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Wann Schwangere besonders müde sind

Forschungsteam der FAU analysiert Big-Data-Datensatz über
schwangerschaftsbedingte Symptome

Ob Müdigkeit, Rückenschmerzen oder Schlafprobleme – während der
Schwangerschaft treten Symptome auf, die fast allen Frauen zu schaffen
machen. Wann welche Beschwerden besonders häufig sind und wie sie
verlaufen, hat ein interdisziplinäres Forschungsteam der Friedrich-
Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) untersucht. Das Team nutzte
dafür einen anonymisierten Big-Data-Datensatz einer Schwangerschafts-App.

Jede Schwangerschaft ist einzigartig, doch fast alle Schwangeren haben mit
ähnlichen schwangerschaftsbedingten Symptomen zu tun: Sie sind müde, haben
Rückenschmerzen, klagen über Verstopfung, Schlafprobleme oder Atemnot.
„Diese Symptome sind schon lange bekannt. Aber wann sie im Lauf der
Schwangerschaft auftreten, wie sie genau verlaufen und sich gegenseitig
beeinflussen, ist bislang nicht gut erforscht“, erklärt Prof. Dr. Björn
Eskofier. „Wir müssen das Auftreten dieser Symptome besser verstehen
lernen, um Schwangerschaftsvorsorge, aber auch therapeutische Maßnahmen
gezielter weiterentwickeln zu können.“ Der Inhaber des Lehrstuhls      für
Maschinelles Lernen und Datenanalytik der FAU koordiniert gemeinsam mit
Prof. Dr. Matthias W. Beckmann (Klinikdirektor und Lehrstuhlinhaber des
Lehrstuhls für Geburtshilfe und Frauenheilkunde) sowie Prof. Dr. Peter A.
Fasching (Professur für Translationale Frauenheilkunde und Geburtshilfe)
von der Frauenklinik des Uniklinikums Erlangen das interdisziplinäre
Forschungsprojekt SMART Start. Mit im Boot ist auch Prof. Dr. Oliver
Schöffski vom Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement der FAU sowie Prof. Dr.
Matthias Braun vom Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik der
Universität Bonn. Gemeinsam wollen die Wissenschaftler auf Grundlage einer
breiten Datenbasis Impulse zur Digitalisierung in der
Schwangerschaftsvorsorge in Deutschland geben.

Müde im ersten Trimester

Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts analysierte Michael
Nissen, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für
Maschinelles Lernen und Datenanalytik, einen Big-Data-Datensatz des
deutschen Schwangerschafts-App-Herstellers keleya. Schwangere Frauen
können in der keleya-App ihre individuellen Symptome auswählen.
Anschließend erhalten sie angepasste und individuell zusammengestellte
Informationen und Inhalte.

„Am häufigsten sind Frauen während der Schwangerschaft von Müdigkeit
betroffen. Das gaben      92,9 Prozent der Nutzerinnen an. Es folgen
Rückenschmerzen mit 92,6 Prozent, Kurzatmigkeit mit 81,0 Prozent und
Schlafstörungen mit 79,4 Prozent “, fasst Nissen die Ergebnisse zusammen.
„Interessant ist, dass jedes einzelne Symptom ein eindeutiges Zeitmuster
aufweist“, erklärt der Informatiker. Müdigkeit erreicht demnach im ersten
Trimester der Schwangerschaft ihren Höhepunkt, Kopfschmerzen treten vor
allem um die 15. Schwangerschaftswoche auf, Durchfall tendenziell zu
Beginn und am Ende der Schwangerschaft mit einem deutlichen Minimum um
Schwangerschaftswoche 20. Und Schlafprobleme nehmen während der gesamten
Schwangerschaft stetig zu.

Schlafprobleme können mit Schwangerschaftserkrankungen zusammenhängen

Einige der Symptome haben nicht nur einen Einfluss auf die Lebensqualität.
Sie hängen auch mit unerwünschten Folgen für die Schwangerschaft zusammen.
So ist aus der Literatur bekannt, dass Schlafstörungen mit einer höheren
Wahrscheinlichkeit für Kaiserschnitte, Frühgeburtlichkeit und
Schwangerschaftsdepressionen verknüpft sind.  Daher ist die
Symptomforschung relevant.

