Was geht, was kommt, was bleibt? – Die Technik-Trends 2024
Alle Jahre wieder … blicken die Analyst:innen von Gartner in ihre
Glaskugeln und verkünden die wichtigsten Tech-Trends, die uns in den
kommenden Monaten bevorstehen. Wie richtig sie damit liegen, haben wir
unsere Expert:innen für Wirtschaft, Unternehmensführung und Künstliche
Intelligenz gefragt. Ein Austausch mit hoher Schlagzahl über alles, was
2024 wichtig wird – oder auch nicht.
Frau Prof. Dr. Hermann, Herr Prof. Dr. Müller, Herr Dr. Konecny, bei
Gartner bündelt man die Top-10-Tech-Trends thematisch. Ganz oben steht,
wenig überraschend, die KI.
Dr. Konecny: Das Thema wird uns nicht mehr verlassen. Ich klettere über
Berge der Innovation: Ständig kommt auf uns Neues Wunderbares zu. Aber
auch Probleme gibt es genug, zum Beispiel beim Datenschutz. Open AI, der
Entwickler des Sprachmodells ChatGPT, wird jetzt in den USA von
Schriftsteller:innen verklagt, weil ihre Werke zu den Trainingsdatensätzen
dieses Modells gehören. Wie das urheberrechtlich zu beurteilen ist, ist
noch nicht klar.
Die Angst vor der KI greift um sich?
Dr. Konecny: Nicht ganz zu Recht. Es ist auch ein mediales Problem. Unsere
Bildung in Sachen Künstlicher Intelligenz kommt hauptsächlich aus
Hollywood. Ich sage immer: Maschinen sind auch nur Menschen. Denn hinter
der KI stehen „nur“ Maschinen, die von Menschen gemachte Daten vorgesetzt
bekommen. Es braucht also Kontrolle, aber wir sollten uns auch nicht so
empören. Wenn wir diese Modelle zurückweisen, dann entziehen wir sie auch
unserer Kontrolle, weil die Entwicklung dann woanders stattfindet.
Prof. Dr. Hermann: Dabei sollte es bei den Tech-Trends für das kommende
Jahr eigentlich darum gehen, welche Potenziale die KI den Unternehmen
tatsächlich bietet und wie sie diese nutzen können. Kurz: Wo ist der
Mehrwert?
Haben Sie die Antwort?
Prof. Dr. Hermann: Er liegt jedenfalls nicht allein in der Optimierung
von etablierten Prozessen. KI kann auch Impulse und Inspirationen bieten,
um neue Arbeitsabläufe zu entwickeln und letztlich das
Unternehmenswachstum ankurbeln. Das ist aus Managementperspektive
entscheidend, weshalb sich Gartner mit seinen Top-Trends auch explizit an
die Entscheider:innen in der IT wendet.
Legen wir zu viel Fokus auf das Thema KI?
Prof. Dr. Müller: KI stellt nur einen Aspekt im Zuge der fortschreitenden
Digitalisierung dar. Wir verstehen Digitalisierung immer noch
technologisch, aber der große globale Shift, der gerade passiert, ist
ökonomisch getrieben. Wir erleben einen radikalen Umbruch des kompletten
globalen Wirtschaftssystems!
Inwiefern?
Prof. Dr. Müller: Die Entwicklung ist ohne Weiteres mit dem Umbruch von
der Agrarökonomie zur Industriellen Ökonomie zu vergleichen. Wir verfügen
über ausgeprägte Erfahrung und Kompetenz in der Praxis der Industriellen
Ökonomie, die zurück bis in die Ära der ersten industriellen Revolution
und die Zeit der Erfindung der Dampfmaschine reicht. Das können wir
richtig gut. Aber die Digitale Ökonomie ist neu. Wirtschaft, Industrie und
Gesellschaft stehen immer in Beziehung zueinander. Ändern sich die
Wertschöpfungssysteme, ändert sich auch alles andere. KI hat darauf großen
Einfluss. Aber gerade deshalb ist die ökonomische Perspektive so wichtig –
weil KI, wie alle neuen Technologien, irgendwann nur noch Basisforderung
sein wird.
Die Frage ist: Was passiert infolge des Einsatzes von KI mit Blick auf
Wertschöpfung?
Prof. Dr. Hermann: Dabei sind heutzutage noch weitere Aspekte zu
berücksichtigen. Nachhaltigkeit ist inzwischen ebenso obligatorisch wie
der Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die IT-Nutzung muss
effizienter, nachhaltiger und sicherer werden durch den Einsatz von KI.
