sehen sowohl erwachsene Schülerinnen und Schüler als auch
Studierende die Vorteile der Technologie. Sie konnten die erzeugten
Ergebnisse überwiegend sinnvoll nutzen, durch den Einsatz generativer KI
leichter lernen und Zeit sparen. Während ChatGPT und Co. in der Schule
eher für Textzusammenfassungen (68 Prozent) verwendet werden, besteht der
Hauptzweck bei Studierenden in der Recherche (59 Prozent).

Interesse an tieferem Verständnis steigt mit Wissensstand

Nur, weil die Lernenden generative KI kennen und nutzen, verstehen sie die
Technologie nicht notwendigerweise. Lediglich etwa die Hälfte der
betrachteten Lernenden, die zumindest schon von generativer KI gehört
haben, gibt auch an, ihre Grundlagen zu verstehen. Doch zeigt sich auch:
Je häufiger die Lernenden generative KI nutzen, desto eher verstehen sie
die Technologie. Zudem würde etwa die Hälfte der betrachteten Schülerinnen
und Schüler (45 Prozent) sowie Studierenden (57 Prozent) generative KI-
Systeme gerne besser verstehen. Wobei insbesondere die Personen mit mehr
Verständnis der Technologie dieses Wissen noch weiter vertiefen wollen.

Kritische Auseinandersetzung noch ausbaufähig

Beim Risikobewusstsein besteht Nachholbedarf: Nicht mehr als 50 Prozent
der betrachteten Schülerinnen und Schüler und 56 Prozent der Studierenden
sind sich bewusst, dass erzeugte Ergebnisse faktisch falsch sein können.
Auch eine kritische Auseinandersetzung ist nur teilweise vorhanden:
Weniger als zwei von drei Schülerinnen und Schülern (59 Prozent) und
Studierenden (58 Prozent) überprüfen die Korrektheit der Ergebnisse
textbasierter generativer KI im Kontext von Schule oder Studium. Zum
Vergleich: Im beruflichen Kontext sind es unter den nicht studierenden
Erwerbstätigen immerhin 70 Prozent.

„Ein erheblicher Anteil der Lernenden ist sich nicht bewusst, dass
generative KI unvollständige, unausgewogene oder widersprüchliche
Ergebnisse liefern kann“, betont Antonia Schlude, wissenschaftliche
Referentin des bidt Think Tank. „Umso wichtiger ist es, diese Grenzen
aufzuzeigen und die Technologie- und Medienkompetenzen von Lernenden und
Lehrenden zu fördern.“

Wunsch nach Leitlinien, kontrollierten Prüfungsformaten oder sogar Verbot

Auch bei den Lehrenden herrscht zum Teil Unwissenheit. Bei einem Drittel
der volljährigen Lernenden, die textbasierte generative KI im Rahmen von
Schule oder Studium eingesetzt haben, wisse das Lehrpersonal nichts von
der Nutzung. Zudem berichten 54 Prozent der Schülerinnen und Schüler und
41 Prozent der Studierenden ab jeweils 18 Jahren, dass es an ihrer
Bildungseinrichtung keine Leitlinien gebe. Wenn Regelungen vorhanden sind,
werden sie überwiegend eingehalten (61 Prozent). Wenn keine Regelungen
vorhanden sind, wünschen sich 44 Prozent der betrachteten Schülerinnen und
Schüler und 57 Prozent der Studierenden ebensolche. Auch sprechen sich
immerhin 47 Prozent der Studierenden für mehr kontrollierte
Prüfungsformate aus, ein Drittel (31 Prozent) ist sogar für ein Verbot von
generativer KI.

Große Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem

Den Lernenden ist mehrheitlich klar, dass der Einsatz generativer KI das
deutsche Bildungssystem vor große Herausforderungen stellen wird. Eine
wichtige Aufgabe ist es, mit der rasanten Entwicklung der Technologie
Schritt zu halten und schnell mit geeigneten Maßnahmen zu reagieren.

Roland A. Stürz, Abteilungsleiter des bidt Think Tank und Leiter der
Studie, sieht Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen: „Generative KI
setzt das deutsche Bildungssystem massiv unter Druck.
Bildungseinrichtungen müssen sich flexibler und agiler aufstellen und
bildungspolitische Maßnahmen ergriffen werden: Klare Regelungen,
Kompetenzaufbau und eine adäquate Leistungsbewertung sind nur einige der
großen Herausforderungen, vor denen Schulen und Hochschulen jetzt stehen.“

Zum Hintergrund

Die Studie ist der zweite Teil der bidt-Befragung zu generativer KI in
Deutschland. Den ersten Teil finden Sie hier:
https://www.bidt.digital/publikation/verbreitung-und-akzeptanz-
generativer-ki-in-deutschland-und-an-deutschen-arbeitsplaetzen/

Informationen zum übergeordneten Forschungsprojekt des Think Tank gibt es
hier: https://www.bidt.digital/forschungsprojekt/verbreitung-und-
akzeptanz-von-kuenstlicher-intelligenz/


Autorinnen und Autoren der Studie:
Antonia Schlude, Ulrike Mendel, Dr. Roland A. Stürz, Dr. Micha Fischer

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