Großer Datensatz für die Forschung verfügbar

Keleya stellte der FAU einen großen anonymisierten Datensatz von
Nutzerinnen der App für Forschungszwecke zur Verfügung und trägt so
unmittelbar zum Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft bei – ein gelungenes
Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Industrie und
Forschung. Insgesamt 183.732 Frauen haben mit dem Symptomtracker der App
ihre schwangerschaftsbezogenen Symptome erfasst. Sie zeichneten mehr als
1,5 Millionen Symptome auf. Diesen riesigen Datensatz werteten die
Forscherinnen und Forscher aus und erstellten Symptomverlaufskurven mit
wöchentlichen Symptomberichten für 15 unterschiedliche
schwangerschaftsbedingte Symptome. „Die Größe des Datensatzes übersteigt
vorherige Arbeiten um ein Vielfaches“, ergänzt Nissen. Darüber hinaus
entstammt der Datensatz der „echten Welt“ (real-world evidence). Das kann
dazu beitragen, mögliche Verzerrungen und Benachteiligung in der
medizinischen Forschung zu verringern und ein breites Bild außerhalb
klassischer medizinischer Studien liefern.

Unterschiede im Nutzungsverhalten

Ein Problem von Gesundheits-Apps kann das Nutzungsverhalten sein. Einige
Nutzerinnen probieren die App nur ein einziges Mal aus. „Wir konnten
zeigen, dass sich diese Daten kaum von sehr aktiven Nutzerinnen
unterscheiden“, erläutert Nissen. Damit können auch die Daten von Einmal-
Nutzerinnen für Forschungszwecke verwendet werden.

Sekundärnutzung von Branchendaten

Insgesamt stellt die Arbeit mehrere bisher unbekannte oder umstrittene
Symptomverläufe klar und übertrifft vorherige Arbeiten im Umfang deutlich.
„Unsere Arbeit unterstreicht das Potenzial der Sekundärnutzung von
Branchendaten“, betont der Doktorand. „Die Zusammenarbeit zwischen
Wissenschaft und Industrie kann dazu beitragen, neue wissenschaftliche
Erkenntnisse zu gewinnen.“

Zur kompletten Studie in npj Digital Medicine:
https://www.nature.com/articles/s41746-023-00935-3

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Biblische und weihnachtliche Pflanzen - Botanischer Garten der HHU im Winter

Die weihnachtlichen Festtage stehen vor der Tür, mancher wird da zur Bibel
greifen. Erstaunlich oft sind in den Geschichten Pflanzen erwähnt – nicht
wenige davon wachsen im Botanischen Garten der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf (HHU). Auf einem winterlichen Rundgang können Besucherinnen und
Besucher viele davon finden. Geöffnet ist der Garten in den Wintermonaten
montags bis freitags von 8:00 bis 16:00 Uhr, an den Feiertagen ist er
geschlossen.

Von Weihrauch und Myrrhe ist in der Weihnachtsgeschichte zu lesen: Die
Heiligen Drei Könige bringen diese Pflanzenprodukte, neben Gold, dem
neugeborenen Jesuskind als Gabe. Dies zeigt, welchen Wert viele Pflanzen
in der Antike besaßen. Auch kommen in der Bibel viele Pflanzen vor, die
damals einen hohen Nutzwert hatten, als Baumaterial oder wegen des hohen
Zuckergehalts der Früchte, der sie lange haltbar machte – es gab ja keine
Kühlschränke.

Das Freigelände des Botanischen Gartens beherbergt viele Pflanzen, von
denen in der Bibel zu lesen ist oder die zum Weihnachtsfest gehören.

