Mo 25.9.2023, 20 Uhr: Vorlesung zu Ehren der ersten ordentlichen
Professorin Deutschlands und Gründerin des Instituts für Pflanzenernährung
an der Uni Hohenheim / Videos mit historischem Filmmaterial / https://www
.erste-professorin-deutschlands.de
Sie war die erste ordentliche Professorin Deutschlands und eine
herausragende Wissenschaftlerin: Vor 100 Jahren gründete Prof. Dr.
Margarete von Wrangell das Institut für Pflanzenernährung an der
Universität Hohenheim. Sie leistete Pionierarbeit zur Phosphat-Versorgung
der Pflanzen. Ihr zu Ehren richtet die Deutsche Gesellschaft für
Pflanzenernährung (DGP) ihre diesjährige Jahrestagung an der Universität
Hohenheim in Stuttgart aus. Die Jubiläums-Vorlesung ihres direkten
Nachfolgers Prof. Dr. Uwe Ludewig am 25.9.2023 um 20 Uhr im Euro-Forum
(Katharinasaal) ist öffentlich. Informationen rund um Margarete von
Wrangell auch auf der Website https://www.erste-professorin-
deutschlands.de/.
Phosphor, neben Stickstoff eines der wichtigsten Elemente für Düngemittel,
war Prof. Dr. Margarete von Wrangells wichtigstes Forschungsgebiet. Sie
kam zu einem damals verblüffenden Ergebnis: Schwer lösliche Phosphate
können im Boden in pflanzenverfügbare Formen umgewandelt werden. „Bei der
Düngemittel-Industrie stieß dies auf großes Interesse, denn die
Landwirtschaft war damals stark von importierten Rohphosphaten abhängig“,
erklärt Prof. Dr. Uwe Ludewig.
Der fünfte Nachfolger der Pionierin leitet das heutige Fachgebiet
Ernährungsphysiologie der Kulturpflanzen am früheren Institut für
Pflanzenernährung. „Das Thema war nach dem ersten Weltkrieg von solcher
Bedeutung, dass die Düngemittel-Industrie 75 Millionen Mark für die
Instituts-Gründung in Hohenheim zur Verfügung gestellt hat“, berichtet
Prof. Dr. Ludewig. „Und da die Förderung an die Person Margarete von
Wrangells gebunden war, hat man damals zähneknirschend akzeptiert, dass
eine Frau das Institut leiten soll.“
Prof. Dr. von Wrangell setzte sogar eine nach damaligen Verständnis
unerhörte Bedingung durch: Sie bestand auf einem ordentlichen Lehrstuhl
anstelle eines Extraordinariats, also auf eine Professorenstelle mit Etat,
Mitarbeiter:innen und Leitungsfunktionen. Die Institutsgründerin war damit
die erste ordentliche Professorin Deutschlands.
DGP-Jahrestagung ehrt erste ordentliche Professorin und Institutsgründerin
Zu Ehren der außergewöhnlichen Wissenschaftlerin und des 100. Jahrestages
ihrer Berufung richtet die Deutsche Gesellschaft für Pflanzenernährung
ihre diesjährige Jahrestagung an der Universität Hohenheim aus. Neben den
Beiträgen für Fachpublikum wird es eine öffentliche Jubiläums-Vorlesung
geben, zu der die Universität Hohenheim einlädt.
> Thema: „Pflanzenernährung damals und heute“: Prof. Dr. Uwe Ludewig lässt
auf unterhaltsame Weise das Leben Margarete von Wrangells, aber auch
Inhalte und Methoden der Pflanzenernährung im Laufe der letzten einhundert
Jahre Revue passieren.
> Termin: Mo 25.9.2023, 20–22 Uhr
> Ort: Euro-Forum der Universität Hohenheim, Katharinasaal, Kirchnerstr.
3, 70599 Stuttgart
> Der Vortrag in deutscher Sprache ist öffentlich, es ist keine Anmeldung
erforderlich.
> Infos zur DGP-Tagung: https://www.plant-nutrition.de/dgp2023/
Jubiläumsvortrag schlägt Brücke in die Gegenwart
„Phosphor ist noch heute ein zentrales Forschungsthema“, betont Prof. Dr.
Ludewig. „Bei der Frage, wieviel des im Boden vorhandenen oder als Dünger
applizierten Phosphats die Pflanzen tatsächlich aufnehmen können, gibt es
noch immer große Erkenntnislücken. Ein Problem ist, dass lösliche
Phosphordünger im Boden in nicht pflanzenverfügbare Formen umgewandelt
werden können, und zudem die Vorräte endlich sind.“
„Wir arbeiten daran, Phosphat ressourcenschonend einzusetzen und aus
nachhaltigen Quellen wie Bioabfällen, häuslichem Abwasser oder Gärresten
aus der Biogasanlage zu gewinnen“, skizziert der Experte die Hohenheimer
Forschungsansätze. So gäbe es zum Beispiel das deutsch-chinesische DFG-
Graduiertenkolleg AMAIZE-P zu nachhaltiger Phosphor-Nutzung
(https://amaize-p.uni-hohenheim.de) oder das Projekt NOcsPS, das
Anbausysteme ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz, aber mit
gezieltem Mineraldüngereinsatz untersucht (https://nocsps.uni-
hohenheim.de).
