Besser hören mit aktivem Gehörschutz
Gehörschutzempfehlungen für Berufsgruppen dank bedarfsgerechter
Charakterisierung
Seit Jahresbeginn untersuchen die Forscherinnen und Forscher des
Fraunhofer IDMT aus Oldenburg im Projekt »ProSA« (Protection and
Situational Awareness) die auditorische Umgebungswahrnehmung und
Kommunikationsparameter von pegelabhängig dämmenden Gehörschützern. Damit
sollen zukünftig bedarfsgerechte Empfehlungen für einzelne Berufsgruppen
ermöglicht werden. Das Projekt wird von dem Verband der
Berufsgenossenschaften und Unfallkassen der Deutschen Gesetzlichen
Unfallversicherung (DGUV) gefördert.
Oldenburg, 15. Februar 2024. Aktuelle Gehörschutzsysteme schützen wirk-sam
gegen Schädigungen durch Lärm. Sie können die Nutzerinnen und Nutzer
jedoch in Bezug auf ihre Hörfähigkeit und die akustische Interaktion mit
der Umgebung, insbesondere mit Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen,
ein-schränken. Wenn Beschäftigte die Zurufe nicht verstehen, oder
akustische Warnsignale nicht erkannt oder falsch eingeschätzt werden, kann
das zu Miss-verständnissen, Unsicherheit oder sogar Unfällen führen.
Nach heutigem Kenntnisstand besteht die Gefahr insbesondere bei
pegelabhängigen, dämmenden Gehörschutzsystemen, die in der Praxis bereits
etabliert sind. Pegelabhängig bedeutet, dass elektronisch gesteuert wird,
wie viel Schall durchgelassen wird. Ist es außen leise, wird der Schall
durchgelassen oder sogar verstärkt. Ist es laut, dann wird der Schall
stark abgedämpft. Der Vorteil an dieser Technologie ist, dass man den
Gehörschutz auflassen kann, wenn es gerade ruhig ist und ein
Kollegengespräch geführt werden soll. Wird es dann plötzlich laut, so
bleibt das Gehör geschützt.
Gehörschützer besser verstehen
Aktuelle Studien des Fraunhofer IDMT in Oldenburg legen allerdings nahe,
dass durch das Tragen solcher Gehörschützer wichtige Schalleigenschaften
massiv verändert werden könnten – etwa Pegelunterschiede zwischen beiden
Ohren bei seitlichem Schalleinfall. Dadurch kann es beispielsweise
deutlich länger dau-ern, bis man die Richtung eines relevanten Geräusches
korrekt identifiziert.
Das wesentliche Ziel des Projekts »ProSA« ist es daher, Grundlagen dafür
zu schaffen, dass Gehörschutzsysteme in Zukunft mit praxistauglichen und
zeitspa-renden Messverfahren bewertet werden können. Dabei müssen die
wichtigsten Auswirkungen auf die Höreigenschaften berücksichtigt werden.
Mithilfe der Forschungsergebnisse sollen zukünftig Berufsgenossenschaften
und Unfallkas-sen sowie Institutionen, wie das Institut für Arbeitsschutz
der DGUV (IFA), kon-krete Empfehlungen von Gehörschützern für bestimmte
Anwendungsgebiete aussprechen können. Das ist insbesondere für die
Beschäftigten wünschens-wert, die in ihrem beruflichen Alltag
Gehörschützer tragen müssen und zudem auf gutes Hören angewiesen sind.
Dadurch soll sich die Akzeptanz für das Tra-gen eines Gehörschutzes am
Arbeitsplatz erhöhen. Dies soll langfristig zu weni-ger berufsbedingten
Hörschädigungen führen.
»Das Besondere an dem Projekt ist, dass wir viele Kooperationspartner im
For-schungsbegleitkreis haben. Durch diese Expertise können wir
sicherstellen, dass sich die Forschungsarbeiten an den praxisrelevanten
Fragen und Problemen orientieren«, berichtet PD Dr. Jan Rennies-Hochmuth,
Leiter der Gruppe Persön-liche Hörsysteme am Fraunhofer IDMT.
Ein bedarfsgerechter Gehörschützer für jeden Arbeitsplatz
Aktuell basiert die Zertifizierung als Gehörschutz lediglich auf dem
messtechni-schen Nachweis ausreichender Schutzwirkung bezüglich der
Lärmeinwirkung. Für eine umfassende und an die Bedarfe spezifischer
Arbeitsplätze angepasste Empfehlung geeigneter Gehörschützer ist es
wichtig, die Produkte auch anhand ihrer Fähigkeiten zum Erhalt der
auditorischen Umgebungswahrnehmung und der Kommunikationsfähigkeit
vergleichen zu können. Jedoch fehlen hier grund-legende Kenntnisse
darüber, welche Aspekte der Hörwahrnehmung dazu er-fasst werden sollten
und welche Methoden dafür bestmöglich geeignet sind. Diese Wissenslücken
sollen in dem Projekt geschlossen werden. Geprüft wer-den daher unter
anderem die Sprachverständlichkeit bei Störgeräuschquellen aus
unterschiedlichen Richtungen und Detektionsfehler von Warnsignalen im
Störgeräusch.
Zum Forschungsbegleitkreis des Projekts »ProSA« zählen das Institut für
Arbeitsschutz der DGUV (IFA), Lärm und Gehörschutz Consult Peter Sickert
(LGC-PS), die Berufsgenossenschaften Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN),
Holz und Metall (BGHM), Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation
(BG Verkehr) sowie Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), das
Sachgebiet Gehörschutz im Fachbereich Persönliche Schutzausrüstungen der
DGUV, das Deutsche Hörgeräte Institut (DHI) sowie die Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).
Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA am Fraunhofer-Institut für Digitale
Medientechnologie IDMT in Oldenburg
Der im Jahre 2008 unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier und
Dr. Jens-E. Appell gegründete Institutsteil Hör-, Sprach- und
Audiotechnologie HSA des Fraunhofer-Instituts für Digitale
Medientechnologie IDMT steht für marktnahe Forschung und Entwicklung mit
Schwerpunkten auf
- Sprach- und Ereigniserkennung
- Klangqualität und Sprachverständlichkeit sowie
- Mobile Neurotechnologie und Systeme für eine vernetzte
Gesundheitsversorgung.
Mit eigener Kompetenz in der Entwicklung von Hard- und Softwaresystemen
für Audiosystemtechnologie und Signalverbesserung setzen die
Mitarbeitenden am Standort Oldenburg wissenschaftliche Erkenntnisse in
kundengerechte, praxisnahe Lösungen um.
Über wissenschaftliche Kooperationen ist der Institutsteil eng mit der
Carl von Ossietzky Universität, der Jade Hochschule und der Hochschule
Emden/Leer verbunden. Das Fraunhofer IDMT ist Partner im Exzellenzcluster
»Hearing4all«.
Die Weiterentwicklung des Institutsteils wird im Programm »Vorab« durch
das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die
VolkswagenStiftung gefördert.
Weitere Informationen auf www.idmt.fraunhofer.de/hsa
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