Schon am Eingang findet sich eine noch junge Libanonzeder (Cedrus libani).
Der Baum war und ist wegen seiner Schönheit, seines Duftes und als Bauholz
sehr beliebt. Zedernholz ist leicht zu bearbeiten und durch seinen hohen
Harzgehalt sehr dauerhaft und widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit. Schon
im Alten Testament wird beschrieben, dass der Tempel Salomos daraus erbaut
wurde. Da sich das Holz auch sehr gut für den Schiffbau eignet, spielte es
eine enorm wichtige Rolle in der Jahrtausende währenden
Besiedelungsgeschichte der Region. Im Ersten Weltkrieg wurden schließlich
nahezu alle natürlichen Restbestände des Baumes gerodet. Der Baum ist
heute sehr selten geworden. Dadurch ist das Zedernöl, das zum Beispiel für
hochwertige Parfüms genutzt wird, noch wertvoller geworden.

Die Stechpalme (Ilex aquifolium) mit ihren immergrünen Zweigen war
ursprünglich ein Schmuck für den Palmsonntag und ist heute wegen seiner
roten Früchte eine beliebte Dekoration zur Weihnachtszeit. Da die Bäume
zweihäusig sind, findet man die Früchte nur an den weiblichen Pflanzen. Um
die Mistel (Viscum album) ranken sich schon seit Urzeiten viele Mythen.
Die Pflanze ist ein Halbschmarotzer, der auf Bäumen oder Sträuchern wächst
und heute zur Weihnachtszeit gerne über dem Türrahmen befestigt wird;
darunter darf dann geküsst werden.

Der Weihnachtsbaum darf nicht fehlen. Auch wenn in deutschen Wohnzimmern
eine Reihe von Nadelbaumarten diese Rolle erfüllt, so ist doch die
Nordmann-Tanne (Abies nordmanniana) der Klassiker, denn sie behält ihre
Nadeln sehr lange. Zwei prächtige Exemplare stehen in der Geographischen
Abteilung.

Und einige Meter weiter wächst in der Nordamerika-Abteilung der
Weihnachts-Schildfarn (Polystichum acrostichoides). Während im Winter die
Wedel vieler Farne verwelkt sind, schmückt dieser Farn in kräftigem Grün
das Unterholz.

Dr. Sabine Etges, wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens:
„Viele Bibelpflanzen sind aktuell unscheinbar, sie haben ihre Blätter
verloren, so zum Beispiel der Wein (Vitis vinifera) beim Bauerngarten –
die möglicherweise älteste Kulturpflanze. Oder sie wurden in die
Gewächshäuser geräumt, da sie in unseren Breiten nicht winterhart sind.“
Im Schutz des Wirtschaftsgebäudes findet sich eine Olive (Olea europaea).
Sie ist bei uns nur bedingt winterhart. Nach einem Frostschaden treibt sie
nun aber wieder aus.

Wer nach einem Spaziergang durch die Außenanlagen des Botanischen Gartens
Wärme sucht, sollte das Kuppelgewächshaus besuchen und findet dort noch
den letzten roten Fruchtansatz des Granatapfels (Punica granatum); während
der Sommerzeit leuchten orangerote Blüten und Früchte zwischen dem Grün
des Laubs. Vermutlich war es ein Granatapfelbaum, von dessen Früchten Adam
und Eva im Garten Eden nicht naschen sollten – und kein Apfel, der in der
Antike im vorderen Orient noch gar nicht verbreitet war.

Hier steht auch eine Feige (Ficus carica), die zwar ebenfalls ihre Blätter
abgeworfen hat – mit denen sich Adam und Eva bedeckten –, aber schon
Knospen zeigt und charakteristisch duftet. Die Feige ist die erste in der
Bibel explizit benannte Pflanze. Ihre zuckerhaltigen Früchte werden noch
heute durch Trocknung haltbar gemacht.

Ebenfalls in der Kuppel findet sich die Kermes- oder Stech-Eiche (Quercus
coccifera), deren Blätter an die Stechpalme erinnern. „Der Strauch ist
auch die Wirtspflanze der Kermes-Schildlaus (Kermes vermilio), aus der
früher der rote Farbstoff Kermes gewonnen wurde“, erläutert Sabine Etges.
Dieser Farbstoff ist schon seit prähistorischen Zeiten bekannt und wurde
rund ums Mittelmeer zum Färben von Stoffen genutzt.