Filmserie zu Margarete von Wrangell – mit historischen Bewegtbildern
Interessante Einblicke in das Leben und Wirken von Prof. Dr. Margarete von
Wrangell gibt auch eine aktuelle Filmserie – mit historischem
Filmmaterial, das erstmals außerhalb der Universität Hohenheim zu sehen
ist. In sechs Folgen zeigt die Videojournalistin Christine Harbig, wie es
zu der damals ungewöhnlichen Berufung kam, berichtet über die Kindheit der
Wissenschaftlerin, über ihre Zeit als eine der ersten Studentinnen an der
Universität Tübingen und ihre Netzwerke. Auch die historische Einordnung
und das Frauenbild der Zeit kommen nicht zu kurz. Im Interview: Prof. Dr.
Ulrich Fellmeth, der ehemalige Leiter des Universitätsarchivs. Er hat
intensiv zu der Pionierin geforscht.
Auch das historische Filmmaterial an sich hat eine interessante
Geschichte: „Meines Wissens sind dies die einzigen bewegten Bilder von
Margarete von Wrangell“, berichtet Prof. Dr. Fellmeth. „Anfang der 1990er
Jahre erhielt ich zwei Filmrollen von Uni-Mitarbeitern. Sie hatten sie im
Keller ihres Instituts gefunden. Wie sich schnell herausstellte, handelte
es sich um hochgefährliche, explosive Nitrofilme. Das Bundesfilmarchiv hat
sie in eine VHS-Version umkopiert, die Originale verblieben aus
Sicherheitsgründen dort.“ Dieses gesamte historische Filmmaterial liegt
heute – mittlerweile digitalisiert – im Archiv der Universität Hohenheim.
> Film-Serie: https://t1p.de/YouTube_UniHohenheim_Wrangell
Webseite zum von-Wrangell-Jubiläum
Wer mehr über Margarete von Wrangell erfahren möchte, wird auf der
Jubiläums-Website fündig. Hier steht nicht nur das bewegte Leben der
Pionierin selbst im Mittelpunkt, sondern auch die Geschichte ihres
Instituts und dessen Forschenden bis in die heutige Zeit. Auch ein
Zeitzeugenbericht lässt das Leben der Professoren-Familien in der Zeit
nach Margarete von Wrangell wiederauferstehen.
Wie Frauen im Laufe der Geschichte ihren Platz an den Hochschulen erkämpft
haben und wie die Situation heute ist, zeigen Informationen und Fakten zum
Thema auf. Ein Interview mit Dr. Dagmar Höppel (LaKoG) legt dar, wie
Baden-Württemberg die Zahl der Professorinnen gesteigert und was das
Margarete von Wrangell-Programm des Landes dazu beigetragen hat. Film-
Porträts einiger Wrangell-Fellows, die über das Programm gefördert wurden,
runden das Angebot ab.
> Jubiläums-Website: https://www.erste-professorin-deutschlands.de/
HINTERGRUND: Margarete von Wrangell – erste ordentliche Professorin
Deutschlands
Die deutsch-baltische Adlige Margarete von Wrangell kommt am 7. Januar
1877 in Moskau auf die Welt. Sie gilt als eine der Pionierinnen im Kampf
um Gleichberechtigung in der Wissenschaft. Mit ihrem außergewöhnlichen
Durchsetzungswillen, aber auch mit Fleiß und Können bringt sie es für eine
Frau in der damaligen Zeit sehr weit. Sie beschäftigt sich intensiv mit
der Herstellung von Mineraldüngern und erwirbt sehr schnell ein
beachtliches wissenschaftliches Renommee. Dabei gilt ihr Hauptaugenmerk
dem Phosphat – damals wie heute ein knapper Rohstoff.
Während der russischen Oktoberrevolution flieht sie 1918 nach Hohenheim,
wo sie 1920 habilitiert. Es ist die erste Hohenheimer Habilitation
überhaupt. Gegen den Widerstand mancher Hohenheimer Professoren wird sie
1923 zur ersten ordentlichen Professorin Deutschlands berufen. Sie gründet
das Institut für Pflanzenernährung, das sie bis zu ihrem frühen Tod am 31.
März 1932 leitet. Noch heute bildet es eine zentrale Säule der
agrarwissenschaftlichen Forschung an der Universität Hohenheim.
An ihre Rolle als Pionierin für Frauen in der Wissenschaft erinnert unter
anderem das erstmals 1997 vom Wissenschaftsministerium in Baden-
Württemberg aufgelegte Margarete von Wrangell-Programm, heute Margarete
von Wrangell-Juniorprofessorinnen-Programm.
Text: Elsner