Das scheint man bei Gartner ähnlich zu sehen. Ein Schwerpunkt der Trends
2024 liegt auf Sicherheit und Nachhaltigkeit.
Prof. Dr. Hermann: Wir erleben es im Austausch mit unseren Studierenden,
wie drängend diese Fragen sind. Wird der Datenschutz beachtet und wie
lässt sich das künftig sicherstellen? Wie steht es um die ethischen
Aspekte des Einsatzes von KI – Jaromir hatte das Beispiel der
Schriftsteller:innen genannt, die nun klagen. Es sind noch viele Fragen
offen, auch das ist leider ein „Trend“.
Wie sind Ihre Studierenden gegenüber der KI eingestellt?
Prof. Dr. Hermann: Glücklicherweise sehr offen, das gilt für praktisch
alle Fachrichtungen. Wenn ich auf meine MBA-Studierenden blicke, dann ist
da eine große Bereitschaft, auch zu experimentieren. Für manche stellt
sich ChatGPT heute so dar wie Google vor 20 Jahren. Manchmal bleibt es
dann - bei einer Art „Literaturrecherche extended“. Aber das ist wichtig.
So erfahren sie, dass es zum Beispiel gefährlich sein kann, Zitationen der
KI einfach für eine wissenschaftliche Arbeit zu übernehmen. Unsere
Studierenden lernen, wo die Grenzen von KI liegen und wie man sie trotzdem
sinnvoll einsetzt.
Dr. Konecny: Sicherheit und Nachhaltigkeit sind wichtig, keine Frage! Aber
ich habe die Sorge, dass wir in Deutschland bald Weltmeister werden im
Regulieren von KI-Modellen, die wir gar nicht haben!
Aber ohne Regulierung wird es nicht gehen, oder?
Dr. Konecny: Nein, deshalb haben sich Europaparlament und EU-Staaten nach
langen Verhandlungen Ende 2023 auch auf den "AI Act" verständigt. Darin
geht es unter anderem um die Qualität der Daten, um die Risiken von KI und
um das, eingangs erwähnte, Urheberrecht. Aber wir müssen abwägen. Staaten
wie die USA, China oder auch Russland werden wir nicht dazu bringen,
unsere Regulationsprinzipien auf ihre Modelle anzuwenden. Außerdem halte
ich manche Sorge vor der KI auch für übertrieben. Wir denken über Verbote
nach – entwickeln aber nach wie vor neue Atomwaffen. Da sollte man über
Verbote diskutieren! KI dagegen ist ein Werkzeug, das uns die Arbeit
erleichtern soll.
Prof. Dr. Müller: Regulierung ist aber doch ein Thema, dem wir uns stellen
müssen. In der Industriellen Ökonomie hat es noch gut funktioniert, wenn
nationale Regierungen den Rahmen für Unternehmen vorgaben. In der
Regulierung großer digitaler Plattformen oder auch Technologien wie der KI
kommen Staaten schnell an ihre Grenzen. Der Versuch, auf europäischer
Ebene hier Antworten zu finden bzw. zu regulieren ist zu begrüßen, wird
den Herausforderungen aber nur schwer gerecht werden. In letzter
Konsequenz braucht es dazu supranationale Strukturen. Irgendeine Form der
Governance wird es geben müssen. Wie das, ganz konkret, realisiert werden
soll, ist noch nicht beantwortet.
Den dritten Themenkomplex bei Gartner könnte man mit Workspace und
Customer Experience umschreiben.
Prof. Dr. Hermann: Das ist nun wirklich nicht neu. Customer Experience war
schon für 2023 Thema, und davor auch. Das Thema im Fokus zu halten ist
auch richtig, deshalb hat Gartner bei seinen Prognosen Zeiträume von 36
Monaten im Blick. Insofern wird die Customer Experience weiterhin trenden.
Sie wird - immer wieder neu umschrieben. 2020 hieß es noch „Macht Kunden
zu Fans!“. Dann war von der Customer Journey die Rede und nun eben von der
Experience. Alles nicht verkehrt, aber es bleibt derselbe Themenblock.
Und der virtuelle Arbeitsplatz bzw. die Automatisierung vor Ort?
Prof. Dr. Müller: Da bin ich überzeugt: Der Schritt von der
Digitalisierung zur Virtualisierung geht weiter voran. Die neuen Wohn- und
Arbeitswelten im digitalen Paralleluniversum werden an Bedeutung gewinnen.