Der Mastix-Strauch (Pistacia lentiscus), der ebenfalls schon zu biblischen
Zeiten in Israel wuchs, produziert ein Harz, aus dem auch heute noch
Räucherwerk, Kosmetika und Arzneistoffe hergestellt werden. Und auch von
Cistus incanus, einer Zistrosen-Art, wird ein Harz gewonnen, das zur
Herstellung von Weihrauch genutzt wird.

Im Südafrika-Haus findet sich der Echte Papyrus (Cyperus papyrus). Laut
Überlieferung soll die Mutter den kleinen Moses in eine Wiege aus Papyrus
gelegt haben, so dass er überlebte und später sein Volk retten konnte. Das
Mark dieser Pflanze aus der Familie der Sauergräser ist auch der Rohstoff
für antiken Beschreibstoff. Aus den Stängeln wurden in Ägypten Boote
gefertigt, die über den Nil und möglicherweise darüber hinaus fuhren. Dass
die aus Papyrus gefertigten Wasserfahrzeuge für längere Seereisen taugten,
demonstrierte der Norweger Thor Heyerdahl mit seinem Boot „Ra“.

Der Botanische Garten der HHU

Der rund acht Hektar große Botanische Garten wurde 1979 eröffnet. Er dient
der Bevölkerung ganzjährig als Stätte der Bildung und Erholung, der
Pflanzenforschung und der Studierendenausbildung an der HHU. Die
umfangreichen, größtenteils öffentlichen Pflanzensammlungen werden als
Arbeits- und Anschauungsmaterial für Forschung und Lehre vor allem in der
Biologie und der Pharmazie genutzt.

Ein besonderer Schwerpunkt des Düsseldorfer Botanischen Gartens ist die
sogenannte Kalthauskultur. In ihrem Zentrum steht das Wahrzeichen des
Gartens, das 1.000 Quadratmeter große Kuppelgewächshaus mit einer Höhe von
18 Metern. Es beherbergt Pflanzen des Mittelmeerraums und der Kanaren,
aber auch solche aus Ozeanien, Asien und Amerika.

In den Jahren 2004 und 2008 wurde die Einrichtung um drei neue Gebäude
erweitert, die Orangerie, das Südafrikahaus und einen
Forschungsgewächshauskomplex. Neben dem großen Sammlungs- und
Forschungshaus und den Versuchsflächen betreibt der Botanische Garten auch
die hochmodernen Forschungsgewächshäuser auf dem Dach des Biologie-
Neubaus.

Die im Botanischen Garten zu entdeckende Pflanzenwelt ist äußert
vielfältig. Dort finden sich höchst seltene Pflanzen wie die Wollemie, von
denen im Ursprungsland Australien nur circa 100 ausgewachsene Exemplare
wild in einem sehr kleinen, gut geschützten Gebiet vorkommen. In
Düsseldorf wird damit ein Beitrag zur Erhaltung bedrohter Arten und zur
Sicherung der Biodiversität geleistet.

Alljährlich besuchen rund 100.000 Bürgerinnen und Bürger den Botanischen
Garten. Er ist für die Öffentlichkeit von März bis Oktober täglich und von
November bis Februar montags bis freitags geöffnet. Den Besuchenden steht
ein kostenfreier Audioguide auf Deutsch und Englisch zur Verfügung, der
sie auf Rundgängen zu allen Besonderheiten führt.

Mit einem vielfältigen Vortrags- und Führungsprogramm werden
Pflanzeninteressierte jeden Alters an die Geheimnisse, die im Garten zu
finden sind, herangeführt und ihre Bedeutung für die menschliche
Zivilisation verdeutlicht. Mit diesem Wissenstransfer ist der Botanische
Garten in das Selbstverständnis der HHU als Bürgeruniversität eingebunden.

Unterstützt wird die Arbeit durch den Freundeskreis des Botanischen
Gartens der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf e.V., mit dessen Hilfe
bereits viele Projekte realisiert werden konnten.
Ebenso ist der Botanische Garten eine Ausbildungsstätte für bis zu zehn
zukünftige Gärtnerinnen und Gärtner in der Fachrichtung
„Staudengärtnerei“. Dort lernen sie auch die Besonderheiten eines
wissenschaftlich orientierten Gartens kennen.

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Ärzte und Juristen der AWMF: Patientenversorgung darf nicht von Investoren-Interessen getrieben sein

Die Tatsache, dass immer häufiger private Investoren Praxen oder
Medizinische Versorgungszentren (MVZ) betreiben, darf sich nicht negativ
auf die Qualität der Behandlung auswirken. Darauf weist die
Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften
e.V. (AWMF) anlässlich einer Veranstaltungsreihe von Ärzten und Juristen
hin. Um die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Versorgung besser
beurteilen zu können, braucht es aus Sicht von Experten dringend mehr
Studien für Deutschland. Nur so lässt sich die Ergebnisqualität
verlässlich beurteilen.

„Das primäre Ziel von Investoren, laufende Erträge zu erzielen und den
Wert der Praxis zu steigern, ist grundsätzlich nicht verwerflich, sofern
die Behandlungsqualität der Patientinnen und Patienten nicht darunter
leidet. Damit verbunden stellt sich jedoch die Frage, ob sich die Art der
Behandlung unterscheidet, wenn private Investoren die Praxen oder MVZ
betreiben“, betont Professor Dr. Rolf-Detlef Treede, Präsident der AWMF
zur Relevanz des Themas. Darüber hinaus gelte es durch Studien zu
untersuchen, woher die Gewinne stammen, die investorenbetriebene MVZ oder
Praxen machen: „Die Gründe dafür können sowohl in einer effizienteren
Beschaffung, einer schlechteren Vergütung des Personals oder in höheren
Erträgen aus GKV-Beiträgen liegen“, so Treede.

Das Ziel jedes Inverstors läge in der Erwirtschaftung von Kapital – so der
einleitende Referent Professor Dr. rer. pol. Simon Reif, Leiter der
Forschungsgruppe Gesundheitsmärkte in Deutschland am Leibnitz Zentrum für
Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Ärztliche Praxisinhaber
müssten letztlich nach gleichen Prinzipien arbeiten, um Mitarbeiter,
Geräte und Sachmittel bereitzustellen. Die entscheidende Frage sei jedoch,
ob eine schlechtere Versorgung erfolgt, wenn Praxen oder MVZ von
Investoren betrieben werden. Daten aus den USA zeigen, dass es zu
negativen Auswirkungen auf die Qualität der Patientenversorgung kommen
kann, wenn Einrichtungen von PEG betrieben werden. Welche Unterschiede
sich in Deutschland etwa bezogen auf die Versorgungsqualität ergeben,
müsse in Studien untersucht werden. Für eine evidenzbasierte
Gesundheitspolitik müsse hier der Zugang zu Daten für die Wissenschaft
verbessert werden.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Ankäufe von Arztpraxen oder
Medizinischen Versorgungszentren durch Private Equity Investoren rasant
gestiegen. 2021 wurden 140 Praxen und MVZ aufgekauft, 2011 waren es noch
81. Der Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein und Allgemeinmediziner
Bernd Zimmer ging auf ein aktuelles, im Auftrag der KV-Bayern erstelltes
Gutachten des IGES-Instituts Berlin ein. Dieses habe bei Private Equity
Gesellschaften (PEG) ein im Vergleich zu Einzelpraxen um 8,3 Prozent
erhöhtes Honoraraufkommen gezeigt. Solche Ergebnisse könnten darauf
hindeuten, dass ökonomische Motive im Vergleich zu Einzelpraxen eine
größere Rolle spielen. Es bestehe die Gefahr, dass in den
renditeorientierten Niederlassungen bevorzugt lukrative Behandlungen
angeboten werden, während andere Versorgungsaufgaben, welche nicht zur
geforderten Rendite beitragen, leiden beziehungsweise von anderen
Leistungsträgern erbracht werden müssen. Zimmer sieht deshalb dringenden
Regelungsbedarf für MVZ, etwa darin, mehr Transparenz über die
Besitzverhältnisse zu schaffen und Marktanteile zu begrenzen.