Ein wichtiger Aspekt ist an dieser Stelle die Beurkundung virtueller
Besitzansprüche durch digitale Echtheits- und Eigentumszertifikate,
sogenannter NFTs, und damit die Monetarisierung digitaler virtueller
Objekte. Es bleiben die gleichen Herausforderungen: Regulierung,
Governance, Datenschutz, Privatsphäre. Auch Nachhaltigkeit ist wesentlich,
z.B. verbraucht die Erzeugung von NFTs viel Energie. Die Automatisierung
ist ein ebenso spannendes Thema. Die Robotik entwickelt sich rasant. Wir
erleben die Verschmelzung der Industrie und Service Robotik in der
Digitalen Ökonomie. Heute beschäftigen uns in der Robotik Themen wie
Künstliche Intelligenz und Wahrnehmung. Wir werden in nicht allzu ferner
Zukunft humanoide Roboter in der Logistik sehen.
Ein Trend, den Sie bereits für 2024 sehen?
Prof. Dr. Müller: Wir sind es gewohnt, Trends zu analysieren und unsere
Unternehmen entsprechend daran auszurichten. Ich glaube, dass dies allein
nur eine begrenzte Perspektive auf die Zukunft bietet. Es lohnt auch der
Blick auf die Wertschöpfungssysteme hinter den großen digitalen
Plattformen wie Google, Meta, Microsoft, oder auch dem
Wertschöpfungssystem von Herrn Musk. Schauen Sie nicht nur auf die Trends.
Was sind die großen Wetten auf die Zukunft? Das ist sinnvoll, weil man
auch diese Entwicklungen beschreiben kann. Dann stellt sich die Frage: An
welche dieser Wetten will man glauben?
Das klingt nach viel Risiko.
Prof. Dr. Müller: Garantien gibt es nicht. Auch die etablierten
Plattformen sind empfindlich gegenüber den schnellen Entwicklungen und der
hohen Innovationsdynamik. An Facebook lässt sich sehr gut
veranschaulichen, wie verwundbar die Geschäftsmodelle der Internetkonzerne
sind. Facebook erlebte 2022 u.a. durch die Auswirkungen von Apples neuen
Datenschutzregeln als auch die Konkurrenz durch Tik Tok einen Kurssturz um
bis zu 26 Prozent innerhalb eines Tages. Der Börsenwert sackte um über 230
Milliarden Dollar ab. Das ist der höchste Verlust an Marktkapitalisierung
eines Wertes an einem Tag.
Apropos: Meta war mit seinem Metaverse bis neulich noch im Trend. Doch das
Thema scheint eher zu verschwinden.
Dr. Konecny: Damit war Zuckerberg wahrscheinlich einfach zu schnell.
Starke Trends werden kurzfristig gern überschätzt – auf lange Sicht aber
eher unterschätzt. 2023 ist so viel neues rund um die Digitalisierung
passiert, da scheint es fast zwangsläufig, dass globale, große Ideen, die
momentan noch nicht viel zu bringen scheinen, in den Hintergrund geraten.
Aber ich rechne damit, dass sich schon in wenigen Jahren eine neue
virtuelle Realität entwickeln wird.
Prof. Dr. Hermann: Es ist eben nicht nur ein „Hype“ um einen Trend. Das
Metaverse befindet sich noch in der Entwicklung, aber die Ansätze sind
elementar! Fast alle Branchen nutzen Aspekte virtueller Realität schon
jetzt – ob wir ein neues Auto konfigurieren wollen, zum „Anprobieren“
neuer Mode einen Avatar benutzen oder uns für dieses Gespräch nicht mehr
am Tisch, sondern per Teams in der virtuellen Realität verabredet haben.
Prof. Dr. Kirsten Hermann ist Professorin für Strategie und
Unternehmensführung an der SRH Fernhochschule, Studiengangsleiterin Master
of Business Administration sowie Studiengangsleiterin Digital Business
Management (M.Sc.) und Ansprechpartnerin für eine Vielzahl von Angeboten
im Rahmen der SPIEGEL Akademie, des F.A.Z. Bildungsmarktes und der Würth
Akademie.
Prof. Dr.-Ing. Stefan Müller ist Professor für Wirtschaftsingenieurwesen
und Digitalisierung an der SRH Fernhochschule und Leiter für die
Studiengänge des Wirtschaftsingenieurwesens und Business Development sowie
Ansprechpartner für die SPIEGEL-Akademie-Zertifikate Industrie 4.0 und
Produktion in der digitalen Welt, Digital Business Management und New
Business Development kompakt.
Dr. Jaromir Konecny ist Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH
Fernhochschule, als Schriftsteller und Publizist erfolgreich und steht
regelmäßig als Slam-Poet auf der Bühne.
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