Die Aspekte eines Juristen stellt Dr. Stephan Rau dar. Er berät
insbesondere Ärzte und nichtärztliche Investoren bei Praxis- und
Unternehmenskäufen sowie regulatorischen Fragen. Er beklagt die
Unsachlichkeit und Pauschalität der Vorwürfe mancher ärztlicher
Standesvertreter und Politiker gegen nichtärztliche Investoren. MVZ böten
den Vorteil, wirtschaftliche und ärztliche Aufgaben zu trennen – zum
Vorteil von Behandelnden und Patienten. Kapital-gesteuerte Ziele seien bei
Investoren, Krankenhäusern und Vertragsärzten gleich.  Die Gefahr der
„Rosinenpickerei“, also der ausschließlichen Erbringung besonders gut
honorierter Leistungen besteht aus Sicht von Rau ebenso unabhängig von den
Eigentumsverhältnissen. Hiergegen sei der Gesetzgeber noch nicht
vorgegangen, weil die Spezialisierung auf bestimmte Leistungen durch Ärzte
eine hohe Qualität dieser sicherstellen sollte. Dem Gesetzgeber stünde es
aber frei dies zu ändern. Regelungen, die darauf abzielen nur
nichtärztliche Investoren aus der ambulanten Versorgung zu verdrängen,
seien dagegen verfassungswidrig.

„Klar ist, dass immer das Patientenwohl und nicht ökonomische Interessen
im Vordergrund stehen müssen. Die Indikations- und Ergebnisqualität ist
daher ein entscheidender Parameter in der Patientenversorgung, unabhängig
davon, wer Betreiber ist“, fasst der Moderator der Sitzung, Professor Dr.
Hans-Friedrich Kienzle zusammen. Unabdingbar sei auch, dass die
Entscheidungsfreiheit der häufig angestellten Ärztin oder Ärzte unberührt
bleibe. „Die Hoheit über eine Behandlung muss immer beim behandelnden Arzt
liegen. Sie ist ein entscheidender Faktor für eine am Patientenwohl
orientierte Gesundheitsversorgung, die nicht von wirtschaftlichen
Interessen getrieben sein darf“. Daher sei es auch wichtig, die
Freiberuflichkeit weiter zu stärken und die Niederlassung für Ärztinnen
und Ärzte erschwinglich zu halten.

Quellen:
1 Li et al.: Profite vor Patientenwohl: Private-Equity-Beteiligungen an
Arztpraxen in Deutschland (2023)https://www.finanzwende-recherche.de/wp-
content/uploads/Profite-vor-Patientenwohl_Private-Equity-Beteiligungen-an-
Arztpraxen-in-Deutschland.pdf

https://www.kvb.de/fileadmin/kvb/Ueber-uns/Gesundheitspolitik/Gutachten
/IGES-MVZ-Gutachten-April-2022.pdf

https://www.iat.eu/aktuell/veroeff/2021/scheuplein01.pdf
https://www.bmvz.de/2022/04/11/mvz-gutachten-kvb-april-2022-einordnung/

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CineScience: Die DDR der DEFA

Ein Abend in der CineScience-Reihe „Darf’s ein bisschen mehr sein?“
Dienstag, 09. Januar 2024, 20.00 Uhr
Filmstudio Glückauf, Rüttenscheider Str. 2, 45128 Essen

Das Kino der DDR, durch und durch Sache des Staates, hat Spielräume
zwischen Propaganda und Dissidenz ausgelotet. Der dominante ästhetische
Modus: ein keineswegs nur sozialistischer Realismus. In diesem Modus
entwirft das DEFA-Kino ein Bild der DDR, in dem sich sehr konkrete
Wirklichkeiten und nur in Andeutungen präsente Tabus unauflöslich
verbinden. Dieses Bild hat seine Wahrheit. Und diese Wahrheit hat Grenzen.

REFERENT
Ekkehard Knörer, Kulturwissenschaftler, Mitherausgeber der Zeitschriften
Merkur und Cargo und freier Autor u.a. für die taz.

ORGANISATION
Armin Flender & Danilo Scholz, KWI

TICKETS
Karten können Sie beizeiten hier online buchen oder wie üblich an der
Abendkasse erwerben sowie unter Tel. 0201 43 93 66 33 reservieren.
Eintritt: 5,- € | erm. 3,- €

VERANSTALTER
Eine Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) in
Kooperation mit dem Filmstudio Glückauf.

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